Weinende Flüchtlingskinder und wie wir uns selbst entmenschlichen

Ein Bus soll Flüchtlinge in eine Unterkunft im sächsischen Dorf Clausnitz  bringen. Plötzlich versperrt ein 100 Mann starker Mob dem Bus den Weg. Eineinhalb Stunden lang belagert der Trupp den Autobus und brüllt dabei unentwegt „wir sind das Volk“. Einer der Täter filmt das Geschehen. Auf dem Video sieht man, wie im Bus Kinder und Frauen vor Angst weinen. Der Mob hört nicht auf. Weinende Kinder würden jeden seelisch halbwegs intakten Menschen dazu bringen, Mitgefühl zu haben. Wenn ein Kind weint, will man es trösten, will ihm, wenn es vor Angst heult, diese Angst nehmen. So würden Menschen reagieren, die noch zu Mitgefühl fähig sind. Wir wissen, dass es Leute gibt, die keine Empathie gegenüber verängstigten Kindern empfinden. Pädophile Sexualstraftäter zum Beispiel, Kriegsverbrecher und die historischen Nazis. Spätestens seit dem Video von der Busbelagerung ist klar, dass auch die „besorgten Bürger“, die sich zu flüchtlingsfeindlichen Aufmärschen zusammenrotten, zu dieser menschlichen Grundregung nicht fähig sind. Sie haben die Menschlichkeit in sich abgetötet oder nie besessen. So ist das nämlich mit der Dehumanisierung. In Wirklichkeit wird nicht das Opfer seiner Menschlichkeit beraubt, sondern die Täter machen das mit sich selber. Nicht die Juden, die man in Viehwaggons steckte, wurden dadurch zu Tieren, sondern jene, die sie da hineinsteckten.

Die selbst gewählte Entmenschlichung hat inzwischen große Teile der europäischen Politik erreicht. Als wäre es mit Menschlichkeit vereinbar, beschließt man „Obergrenzen“, nach deren Erreichen Asylsuchende gnadenlos abgewiesen werden. Als wäre es mit Menschlichkeit vereinbar, schiebt man Familien ab, die seit 20 Jahren im Land gelebt und ihre Kinder hier zur Welt gebracht haben, weil die Länder, aus denen sie einst flohen, inzwischen als „sicher“ gelten. Wie in den finstersten Tagen der Menschheit kommt die Polizei mitten in der Nacht, um den Überraschungseffekt zu nützen. Lautes Hämmern an der Tür, dann liest ein Polizist den Abschiebungsbefehl vor und die vor Angst und Verzweiflung zitternden Menschen müssen in aller Hast ein paar Wäschestücke einpacken, bevor man sie in Gefangenentransportern in den Abschiebeknast bringt. Die Gesetze, die diese Unmenschlichkeiten erlauben, werden immer weiter verschärft. Sie machen weder vor bestens integrierten Leuten halt noch vor Kranken. Vorschrift sei Vorschrift, meinen die Behörden, und exekutieren die inhumanen Gesetze, die Politikerinnen ohne Gewissen gemacht haben. In den Abschiebegefängnissen versuchen immer mehr Verzweifelte, sich das Leben zu nehmen.

Was ist schiefgegangen? Warum baut ein europäisches Land nach dem anderen Grenzzäune und betreibt eine inhumane Politik? Wieso meint der reichste Kontinent der Welt, auf dem mehr als eine halbe Milliarde Menschen leben, er könne ein paar Millionen Schutzsuchende nicht aufnehmen und ihnen ein menschenwürdiges Leben bieten? Woher kommt all der Hass auf Menschen, die alles verloren und zurückgelassen haben? Die Wurzeln sind ausgerechnet dort zu finden, wo man sie am wenigsten vermuten würde, in der Aufklärung nämlich. Die hat zwar den Menschen aus dem Feudalismus befreit, aber gleichzeitig den Weg frei gemacht für Ideen und Praktiken, die es zuvor nicht gegeben hatte, nämlich Kapitalismus, Rassismus, Utilitarismus, Nationalismus und weitere Produktions- und Herrschaftsformen sowie technokratische Ideologien, die den Menschen zum Objekt degradierten, dem nichts Heiliges mehr innewohnte und dessen massenhafte Entmenschlichung, ja sogar Vernichtung daher moralisch vertretbar erscheint, solange diese Mittel den Zweck heiligen, und der Zweck heißt je nach Gusto: Profit, Diktatur des Proletariats, Rassenhygiene, Standortsicherung… . Der Tiefpunkt an Amoralität wurde mit dem Nationalsozialismus erreicht, der wie keine andere Ideologie die kapitalistische Scheinlogik von nützlichem und unnützem Menschenmaterial verinnerlicht hatte und seine kranken und falschen Milchmädchenrechnungen den durch Wirtschaftskrisen verängstigten Menschen als Schiefheilungsmethode anbot. „Es geht dir schlecht, weil du die parasitären Elemente mittragen musst. Wenn wir die ermorden, fällt mehr für dich ab“. Dieser Kern nationalsozialistischer Ideologie wirkt bis heute weiter und tritt uns nun in Form der xenophoben Propaganda entgegen, die ähnlich beschränkt argumentiert und wohl gerade deswegen bei den Beschränkten so gut ankommt. „Die Fremden kommen und wollen am Kuchen mitnaschen, deswegen wird dein Stück davon immer kleiner. Wenn wir sie nicht kommen lassen, wird es wieder größer“, so erzählt man es den Leuten, und weil die meisten nichts von Ökonomie verstehen, kommt das gut bei ihnen an. Tatsächlich ist beispielsweise das Gerede von den Flüchtlingen und Migrantinnen, die bloß wegen der Sozialleistungen zu uns kommen wollten, nichts anderes als ein Echo der NS-Propaganda gegen „unnütze Esser“. Es ist eine antizivilisatorische Regung, denn volkswirtschaftlich gesehen gibt es keine „unnützen“ Menschen. Sogar der Koma-Patient gibt dem Menschen, der ihn betreut, Lohn und Brot. Eben jener Koma-Patient wird erst dann zum Belastungsfaktor und somit zum potenziellen Mordopfer, wenn man die volkswirtschaftliche Betrachtung durch eine betriebswirtschaftliche ersetzt. Und das ist seit 40 Jahren die Kernbotschaft rechtsliberaler Propaganda und Praxis. „Mehr privat, weniger Staat“ lautet seit Jahrzehnten die Catchphrase jener, die alle Lebensbereiche der Kapitalverwertung unterwerfen wollen. Damit aber stoßen sie das Tor zur Barbarei auf, denn wenn sich alles und jeder rentieren muss, und zwar betriebswirtschaftlich, dann gibt es tatsächlich „unnütze“ und „überflüssige“ Menschen, deren Erhaltung den „Standort“ schwächt.

Die Anzeichen der erneuten Barbarisierung der Verhältnisse sind schon seit Jahren für jene gut sichtbar, die die Augen nicht fest verschließen. In diesem Blog wurde immer wieder darauf hingewiesen. Die Rückkehr der Euthanasie in den Benelux-Staaten, wo inzwischen eine psychiatrische Diagnose ausreicht, um sich mit offizieller Genehmigung töten zu lassen. Die um ein Vielfaches härteren Strafen, die kriminell gewordenen psychisch Kranken im Vergleich zu sogenannten gesunden drohen und die teils jahrzehntelange Freiheitsberaubung psychisch Auffälliger. Die Abspeisung von Millionen Armen durch private Charity wie die Tafeln. Die teilweise Abschaffung der Invalidenrenten. Existenzgefährdende Sanktionen für Arbeitslose. Und nun das Gerede, von Sozialhilfe abhängigen Menschen Essensmarken statt Geld zu geben und sie zur Zwangsarbeit einzuteilen. All das und mehr war das Vorglühen der neuen Bestialität, deren Fratze uns im Eingangs beschriebenen Video anstarrt, die in den hasserfüllten Gesichtern jener Mitleidslosen zu erkennen ist, die Kinder zum Weinen bringen und dabei weder Scham noch Reue empfinden.

Fuck CSI!

Das Fernsehen und das Kino machen Politik. Das weiß man seit Sergei Michailowitsch Eisenstein, seit Leni Riefenstahl, und natürlich muss man blind, taub und blöd sein, in etlichen Hollywoodproduktionen nicht eine Lobpreisung des American Way of Life zu erkennen, was man übrigens nicht reflexartig als böse Indoktrination verdammen muss, denn üblicherweise verbreitet das amerikanische Mainstreamkino Wertvorstellungen wie , „auch du kannst es schaffen“, „die Familie ist wichtig“, „Böse müssen bestraft werden“ und „Toleranz ist besser als Intoleranz“. Das sind nicht die schlechtesten Variationen von Moral. Dass es immer wieder auch ganz üble Kriegsverherrlichungsschinken wie „Top Gun“ gibt, ist wahr, aber wer dumm genug ist, sich nach dem Gucken dieses Drecks bei der Armee zu melden, der hat den Heldentod auch redlich verdient (und bevor DAS jetzt wieder losgeht: Nein, ich halte NICHT alle US-Soldaten und -Soldatinnen für doof). Kurz: Im Gegensatz zu manch anderen „Linksliberalen“ habe ich nichts gegen Hollywood einzuwenden. Außer, dass manche Filme halt einfach nur Mist sind, schlecht gemacht und peinlich, aber ideologisch ist mir Hollywood reichlich egal.

Anders verhält es sich mit der Fernsehserie „CSI Miami“ und ihren vielen Klonen. DAS ist Ideologieproduktion und Verbreitung reaktionärer Vorstellungen der übelsten Sorte. Horacio Caine und Konsorten sind nicht so sehr Polizisten, sie sind Vollstrecker eines Überwachungsstaates, vor denen und dem es in den Serien kein Entrinnen geben darf. Dabei sind Caine und seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dermaßen gut gekleidet, dass allein dies schon die Frage aufwirft, wer diese Bullenbande denn besticht. Aber halt, hier wird natürlich niemand bestochen, vielmehr ist der strikte Dresscode Teil der Botschaft, die CSI unters Volk bringen will: Gute Bürger sind auch „gut“ gekleidet, und wenn sie dazu drei Jobs haben müssen, um dem aktuellen Modetrend nicht hinerherzuhinken. Wer nicht so aussieht, wie Caine und sein Team, der ist verdächtig, der ist nicht angepasst, und wer nicht angepasst ist, so lehrt die Serie, der ist zumindest verachtenswert, meist aber ein Verbrecher. Anpassung fordert CSI nicht nur in Sachen Kleidung, bis ins Sexuelle geht der Druck zur Konformität. Regelmäßig tauchen in den CSI-Folgen Mitglieder sexueller Minderheiten als Triebmörder auf. Schwul sein ist zwar in der CSI-Welt bereits tolerabel, doch man findet stets sexuelle Deviationen, auf die man in kriminalisierender Absicht mit dem Finger zeigt. Vor allem Sadomasochisten und Fetischisten aller Art, also Vertreter von sexuellen Minderheiten, die noch nicht in das Unbedenklichkeits- und Zutodeumarmungsraster der eigenartigen reaktionären Koalition aus konservativen Neobiedermeiern und dem beschränkten und pseudprogressiven Teil der feministisch-veganen-sexualfeindlichen Berufsgutmenschen, die man vor allem in der Politik und im Berufsstand der Lehrer antrifft, fallen, müssen damit rechnen, von einem angewiderten Horacio Caine bestenfalls mit einem den ganzen verklemmten Abscheu des spießigen Kleinbürgers ausdrückenden Spruch verhöhnt zu werden, in der Regel aber als Böslinge und Vergewaltiger und Mörder herhalten zu müssen, bei deren Verhaftung die Verkörperung des triumphierenden Kollektivs der „Normalen“, und nichts anders ist Caine, nichts anderes sind seine Klone, hämisch grinsend von „Todeszelle“ und „Lebenslang ohne Bewährung“ sprechen darf. Dazu kommt noch, das die CSI-Serien und ihre Abklatsche auch Werbefilme für den Aufbau des totalen Überwachungsstaates sind. Wem schon “BILD“ und „Kronen Zeitung“ täglich furchtbare Angst vor bösen Balkanverbrechern einjagen, der kriegt nach der Vorführung modernster, wenn auch noch fiktiver Kriminaltechnik ebenso feuchte Träume wie alle Innenminster dieser Welt. CSI fördert gleichermaßen die Bereitschaft zur Intoleranz gegenüber Minderheiten wie die Bereitschaft zur Unterwerfung unter den Großen Bruder, der uns in der jovialen, aber doch dominanten Maske des Horacio Caine dazu auffordert, vor dem Staat die Hosen fallen zu lassen, schließlich geht es nur gegen die „Bösen“, die „Guten“ brauchen sich vor Totalüberwachung und rottweilerähnlichen Polizisten nicht zu fürchten. Blöd nur, dass man rascher zu den „Bösen“ gehört, als man es für möglich halten würde…