Genormte Gesellschaft

Als ich ein Kind war, traf man in jeder kleinen Stadt, ja in jedem Dorf auf Menschen, die nicht der Norm entsprachen: Down-Patientinnen, Schwerstalkoholiker, Müll hortende Messies, Einsiedlerinnen, Menschen mit kombinierten Behinderungen, seltsame Exzentriker usw. Wer heute durch die Dörfer und Kleinstädte geht bemerkt, dass diese Leute fast vollständig aus dem Ortsbild verschwunden sind. Unsere Hochleistungsgesellschaft hat die Störenden verschwinden lassen, natürlich nur zu derem Wohl, wie man uns versichert und wie wir es unhinterfragt glauben. Die, die noch vor gar nicht so langer Zeit durch ihre schiere Existenz in unserer Mitte Kontrapunkte setzten zum Einerlei der auf Leistung getrimmten Norm, fristen heute ihr Leben in Psychiatrien, Pflegeheimen und anderen Anstalten, die dazu da sind, uns die Zumutung der Andersartigkeit zu ersparen. Nach der Psychiatriereform Anfang der 80er Jahre war das kurzfristig anders, und ich erinnere mich noch gut an Politikeraussagen, die die Beschwerden jener Bürger, die sich von den vielen „Irren“, die plötzlich in der Öffentlichkeit zu sehen waren, belästigt fühlten, damit kommentierten, dass dies nun mal der Preis für die Reform der Wegsperrpraxis sei. Leise und von den meisten unbemerkt wurde die Reform wieder rückgängig gemacht, da die Bevölkerung nicht willens war, Andersartige zu tolerieren, geschweige denn zu akzeptieren. Heute landen mehr Menschen gegen ihren Willen in psychiatrischen Anstalten als jemals zuvor, und das Wegsperren geschieht schnell und reibungslos. In Deutschland (und in Österreich ist es ähnlich) wurden 2013 doppelt so viele Verfahren zur Zwangseinweiseung eingeleitet wie im Jahr 2003. Schon kleine Abweichungen im Verhalten können dazu führen, dass Menschen ihrer Freiheit beraubt werden, um sie zu „behandeln“. Das sollte allen, die anders sind als die Mehrheit, Angst einjagen. Zum Beispiel Schwulen, Lesben und Transgenderpersonen. Zwar scheint die Entwicklung gegnüber sexuellen Minderheiten in Richtung Toleranz und Akzeptanz zu gehen, doch beschränkt sich dieser Trend auf wenige Industrienationen. Global gesehen werden LGTB-People heute so scharf verfolgt und unterdrückt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Und auch hier bei uns kann die Toleranz, die in Wahrheit nur in ökonomisch und edukativ besser gestellten Kreisen und auch da nur zum Teil geübt wird, sofort zu ihrem Ende kommen, wenn der Wind ein wenig rauer wird, und die Anzeichen dafür sind schon zu sehen. All die Sarrazins und Matusseks und Straches, die zur Zeit noch gerne für ihre Homophobie verlacht werden, könnten schon morgen das Sagen haben. Noch vergiften sie das Klima nur in Talkshows und Zeitungskommentaren und Bestsellern, aber in vielen Ländern stehen weit rechts stehende Parteien mit entsprechender Weltsicht kurz vor der Machtübernahme, und in der Ukraine hat die Europäische Union dabei geholfen, Menschen an die Macht zu bringen, die zuvor in paramilitärischen Einheiten Schwule und Lesben verfolgt haben. Der Normierungsdruck, der derzeit vor allem gegen psychisch abweichende Menschen aufgebaut wird, kann jederzeit auch auf LGTB-Leute ausgedehnt werden. Es ist ja zu bedenken, dass Homosexulität noch vor wenigen Jahren als „Krankheit“ in psychiatrischen Diagnosehandbüchern gelistet war.

High zur Pride-Parade

Wer Geld hat, kann sich ein schönes Leben machen, wer keines hat, geht vor die Hunde oder wird vom Repressionsapparat durch Einsperren oder Umbringen entsorgt. Das ist weltweit so üblich, mit Ausnahme einiger gerade untergehender sozialstaatlicher Inseln vielleicht. Natürlich stehen die Chancen, durch Arbeit oder Geschäfte zu so viel Geld zu kommen, dass es zumindest zum Überleben reicht, dort besser, wo die Wirtschaft brummt, was die Hauptursache moderner Migrationsbewegungen ist, aber prinzipiell herrscht durch die Globalisierung des Kapitalismus überall auf der Welt die Bemessung des Wertes menschlicher Existenz nach ihrer Rentabilität. Ist also alles die gleiche Sauce? Nein, denn der Menschen will ja mehr als bloß überleben, der möchte auch noch ein bisschen Spaß haben und, wenn es geht, lieben oder wenigstens Liebe machen. Und seine Meinung möchte er ebenso sagen dürfen wie er die Freiheit schätzt, zum Gott seiner Wahl zu beten. Wo der Mensch das alles darf, ist er freier als dort, wo er es nicht darf. Er bleibt zwar Gefangener des ökonomischen Zwangs, aber er darf sich zumindest darüber beschweren und er wird nicht verfolgt, bloß weil seine Art zu lieben, zu feiern oder zu glauben anderen nicht passt.

Wie steht es um die Liebe? In den USA dürfen Männer Männer lieben und Frauen Frauen, und wer das verbieten will, wird politisch nicht mehr ernst genommen. In Russland steht die bloße Äußerung der Meinung, Homosexualität sei nichts Schlechtes, unter Strafe, in China werden LGTB-People trotz gesetzlicher Liberalisierungen weiterhin massiv diskriminiert, in vielen islamisch dominierten Ländern steht auf gleichgeschlechtliche Liebe der Tod, etliche afrikanische Staaten ahnden Homosexualität mit drakonischen Gefängnisstrafen. Israel ist das einzige Land im Nahen Osten, in dem offen gelebte Homosexualität weitgehend akzeptiert wird.

Und wie ist es ums Feiern bestellt? In den USA, obwohl lange der Hauptscharfmacher im „Krieg gegen Drogen“, liberalisieren immer mehr Bundesstaaten ihre Drogengesetze. In Colorado dürfen Erwachsene seit kurzem legal Marihuana erwerben, andere Bundesstaaten werden folgen. 57 Prozent aller US-Bürger sind laut Umfragen für eine bundesweite Freigabe von Cannabis. In Russland gibt es für den Besitz kleiner Mengen Hasch zwar nur Geld- oder kurze Haftstrafen, aber schon wer nur einen Joint verkauft, wandert für mindestens sieben Jahre in den Knast. In vielen islamischen Staaten ist Alkohol verboten und auf Drogenbesitz stehen jahrelange Haftstrafen oder gar der Tod. In China werden jährlich rund 500 Menschen hingerichtet, weil sie mit Drogen, meist Cannabis, gehandelt haben. In Israel ist Hasch illegal, aber niemanden juckt das und fast jeder raucht es.

Wenn ich die Verfolgung und Diskriminierung Homosexueller falsch und die Kriminalisierung von Kiffern doof finde, ist es dann so abwegig, dass ich Amerika für fortschrittlicher halte als das, was derzeit als geopolitische Alternative bereitsteht? Wenn schon überall Kapitalismus sein muss, dann wenigstens eine Variante, die es gestattet, high zur Pride-Parade zu gehen statt nüchtern im Knast zu sitzen.