Reformismus? Why not?

Der genaue Zeitpunkt, an dem die Sache mit dem Kommunismus schief ging, ist unklar. Als Stalin zum Vorsitzenden der KPdSU gewählt wurde? Als Lenin und Trotzky die Kronstädter Matrosen zusammenschießen ließen? Als bolschewistische Aktivisten auf Transparenten verkündeten „es lebe der rote Terror“? Als Lenin seine Aprilthesen vortrug? Als er diese Thesen entwickelte und mit ihnen ein theoretisches Instrumentarium, auf das all jene zurückgreifen sollten, die der Ansicht waren und sind, den Klassenkampf zu gewinnen sei keine Maßnahme zu brutal, kein Blutzoll zu hoch und kein  Opfer zu groß? Als Karl Marx, der angeblich alles durchschaut hatte, sein Vermögen an der Börse verspekulierte? Jedenfalls ist der Kommunismus als alternatives System, das die Hälfte des Planeten beherrschte, Geschichte, und wo es ihn als staatliche Herrschaftsform noch gibt, ist wenig Sozialismus, aber viel Erbmonarchie (Kuba, Nordkorea) und Kapitalismus minus Rechtsstaat (China, Vietnam). Ich denke, dass es um den Kommunismus, so wie er war und ist, nicht schade ist, der kann ruhig tot bleiben oder sterben. Das bedeutet nicht, dass am Kapitalismus nichts zu verändern wäre, dass man diesen nicht menschlicher machen müsste. Aber ganz abschaffen und durch was Neues ersetzen, das sollte man bleiben lassen, es kommt nichts Gutes dabei rum. Jedem, der vom ganz großen Wurf tönt, der ein ganz anderes System verspricht oder gar das Paradies, muss misstraut werden, ganz egal, ob der Rosenkranz, Koran und Wünschelrute schwingt, oder Entwürfe für den neuen Menschen in einer neuen Weltordnung. Ist beides doof und gefährlich. Besser machen kann man den Kapitalismus aber durchaus, humaner und gemütlicher zum Beispiel. Aber eines wird er seinen Alternativen immer voraus haben: Er will nichts, außer Profit zu machen, daher ist ihm auch nicht wesenseigen, aus rassistischen oder ideologischen Motiven Massenmord zu begehen. Er kann mit sowas leben, das wohl, aber er strebt es nicht aus sich heraus an, denn lieber, als Menschen zu töten oder einzusperren, weil sie nicht an ihn glauben, ist ihm, Menschen zu Kunden zu machen und ihnen „Fuck Capitalism“ T-Shirts zu verkaufen.

Communism ain´t gonna work

In diesen Tagen, in denen das kapitalistische System ächzt und kracht und viele Menschen sich nach Alternativen umsehen, hat „Standard“-Kolumnist Hans Rauscher einen wichtigen Kommentar geschrieben, in welchem er daran erinnert, wie systemimmanent verrottet der „Real Existierende Sozialismus“ war. Mangel, Misswirtschaft, Unterdrückung, Gulag – so könnte man das traurige Ergebnis der Oktoberrevolution, an die doch so viele Hoffnungen auf eine bessere Welt geknüpft waren, zusammenfassen. So charmant die Sache theoretisch auch sein mag: Kommunismus hat nicht funktioniert, nirgendwo, und wird es auch nie. Dennoch gab es neben den Parteibonzen und den Drittweltdespoten, die sich ihre Hintern entweder von der einen, oder der anderen Seite vergolden lassen konnten, auch andere Profiteure der damaligen bipolaren Welt. Zum Beispiel die westliche Arbeiterschaft, die sich eine akzeptable Beteiligung am von ihr mit geschaffenen Wohlstand erkämpfen konnte, unter anderem eben mit der unterschwelligen Drohung, dass man ja auch mal die Kommunisten wählen könnte, falls die Lohnabschlüsse nichts taugen.

Die Sowjetunion und ihre Satelliten waren aber noch etwas anders, nämlich eine gewaltige Leinwand, auf die die Träumer und Schwärmer und alle, die unter den Zumutungen der Marktwirtschaft litten, ihre Hoffnungen projizieren konnten. Hoffnungen auf eine andere Welt, eine gerechtere Welt, eine rationalere Welt. Obwohl jeder wissen konnte, wie schlecht es den Menschen, die unter der Knute kommunistischer Diktaturen leben mussten, ging, war der Mythos und der Wunsch, die Wirklichkeit möge sich dem Traum anpassen, doch in vielen Menschen sehr stark, wenn sie an den Ostblock dachten. Und als das dortige System zusammenkrachte unter seiner eigenen Unfähigkeit, empfanden das gar nicht wenige westliche Menschen als ein schweres Trauma. Exemplarisch sei hier die Langspielplatte „Exotica“ des amerkanischen Jazzmusikers Kip Hanrahan erwähnt, auf der er 1992, tief traurig, Zeilen vortrug wie „oh how sweet was that red star“ (gesungen hat Jack Bruce, geschrieben hat´s Hanrahan). Für die Menschen in Osteuropa eröffnete sich eine neue Welt, für viele westliche Intellektuelle brach eine zusammen.

Und es war natürlich gut, dass jene Welt, jenes riesige Gefängnis, zusammengebrochen ist. Und wer darüber in Trauer verfiel, der hatte noch nie mit Menschen gesprochen, die den Kommunismus am eigenen Leib erlebt hatten und etwas erzählen konnten davon, wie Strom und Heizung rationiert wurden, wie erfinderisch sie beim Kochen sein mussten angesichts leerer Geschäfte, wie überall Spitzel darauf lauerten, einen wegen jeder Kleinigkeit zu denunzieren, wie Menschen in den Knästen der Geheimpolizei verschwanden und nie mehr wieder kamen, wie absurd viele Ressourcen an den grotesk anmutenden Personenkult um die „Genossen Führer“ verschwendet wurden, wie alles, was Spaß machen könnte, verboten oder zumindest als westlich dekadent verdammt wurde. Das Experiment Kommunismus endete für Millionen Menschen in Elend und Tod, und das kann kein Mensch, der über einen Funken Moral verfügt, entschuldigen oder gar begrüßen.

Dies alles bedeutet natürlich nicht, dass man die Entgleisungen und Verbrechen des Kapitalismus nicht kritisieren dürfte. Solange dieser nicht in der Lage ist, jedem Menschen ein würdiges Auskommen zu sichern, muss er hinterfragt werden, muss man die soziale Frage stellen, muss man versuchen, ihn zu humanisieren. Linke Werte sind mit dem Untergang des „Real Existierenden Sozialismus“ nicht obsolet geworden, ganz im Gegenteil. Vor allem wenn man mitdenkt, dass die eigentlichen linken Grundwerte, das Streben nach Gerechtigkeit, Freiheit und Fortschritt, mit dem Kommunismus gar nicht kompatibel sind. Aber trotz allem ist da auch in mir immer noch eine Sehnsucht, eine Hoffnung auf einen neuen roten Stern, der aufgehen möge.

Kommunismus kann gar nix

Zur aktuellen Kommunismus-Debatte in Deutschland und Frankreich kann man sich kurz fassen: Alle Versuche, den Kommunismus einzuführen, endeten in Diktatur, Unterdrückung, Gulag, Elend und (Massen)Mord. Alle. Immer und überall. Case closed.

Ergänzung: Karl Marx kann man trotzdem gewinnbringend lesen. Man muss halt kapieren, dass Marxismus keine  Ideologie, kein fest zementiertes Staatsfundament, sondern immer nur Analysewerkzeug sein kann, und als solches taugt er ganz gut, wie man auch generell festhalten muss, dass die Welt ohne Karlchens Schriften eine dümmere wäre. Dumm sind freilich auch jene, die Marx als den Höhe- und Endpunkt der Philosophie verehren und meinen, sie hätten die ultimative Handlungsanleitung zur Herstellung einer besseren Welt in Händen. Eine Warnung hätte allen Marxisten sein müssen, dass bereits ihr großer Übervater an der Realität in dem Sinne kläglich gescheitert ist, dass er Ereignisse seiner Zeit grob falsch interpretierte. Als 1873 in London, New York, Wien und Berlin die Börsen crashten, schrieben Marx und Engels einander euphorische Briefe des Inhalts, das nun der Zusammenbruch der Marktwirtschaft unmittelbar bevorstünde und die Zeit für die Revolution gekommen sei. Die beiden Superhelden des Kommunismus lagen natürlich falsch. Es entbehrt nicht einer fetten Portion Ironie, dass diese allererste Generation von Marxisten ausgerechnet den frühen Christen glich. So wie die Jesus-Freaks der ersten Jahrhunderte davon überzeugt waren, dass die Wiederkehr des Messias und damit das Ende aller Tage demnächst stattfinden würde, glaubte auch Marx, den von ihm prophezeiten Zusammenbruch des Kapitalismus noch persönlich zu erleben. Es kam anders, und es sollte auch danach immer anders kommen, als von Marx´ Fanclub erwartet bzw. erhofft.

Jetzt ist wieder ein bisschen Krise, und wieder schreiben Marxisten bzw. Kommunisten, die wohl unbelehrbarsten unter den apokalyptischen Sektierern, den Untergang herbei. Und wieder wird er nicht verschwinden, der Kapitalismus, sondern sich anpassen und stärker als zuvor sein. Da helfen keine wütenden Anstiftungen zum „Aufstand“, da nützt kein Feuilletonrevoluzzergeschreibe – die Marktwirtschaft wird auch die aktuellen Turbulenzen gesund und munter überstehen. Weil diese Form der Wirtschaft der menschlichen Natur nun mal sehr gut entspricht. Aber Vorsicht: Deswegen ist Kapitalismus noch lange nicht „human“, weshalb es ja auch einer gestalterischen Politik und ethischer Normen bedarf, um die Menschen zu beschützen. Und hier sollten wir dem Sozialstaat europäischer Prägung Anerkennung zollen. Der lässt die Unternehmer unternehmerisch sein und sorgt trotzdem dafür, dass der Kapitalismus nicht in Barbarei ausartet. Der moderne Sozialstaat ist entgegen der Propaganda seiner Feinde von rechts und links eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Kein anderes System gewährt so vielen Teilen der Bevölkerung so viel Teilhabe am Wohlstand, nirgendwo sonst ist das Verhältnis zwischen Freiheit und Gemeinnutz so ausgewogen und letztlich für alle Beteiligten ein Gewinngeschäft. Das ist eine enorme historische Leistung, vollbracht von Sozialdemokraten, Gewerkschaften und vernünftigen Konservativen und Liberalen. Und den Sozialstaat gilt es zu schützen, denn so lange der funktioniert, haben Kommunisten und Faschisten und Fanatiker jeder Sorte nur den Platz im Schmollwinkel, von dem aus sie beleidigt Kassandra spielen. So soll es sein, so ist es gut, aber auf die faule Haut legen spielt es trotzdem nicht. Demokratie und Wohlfahrtsstaat müssen andauernd neu bewertet, gestaltet, ausbalanciert und verteidigt werden. Sollten wir dazu zu faul sein, so stehen die unangenehmen Alternativen schon in den Startlöchern.

Wake up, Fidel!

Der greise Diktator Fidel Castro hat sich nach längerer Pause mal wieder im Fernsehen gezeigt, wo er nicht etwa über die immer prekärer werdende Versorgungslage auf Kuba sprach, sondern weltpolitische Kommentare abgab und – wie originell – die USA heftig attackierte, die einen „Krieg mit Nordkorea provozieren“ wollten, so der Altkommunist. Aber sein alt gewordenes Revoluzzerherz schlägt nicht nur für die Wahnsinnigen in Pjönjang. Auch mit den Klerikalfaschisten aus Teheran zeigte Castro sich solidarisch. Das ist zwar eine Schande, aber nicht verwunderlich, denn genau wie die nordkoreanischen Grotesk-Kommunisten und die iranischen Apokalpytiker lebt Fidel in einer Traumwelt und sträubt sich mit aller Macht gegen die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit ist, dass Nordkorea und Iran genau wie Kuba wirtschaftlich am Ende sind, und wenn die Bevölkerung erst mal nichts mehr zum Beißen hat, dann ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Regierenden zum Teufel gejagt werden oder an den Laternenmasten enden. Irgendwann siegen Bauch und Freiheitsdrang über die Angst. Die Kubaner haben die Schnauze voll, weil ihre Mägen leer sind. Man wartet darauf, dass die Gebrüder Castro endlich abdanken. 50 Jahre Diktatur sind genug, der Traum ist vorbei. Es wird Zeit, aufzuwachen, Fidel! Und abzudanken. Und wenn du gerade dabei bist, nimm bitte deinen unfähigen Nachäffer Hugo Chavez, der gerade Venezuala ruiniert, gleich mit!

War: „Fidel´s Fantasy“

Wake up, Fidel… wake up
It’s time for your fantasy
Come back, Fidel
Come back to the time when your land was free and happy
Come back to love

There was a girl
Remember her name?
Remember Anna!
Remember her brown body and her hair black as the wing of a raven
Remember the nights in the sugar cane, Fidel… huh?
Where is Anna now, Fidel?
Where could she be now, your young lover?
She’s not free, your not free, love is not free

Come back, Fidel, come back with me!

Remember when you brothers loved you and cheered
As you walked down the streets of the great city!
Where are your brothers now, Fidel?
In a friendly land to the north?
Why, that’s the greatest fantasy of all, Fidel
Are they really happy there, having left
Their homes and families, Fidel?
They’re not free, your land’s not free, your not free

And what about the children, Fidel?
Do you remember their laughing faces, their running feet?
They liked for you to read to them, oh yes
Not from the thoughts of Mao,
Or the writings of stodgy old men
Like Lenin and Trotzki
But the fables of Aesop, Grimm, and Hans Christian Andersen
Yes, Fidel, they too have a flair for fantasy
But now that’s all that you have, Fidel

Oh, Fidel, you mustn‘ t wake up!
Do you know what’s waiting for you in the world of reality?
Sleep is fleeting, Fidel
Your fantasy is ending
I must go, Fidel
Good bye for now
Good bye, Fidel, good bye

Kommunismus ist keine Alternative

Robert Misik beklagt in seinem Video-Tagebuch, dass es an einem „utopischen Bewusstsein“ mangele, hofft aber darauf, dass angesichts der Wirtschaftskrise sich ein solches wieder entwickeln würde. Der Mann hat wohl nicht realisiert, dass es die gerade großen ideologischen Utopien waren, die zu den schlimmsten Verbrechen aller Zeiten geführt haben. Zwar beantwortet Misik die Titelfrage seines Beitrags – „Ist der Kommunismus die Alternative“ – vorsichtig verneinend, doch warum der Kommunismus keine Alternative ist, keine sein darf, das mag das ehemalige Mitglied der Politsekte „Revolutionäre Marxisten“ (heute „Sozialistische Alternative“) nicht deutlich beantworten. Mehr, als dass der Kommunismus „auch schon eine etwas angegraute Idee“ sei, kommt Misik dazu nicht über die Lippen. Das ist angesichts der vernichtend schlechten ökonomischen, moralischen und ethischen Bilanz der kommunistischen Experimente argumentativ schwach und extrem verharmlosend. Der Kommunismus hat sich immer und überall, wo er an die Macht kam, in eine Herrschaftsform des Massenmordes, der Unterdrückung und der wirtschaftlichen Not entwickelt, und das liegt nicht etwa, wie das Kommunisten gerne hinterfotzig behaupten, an einer „falschen Auslegung bzw. Umsetzung der an sich guten Idee“, sondern ist dem Kommunismus wesensimmanent. Das ist nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, die in manchen Ländern immer noch auf Kosten der dort lebenen Menschen andauern, nicht zu bestreiten, sofern man bei der Wahrheit bleiben will. Wer heute noch den Kommunismus ernsthaft als eine positive Alternative zur Marktwirtschaft sieht, der bewegt sich auf einem ähnlich idiotischem Niveau wie jene Dummköpfe, die bis heute nicht begriffen haben, was der Nationalsozialismus war. Es sei denn natürlich, derjenige weiß über den Komunismus ganz genau Bescheid und sehnt sich nach ihm aus ähnlichen Gründen, wie sich Neonazis nach dem Nazismus sehen, um nämlich seine sadistischen Triebe ausleben zu können.