Amerikas Kuschelmonster

Dexter Morgan dürfte der populärste Massenmörder sein, den das Fernsehen je erfunden hat. In den USA läuft bereits die achte Staffel dieser Seifenoper über einen Serienkiller, der zum Sympathieträger werden k0nnte, weil er nicht etwa kleine Kinder entführt, die er dann stückweise verspeist, oder wahllos Frauen vergewaltigt und umbringt, sondern im Gegenteil solche Kerle durch Ermordung bestraft. Er hält sich an einen Kodex der ihm gebietet, sich als Opfer nur Mörderinnen und Mörder auszusuchen, die der Polizei durch das Netz geschlüpft sind. Dexter sorgt durch den Mord der Mörder für „Gerechtigkeit“, er ist der gute Serienkiller. Das allein würde natürlich noch nicht ausreichen, um diese fiktive Figur zum Sympathieträger zu machen, dazu braucht es eine ganze Reihe weiterer Zutaten, die der Sender „Showtime“ auch alle brav beimixt. Ganz wichtig für den Erfolg der Serie ist, dass Dexter auch beim weiblichen Publikum gut ankommt, und hier spielt man extrem geschickt auf der psychosexuellen Klaviatur. Der Protagonist ist kein gehetzter Irrer, der wahllos gewalttätig ist und seine Frauen mit dem Gürtel, der ansonsten einen Bierbauch in Zaum hält, verprügelt, nein, er ist sehr attraktiv, bestens trainiert, sehr höflich und enorm gebildet. Er lebt nicht in einem Kellerloch wie viele seiner Opfer, sondern in einem schicken Appartement und teilweise auf seiner Yacht. Er ist gut zu Kindern und, obwohl er als Psychopath Liebe nur simulieren kann, der scheinbar perfekte (Ehe)Partner, weil er sich nicht von Gefühlen leiten lässt, sondern das Wohlergehen von Frauen und Kindern, die mit ihm in Verbindung stehen, ganz rational als wichtig einstuft. Wenn jemand einer von Dexters Frauen, zu denen auch inzestuös prickend seine Stiefschwester gehört, in gefährdender Absicht zu nahe kommt, löst er das Problem mit nackter, oft genug auch tödlicher Gewalt und erfüllt damit die Sehnsucht vieler Frauen nach der Quadratur des männlichen Kreises: Er ist immer lieb und fürsorglich zu Frau und Kind, ein kuscheliger Softie so lange es ums Familiäre geht, wird aber zum mörderischen Raubtier, sobald jemand eine Gefahr für die idyllische Fortpflanzungsgemeinschaft darstellt. Und auch wenn er es mit diabolisch intelligenten oder starken Gegenspielern zu tun bekommt, bleibt er am Ende doch immer Sieger, denn er ist das Alphamännchen. Freilich ist die Serie modern genug, um Frauen auch als Täterinnen zu präsentieren. So widerfährt es Dexter im Laufe der Staffeln, gleich mehrere Mörderinnen kennen zu lernen, die dann mit ihm zusammen die ultimative Machtfantasie des Tötens ausleben.

„Dexter“ geht dabei nicht wirklich neue Wege. Die Blaupause lieferte bereits „Das Schweigen der Lämmer“. Da findet FBI Agentin Clarice Starling, die in einer von Männern dominierten Berufswelt einsam Karriere macht, umgeben von Neidern, Würstchen und aggressiven Blendern, erst im genialen Serienmörder Hannibal Lekter einen Hodenträger, zu dem sie aufsehen kann, was, das behaupten diese Filme, ein weibliches Grundbedürfnis sei. Nicht eine Partnerschaft unter Gleichen suche die Frau, sondern einen mächtigen Übervater, den idealisierten „Daddy“ aus der Kindheit, der alle Probleme löst und einem sagt, wo es lang zu gehen hat. Wie weit solche Vorstellungen verbreitet sind, beweist auch der Erfolg des Sadomaso-Romans „Shades Of Grey“, denn auch in diesem Büchlein findet die von Softies enttäuschte Frau erst Erfüllung, wenn sie sich einem dominanten Mann unterwerfen kann. 

Bedeutet der große Erfolg von Kulturprodukten dieser Sorte, dass Frauen im Grunde eine Sehnsucht nach dem Primitiven haben, nach der Ordnung der Horde und nach Unterwerfung unter das Alphatier? Ganz sicher nicht. Es handelt sich um Fiktionen, die Fantasien befriedigen. So wie die aller wenigsten Männern nach Konsum eines derben Aktionkrachers losziehen würden, um Selbstjustiz zu üben oder einen Krieg zu beginnen, wünschen sich auch die wenigsten Frauen einen Mörder zum Partner. Der ultra-dominante Mann, der über Widersacher obsiegt und diese nötigenfalls auch final aus dem Weg räumt, ist so eine Fantasie. Im realen Leben freilich finden die meisten Frauen solche Typen genauso abschreckend und mühsam wie Männer es mühsam finden vorzugeben, sie wären solch super maskuline Heldendarsteller.

So gesehen ist die Serie „Dexter“ einfach nur eine gut gemachte Vorlage, auf deren Basis vor allem das weibliche Publikum sich seinen Fantasien hingeben kann. Was bei  der Serie aber wirklich stört, ist der reaktionäre, ja verhetzende Grundton, wenn es um Fragen des Strafvollzugs und um psychische Krankheiten geht. In all den Folgen kommt genau einmal ein Mensch vor, dem zugestanden wird, er habe sich nach einer Haftstrafe gebessert (immerhin). Ansonsten herrscht die Ansicht, die so gut wie jeder amerikanische Film transportiert: Rehabilitation gibt es nicht, einmal Verbrecher, immer Verbrecher. Und: Psychisch Kranke sind immer auch gefährlich. „Dexter“ verschwendet keine Szene an die 99 Prozent jener seelisch Andersartigen, die niemals eine Straftat begehen oder gewalttätig werden, sondern legt dem Publikum nahe, dass jeder, der schon mal in psychiatrischer Behandlung war, ein potentieller Kannibale/Frauenmörder/Kinderentführer/Hundemissbraucher whatever sei. Es wird sogar unterschlagen, dass die psychische Besonderheit des Protagonisten, die Psychopathie nämlich, auch keine höhere Zahl an Verbrechern hervorbringt als irgend eine andere Abweichung vom sogenannten Normalen. Klar, das ist kein Lehrfilm, sondern eine Fernsehserie, die Quote machen muss, aber die Diabolisierung  psychischer Devianz nervt doch gewaltig und ist wohl auch nicht ganz unbedenklich.

Trotz allem macht „Dexter“ durchaus Spaß und gehört zu den guckbaren Serien neueren Baujahrs. Manchmal braucht man es einfach, Monstern bei der Arbeit zuzusehen, seien es japanische Riesenechsen, Zombies, Vampire, Geheimagenten oder halt ein Kuschelmonster wie Dexter Morgan.

Scheiß Vuvuzela, Teil 5

Ein paar andere Stimmen zur Tinitus-Tröte

Der Musikpsychologe Reinhard Kopiez„(…) Die Klänge der Vuvuzlelas haben ein erstaunlich breites Klangspektrum. In der Akustik sprechen wir von Maskierung. Während ein normales Instrument einen kleinen Bereich an Frequenzen abdeckt, in denen es stark vertreten ist, ist die Vuvuzela in einem sehr breiten Bereich stark vertreten – vom stärksten ersten Partialton bei 220Hz bis hinauf zu 15000 Hz. Das ist ein penetranter Störfaktor wie ein Staubsauger, der ebenfalls ein sehr breites Spektrum hat und deshalb als störend empfunden wird und eben nicht als Wohlklang. Das dürfte es sein, was Xabi Alonso und Messi genervt hat. Zudem übertönt dieser Klang alles: Sprachsignale und eben auch Gesänge, weil der Klang der Vuvuzela das dafür wichtige Frequenzspektrum überdeckt. Diese klangliche Breite erscheint uns als so lästig. (…) Die Vuvuzela wurde ja auch künstlich initiiert und ist in dieser Form keineswegs Bestandteil der afrikanischen Kultur. Das Instrument ist eine reine Marketingerfindung, die uns als tradierte Kultur verkauft wird. Bei den Ethnologen nennt man so etwas „Invention of Tradition“. Dies bedeutet: Man erfindet z.B. ein Plastikinstrument und behauptet später, dass dies gelebte afrikanische Kultur sei. Plötzlich ist man dann in der Situation zu denken, dass es das ja schon immer gegeben habe und folglich respektiert werden müsse. Die töten eher, wie ich fürchte, das afrikanische Talent zum Rhythmus und zum Gesang. Das wird eine akustische Monokultur werden. (…) Mit den Vuvzelas kann ein solch kunstvolles Zusammenspiel gar nicht umgesetzt werden. Das ist alleine ein unkoordiniertes Getröte in verschiedenen Tonhöhen, die alle so zusammenklingen, wie wenn ich auf dem Klavier alle Tasten auf einmal drücke. Am Ende bleibt dann nur das übrig, was wir in der Musikpsychologie einen Distraktor nennen, also ein Störsignal.(…)“

Die spanische Tageszeitung „El Pais“: „Die Vuvuzelas sind ein neuer Beweis für die unbegrenzte Fähigkeit des Menschen, sich selbst das Leben zur Hölle zu machen“.

Argentiniens Kapitän Javier Mascherano: „“Fußball ist auch Kommunikation. Es ist schwer, mit deinem Mitspieler zu sprechen bei diesem Krach“.“

Der südafrikanische Organisationskomitee-Chef Danny Joordan: „Ich bin kein Fan der Vuzuela. Ich würde am liebsten alle Fans auffordern zu singen. Das haben wir auch getan, als es darum ging, gegen die Apartheid zu kämpfen. In unserer Geschichte war es stets die Fähigkeit zu singen, die Inspiration für uns war.“

Zweifellos lauter Rassisten und Kulturchauvinisten, vor allem der Südafrikaner…