Alle sind Charlie, keiner ist Jude

Es ist der 9. Jänner 2015, Freitag Abend. Zum ersten Mal seit 1945 findet in der großen Synagoge in Paris kein Gottesdienst statt. Aus Sicherheitsgründen. Wenige Stunden zuvor haben Terroristen vier jüdische Mensch ermordet. Sie waren ganz zurecht davon ausgegangen, in einem koscheren Supermarkt welche anzutreffen. 48 Stunden lang zeigte die ganze Welt Solidarität mit den zwei Tage zuvor ermordeten Autorinnen und Zeichnern von „Charlie Hebdo“. Millionenfach wurde das Bekenntnis „Je suis Charlie“ (Ich bin Charlie) in Tweets und auf Facebookprofilen verbreitet. Auch politische Parteien und einige islamische Verbände wollten ebenso Charlie sein wie jene Zeitungen und Fernsehsender, die vom Mut des französischen Satireblattes so weit entfernt sind wie ich vom Mond. Dennoch war das ein wichtiges Zeichen, ein Zeichen dafür, dass man den Versuch von Extremisten, ihnen nicht genehme Meinungen mit Mord zu unterdrücken, nicht hinnehmen wolle. Vielleicht sind nun, nach zwei Tagen Hochspannung, alle nur müde geworden und froh, dass es weitgehend vorbei zu sein scheint (während ich dies schreibe ist angeblich noch eine Komplizin der Täter auf der Flucht), vielleicht liegt es auch  daran, dass eine Zeitungsredaktion ein Symbol für einen der Grundwerte der westlichen Zivilisation ist, nämlich eines für Meinungs- und Pressefreiheit, aber bislang sucht man vergeblich nach der millionenfachen Selbstzuschreibung: „Je suis Juif“ (Ich bin Jude/Jüdin).

Möglicherweise ist aber alles viel furchtbarer. Als am 24. Mai 2014 im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen totgeschossen wurden, war die europäische Öffentlichkeit nicht sonderlich beunruhigt. Das Leben verlangsamte sich nicht und es wurden keine Solidaritäskampagnen gesichtet. Dasselbe gilt für den Anschlag auf die jüdische Schule von Toulouse im März 2012, bei dem vier Menschen, darunter drei Kinder, starben. Jüdische Tote scheinen Europa, ja die Welt bei weitem nicht so zu erschüttern wie Tote anderen Glaubens. Es ist fast so, als würde Terrorismus gegen Juden als Normalität wahrgenommen und, schlimmer noch, als Reaktion auf den Nahostkonflikt rationalisiert. Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hingenommen hat, ist aber eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind. Niemand ist frei und ungefährdet, solange Menschen aus dem einzigen Grund, einer bestimmten Religion oder Volksgruppe anzugehören, an Leib und Leben bedroht sind, Muslime selbstverständlich eingeschlossen. Aber Juden sind aufgrund ihrer zahlenmäßigen Schwäche der Gradmesser schlechthin, wie zivilisiert und frei eine Gesellschaft ist.

Europa muss sich darüber klar werden, dass es nicht so weitergehn kann mit dem Ignorieren und Rationalisieren des Antisemtismus. Es reicht nicht, wenn sich Bischöfe, Imame und Rabbiner freundlich die Hände schütteln, es braucht eine Veränderung des Bewusstseins dahingehend, dass Antisemitismus nicht toleriert werden kann. 2014 aber zogen Banden von Antisemiten durch Europas Städte und brüllten ungehindert „Juden ins Gas“. Zum Teil wurden sie dabei sogar von ein paar linken Sekten unterstützt. Da hätte die gesamte europäische Politik und die ganze Publizistik vereint aufstehen müssen um zu sagen: „Nein. Wir dulden das nicht. Wer gruppenbezogenen Hass wie Antisemitismus verbreitet, hat in Europa keinen Platz“. Stattdessen hat man den Schwanz eingezogen und den Mob gewähren lassen, und Figuren wie der SPÖ-Politiker Omar Al-Rawi, der übrigens derzeit auch ganz dringend Charlie Hebdo sein will, durften sich darüber auslassen, wie gemein Israel zu den Palästinensern sei, als ob das selbst wenn es stimmte irgendeine Rechtfertigung für „Juden ins Gas“-Gebrüll wäre. Wieder und immer wieder verabsäumten es Politiker und Meinungsmacher, die demokratischen Grundwerte angemessen eindeutig zu verteidigen, immer ängstlich, die eine oder andere Wählerstimme von Leuten zu verlieren, denen man klar machen hätte müssen, dass in Europa zwar jeder seine Religion praktizieren darf, aber hier weder das Austragen nahöstlicher Konflikte noch theokratische Bestrebungen akzeptiert werden. Muslimischen (und allen anderen) Zuwanderern wäre zu sagen gewesen, dass man sich in Europa Träume von Gottesstaaten und vom Judenumbringen abschminken muss, widrigenfalls man gerne wieder dorthin ausreisen könne, wo solcherlei Barbarei Mainstream ist. Dazu hätte es freilich Politiker und Intellektueller bedurft, die eine Vorstellung von einer europäischen Kultur haben, die über das Verkaufen von Autos hinausgeht. Das visionslose Gesocks, das derzeit regiert, hat nichts im Angebot, und so steht bereits der Neofaschismus in den Startlöchern, der den Hass auf ganze Menschengruppen so richtig aufblühen lassen wird. Und er wird das machen können, weil den gegenwärtigen Knallchargen in Politik und Publizistik Sachen wie Antisemitismus, Menschenrechte und Freiheit allenfalls als Randthemen wichtig sind. Falls morgen die Moscheen brennen, dann weil wir gestern und heute nicht in Solidarität vor den Synagogen standen.

Penisse in aller Munde

Wer in den vergangenen Wochen die deutschsprachigen Feuilletons und Talkshows und Facebookdebatten mitverfolgt hat, der musste den Eindruck gewinnen, dass nichts die Deutschen und Österreicher so sehr bewegt, wie die Penisse anderer Männer. Vorhaut hier, entblößte Eichel da, Schwänze überall, von BILD bis Zeit, männliche Geschlechtsorgane waren plötzlich in aller Munde, sogar in jenem von Angela Merkel, was in der Tat eine traumatisierende Vorstellung ist. So eine Debatte ist, wie Henryk M. Broder bemerkte, pornographisch, erlaubt sie doch ein schamloses Hingucken auf jüdische und muslimische Geschlechtsteile, unter dem Vorwand natürlich, dass man als gründlich zivilisiertes Kulturvolk, das diese Zivilisiertheit unter anderem durch den furchtbarsten Völkermord der Weltgeschichte unter Beweis gestellt hat, sich herausnehmen dürfe, den wilden semitischen Stämmen mal auszurichten, dass diese, wenn sie die Vorhaut ihrer Knaben beschneiden, Körperverletzung begehen und dass sie solch „archaische Bräuche“ doch bitte gründlich überdenken sollten, denn erst wenn kein jüdischer oder muslimischer Penis mehr ohne Vorhaut ist, wird man … natürlich gleich den nächsten Vorwand suchen, um seinen Antisemitismus zu rationalisieren. Machen wir uns doch nichts vor: Die Beschneidungsdebatte ist, so wie sie geführt wird, natürlich eine antisemitische und antimuslimische. Wenn ausgerechnet ein deutsches Gericht ein Urteil fällt, dass sich massiv negativ auf einen konstituierenden Teil jüdischer Religion, jüdischer Tradition und jüdischer Identität auswirkt, wenn die Nazis darüber jubeln und den Juden bereits eine „gute Heimreise“ wünschen und die Hälfte der Deutschen laut Umfragen ganz ähnlich denkt, dann muss doch auch der Dümmste begreifen, dass es hier natürlich nicht um das Selbstbestimmungsrecht von Kindern geht, um Sinn oder Unsinn der Beschneidung, sondern allein darum, den Juden als Barbaren zu verleumden, der böswillig seine eigenen Söhne verstümmelt, während man sich selbst als ganz doll aufgeklärten Humanisten imaginiert, der mit dem Gestus des Kolonialherren angewidert die Bräuche der Primitiven anprangert.

So wie die Kolonialisten sich einst damit rechtfertigten, den „Wilden“ Jesus und Kultur zu bringen, behaupten auch die meisten Beschneidungsgegner, sie hätten nur das Wohl der armen Kinderlein im Sinn, die man doch nicht einfach so „verstümmeln“ dürfe. Verstümmeln ist etwas ziemlich Negatives, nicht wahr? Das klingt nach Handabhacken, Klitoriswegschneiden und Kastration. Wenn man nun die männliche Beschneidung als Körperverletzung und Verstümmelung klassifiziert, was sagt man damit jenem geschätzten Viertel der männlichen Menschheit, das beschnitten ist? Man sagt diesen hunderten Millionen, dass ihnen im Vergleich zum unbeschnittenen europäischen Mannsbild etwas ganz Wichtiges fehle. Durch die Haltung, Beschneidung sei ein verstümmelnder Eingriff mit negativen Auswirkungen suggeriert man, der Vorhautträger sei eigentlich der vollkommenere Mann, da dem Vorhautlosen ja etwas fehle. Die Beschnittenen selbst, die aus religiösen oder medizinischen Gründen kein Praeputium haben, sehen das zwar ganz anders, aber was wissen die schon? Die sind ja voreingenommen, da braucht es schon den völlig objektiven deutschen Michel, der diesen armen Menschen erklärt, dass sie allesamt körperverletzte Verstümmelte seien.

Sicher, nicht jeder Bescheidungskritiker ist ein von Kastrationsängsten gebeutelter Hanswurst, der seine Ängste als Mitgefühl getarnt auf Judenpenisse projiziert. Und ja, „Gott will es“ ist kein valides Argument pro Beschneidung. Es ist legitim, allerlei Theorien darüber aufzustellen, was die Beschneidung bedeutet, worher sie kommt, welchen Sinn oder Unsinn sie darstellt und ob man an uralten Traditionen festhalten muss, nur weil die eben uralt sind. Das wurde ja schon in den Anfangstagen der Psychoanalyse gemacht und es gibt, natürlich weit abseits der deutschen Hysterie, ernsthafte Diskussionen über die Beschneidung. Auch innerhalb des Judentums existieren Beschneidungskritiker, die zum Beispiel meinen, der Deal zwischen Gott und Abraham sei eher symbolisch gemeint gewesen und dass man im ganz frühen Judentum nur ein Fitzelchen der Vorhaut abgeschnitten hätte und nicht den ganzen Hautfetzen. Leider waren diese Leute damals nicht dabei, als dieser Bund geschlossen wurde (höchstwahrscheinlich war niemand dabei), weshalb dieses Argument auch kein überzeugendes ist, aber  genau dort gehört eine Beschneidungsdebatte hin, nämlich in den innerjüdischen bzw. innermuslimischen Dialog. Im völligen Gegensatz zur weiblichen „Beschneidung“, die tatsächlich eine Verstümmelung ist, deren einziger Zweck die Zerstörung weiblichen Lustgefühls und damit die Unterwerfung von Frauen unter kulturelle Vorstellungen ist, in denen die Frau als Besitztum des Mannes gesehen wird, wirkt sich männliche Beschneidung nicht mal ansatzweise so negativ auf das (Sexual)Leben der Beschnittenen aus, man könnte sogar sagen, dass sie, wenn schon, dann das Sexualleben eher verbessert. Oder meint jemand ernsthaft, die männlichen Amerikaner, von denen rund 70 Prozent beschnitten sind, hätten weniger Spaß am Sex als der gemeine europäische Häutchenbesitzer?

Abschließend ein kleiner Ausflug in die Religionsgeschichte. Die erste große Beschneidungsdiskussion fand in Jerusalem zwischen 44 und 49 nach Christus statt. Hätte sich beim Apostelkonzil die Fraktion um Jesus-Bruder Jacobus durchgesetzt, wären heute alle Christen beschnitten. Das wäre eine gute Sache gewesen, hätte es uns doch erspart, dass wir heute nervtötende und über alle Maßen aufgebauschte Beschneidungsdebatten führen…

Das sind nicht unsere Freunde

Ein guter, wichtiger Kommentar auf Ynet, der einmal mehr betont, was ich seit Jahren schreibe: Rechtsradikale, die vorgeben, Freunde Israels zu sein, sind keine Freunde Israels. Die haben nur vorübergehend ihr Lieblingsfeindbild, die Juden nämlich, gegen Muslime ausgetauscht. Wer genau hinsieht auf das, was in den Zirkeln der so genannten „Neuen Rechten“, die sich nach außen israelfreundlich gibt, diskutiert wird, der stößt sehr rasch auf Antisemitismus der schlimmsten Sorte. Die vorgeblich freundliche Haltung gegenüber Juden und dem jüdische Staat Israel hat für diese „Neue Rechte“ nur eine einzige Funktion, nämlich eine taktische.

Der Christ Mohammed, jüdische Christen, sumerische Arche Noah

Wenn der Wissenschaft keine Zügel und kein Maulkorb angelegt werden, dann fördert sie manchmal Forschungsergebnisse zutage, die vielen Menschen so sehr gegen den Strich gehen und all dem widersprechen, woran sie glauben, dass sie das Erforschte einfach ignorieren. Das Paradebeispiel dafür ist natürlich die seriöse Religionsforschung, die von den meisten konservativen Theologen, Priestern, Rabbinern, Imamen und anderen Berufsinterpreten der jeweiligen „heiligen“ Schrift geflissentlich totgeschwiegen, als Quatsch abgetan oder aggressiv bekämpft wird.  Derzeit flammt mal wieder die Diskussion darüber auf, wie das denn gewesen sein mag mit der Entwicklung des Islam zur Religionsgemeinschaft, und nicht wenige Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass Mohammed, so er denn überhaupt lebte, gar nicht die Gründung einer Religion im Sinn gehabt hatte, dass er möglicherweise Christ war und dass das, was wir heute unter Islam verstehen, sich erst im Laufe der Jahrhunderte herauszubilden begann. Nun ist das zwar diametral all dem entgegen gerichtet, was die meisten Muslime glauben, aber sie sollten sich nicht grämen, denn den anderen „Buchreligionen“ geht es da nicht besser. So wie der Islam wohl zunächst einfach nur eine Variante des Christentums war, war dieses wiederum lange eine innerjüdische Glaubensspielart, die sich auch erst geraume Zeit nach dem mutmaßlichen Tod Jesu` zu einer vollwertigen Religionsgemeinschaft auswuchs. Ja, es kommt noch dicker: Die Story vom Gott, der von einer Jungfrau als Mensch geboren wird und dann den Opfertod stirbt und wieder aufersteht, die gab es in vielen Versionen schon lange bevor Maria mit dem Heiligen Geist fremd ging. Und auch die Mutterreligion der Christen und Muslime, das Judentum, beruht nachgewiesenermaßen zum Teil auf älteren Texten und kulturell-religiösen Einflüssen, was man ja spätestens seit der Wiederentdeckung des Gilgamesch-Epos weiß, in dem die Geschichte von der Sintflut und der Arche schon gut tausend Jahre vor der Bibel erzählt wurde – und zwar teilweise wortident.

Macht all das nun Judentum, Christentum und Islam wertlos? Natürlich nicht. Der Wert oder Unwert einer Religion leitet sich ja nicht davon ab, wer wann welche Büchlein geschrieben hat, sondern von der Kraft der jeweiligen Glaubensrichtung, das Bedürfnis nach Spiritualität und religiös definierten moralischen Maßstäben, das nun einmal viele Menschen haben, zu befriedigen. Außer für religiöse Extremisten, die darauf bestehen, dass nur sie und niemand sonst das einzig wahre Wort Gottes verkünden, hat die wissenschaftlich erwiesene Tatsache, dass es kaum „Inselreligionen“ gibt, sondern dass die verschiedenen Glaubensgebäude mannigfach miteinander verflochten sind und sogar viel weiter in die Vergangenheit deuten, als es die Gläubigen bislang dachten, sogar etwas Tröstliches und Versöhnliches, zeigt es doch, wie sehr die Menschen einander ähneln und wie bescheuert es ist, jemanden aufgrund des Erscheinungsdatums des Buches, an das er glaubt, zu hassen und zu verfolgen. Es wird sicher noch lange dauern, bis die für viele erschreckende Wahrheit, dass nämlich Thora, Bibel und Koran voller älterer mythischer und religiöser  Traditionen und auch voller Übersetzungs- und Kopierfehler sind, im Mainstream ankommt. Wer aber als Agnostiker oder toleranter Glaubender dieses Forschungsfeld betrachtet, wird es sehr spannend und sehr lehrreich finden.

Broder, sie sind raus!

Aus einer TV-Kritik der „Welt“Die Migrationsforscherin Foroutan durfte Sarrazin durch den Bildschirm mitgeben, dass er falsch gerechnet hat. Stolz präsentierte die Wissenschaftlerin einen Brief der Berliner Polizei. In dem Schreiben bezeichneten die Ordnungshüter Sarrazins Zahlen zu den Gewaltdelikten junger Muslime als falsch. Da wurde es Broder zu bunt: Erst kam er zu der Erkenntnis, dass jede Wissenschaft „absurd und abstrus“ sei – und sich in fünf Jahren sowieso überholt habe.  Dann hielt er Foroutan ein Joseph-Goebbels-Zitat vor: „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.“ Und schließlich verglich er Angela Merkels schnelle Kritik auf Sarrazins Buch mit Anordnungen der „Reichsschriftkammer“.

Wer die Bundeskanzlerin des demokratischen Staates Deutschland mit der Literaturzensurbehörde der Nazis in Verbindung bringt, bloß weil Merkel ein Buch öffentlich kritisiert, nie aber dessen Verbot gefordert hat, und wer meint, Goebbels-Zitate* wären ein geeignetes Mittel, um in einer Diskussion Argumente madig zu machen, der zeigt sich selbst die Rote Karte und disqualifiziert sich als Intellektueller.

Dazu passt, dass Broders Haus-und-Hof-Website „Achse des Guten“ qualitativ und ethisch immer mehr abbaut und fast schon wie die Publikation einer Sekte oder einer K-Gruppe wirkt, in der jeder „Abweichler“ mit heiligem Zorn bedacht wird. Man beachte zum Beispiel die höhnische Überschrift „Stephan J. Kramer: In eigener Sache“ zu einem Beitrag, der auf einen Kommentar des Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland verlinkt. Kramer, selbst zum Judentum konvertiert, hat in der „Jüdischen Allgemeinen“ ganz richtig geschrieben: Das Judentum definiert sich nicht über seine „Blutsbande“, sondern über seine Zivilisation, seinen Glauben und seine Kultur. Das jüdische Volk steht von jeher jedem offen, der sich ernsthaft seinen Werten, seiner Religion und seiner Schicksalsgemeinschaft anschließen will. (…) Auch das macht klar, dass die Grundlage des jüdischen Volkes geistiger und nicht naturdarwinistischer Natur ist. Für die „Achse“, das soll wohl der hinterfotzige Hinweis, Kramer schreibe „in eigener Sache“, ausdrücken, ist der Generalsekretär als Konvertit nicht berechtigt, zur Diskussion über die genetische Definition des jüdischen Volkes eine Meinung zu äußern. Und das, meine Herren Achsenbetreiber Broder, Maxeiner und Miersch, ist einfach nur schäbig.

*dass das entsprechende Zitat Goebbels nur zugeschrieben wird, aber nicht beweisbar von ihm stammt, ist mir bekannt.

Bärendienstjuden

Wie der eine Leser oder die andere Leserin vielleicht schon bemerkt hat, ist dieser Blog israelfreundlich. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich jede Aktion Israels befürworten würde, und schon gar nicht, dass ich der israelischen Politik und manchen Tendenzen in der israelischen Gesellschaft unkritisch gegenüberstünde. Es ist halt bloß so, dass man angesichts des anschwellenden Stroms ungerechter und antisemitisch motivierter israelfeindlicher Wortmeldungen fast keine Zeit mehr hat, neben dem Richtigstellen und Zurückweisen dieser antiisraelischen Propaganda auch mal die proisraelische Szene (oder was sich dafür hält) zu kritisieren. Heute hab ich aber ein wenig Luft…

Kürzlich flatterte mir eine E-Mail in den Postkasten, die mein Interesse weckte, da sie (in hebräischer Schreibweise) mit Gabi Ashkenazi unterschrieben war. „Da schau her“, dachte ich mir, „der Generalstabschef der Israelischen Streitkräfte höchstpersönlich schreibt mir. Noch dazu in perfektem Deutsch“. Der anonyme Verfasser, der sich mit Ashkanazis Namen schmückte, lobte die pro-israelische Ausrichtung meines Blogs, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass „noch einiges verbesserungswürdig“ sei, obwohl die „Grundrichtung stimmt“. Tja, danke auch, Lob liest man doch immer gerne. Dann freilich wurde es rasch unangenehm, verdächtig und eigenartig, denn Herr oder Frau „Ashkenazi“ legte mir nicht nur nahe, doch bitte am Sar-El-Programm teilzunehmen, um meine „ideologische Ausrichtung zu festigen“, nein, er und seine nicht näher bezeichneten „Leute“ seien auch dazu „befugt“, mich für „nachweislich proisraelische Arbeit wie das Führen eines Blogs oder proisraelische Leserbriefe oder Userkommentare in Tageszeitungen zu belohnen“. Ich als freiberuflicher Journalist sei doch sicherlich daran interessiert, „lukrative Aufträge von bekannten nationalen wie internationalen Zeitungen zu erhalten“. Spätestens jetzt hatte Herr/Frau „Ashkenazi“ bei mir verschissen, denn auf Bestechungsversuche reagiere ich allergisch. Außerdem roch die Sache seltsam, es kam mir vor wie der Versuch einer antisemitischen Organisation, den Beweis zu erbringen, dass pro-israelische Blogger gar nichts anderes sein könnten als bezahlte Auftragsschreiberlinge. Ich verfassste also eine Antwort-Mail, in der ich die Unterbreiter des unmoralischen Angebots aufforderte, sich mit Klarnamen zu erkennen zu geben, anderenfalls ich sie als antiisraelische agents provocateurs einstufen würde. Da wurde Herr/Frau „Ashkenazi“ richtig pampig und schrieb zurück: „Da sie auf unseren Erstkontakt mit Paranoia reagieren, betrachte ich unsere Unterhaltung für beendet“. Na bumm. Wenn man Zweifel an der Authenzität einer anonymen E-Mail hat, in der unverholen mit Bestechung gelockt wird, ist man also paranoid? So schnell kann´s gehen, lol.

Ich hätte die Sache ja auf sich beruhen lassen, hätten mir meine Quellen nicht bestätigt, dass die Mail nicht von Nazis/Palästinensern/Antiimperialisten stammte, sondern tatsächlich von einer weit rechts stehenden pro-israelischen Lobbygruppe. Und genau das macht die Sache so schlimm und berichtenswert. Wie dumm muss jemand sein, der einerseits im pseudo-militärisch-geheimdientlichen Jargon von „Erstkontakten“ schwafelt, einen als „Internetkrieger“ gewinnen möchte und dann in einer unverschlüsselten E-Mail „Belohnungen“ aka Bestechung in Aussicht stellt? Und dann noch dieser widerliche militaristische Tonfall in Sachen Sar-El, der an das altbekannte „Ham se überhaupt jedient, junger Mann?“ erinnert! Der Tiefpunkt ist freilich, dass ich, der ich seit 20 Jahren publizistisch Israel immer wieder verteidige, mir von ein paar Möchtegerns „Paranoia“ vorwerfen lassen muss, bloß weil ich offensichtlich ein bisschen besser als sie weiß, wie die antisemitische Szene tickt und welcher Taktiken die sich zuweilen bedient, und dass man, sofern man über halbwegs geschärfte Sinne verfügt, weder sensible Informationen per E-Mail teilt, noch auf diesem Wege Mitstreiter rekrutieren sollte.

Den Flaschenköpfen, die sich hinter dem großen Namen „Gabi Ashkanazi“ verstecken und einen auf martialisch und Superhardliner machen (Zitat aus der Mail: „Vermieden werden sollte alles, was Araber in einem positiven Licht erscheinen lässt“), ins Stammbuch geschrieben: Ihr erweist der pro-israelischen Sache einen Bärendienst mit dieser hilflos-peinlichen Art von „Hasbara“, mit eurer kindischen Radikalität, eurem extremen Araberhass und euren PR-Tipps für Debile. Glücklicherweise ist die überwältigende Mehrheit der Israel freundlich gesinnten Menschen dies nicht, weil sie auf „Belohungen“ seitens  dubioser Vereinigungen hofft, sondern aus moralischen, intellektuellen, politischen und persönlichen Gründen. Ihr hingegen tut euer Schlimmstes, um die leider ohnehin überschaubare Zahl proisraelischer Aktivisten zu diskreditieren, was wiederum für eure „Echtheit“ spricht, denn in Sachen Public Relations reiht sich ja leider von den IDF über das israelische Außenministerium bis hin zu manchen Lobbygruppen in der Diaspora ein Disaster an das andere. Ihr, die ihr mir die E-Mail geschickt habt, seid ungeschickt, allzu selbstsicher und wohl auch nicht die Klügsten.

Ach ja, für Sar-El war ich bereits eingeschrieben, bevor mir der Krebs dazwischen kam (und lange bevor ich Post von „Gabi Ashkenazi“ bekam) . Doch nicht, weil ich irgendeiner Art von „ideologischer Festigung“ bedurft hätte, sondern aus Solidarität und weil ich den Gedanken interessant fand, Israel mal aus der Perspektive jener Männer und Frauen kennenzulernen, die ihr Leben für den Judenstaat aufs Spiel setzen. Das nennt man Idealismus, nur für den Fall, dass das Leute, die einem „lukrative Aufträge“ versprechen, nicht buchstabieren können…

p.s.  Bloggerkollegen rate ich, E-Mails von diesen Leuten zu ignorieren. Ernsthafte Kontakte werden, falls erwünscht, nicht auf diesem Wege angebahnt, sondern durch persönliche Gespräche.

„Standard“ + Berichterstattung über Juden = Vollidioten im Kommentarbereich

Die Userkommentare im „Standard“ sind immer gut dafür, den Blutdruck in die Höhe zu treiben – zumindest bei Menschen mit Ver- und Anstand. Immer, wenn ich mich schlaff und müde fühle, werfe ich daher gerne einen Blick in die einschlägigen Foren. Stets gut für ein bisschen Hypertonie sind die Kommentare der Leser zu den Themen Nahost, Israel, USA und Judentum. Als ich heute, beinahe unter Hypotension leidend, im Online-Standard das Interview mit der Präsidentin der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, las, wurde ich von den Userbeiträgen nicht enttäuscht und schon kurz nach der Lektüre war mein Blutdruck wieder weit oben.

Dr. Lindwurm ist natürlich gerne bereit, die Blutdruck anregenden Ergüsse der Standard-user mit euch zu teilen.

Der Judenmafiajäger:

Wie ist die Mafia entstanden? sie haben den menschen in der region das wasser gestohlen…  wie kontrolliert israel seine nachbarn? uuups- antisemitismus…

Der Ängstliche, dem von den bösen Juden das Maul verboten wird:

War ja nicht anders zu erwarten. Israelkritik = Antisemitismus . und jetzt is a ruah, goj*m!

Der persönliche werdende Hosenscheißer:

Schöne Perücke (ist das antisemitisch?)

Der unfassbar dämliche Vergleiche Ziehende:

Bind zwar schon lange aus der kirche ausgetreten, aber angenommen ich wäre noch dabei und mein thailändischer Nachbar beschimpft mich wieder mal, weil ich zu laut Musik hör. Ist er dann ein Antichrist?

Der sich mit allen Mitteln wehrende Punkti-Punkti-Macher:

mehrmals darauf hinzuweisen, wie Kritik gefälligst auszusehen hat, damit sie angenommen und ernstgenommen wird, sagt schon recht viel über diese Dame aus, finde ich… Ich wehre mich mit allen Mitteln dagegen, dass es ein Land auf dieser Welt geben soll, das (zumeist berechtigte) Kritik an seinem einseitigen Vorgehen ganz einfach als Antisemitismus vom Tisch wischen kann…  Diese Selbstgerechtigkeit beleidigt die Millionen Menschen, die im Holocaust ihr Leben ließen…

Der Geruchsempfindliche, der es nötig hat:

Kritik an israel und seiner Politik ist berechtigt und nötig! auch wenn Frau Knobloch od. einige User hundertmal sagen dass dies Antesemitisch ist. Wenn mir stinkt was im Nahen Osten passiert sage ich es! Wenn mir stinkt dass Deutschland Israel modernste U-Boote schenkt sage ich es. usw. usf.

Der in keinem Israel-Forum fehlen dürfende Rassentheoretiker:

soweit ich informiert bin sind die palestinenser genauso semiten, so wie viele andere volksstämme in der region…

Ein Gerechter unter den Völkern:

Genauso wie jeder „gerechte“ Mensch das Schicksal der Juden in der Vergangenheit beweint, genauso muss er heute blind sein, um in diesem ungleichen Konflikt nicht Palaestina zu unterstuetzen.

Ein indirektes Holocaust-Opfer:

Wie praktisch, das man schreckliche Dinge, die vor langer Zeit passiert sind immer und immer und immerwieder hervorziehen kann, um den anders denkenden des Antisemitismus zu zeihen.

Der, der den Juden ihren Staat wegnehmen möchte, aber ansonsten nix gegen Juden einzuwenden hat:

Ich bezeichne mich als Antizionist, habe aber NICHTS gegen Menschen jüdischen Glaubens! Und wenn man das Massaker an der Palästinensichen Zivilbevölkerung in Gaza anfang 2009 kritisiert ist man noch lange KEIN Antisemitist!