Die Gesundheitslotterie

Der steinzeitliche Mensch saß in seiner Höhle oder in seinem Lehmhüttendorf und fürchtete sich. Papa starb, Mama starb, die Kinder starben, die Frau starb beim Kinderkriegen, die Kumpels starben, sogar der gerade erst gezähmte Hauswolf starb. Und auch der sich fürchtende Mensch selber konnte jeden Moment tot sein, vom Mammut zertreten, vom Säbelzahntiger verspachtelt, beim Feuermachen verbrannt weil sich sein Bart zu brennen begann. Also dachte sich Barney Geröllheimer Erklärungen und vermeintliche Gegenmittel für all das Sterben aus. So entstanden die Götter, die Dämonen, das Horoskop und, da Barney doch nicht völlig bescheuert war, zu unser aller Glück auch die Medizin. Wir sind immer noch dieselbe Spezies wie Barney und haben Angst. Vor allem Krankheiten wie Krebs lehren uns das Fürchten. Wir wollen nicht hinnehmen, dass Krebs einfach nur ein Zufall ist und basteln uns viele neue Aberglaubensgebäude, die dem Sinnlosen einen Sinn geben sollen. Leider spielt die Wissenschaft nicht mit. Die hat nämlich herausgefunden, dass Krebs mit wenigen Ausnahmen wie Lungenkarzinom oder Kehlkopfkrebs einfach nur Pech ist. Zwei Drittel aller Krebsfälle, so eine aktuelle Studie aus den USA, hätten nichts mit dem Lebenswandel der Patienten zu tun sondern seien zufälligen Genmutationen zu verdanken. Wenige Wochen zuvor hatte eine andere Studie nachgewiesen, dass „positives Denken“ gegen Krebs weder schützt noch ihn besser heilbar macht. Das ist ernüchternd und wird von den meisten Menschen wohl gar nicht wahrgenommen werden, denn es ist einfach viel angenehmer, wenn man etwas Unkontrollierbares wie Krebs durch magische Rituale wie spezielle Diäten, Sport oder autogenes Training beherrschen zu können glaubt. Und seltsamerweise scheint der Mensch sich außerdem besser zu fühlen, wenn er Kranken eine Mitschuld an deren Krankheit andichten kann. Diese Mitschuld scheint es laut neuen Erkenntnissen aber in einem viel geringeren Ausmaß zu geben, als bislang angenommen.

Der aktuelle Stand der Forschung wird es sehr schwer haben, bis in die Köpfe vorzudringen, denn eine ganze Industrie lebt von dem Versprechen, man könne dem Krebs und anderen Krankheiten durch eine Reihe von ganz einfachen Verhaltensmaßnahmen entrinnen. Ernährungsberater versprechen ebenso ewige Gesundheit wie Fitnesstrainerinnen und Psycho-Coaches. Allein: Es sind leere Versprechungen, gestützt auf Aberglauben und Hoffnung. Nichtrauchen kann dazu beitragen, sein Risiko für Lungen-, Kehlkopf- und Mundhölenkrebs sowie für Herz-Kreislauferkrankungen signifikant zu senken. Das ist nicht wenig, aber einen absoluten Schutz gibt es nicht. Auch Nichtraucherinnen erkranken an diesen Krebsarten, auch sportliche Menschen erliegen Herzinfarkten und manch lebenslanger Raucher kriegt nie Krebs. Rauchen ist halt so, als würde man für die Lungenkrebslotterie ein paar hunderttausend zusätzliche Gewinnscheine ausfüllen, was die Gewinnchance erhöht, aber den Gewinn nicht garantiert. Nix ist fix in diesem seltsamen Leben. Sicher, Nichtrauchen ist fast in jedem Fall positiv, gesundheitlich und finanziell, aber es ist kein Weg zum ewigen Leben. Der Tod holt jeden, ohne Gnade und ohne sich bestechen zu lassen durch eine angeblich gesunde Lebensführung. Das ist eine ungeheure Kränkung, die so tief geht, dass wir offenbar lieber jedem Todkranken eine Mitschuld an seinem Leiden geben als hinzunehmen, dass Krankheit und Tod integrale Bestandteile unserer Existenz sind. Gekränkte und verängstigte Menschen sind manchmal auch gefährlich, da sie ihre Angst und ihre Wut auf die Kranken projizieren und dann sogar so weit gehen, aus Angst vor der Krankheit die Kranken umzubringen. Dies kennt die Menschheit wohl seit den ersten totgeschlagenen Epileptikern, die man für von Dämonen besessen hielt, und man kennt es von der Eugenik und der Euthanasie. Und der Wahn, Krankheit durch Eliminierung der Kranken besiegen zu können, taucht immer wieder neu auf. Aktuell in vielen Diskussionen über die sogenannte „Sterbehilfe“.

Was ich mit all dem sagen will? Dass man ein wenig entspannen sollte! Mit dem Rauchen aufhören oder am besten niemals anfangen und sich halbwegs gesund zu ernähren und Bewegung zu machen ist nie falsch und erhöht fast immer die Lebensqualität. Sterben muss man aber trotzdem und wann der Tod anklopft, darüber entscheidet außer bei Selbstmördern allein der Zufall. Entspannt euch aber nicht nur selber, sondern seid auch nett zu den Kranken und seid solidarisch mit ihnen, denn die können meist nichts dafür, dass sie krank sind! Krankheit kann jeden treffen, auch die größte Gesundheitsfanatikerin und den schärfsten Moralapostel. Lasst euch nicht irre machen von den wandelnden Rechenschiebern und ihrer Volksgesundheitspropaganda! Lebt und genießt Euer Leben, solange es geht, denkt aber immer auch daran, dass schon morgen Ihr selbst an der Stelle derjenigen sein könntet, denen ihr heute vorhaltet, sie seien nur deswegen krank, weil sie „falsch“ gelebt hätten!

Krankheit als Charakterschwäche

Ich veröffentliche heute auf Facebook folgenden kurzen Text:

Ich wollte mir vorhin einen Kebap holen und wurde stattdessen Zeuge, wie die Hundstorferischen Sozialreformen das Land verändern. Die Kebapbude hatte einen neuen Mitarbeiter, einen großen, etwa 250 Kilo wiegenden Mann Ende 40, der gerade darin eingeschult wurde, wie man das Fleisch vom Spieß schabt und die Fladenbrötchen füllt. Der Mensch sah aus, als würde er jeden Moment umkippen vor Erschöpfung und Verwirrung. Die Blut unterlaufenen Augen flackerten unsicher, als würde der Wind der Realität sie fast zum Verlöschen bringen, und unter den Augen waren Tränensäcke die so aussahen, als wollte Eiter daraus hervorplatzen. Der traurige Koloss stand offensichtlich unter dem Einfluss einer Elefantendosis Neuroleptika, die ihn völlig willenlos und stumm machte, und roboterhaft tat er, was ihm der Lokalbesitzer befahl. An den Handgelenken trug er schweren Goldschmuck, den er beim Bröchtchenfüllen langsam durch die verschiedenen Saucen und Salate schleifen ließ, was er aber nicht mal bemerkte. Vor kurzem wäre der Mann auf einer Parkbank gesessen und hätte Tauben gefüttert, jetzt ist er „fit to work“.

Darauf antwortete Andreas Sucher, persönlicher Referent von Kärntens Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) und in der Landesregierung zuständig für „Neue Medien“.

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Wer krank, arm, arbeitslos oder all das zusammen und ist und nicht aus eigener Kraft gesund, wohlhabend und berufstätig wird, hat nach Ansicht von Herrn Sucher also einen schwachen Charakter, legt zumindest der Umkehrschluss nahe. Das ist eine interessante Betrachtungsweise medizinischer und sozialpolitischer Probleme und liegt voll im neoliberalen Trend, in dem seit Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder auch die Sozialdemokratischen Parteien mitlaufen. Wer das Pech hat, körperlich oder psychisch nicht den stetig steigenden Ansprüchen des Marktes zu genügen, ist laut dieser Weltsicht kein Opfer, dem man helfen sollte, sondern ein Mensch mit charakterlichen Defiziten, die man ihm nur austreiben müsse und schon würde er wieder begeistert teilnehmen können am großen Konkurrenzkampf. Wer das glaubt, entledigt sich der moralischen Verpflichtung, Kranke und Arme nicht verrecken zu lassen, denn an einem schwachen Charakter ist man schließlich selber  schuld. Herr Sucher postet auf seiner Facebook-Wall gerne Fotos, die ihn beim Laufen und anderen sportlichen Betätigungen zeigen. Sport härtet ab. Offenbar auch seelisch. Herr Sucher hat sich dann bemüht, die Aussage zu relativieren, und ich glaube ihm auch, dass er einsieht, dass Krankheit keine Charakterschwäche ist. Zumindest hoffe ich das.

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Noch ein „Glück“

„Gott soll einen hüten vor allem, was noch ein Glück ist“, soll die kluge Tante Jolesch gesagt haben. Der Satz ging mir  durch den Kopf, als ich heute auf der neurologischen Abteilung des LKH Klagenfurt war und mir „nur“ eine Nervenquetschung am linken Oberarm diagnostiziert wurde. Ich muss jetzt „nur“ einen Monat lang eine Schiene Tragen und eine Physiotherapie machen. Eben „noch ein Glück“, da ich gestern, als ich mit taubem linken Arm und total kraftlosen Fingern wach wurde, und diese Symptome auch nicht wieder verschwanden, wie sie es bei einem nur „eingeschlafenen“ Arm tun, gleich mal an eine Reihe ganz schlimmer Möglichkeiten denken musste. Könnte das ein kleiner Schlaganfall gewesen sein? Hat mich die Gicht erwischt? Ateriosklerose kurz vorm Herzkasper vielleicht? Oder (man soll exotische Varianten der Hypochondrie nie ausschließen) der Biss einer Giftspinne? Aber nein, es ist „nur“ ein eingeklemmter Nerv. Ich muss „nur“ einen Monat lang eine Armschiene tragen und kann vermutlich weder Autofahren, noch mich alleine an- und ausziehen, und das Tippen wird wohl auch keine reine Freude werden. Es fällt mir jetzt schon schwer, diesen Text zu schreiben, da meine linke Hand kraftlos wie die eines Babys ist. Herrgott im Himmel, wäre es denn zuviel verlangt, mich mal ein paar Monate mit Krankheiten und/oder Verletzungen zu verschonen? Haben der Krebs, die Darmverkürzung und die peinsame Abszessentferung nicht gereicht?