Die Rechte der Frau sind relativ?

Feminismus hatte mal was damit zu tun, für die Befreiung der Frauen von den Zwängen einer patriachal dominierten Kultur einzutreten. Es ging um politische, wirtschaftliche und sexuelle Selbstbestimmung und um die Emanzipation von – vor allem durch Religionen tradierte – Rollenzuweisungen. Mittlerweile sind weite Teile der westlichen Frauenbewegung jedoch den Weg vieler ehemals emanzipatorischer Strömungen gegangen und haben sich geradezu lustvoll der Regression ergeben. So kann dann auch die Kulturwissenschafterin und Amerikanistin Gabriele Dietze in einem Interview mit dem „Standard“, in dem sie zum französischen Burka-Verbot Stellung bezieht, von „Islamophobie“ quasseln, gegen den „säkularen Universalismus“ wettern, mit dem das „krisengebeutelte und zerrüttete Frankreich“ sich seines „abendländischen Führungsanspruchs“ versichern wolle, und den westlichen Staat mit dem „imaginierten muslimischen Patriarch“ (sic) gleichsetzen. Was für ein Schlag ins Gesicht all jener Frauen, die von ihren streng muslimischen Vätern, Gatten und Brüdern unterdrückt, misshandelt, wie Vieh verschachert und immer wieder auch im Namen der „Ehre“  ermordet werden! Welch Verrat an den Frauen in der islamischen Welt und in den islamischen Communities im Westen, die oft genug unter Lebensgefahr für ihre Freiheit kämpfen! Ihnen allen unterstellt Dietze, quasi gegen ein Fantom anzutreten, da der „muslimische Patriarch“ ja nicht real, sondern nur ein „imaginierter“ sei.

Ganz im Stile der Delegitimationsstrategien, die auch in diversen linken Sekten seit jeher gegen „Abweichler“ zur Anwedung kommen, spricht Dietze Frauen, welche die Gefahr thematisieren, die vom radikalen Islam für die Frauenrechte ausgeht, das Recht ab, sich Feministinnen zu nennen und unterstellt ihnen frech und unbewiesen, sich nicht in gleichem Ausmaß gegen misogyne Auswüchse des Christentums zu engagieren. Und Dietze schreckt auch vor völlig unpassenden Vergleichen nicht zurück: Es verträgt sich nicht mit einem universalistischen Rechtsverständnis, Sondergesetze für Bevölkerungsgruppen zu machen. Der Gesetzgeber nimmt sich ja auch nicht heraus, kontemplative Nonnen in die Welt zu befreien oder Internate für Sportgymnastinnen zur Vermeidung von Anorexie und Übertraining von vorpubertären Mädchen zu schließen. Dass im Jahr 2010 nur die wenigsten Nonnen unfreiwillig im Kloster sitzen, dass diese Nonnen, wenn sie das Kloster verlassen wollen, in aller Regel nicht von ihren Vätern oder Brüdern verprügelt und/oder ermordet werden, dass der Besuch von Sportinternaten nur recht selten mit der Befolgung religiös fundierter Traditionen zusammenhängt und dass Sportinternate schon längst verboten wären, würde es einen nachweisbaren und nicht bloß als billiges Scheinargument herbeifantasierten Zusammenhang dieser Institutionen mit Magersucht geben – was kümmert das eine postmoderne, postkolonialistische Kulturrelativistin?

Ach ja, so wie es den „musilimischen Patriarch“ laut Dietze nur als Imagination gibt, so ist für diese große Feministin auch die systematische und strukturelle Unterdrückung der Frau in muslischen Staaten bloß eine „Erfindung“: Mit Okzidentalismus meine ich eine abendländische Ideologie, die sich ihrer Überlegenheit über die Stigmatisierung, und im weitesten Sinne auch über die Erfindung, eines rückständigen ‚orientalischen Anderen‘ versichert. Frauen werden in diesem Zusammenhang zu ‚Grenzobjekten‘, an denen die Fortschrittlichkeit des Abendlandes bewiesen wird. Der Kampf um Kopftuch und Schleier ist insofern kein altruistischer Versuch, unterdrückte Frauen zu retten, sondern ein Kampf um Leitkultur.

Und eine Leitkultur ist natürlich böse, denn allein schon das Wort klingt nach Schwanzvergleich und Hierarchie, und das ist ganz ganz schlimm, viel schlimmer, jedenfalls für Frau Dietze, als der ganz reale Status der Frau als Mensch zweiter Klasse in traditionell islamischen Gesellschaften. Aus dem geschwollenen Theoretikerinnensprech übersetzt ist Dietzes Position diese: Solange auch nur ein besoffener Europäer seine Frau schlägt, solange der weibliche Körper im Westen für Werbezwecke ausgebeutet wird, solange es sexistische Benachteiligungen in westlichen Gesellschaften gibt  ist Kritik am radikalen islamischen Patriachat unangebracht. Das ist selbstverständlich totaler antiemanzipatorischer Quatsch, da Frauenrechte Menschenrechte sind und daher deren Verletzung überall bekämpft werden muss. Aber das ist Leuten wie dieser Dietze wohl zu „universalistisch“ und daher auch „kulturimperialistisch“ und gar „kolonialistisch“…

Schwulenhass und Kulturrelativisismus

Nach dem Iran gibt es jetzt noch einen Staat, in dem es keine Schwulen geben soll: Uganda erwägt die Einführung der Todesstrafe für Homosexuelle. Aus dem „Spiegel“: Die Maßnahmen, die ein Gesetzentwurf in Uganda vorsieht, sind drastisch. Schwulen droht unter Umständen sogar die Todesstrafe, wenn der Vorstoß in dem ostafrikanischen Land Realität wird. Angehörige und Freunde müssten mit sieben Jahren Gefängnis rechnen, wenn sie Homosexuelle nicht denunzieren. Und Vermieter hätten Haftstrafen zu befürchten, wenn sie Homosexuellen Wohnraum vermieten.

Und dann etwas ausführlicher: Vertreter der Schwulenbewegung gehen davon aus, dass der Entwurf wohl beschlossen wird. Doch noch wird darüber beraten, und Änderungen sind möglich, bevor eine Abstimmung angesetzt wird. Die derzeitige Version sieht die Todesstrafe für HIV-infizierte aktive Homosexuelle sowie für gleichgeschlechtliche Vergewaltigung vor. Auch „Serientätern“ könnte sie drohen, wobei der Begriff nicht näher definiert ist. Auf „homosexuelle Handlungen“ an sich stünde lebenslange Haft. Beihilfe oder Begünstigung würde mit sieben Jahren geahndet. Dasselbe Strafmaß träfe jeden, der Homosexuellen eine Wohnung oder ein Haus vermietet. Personen mit religiösem, politischem, wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Einfluss, die einschlägige Gesetzesverstöße nicht bei den Behörden melden, müssten mit drei Jahren Gefängnis rechnen.

Aber Uganda steht mit seiner extremen Homophobie in Afrika nicht alleine da: In Nigeria, wo gleichgeschlechtliche Liebe schon jetzt mit dem Tod oder mit Haft bestraft werden kann, werden Strafverschärfungen für die „Förderung von Homosexualität“ erwogen. Burundi hat gerade gleichgeschlechtliche Beziehungen untersagt, Ruanda hat es vor. In Kenia ist Homosexualität verboten. Allerdings hat die Regierung gerade zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung eine Befragung nach der sexuellen Orientierung in Auftrag gegeben und damit anerkannt, dass es sie gibt. Als aber kürzlich ein kenianisches Männerpaar in London heiratete, war die Empörung in der Heimat groß, die Familien der beiden wurden belästigt.

Was haben Uganda, Kenia, Burundi und Ruanda gemeinsam? In allen diesen Staaten besteht die Bevölkerung überwiegend aus Christen, wobei die Katholiken den Großteil stellen und die Anglikaner die zweitgrößte Gruppe sind, gefolgt von rasch wachsenden Anhängerschaften amerikanischer Evangelikaler.  In Nigeria gibt es eine knappe muslimische Mehrheit. Alle diese Religionsgemeinschaften (nicht alle Gläubigen) haben eines gemein: Sie betrachten Homosexualität als Vergehen gegen die gottgewollte Ordnung und unterstellen Schwulen, dass diese sich ihre sexuelle Neigung ausgesucht hätten bzw. dass Homosexualität „erlernt“ und damit auch „geheilt“ werden könne. Das gilt zumindest für die konservativen Strömungen innerhalb der verschiedenen christlichen Sekten und des Islam, und leider sind es genau diese, die in Afrika bestens gedeihen. Das hat eine ganze Reihe von Gründen, die wichtigsten sind wohl der Bildungsnotstand, das ökonomische Elend sowie eine in vielen Gebieten Afrikas schon vor der Christianisierung oder Islamisierung vorhandene extrem patriachalische Kultur, in der Homosexualität bereits tief verpönt war. In Teilen Afrikas gibt es immer noch Hexenverbrennungen und Furcht vor „Schlechtzauber“ (was sogar der Papst bei seiner vergangenen Afrikareise anprangerte), vorchristliche Vorstellungen vermischten sich mit dem neuen Glauben und als Resultat finden wir heute die reaktionärste Auslegung christlicher und islamischer Lehren auf dem „Schwarzen Kontinent“. Betrachtet man die Sache analytisch, so werden für jeden hingerichteten Schwulen in Uganda die Kirchen eine Mitschuld tragen, denn die neuen Gesetze sollen ja unter anderem die HIV-Epedemie eindämmen, und es sind vor allem die Katholiken und Evangelikalen, die den Menschen in Afrika immer vorbeten, dass Kondome des Teufels seien. Und dass die AIDS-Problematik auf Schwule reduziert wird, obwohl gerade in Afrika Frauen ebenso davon betroffen sind, zeigt die eindeutig homophobe und radikal patriachale Richtung des religiös inspirierten Denkens der dortigen Eliten.

Es ist aber keineswegs so, dass Homophobie und Aberglauben und religiöser Fundamentalismus exklusiv afrikanische Veranstaltungen wären. Und dass HIV-Positive, die um ihre Erkrankung wissen und trotzdem wechselnde Sexpartner haben, kriminell handeln, sehe ich auch so (nur würde ich dafür niemanden die Todesstrafe wünschen). Auch in Europa und den USA machen manche Religionsvertreter immer wieder Schlagzeilen, wenn sie behaupten, sie könnten Homosexualität „heilen“, womit sie Schwulen und Lesben unterstellen, sie seien „krank“. Wenn aber Homosexualität an sich kriminalisiert und mit lebenslangen Haftstrafen oder gar dem Tod bedroht wird wird, hört bei mir jegliches Verständnis auf.

Interessant ist, dass nur der moderne demokratische Rechtsstaat in der Lage zu sein scheint, Homosexualität nicht nur zu entkriminalisieren, sondern auch Stück für Stück als Teil der Normalität anzunehmen. Klerikal dominierte Staaten sind dazu ebensowenig in der Lage wie faschistische oder faschistoide Diktaturen, ganz zu schweigen vom Nationalsozialismus, unter dem der heutige deutsche Außenminister mit einem rosa Winkel an der Brust im KZ sitzen würde. Aber auch der Kommunismus, der sich als Avantgarde des Fortschritts verstand, konnte der Versuchung, Schwule zu diskriminieren, nicht widerstehen. Zwar wurde als eine der ersten (!) Gesetzesänderungen unmittelbar nach der russischen Oktoberrevolution, in diesen noch wundervollen Tagen, in denen Utopia zum Greifen nahe schien, die Strafwürdigkeit der Homosexualität abgeschafft. Doch nur wenige jahre später, mit Einsetzen des Stalinismus, galten Schwule wieder als Außenseiter und Homosexualität wurde als Symptom „westlicher Dekadenz“ verleumdet. Es ist überdeutlich: Nur Demokratien westlicher Prägung haben bislang, nach langen Kämpfen wohlgemerkt, den kulturellen Sprung nach vorne geschafft und in diesen Demokratien werden Schwule und Lesben nicht nur, bis auf Ausnahmefälle, nicht mehr verfolgt, sondern auch vom Volk in hohe politische Ämter gewählt. Die Akzeptanz von Homosexualität als eine normale sexuelle Ausrichtung wurde in unseren westlichen Demokratien möglich, weil einerseits in den 60er, 70er und 80er jahren eine Kulturrevolution stattfand und fortschrittliche Kräfte den Reaktionären die Deutungshochheit über die Bewertung sexuellen Verhaltens entrissen, und andererseits die Menschen bemerkten, dass Schwule und Lesben abseits des Schlafzimmers völlig normale Männer und Frauen sind, die „gut“ oder „böse“ sein können wie jeder andere Mensch, und dass man sie nach ihren Taten beurteilen sollte und nicht nach ihren Neigungen. Auch scheint sich herumgesprochen zu haben, dass Homosexualität nichts mit Pädophilie zu tun hat, eine falsche Verquickung, die lange eines der Scheinargumente der Schwulenhasser war. Kurz: gebt den Menschen Bildung und Wohlstand, gebt ihnen Informationsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, und sie werden seltener auf Hassprediger hereinfallen. Das gilt, wie gesagt, für das Thema Homsexualität und für andere Minderheiten. Eine übertriebene Toleranz gegen intolerante religiöse oder politische Fanatiker hingegen kann dasselbe im negativen Sinne bewirken, dass nämlich die Intoleranten in ihrer Intoleranz sich bestätigt fühlen und viele Menschen meinen, diese Intoleranz sei ja halb so wild, ja „normal“. Toleranz darf nicht in Kulturrelativismus abrutschen, denn dann müssten wir es ohne Empörung hinnehmen, wenn im Iran Schwule am Baukran aufgehängt werden oder in Uganda Homosexuelle im Kerker enden, wir müssten den Nationalsozialismus als eine politische Richtung wie jede andere akzeptieren und archaische voraufgeklärte Kulturen der unseren als gleichwertig. Das sind sie aber nicht. Und die Rassisten sind jene, die das Gegenteil behaupten, die verlautbaren, die Menschen und deren Kulturen seien nunmal „verschieden“ und man habe diese Verschiedenheit auch dann zu akzeptieren, wenn gerade auch die Betroffenen unter ihrer „Verschiedenheit“ extrem leiden. Um es mal anders auszudrücken: Afrikaner sind weder dümmer als Europäer, noch ist der beklagenswerte Zustand ihrer Staaten eine Art „Naturzustand“, den man einfach hinnehmen müsste. Dasselbe gilt für die Einstellung gegenüber klerikalfaschistischen Staaten. Länder, deren Verfassung auf der Scharia oder den schlimmsten Pasagen der Bibel beruht, in denen Homosexuelle ermordet werden, „Ehebrecherinnen“ gesteinigt, Diebe verstümmelt und „Ungläubige“ verfolgt werden, sind NICHT unseren westlichen Demokratien gleichwertig. Institutionalisierter Schwulenhass, Versklavung von Frauen, Genitalverstümmelungen, Unterwerfung unter religöse Herrschaftssysteme sind NICHT als kulturelle Eigenheiten hinzunehmen. Wer das macht, also Kulturen relativiert, der ist ein Menschenfeind, weil er nicht auf der Seite der Unterdrückten und Bedrängten steht, sondern auf jener der Henker und der Unaufgeklärten.