Bärendienstjuden

Wie der eine Leser oder die andere Leserin vielleicht schon bemerkt hat, ist dieser Blog israelfreundlich. Das bedeutet noch lange nicht, dass ich jede Aktion Israels befürworten würde, und schon gar nicht, dass ich der israelischen Politik und manchen Tendenzen in der israelischen Gesellschaft unkritisch gegenüberstünde. Es ist halt bloß so, dass man angesichts des anschwellenden Stroms ungerechter und antisemitisch motivierter israelfeindlicher Wortmeldungen fast keine Zeit mehr hat, neben dem Richtigstellen und Zurückweisen dieser antiisraelischen Propaganda auch mal die proisraelische Szene (oder was sich dafür hält) zu kritisieren. Heute hab ich aber ein wenig Luft…

Kürzlich flatterte mir eine E-Mail in den Postkasten, die mein Interesse weckte, da sie (in hebräischer Schreibweise) mit Gabi Ashkenazi unterschrieben war. „Da schau her“, dachte ich mir, „der Generalstabschef der Israelischen Streitkräfte höchstpersönlich schreibt mir. Noch dazu in perfektem Deutsch“. Der anonyme Verfasser, der sich mit Ashkanazis Namen schmückte, lobte die pro-israelische Ausrichtung meines Blogs, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass „noch einiges verbesserungswürdig“ sei, obwohl die „Grundrichtung stimmt“. Tja, danke auch, Lob liest man doch immer gerne. Dann freilich wurde es rasch unangenehm, verdächtig und eigenartig, denn Herr oder Frau „Ashkenazi“ legte mir nicht nur nahe, doch bitte am Sar-El-Programm teilzunehmen, um meine „ideologische Ausrichtung zu festigen“, nein, er und seine nicht näher bezeichneten „Leute“ seien auch dazu „befugt“, mich für „nachweislich proisraelische Arbeit wie das Führen eines Blogs oder proisraelische Leserbriefe oder Userkommentare in Tageszeitungen zu belohnen“. Ich als freiberuflicher Journalist sei doch sicherlich daran interessiert, „lukrative Aufträge von bekannten nationalen wie internationalen Zeitungen zu erhalten“. Spätestens jetzt hatte Herr/Frau „Ashkenazi“ bei mir verschissen, denn auf Bestechungsversuche reagiere ich allergisch. Außerdem roch die Sache seltsam, es kam mir vor wie der Versuch einer antisemitischen Organisation, den Beweis zu erbringen, dass pro-israelische Blogger gar nichts anderes sein könnten als bezahlte Auftragsschreiberlinge. Ich verfassste also eine Antwort-Mail, in der ich die Unterbreiter des unmoralischen Angebots aufforderte, sich mit Klarnamen zu erkennen zu geben, anderenfalls ich sie als antiisraelische agents provocateurs einstufen würde. Da wurde Herr/Frau „Ashkenazi“ richtig pampig und schrieb zurück: „Da sie auf unseren Erstkontakt mit Paranoia reagieren, betrachte ich unsere Unterhaltung für beendet“. Na bumm. Wenn man Zweifel an der Authenzität einer anonymen E-Mail hat, in der unverholen mit Bestechung gelockt wird, ist man also paranoid? So schnell kann´s gehen, lol.

Ich hätte die Sache ja auf sich beruhen lassen, hätten mir meine Quellen nicht bestätigt, dass die Mail nicht von Nazis/Palästinensern/Antiimperialisten stammte, sondern tatsächlich von einer weit rechts stehenden pro-israelischen Lobbygruppe. Und genau das macht die Sache so schlimm und berichtenswert. Wie dumm muss jemand sein, der einerseits im pseudo-militärisch-geheimdientlichen Jargon von „Erstkontakten“ schwafelt, einen als „Internetkrieger“ gewinnen möchte und dann in einer unverschlüsselten E-Mail „Belohnungen“ aka Bestechung in Aussicht stellt? Und dann noch dieser widerliche militaristische Tonfall in Sachen Sar-El, der an das altbekannte „Ham se überhaupt jedient, junger Mann?“ erinnert! Der Tiefpunkt ist freilich, dass ich, der ich seit 20 Jahren publizistisch Israel immer wieder verteidige, mir von ein paar Möchtegerns „Paranoia“ vorwerfen lassen muss, bloß weil ich offensichtlich ein bisschen besser als sie weiß, wie die antisemitische Szene tickt und welcher Taktiken die sich zuweilen bedient, und dass man, sofern man über halbwegs geschärfte Sinne verfügt, weder sensible Informationen per E-Mail teilt, noch auf diesem Wege Mitstreiter rekrutieren sollte.

Den Flaschenköpfen, die sich hinter dem großen Namen „Gabi Ashkanazi“ verstecken und einen auf martialisch und Superhardliner machen (Zitat aus der Mail: „Vermieden werden sollte alles, was Araber in einem positiven Licht erscheinen lässt“), ins Stammbuch geschrieben: Ihr erweist der pro-israelischen Sache einen Bärendienst mit dieser hilflos-peinlichen Art von „Hasbara“, mit eurer kindischen Radikalität, eurem extremen Araberhass und euren PR-Tipps für Debile. Glücklicherweise ist die überwältigende Mehrheit der Israel freundlich gesinnten Menschen dies nicht, weil sie auf „Belohungen“ seitens  dubioser Vereinigungen hofft, sondern aus moralischen, intellektuellen, politischen und persönlichen Gründen. Ihr hingegen tut euer Schlimmstes, um die leider ohnehin überschaubare Zahl proisraelischer Aktivisten zu diskreditieren, was wiederum für eure „Echtheit“ spricht, denn in Sachen Public Relations reiht sich ja leider von den IDF über das israelische Außenministerium bis hin zu manchen Lobbygruppen in der Diaspora ein Disaster an das andere. Ihr, die ihr mir die E-Mail geschickt habt, seid ungeschickt, allzu selbstsicher und wohl auch nicht die Klügsten.

Ach ja, für Sar-El war ich bereits eingeschrieben, bevor mir der Krebs dazwischen kam (und lange bevor ich Post von „Gabi Ashkenazi“ bekam) . Doch nicht, weil ich irgendeiner Art von „ideologischer Festigung“ bedurft hätte, sondern aus Solidarität und weil ich den Gedanken interessant fand, Israel mal aus der Perspektive jener Männer und Frauen kennenzulernen, die ihr Leben für den Judenstaat aufs Spiel setzen. Das nennt man Idealismus, nur für den Fall, dass das Leute, die einem „lukrative Aufträge“ versprechen, nicht buchstabieren können…

p.s.  Bloggerkollegen rate ich, E-Mails von diesen Leuten zu ignorieren. Ernsthafte Kontakte werden, falls erwünscht, nicht auf diesem Wege angebahnt, sondern durch persönliche Gespräche.