Falotten und Gurkentruppen

Robert Misik ist mal wieder meiner Meinung und hat einen guten Videocast darüber gemacht, wie „verantwortungslose Falotten und eine Gurkentruppe von Politikern, die unfähig sind, ihrer historischen Verantwortung gerecht zu werden“, Europa an die Wand fahren. Misik fragt, wie schon your Lindwurm dearly zuvor, wo die starken Politikerpersönlichkeiten sind, die die EU endlich aus dem unhaltbaren Zustand eines lose verbundenen Chauvinistenclubs hin zu einem echten Bundesstaat führen, da wir ja derzeit eindrücklich erleben, was es bedeutet, zwar eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Geld-, Sozial-, Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik zu haben.

Auch auf einen hervorragenden Kommentar von Karl-Markus Gauß möchte ich verweisen, in welchem der Schriftsteller davor warnt, dass nach einem Zusammenbruch der EU der Krieg, also der richtige Krieg mit Soldaten und Totschießen und Zusammenbomben, nach Europa zurückkehren wird. Genau auf diese Gefahr wurde in diesem Blog übrigens schon vor einigen Tagen hingewiesen. Es tut gut zu sehen, dass es noch Leute gibt, die ihr Gehirn zum Denken verwenden. Leider wird das uns, also den Misiks, Gaußs und Lindwürmern, allenfalls eine magere innere Befriedigung geben, wenn wir in ein paar Jahren in einem in Trümmer liegenden Europa mit einer klapprigen Schreibmaschine den Satz schreiben werden: „Wir haben es euch ja gesagt…“ 

Karl-Markus Gauß und die romantischen Postboten

Ich schätze den Salzburger Schriftsteller, Essayisten und Publizisten Karl-Markus Gauß, seit ich seine Reportage in Buchform „Die Hundeesser von Svinia“ gelesen habe.  Einen besseren Text über die Lage der Sinti und Roma wird man nicht so schnell finden. Ein echtes Must-Read für alle, die sich mit der Diskriminierung einer Volksgruppe mitten im heutigen Europa, aber auch der Kultur und den archaischen Clanstrukturen dieser Gruppe befassen möchten. Seltsamerweise interessiert sich kaum jemand für die Zigeuner und deren teils erbärmliche Lebensumstände und die immer noch andauernde Verfolgung, unter der sie leiden. Sind wohl nicht so sexy für die Gutmenschen, weil sie keine Bomben in Cafes in hochgehen lassen oder Raketen auf Zivilisten abschießen…

Nun des Lobes für Gauß genug. Heute hat er sich durch einen, wie wir Österreicher sagen, echt depperten Gastkommentar im „Standard“ lächerlich gemacht. Er beklagt, in einen möchtegern-ironischen Text verpackt, die Teilprivatisierungen von Post und Bahn. Das liest sich dann so: Manchmal quälen mich Erinnerungen an die barbarischen Zeiten, in denen ich jung war. Damals mussten wir in dem Viertel, in dem ich aufwuchs, einen Briefträger erdulden, der sich die Frechheit herausnahm, die Post wirklich jeden Werktag zuzustellen. In jener Ära der Unfreiheit befand sich die Post in Staatsbesitz und sah ihren Auftrag lächerlicherweise darin, die Bevölkerung mit ihren Postsendungen, nicht Versager mit Posten als Sanierer zu versorgen. (…) Die Post, indem sie diese nicht zustellt, macht sich verdient um die Lebensqualität der Bevölkerung. Und zweitens schult uns die Post, die für einen erkrankten Briefträger keinen Ersatz mehr auf den Weg schickt, pädagogisch in die Privatisierung ein, deren Vorzüge wir erst zu nützen lernen müssen. Wenn die öffentlichen Dienste nämlich vollständig privatisiert sein werden, wird der Kunde König sein und als unumschränkter Alleinherrscher über sein Leben für alles selber sorgen dürfen: Es ist ihm dann erlaubt und angeraten, die Briefe, die er schreibt, auch gleich selber zuzustellen. Sein Geld darf er dann ohne weiteres bei Instituten der privaten Pensionsvorsorge abgeben, die es für ihn verspekulieren. Und gegen ordentliche Bezahlung darf er seine Kinder sogar auf Schulen und Universitäten schicken, in denen nicht in überfüllten Hörsälen und von überfordertem Personal staatlicher Druck ausgeübt wird, sondern private Förderung der vielen Talente angesagt ist, die in den Sprösslingen schlummern.

Nun verhält es sich so, dass das Privatisierungsdogma konservativer und liberaler Parteien tatsächlich kontraproduktiv sein kann. Der Staat braucht keineswegs alles aus der Hand zu geben, nein, er sollte sogar ein paar Schlüsselbereiche unter Kontrolle behalten, vor allem im Gesundheitswesen, bei der Bildung und dem Sozialversicherungssystem. Die Post und mit ihr die Telekom gehört da freilich nicht dazu. Bei seiner romantisierenden Beschreibung des braven Austrägers der staatlichen Post hat Gauß wohl erfolgreich verdrängt, wie das damals, vor gar nicht allzu langer Zeit, war. Dass Briefe und vor allem Wertsendungen einfach verschwanden, war an der Tagesordnung, und geschätzte 80 Prozent der Postbeamten hatten ein schweres Alkoholproblem, das für sie jedoch nur gesundheitlich, nicht aber arbeitsrechtlich schädlich war. Im über alle Maßen aufgeblähten Apparat der Post war es völlig wurscht, wenn die Mitarbeiter schon zu Beginn der Frühschicht zu saufen begannen und dann entsprechend schludrig arbeiteten, es war auch egal, ob sie überhaupt zur Arbeit erschienen (bevor jemand „Verleumdung“ schreit: ich war dort, ich war Augenzeuge). Sie waren Staatsbedienstete, praktisch unkündbar und entsprechend kundenunfreundlich. Schlimmer noch war der Telekom-Bereich. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich  Anfang der 90er jahre in Wien eineinhalb Monate auf den Anschluss meines Telefons warten musste. in den 70ern und 80ern konnte man froh sein, wenn man einen solchen Anschluss nach einem halben Jahr installiert bekam. Die Gespräche, die man mit dem endlich gnadenhalber zugestandenem Apparat führte, kosteten etwa das zehnfache von dem, was man heute bezahlt. Erst als man in Österreich private Konkurrenz für die Telekom zuließ, purzelten die Preise und sogar die Telekom brauchte plötzlich nicht mehr länger als ein paar Tage, um einen Telefon- oder internetanschluss herzustellen. Heute zählt Österreich zu den Ländern mit den europaweit niedrigsten Telefon- und Handytarifen – eine direkte Folge der „bösen“ Privatisierung und der Öffnung des Marktes.

Gegen die Privatisierung von Dienstleistern wie der Post und für die Zulassung von Konkurrenz spricht nichts, aber auch wirklich nichts Vernünftiges. Alles, und das vergisst Gauß, hängt von den gesetzlichen Rahmenbedingungen ab. Solange, um in der Branche zu bleiben, eine privatisierte Post oder deren Konkurrenten dazu verpflichtet sind, Telefonverbindungen noch bis zum letzten Einsiedler auf der letzten Alm herzustellen und zu warten, fehlt mir schlicht die Einsicht, warum Privatisierung schlecht sein sollte. Und dass Konkurrenz nicht nur das Geschäft belebt, sondern vor allem den Konsumenten durch niedrigere Preise für bessere Leistungen zugute kommt, müsste sogar ein Linker alten Schlages wissen können bzw. schon längst selbst erfahren haben.

Vielleicht lebt Gauß aber auch in einer untergehenden Welt, in der es keine Emails gibt und man noch Briefe mit dem Federkiel verfasst und hat daher die Entwicklungen der vergangenen jahre nicht mitbekommen? Oder in einem Paralleluniversum? In meinem Universum ist es nämlich so, dass ich Briefe und Pakete erst seit der Marktöffnung zuverlässig und zumeist pünktlich zugestellt bekomme. Denn ich habe nun ein Druckmittel: Ich kann zur Konkurrenz wechseln.