Wir gegen die Barbaren?

Die wichtige Frage der Woche lautet: Was passiert da eigentlich gerade und welcher Krieg findet da statt? Sicher scheint mir eines: Wir stehen nicht in einem Kulturkrieg, denn die Kultur der fanatischen Islamisten ist keine und war nie eine. Die Barbarei, die diese Leute als ihre „traditionelle“ Kultur sehen wollen, hat so nie existiert und ist auch innerislamisch eine relativ junge Erscheinung. Der Islam war über weite Strecken seiner Geschichte geprägt von einer großen Toleranz gegenüber Andersgläubigen und gegenüber der Wissenschaft, vor allem im Vergleich zum finsteren Europa, wo die Scheiterhaufen brannten und die innerchristlichen Fraktionen sich Kriege mit völkermörderischen Ausmaßen lieferten. Jahrhundertelang waren die islamisch dominierten Gebiete auch Zufluchtsorte für Juden, die im christlichen Abendland immer wieder Pogromen, Berufsverboten und Deportationen zum Opfer fielen. Wenn heute jemand von einer Auseinandersetzung zwischen dem „christlich-jüdischen Abendland“ und „dem islam“ fabuliert, dann ist das ein schlechter Witz, über den wohl seit dem Mittelalter kein europäischer Jude lachen würde können, schon gar keiner von den sechs Millionen, die noch im 20. Jahrhundert von ihren durchwegs christlichen Nachbarn millionenfach ermordet wurden. Wenn wir von Kulturen reden, dann müssen wir zugeben, dass im historischen Vergleich die christlich-abendländische um einiges schlechter aussieht als die islamische. Von einem „Kampf der Kulturen“ zu sprechen und dabei auch noch Partei für die abendländische zu ergreifen können demnach nur Geschichtsvergessene, Fantasten und Demagogen.

Natürlich hat die abendländische Kultur große Leistungen hervorgebracht, allein: Auch die islamische war da recht beeindruckend unterwegs. Die Darstellung der Rassisten, wonach der Okzident Renaissance und Aufklärung produziert hätte und der Orient nur Despotismus und Fanatsimus, ist falsch. Die kulturellen Leistungen des islamischen Kulturkreises sind mannigfach und zu einem nicht geringem Teil auch die Bedingung für jene des Abendlandes. Ich werde hier nicht alles aufzählen, was die Welt der islamischen Kultur verdankt, das möge bitte jeder Leser und jede Leserin selber nachschlagen, ist in jeder mittelmäßigen Biblothek zu finden. Aber man kann durchaus sagen, dass wir ohne Islam vermutlich immer noch im Mittelalter feststecken würden. Dass Teile der islamischen Welt genau dort, nämlich im Beinahe-Mittelalter, wieder gelandet sind, ist nicht die Schuld des Islam, sondern seiner reaktionärsten Teile, die sich durch Putsche und teils auch mit der Unterstützung westlicher Kolonialisten gegen die eigene Tradition und gegen die Liberalen durchsetzen konnten. Hätten Europa und später die USA nicht im Nahen und Mittleren Osten herumgepfuscht, wer weiß was sich dort entwickeln hätte können? Hätten die Westmächte nicht gegen Mohammed Mossadegh putschen lassen, hätten wir es heute vielleicht nicht mit einem theokratischen Iran zu tun, um nur ein Beispiel zu erwähnen. Auch die sunnitische islamistische Pest, die seit 30 Jahren die Erde mit Terror und Krieg überzieht, würde vielleicht in dieser Form gar nicht existieren, hätten „wir“ nicht die afghanischen Mudschaheddin gegen die Sowjetunion hochgepäppelt. Die islamistische „Kultur“, von der diese Islamisten und die rechten westlichen islamfeinde sprechen, ist demnach keine islamische Hervorbringung, sondern ein vom Westen maßgeblich mitgebautes Frankensteinmonster, das sich wie sein literarisches Vorbild nun gegen seine Schöpfer wendet.

Das ist wichtig zu begreifen bevor man von „Kultur“ redet. Die aktuellen radikalislamischen Strömungen vertreten keine Kultur, sondern eine primitive tribalistische Barbarei, die die kriegerischen Formierungsjahre des Islam als islamisches ideal missversteht. Die Attraktion dieser militanten Rückwärtsgewandtheit auf die Deklassierten, auf die Zukurzgekommenen und in der globalen Wirtschaft Abgehängten liegt einzig darin, dass die Militanten wenigstens irgendeine Veränderung nicht nur versprechen, sondern auch umsetzen. Es ist ein Angebot, das dem der Nazis an die Verlierer der Wirtschaftskrise der späten 20er jahre insoferne vergleichbar ist, als dass es eine Scheinlösung offeriert, die auch der Dümmste verstehen kann: Alles wird besser, wenn wir die „Ungläubigen“ ermorden oder vertreiben (bei den Nazis: „Alles wird besser, wenn wir die Juden beseitigen“). Der theokratische Totalitarismus hat also durchaus ein fruchtbares Rekrutierungsfeld in der wirtschaftlichen Bedrängnis, woran sich auch dadurch nichts ändert, dass viele Islamisten wohlhabenden Familien entstammen. Die Basis dieser Strömungen sind Menschen, die in Verzweiflung und Elend existieren müssen und die in politische Strömungen westlicher Prägung keine Hoffnungen mehr setzen, weil die entweder in von (Bürger)Krieg überzogenen Gegenden nichts mehr ausrichten können oder die materielle und psychische Notlage ignorieren, wie das hier bei uns zunehmend geschieht.

Aber was kann man machen? Zunächst müssen wir, die wir gegen Barbarei und für Zivilisation sind, für die Menschenrechte und gegen die Despotie, uns klar positionieren und äußern, indem wir den islamistischen Fanatismus ebenso ablehnen wie die Bedrohung der Zivlisation durch jene, die einen Kulturkrieg herbeizureden versuchen. Wir müssen uns darüber klar werden, dass die Reaktionen auf islamistischen Terrorismus gefährlicher sein können als der Terrorismus selbst. Wir müssen erkennen und benennen, dass eine perverse Querfront besteht zwischen Islamisten und rechten Islamhassern. Jeder Terroranschlag bringt diese beiden Gruppen ihren Zielen näher, denn je mächtiger Strömungen werden, die den Islam als ganzen verteufeln und gegen alle Muslime vorgehen wollen, desto legitimierter fühlen sich jene Muslime, die einen Dschihad führen möchten. Diese Mechanismen gilt es zu verstehen, zu entlarven und bloßzustellen.