v/km – Verhungerte pro Kilometer

Die massive Förderung von „Biosprit“ in dessen derzeitiger Form gehört wohl zu den irrsinnigsten Maßnahmen einer an Irrsinn nicht armen Politik. Wäre Ehrlichkeit eine Kategorie politischen Handelns, müssten in den Fahrzeugpapieren in Hinkunft neben dem Kürzel l/km (Liter pro Kilometer) auch die Angaben v/km (Verhungerte pro Kilometer) und zr/km (Zerstörter Regenwald pro Kilometer) drinstehen. Auf landwirtschaftlichen  Flächen, die sich zur Nahrungspflanzenerzeugung eignen, Agrarsprit-Rohstoff anzubauen, ist ein Verbrechen gegen die Menschheit. Und es ist eine ökologische Katastrophe, denn Europa kann nur einen kleinen Teil seines Bedarfs selber herstellen, der Rest wird vor allem aus Brasilien importiert, wo man immer größere Regenwaldgebiete abholzen muss, um den Verlust von Anbauflächen für Nahrungsmittel auszugleichen. Prinzipiell ist es ja keine schlechte Idee, auf Sprit zu setzen, der nachwächst, doch hätte man noch zwei bis drei Jahre warten sollen, denn dann wird die Technik so weit sein, aus Gräsern und Hölzern Ethanol herzustellen, was nicht ganz so menschen- und umweltfeindlich wäre, denn es ist allemal besser, Sprit aus zB Heu zu machen statt aus Weizen und Zucker. Aber in zwei bis drei Jahren werden sich Europas Bauern und deren lateinamerikanische Kollegen daran gewöhnt haben, dass man ihnen, staatlich garantiert, Weizen und Zuckerrohr für die Spritproduktion abkauft, werden überall Raffinerien stehen, die nur Weizen und Zuckerrohr (bzw. Zuckerrüben) verarbeiten können. Und da die Politiker in ihrer Weisheit und sicher auch Unbestechlichkeit entschieden haben, dass man den Vertrieb des Bioprits ganz den bewährten Händen der Mineralölmultis überlässt, werden sich auch die Konsumenten bald daran gewöhnt haben (müssen), höhere Preis zu bezahlen.

Lateinamerika: Castros historische Schuld

Nach dem Sieg des FMLN-Kandidaten Mauricio Funes bei den Präsidentschaftswahlen in El Salvador bekommt ein weiterer lateinamerikanischer Staat eine linksgerichtete Regierung. Funes scheint aber zum gemäßigten, eher sozialdemokratisch orientierten Flügel der amerikanischen Linken zu gehören, spricht er sich doch immer wieder für gute Beziehungen zu den USA, gegen Verstaatlichungen ausländischer Investitionen und gegen den venezuelanischen Kurs aus. Der Journalist bezeichnet sich selbst als Humanisten und will sich vor allem für den demokratischen Rechtsstaat und eine Verbesserung der sozialen Lage einsetzen. Mit pathetischen Parolen, wie man sie von einem Hugo Chavez oder Fidel Castro gewohnt ist zu hören, geizt der ehemalige CNN-Mitarbeiter. Dieser pragmatische Ansatz dürfte genau der richte sein in einem Land, das immer noch in zwei Lager geteilt ist und unter den Folgen des verheerenden Bürgerkriegs, dem in den 80er Jahren 75.000 Menschen zum Opfer gefallen waren, leidet. Gerade dieser Bürgerkrieg, in dem die USA die brutalen Todesschwadronen des rechten Lagers unterstützten, würde Funes mehr moralisches Recht verleihen, gegen die Vereinigten Staaten zu hetzen, als es ein Castro oder ein Chavez je hatten, doch der 49-Jährige hütet sich vor Anti-Yankee-Sprüchen.

Wieso?

Funes weiß genau, dass eine polarisierende Rhetorik und eine Politik nach kubanischem oder chavistischem Vorbild El Salvador zur Explosion bringen könnte. Außerdem bestehen zwischen den USA und El Salvador ökonomische Bande, die nicht zuletzt wegen der 2,5 Millionen Salvadorianer, die in Nordamerika arbeiten, sehr eng sind. Funes dürfte aber auch intelligent genug sein, um zu wissen, dass nicht nur die USA in Lateinamerika Stellvertreterkriege führten und dass die tödliche Verengung der politischen Möglichkeiten auf kommunistische Bestrebungen auf der einen und bedingungslose Unterstützung der Yankees für antikommunistische Mörderbanden auf der anderen Seite, unter denen der Kontinent in den vergangenen Jahrzehnten litt, vor allem den Fehlentscheidungen eines Mannes zu verdanken ist: Fidel Castro.

Als Castros Guerilla das Regime von Fulgencio Batista 1958 in die Knie zwang, waren die Nordamerikaner zunächst voller Sympathie für die erfrischend unkonventionell wirkenden Revolutionäre, denn Batistas Brutalitäten hatten in den USA Abscheu und heftigste Kritik provoziert. Castro wurde bei seinem ersten USA-Besuch wie ein Popstar gefeiert und die amerikanischen Regierung war durchaus bereit, ein gemäßigt linkes Projekt vor seiner Südküste zu tolerieren, ja sogar zu unterstützen. Doch Fidel dachte gar nicht daran, mit den Nordamerikanern zusammenzuarbeiten. Er hegte schon damals einen Hass auf die Yankees, der rational kaum erklärbar war, und anstatt ein demokratisches linkes Vorzeigemodell für Lateinamerika zu schaffen, warf er sich den Sowjets an die Brust, enteignete amerikanische Firmen und führte einen rigiden Kommunismus osteuropäischer Prägung samt Gulag und schlimmster Unterdrückung ein. Dass sein Hass auf die USA, wie bereits erwähnt, irrational war, beweist sein Verhalten während der Kuba-Krise: Wäre es nach Castro gegangen, er hätte Kuba im nuklearen Feuer untergehen lassen, solange dafür auch ein paar nordamerikanische Städte ausgelöscht worden wären. Selbst die Russen waren entsetzt von Fidels apokalyptischer Kriegstreiberei. Nach diesen Erfahrungen änderte sich die Politik der USA gegenüber Befreiungsbewegungen im Süden dramatisch. Von damals an wurde in jeder linken Bewegung bis hinunter zu einfachen Gewerkschaftern ein sowjetisches Manöver vermutet, was Castro und seine Jünger durch ihre Rhetorik auch zu bestätigen schienen. Im Umkehrschluss bedeutete dies, dass die politische Linke sich pro-sojwetisch, pro-castristisch oder zumindest pro-kommunistisch geben musste, so sie  finanzielle und logistische Unterstützung bekommen wollte. Der Teufelskreis war geschlossen und blieb es auch bis zum Ende des Kalten Krieges. Die Geschichte Lateinamerikas wäre eine völlig andere gewesen und hunderttausenden Menschen wäre der Tod durch Bürgerkrieg und Ermordung erspart geblieben, hätte Castro in den ersten Jahren seiner Herrschaft rational gehandelt statt sich von seinen Obsessionen leiten zu lassen.

Damit soll die Rolle der USA in Mittel- und Südamerika nicht beschönigt werden. Es war ohne Zweifel ein moralischer Tiefpunkt der Washingtoner Außenpolitik, jeden Blutsäufer bedingungslos zu unterstützen, solange er nur brutal genug gegen reale oder vermeintliche Verbündete Havannas und Moskaus vorging. Doch wäre es zu billig, die Motive dafür lediglich in den ökonomischen Interessen oder gar einer Art inhärenten Bösartigkeit der Vereinigten Staaten zu sehen, wie es etwa die Antiimperialisten so gerne tun. Die Konfrontationspolitik wurde von Fidel Castro eröffnet und zugespitzt, und das ist die große historische Schuld, die der alte Diktator auf sich geladen hat.