Mit Homophobikern reden?

Der weltanschaulich verhaltensauffällige Ex-Linke Jürgen Elsässer hat also seinen Anti-Schwulen-Kongress über die Bühne gebracht und einige Aktivistinnen haben dabei zu stören versucht. Nun hatte ich gerade eine Diskussion auf Facebook darüber, ob solche Störaktionen die Homophobiker-Riege, die auf Elsässers Einladung tagte, in ihrer Ablehnung gegen Schwule, Lesben und Transgenderpersonen bestärken und dadurch konkrete negative Auswirkungen auf zB die Landsleute der schwulenfeindlichen russischen Abgeordneten Elena Misulina haben könne, welche auch an der Tagung teilnahm. Dazu ein paar Worte nur.

Zunächst ist festzuhalten, dass auch Vollidioten und Arschlöcher das Recht haben, eine Konferenz auszurichten und daran teilzunehmen, solange dort nicht gegen Gesetze verstoßen wird. Und ja, auch Vollidioten und Arschlöcher haben ein Recht auf Meinungsfreiheit und auf körperliche Unversehrtheit (warum es sich bei Menschen, die ernsthaft meinen, es ginge der Welt besser, wenn man Schwulen und Lesben die Liebe verböte und die ernsthaft glauben, Passagen aus Bibel oder Koran würden ihrem Menschenhass Legitimation verschaffen, um Vollidioten und Arschlöcher handelt, muss und will ich nicht weiter erklären. Wer das nicht schnallt, soll abhauen und mich nicht mehr lesen, soll rübergehen zum Elsässer). Es ist okay, dass auch solche Veranstaltungen polizeilich geschützt werden. Aber schadet nun das massive Auftreten der Gegendemonstranten dem Ruf der LGTP-People? Nein, tut es nicht. So wie der Antisemit Juden in jedem Fall hasst, egal ob sie sich bereitwillig ermorden lassen oder Widerstand leisten, weil der Antisemitismus eben eine irrationale Sache, ein Wahn ist, können auch Homophobiker nicht noch homophober werden. Homophobie ist dem Antisemitismus wesensverwandt in ihrer Irrationalität. Der homophobe Mensch hasst LGTP-Leute auch dann, wenn die ganz leise und unauffällig sind, ja oft noch ein wenig mehr, denn wie der Antisemit ist auch der Homophobiker so gut wie immer eine autoritäre Persönlichkeit, sprich: Je mehr man ihm nachgibt, desto stärker fühlt er sich, je mehr Widerstand er spürt, desto eher zieht er den Schwanz ein. Erklären kann man solchen Leuten nix, genauso wenig, wie man Antisemiten den Antisemitismus ausreden kann. Homophobiker können also nicht Adressaten einer Kritik sein, die anderes ist als eine fundamentale. Diese Figuren sind daran zu hindern das zu tun, was sie tun oder gerne tun möchten, nämlich Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu benachteiligen, zu verfolgen und zu ermorden. Ob der Benachteiliger, Verfolger und Mörder das gemein findet, interessiert mich dabei einen Scheiß.

Jürgen Elsässer am Ziel

Jürgen Elsässers langer Marsch quer durch das politische Spektrum scheint abgeschlossen. Er ist nun inhaltlich und sprachlich endgültig dort angekommen, wo die NPD schon immer war: Wenn die EU was tun will, dann das Aufstellen von Lagern auf afrikanischem Boden (!) für die Bürgerkriegsflüchtlinge unterstützen, sowie direkte Hilfe in Libyen durch das UN-Flüchtlingswerk UNHCR mitfinanzieren. Ansonsten: Finger weg! (…) Klar gesagt: Jetzt ist sofort Solidarität angesagt – aber nicht für Libyen, sondern für Italien! Libyen ist gar nicht zu retten, das müssen die Afrikaner/Araber unter sich ausmachen. Aber die EU-Partner müssen Italien helfen, die Seegrenzen möglichst dicht zu machen. Keine Flüchtlinge dürfen nach Lampedusa, Sizilien etc. rein – das würde eine Sogwirkung entfalten, die Millionen nach zieht. Lass die Grünen und Linken jammern von wegen „Festung Europa“ – genau diese Festung braucht es jetzt, wenn nicht Europa mit reingerissen werden soll.

Spießbürgerpanik de luxe, Lagerfantasien und Überfremdungsparanoia vom Schlimmsten. Man könnte fast, aber nur fast Mitleid haben mit Elsässer.

Ist die Linke noch zu retten?

Wundert das noch jemanden? Jürgen Elsässer und seine Phantomarmee „Volksinitiative“ wollen gemeinsam mit der islamistischen, pro-iranischen und vom Verfassungsschutz beobachteten Gruppe „Quds-AG“ und der eigenartigen Organisation „Neue Mitte“ in Berlin demonstrieren. Das Motto des Deppenaufmarsches: „Kein Steuergeld für Israels Kriegspolitik“.

Bei Elsässer, der die Demokratiebewegung im Iran als Ansammlung von „Disco-Miezen und NATO-Yuppies“ diffamierte, wundert einen ja gar nichts mehr. Der gelernte Lehrer und ehemalige „K-Gruppler“ schrieb noch in den 90er Jahren gut recherchierte und gar nicht mal dumme Artikel, war einer der Vordenker der neuen kritischen Linken, der so genannten „Antideutschen“, machte sich um den Kampf gegen linken und rechten Antisemitismus verdient und verließ sogar seinen Posten als Chefredakteur der „Junge Welt“, als diese begann, inhaltlich auf Nationalbolschewismus umzuschwenken. Er war dann Mitbegründer der „antideutschen“ Zeitschrift „Jungle World“ und schrieb immer wieder für das Flaggschiff der linken Publizistik, die „konkret“. Doch irgendwann um die Jahrtausendwende herum scheinen dem Mann einige Glühbirnen im Hirn durchgebrannt zu sein, und es wurde finster in Elsässers Kopf. Nach seltsamen und unreflektiert antiamerikanischen und antiwestlichen Artikeln und seiner Parteinahme für Saddam Hussein wurde er schließlich als Redakteur der „konkret“ entlassen. Auch die „Jungle World“ wollte seine immer rasender werdenden anti-internationalistischen und immer mehr in Richtung einseitigen Antiimerperialismus, Nationalismus und Kulturrelativismus tendierenden Beiträge, die bereits eine erschreckende antiemanzipatorische Schlagseite hatten,  nicht mehr drucken. Seither schreibt er für das publizistische und ideologische SED-Überbleibsel „Neues Deutschland“, für die „Islamische Zeitung“, das Verschwörungstheorien-Internethauptquartier „Telepolis“ und für den boulevardesken  irgendwie-linksliberalen-oder-auch-nicht „Freitag“. Bei der „Jungen Welt“, mit der er mittlerweile ja auf einer Linie liegt, ist er nun auch wieder willkommen. Und er betreibt ein Blog. Seine Lieblingsthemen sind heutzutage Israel-Dämonisierung und die Legitemierung der iranischen Klerikalfaschisten, Berührungsänsgte mit extrem antiemanzipatorischen, frauenfeindlichen, schwulenhassenden und den Fortschritt bekämpfenden Ideologien/Religionen hat Elsässer nicht. Ganz im Gegenteil sucht er aktiv deren Nähe und biedert sich bei den Mullahs an. Der nächste Schritt, nämlich ein Kooperationsversuch mit Neonazis, ist wohl nur eine Frage der Zeit. Immerhin hat er bereits Artikel veröffentlich, in denen er, ganz im Stil der Faschisten, gegen die Abtreibung wetterte und wahnhaft die „Zerstörung der Familie und der Nation“ als finsteren Plan sinistrer kapitalistischer Verschwörer beschrieb. Er schreckte nicht einmal davor zurück, Hetze gegen Homosexuelle zu betreiben und die patrachalische islamische Großfamilie als Vorbild abzufeiern. Nationalismus toll finden, Imperialismus immer und ausschließlich als von den USA und ihren Verbündeten ausgehend sehen, ideelles wie auch praktisches Paktieren mit den reaktionärsten Strömungen unserer Zeit, Familienideale von katholischen und islamischen (und neonazistischen) Fundis mittragen, das antisemitische Machwerk „Tal der Wölfe“ verteidigen, bei jeder antiisraelischen Aktion ganz vorne dabeisein – das ist heute die Welt des Jürgen Elsässer.

Elsässer kann man stellvertretend für einen leider allzu großen Teil der heutigen Linken sehen. Wie er scheint ein guter Teil der Menschen, die sich selbst als links einstufen, den Bezug zur Realität und zur marxistischen Kritik völlig verloren zu haben und klammert sich ängstlich an alles, was auch nur im Entferntesten an die „gute alte Zeit“ der Systemauseinandersetzung erinnert. Wie schon damals rennen diese Leute jedem blutrünstigen und/oder lächerlichen Irren hinterher, solange der sich nur als Feind des Westens geriert und links klingende Floskeln wie „Revolution“ (zB Iran) oder „Sozialismus“ (siehe Venezuela) im Mund führt. Die historischen Parallelen sind übrigens nicht zu übersehen: So wie in den Zeiten Stalins die westliche Linke bis auf wenige Ausnahmen trotz der allgemein bekannten Verbrechen in der Sowjetunion, des Verrats am Internationalismus und sogar trotz des Hitler-Stalin-Paktes weiterhin auf das Wohl des Mega-Verbrechers trank, so wie in den 70er Jahren etliche europäische und amerikanische Linksintellektuelle das massenmordende Wirken Pol Pots verteidigten, so armselig und in der Wahl ihrer Verbündeten debil ist auch der Großteil der heutigen Linken. Man ist in diesen Kreisen nicht nur unfähig zur kritischen Analyse, man ist auch kritikresistent und gehirngelähmt wie das Mitglied einer Sekte, bei der die Abgabe des Denkzentrums an der Garderobe Pflicht ist.

Fazit: Die Linke, vor allem der Großteil der radikalen Linken, hat moralisch und intellektuell Bankrott angemeldet. Das merken die Menschen und bescheren den orientierungslosen und visionslosen Linksparteien europaweit Wahlniederlagen (mit Ausnahme von Parteien wie der deutschen „Die Linke“ oder den französischen Trotzkisten, die als populistische Protestwortführer  Wähler einfangen). Grundsätzlich muss sich die Linke, von den Sozialdemokraten bis zu den diversen kommunistischen Gruppierungen, von Grund auf erneuern, wozu meiner Meinung nach vor allem die Befassung mit den konkreten sozialen und ökonomischen Problemen VOR ORT gehört, anstatt die gesamte Energie auf fruchtlose und natürlich auch dumme Projektionen auf die USA oder Israel zu verschwenden. Die Musik, die für europäische Linke relevant sein sollte, spielt vor allem in Europa. HIER werden Minderheiten wie die Sinti und Roma verfolgt und ermordet, HIER formiert sich der Neofaschismus und Neonazismus zu einer gefährlichen Schlagkraft, HIER gibt es die 1-Euro-Jobs und Hartz IV und andere soziale Sauereien. Und was die viel besungene „Internationale Solidarität“ betrifft: Die Welt beteht aus mehr als nur Amerika und Nahost. Eine Linke, die diese Bezeichnung verdiente, würde sich außerdem ganz genau ansehen, mit wem sie sich solidarisch erklärt, bevor sie mit Hamas-Leuten oder Hisbollah-Tarnorganisationen, die das genaue Gegenteil von echtem Linkssein darstellen, gemeinsam auf die Straße rennt. Das ist nämlich unter keiner rationalen Betrachtungsweise links, das ist nur dumm, beziehungsweise die Folge von Verblendung auf Grund unkritischer und damit ins Nichts oder in den politischen Abgrund führender pubertärer Radikalität.

Elsässer der Reaktionär

Eine Überraschung ist ja nicht wirklich: Jürgen Elsässer, Freund und Verteidiger der Linken-, Oppositionellen-, Frauen- und Schwulenmördern aus Teheran, stellt sich in einem weiteren Bereich der Gesellschaftsanalyse auf eine Stufe mit Rechtsetxtemisten, Nazis und reaktionären Ultrareligiösen. Kritik an den potenziell unterdrückenden Machtstrukturen innerhalb der Familie, dieser von den Rechten mit so viel Verve beschworenen „Keimzelle der Gesellschaft“, ist für ihn ein „Angriff auf die Familie“, mit dem die Menschen für die „Neue Weltordnung“ zugerichtet werden sollen. Auch den Nationalismus verteidigt Elsässer leidenschaftlich, was nicht verwundern sollte, immerhin ist der Mann ein Nationalbolschewik. Ins Bild passt da auch seine Verteufelung der Homosexualität und seine Ablehung des Adoptionsrechts für homosexuelle Paare. Äußerungen wie „Sexualität ist Privatsache, der Staat hat sich nicht einzumischen. Aber was im Augenblick läuft, sind nicht Maßnahmen gegen Schwulendiskriminierung, sondern Maßnahmen zur Zerstörung der Familie“ oder „Jedenfalls: „Der Kampf um die Familie ist ein großer Kulturkampf, der diese Gesellschaft polarisieren wird wie kaum ein Zweiter! Und eines ist auch klar: In diesem Kampf gegen die postmodernen Zerstörern (sic) jeder dauerhaften menschlichen Bindung stehen die Einwanderer und die Moslems auf der Seite der Familienfreunde“,  könnten so auch von irgendeiner fundamentalistischen christlichen Sekte, vom Kärntner „Männerrechtler“ Karlheinz „Homosexualität ist eine Kultur des Todes“ Klement oder den Faschisten von Altermedia stammen, und entlarven Elsässer als Reaktionär der schlimmsten Sorte, der die Emanzipationsbewegungen ablehnt und ausgerechnet die negativsten Aspekte der islamischen Kultur, zu denen eben allzu häufig auch die rigiden patriachalen und oft genug extrem gewalttätigen Familienstrukturen gehören, als vorbildlich hinstellt.