Seht auf das, was nicht zu sehen ist!

Wer sich die Bilder und Videos von den Protesten in Tunesien, Ägypten, Jemen und Jordanien anguckt, der wird allerlei Beeindruckendes sehen: Soldaten, die vom Panzer herunter den Demonstranten das Peace-Zeichen zeigen; Frauen, die Polizisten, die nicht prügeln, küssen; Menschen, die Tränengas und Wasserwerfern trotzen; Mädchen in westlicher Kleidung, die gemeinsam mit verschleierten Geschlechtsgenossinnen Menschenketten bilden; Gesichter voller Hoffnung, andere voller Zorn, wieder andere voller Angst. Das alles ist extrem bemerkenswert, nötigt Respekt ab, macht deutlich, dass wir Zeugen von Umwälzungen historischen Ausmaßes sind. Aber am wichtigsten ist für mich das, was man nicht sieht auf all den Pressefotos, in all den Fernsehbeiträgen: Man sieht keine einzige Israel-Flagge brennen, keine Fahne der USA, keine eines europäischen Staates. Keine „Death to Israel“-Schilder werden in die Kameras gehalten, keine Puppen des US-Präsidenten verbrannt, keine „Tod-den Ungläubigen“-Chöre sind zu hören. Und da es sich bei diesen Protesten um echte Empörungsäußerungen der Bevölkerung handelt, macht das deutlich, was die Menschen dort wirklich bewegt: Nicht irgendwelche Karikaturenzeichner in Skandinavien, kein Streit um irgendwelche Siedlungen im Westjordanland, keine theologischen Fragen, sondern der Preis von Getreide, die Sehnsucht nach Freiheit, die Wut über den vorenthaltenen ökonomischen und politischen Fortschritt. Es wird klar, dass die medienwirksamen „spontanen“ Entladungen des angeblichen „Volkszorns“ gegen den Westen Inszenierungen der Regierungen waren, die verzweifelt darauf gesetzt hatten, die kochende Wut des Volkes auf Außenfeinde umzuleiten. Damit ist es nun vorbei. Jetzt fordern die arabischen Völker Rechenschaft von den eigenen Herrschern.

Nun will ich hier nicht, ohnehin ganz entgegen meiner Natur, den Berufsoptimisten geben, und mir ist schon klar, dass zB auf einen Mubarak noch etwas viel Schlechteres folgen könnte, dass das alles keine „g´mahde Wiesn“ für die echten Demokraten in diesen Ländern ist, dass es Muslimbrüder gibt und das mahnende Beispiel der verratenen iranischen Revolution. Dennoch traue ich den Arabern (und anderen islamisch dominierten Kulturkreisen) zu, dass sie, entgegen des im Grunde rassistischen Kulturrelatvismus von Teilen der westlichen Linken und des offenen Rassismus von Teilen der Rechten, sehr wohl in der Lage und willens sein werden, das Joch sowohl der autoritären Kleptokraten, als auch jenes der religösen Bevormunder abzuschütteln.