Ich hab Sowjetpanzer

Die Frage, warum viele Arbeiter lieber Trump und AfD wählen statt Clinton, Sozialdemokraten und Kommunistische Parteien, versucht Nils Markwardt im „Freitag“ zu beantworten. Ganz im Ungeist der Zeit will er das Rätsel über Idenititätsfragen lösen, wobei er selbstverständlich davon ausgeht, die Arbeiterklasse sei edel und gut, weswegen es an allem Möglichen und Unmöglichen liegen müsse, dass sie Faschisten wählt, nur nicht am Wunsch, faschistisch regiert zu werden.

Was also machten frühere Generation von Sozialdemokraten und Parteikommunisten angeblich besser als jetzige? Laut Markwardt unter anderem das: „Mit einem Repertoire an Symbolen und Narrativen, von der roten Fahne bis zur Internationale, gaben sie ihren Anhängern zurück, was im Fabrikalltag verloren zu gehen drohte: Stolz und Würde“.

Da ist insofern etwas dran, als all das Marschieren, das Tragen von Uniformen, Fahnen und Abzeichen sowie das Auftreten als einheitliche Masse die Sehnsucht des Subjekts nach Größe und Macht ebenso befriedigte wie das Wissen, in Gestalt des Warschauer Pakts und der Sowjetunion über eine echte Macht im Rücken zu verfügen, was nicht nur die Verhandlungsposition bei den Lohnrunden enorm stärkte, sondern auch das Selbstwertgefühl als wenigstens potenzielles Mitglied einer schlagkräftigen, die halbe Welt beherrschenden Truppe anhob. In Anlehnung an Jan Böhmermanns „Ich hab Polizei“ war das Singen der Internationale am 1. Mail nichts anders als ein lautes „Ich hab Sowjetpanzer“. Fast die gesamte klassenkämpferische Rhetorik war der Versuch, den real weitgehend machtlosen Arbeitskraftverkäuferinnen einzureden, sie wären ungeheuer einflussreich. „Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will“. Zu haben war diese angebliche Teilhabe an einer großen Macht freilich nur durch eine doppelte Unterwerfung. Einmal unter die Wirklichkeit der Besitzverhältnisse, denn nur ein braver Arbeiter passte zu Arbeiterparteien und Gewerkschaften, während das Subproletariat den Kapitalisten und Kommunisten gleichermaßen als Menschenmüll galt, und ein weiteres Mal unter die Bürokratien der politischen Vertretungen der Arbeiterklasse, denn wie es Lenin vorgegeben hatte und Stalin exekutierte, war absolute Unterordnung unter die Sachzwänge der Revolution ebenso unabdingbar wie das Ermorden selbst der treuesten Genossen gerechtfertigt war, falls es dem Zweck dienlich erschien.

Für den Helden jedes schlechten sowjetischen Theaterstücks, den Proletarier, bestand, von einigen heroischen Ausnahmen abgesehen, der Reiz am Sozialismus abseits der Literatur nie in der Befreiung aller Menschen von Herrschaft, sondern im Versprechen, die Fabriken, in denen er schuftete, demnächst selber leiten zu dürfen und in den Gefängnissen, in denen die Kapitalisten die Kommunisten einsperrten, Wärter und Insassen die Plätze tauschen zu lassen statt das scheiß Gefängnis in die Luft zu sprengen. Unter „Stolz und Würde“, die Markwardt so schmerzlich vermisst, verstanden die sozialistischen Revolutionäre überall, wo sie zu einem Machtfaktor wurden oder gar die Macht an sich reißen konnten, Demütigung und Entwürdigung der Klassenfeinde und jener, die dazu erklärt wurden. Die Geschichte lehrt: Diejenigen unter den russischen Bolschewiki und ihrer Verbündeten, die tatsächlich „das Menschenrecht“ erkämpfen wollten, wurden sehr bald kalt gestellt und landeten in Lagern oder vor Erschießungskommandos.

Die sogenannte Arbeiterklasse war aber nicht besonders wählerisch darin, wen sie quälte und ermordete. Das konnten „Konterrevolutionäre“ sein, unter anderen Verhältnissen aber gerne auch Juden, Roma, Arbeitslose, Homosexuelle und andere Minderheiten. Das alles lag und liegt nicht daran, dass die Arbeiterklasse besonders bösartig wäre. Im Gegenteil zeigen genauere soziologisch-historische Betrachtungen, dass die Funktionärsschicht, die die Arbeiterklasse, die man auch einfach als Bevölkerungsmehrheit der Besitzlosen bezeichnen könnte, befehligte, sich stets aus dem Bürgertum rekrutierte, und zwar ganz egal ob in realsozialistischen Ländern oder in Nazideutschland. Nur hätten diese, wir erinnern uns an den „starken Arm“, nicht gar so viel anrichten können, wären ihnen die Proletarier nicht fügsam und begeistert gefolgt.

Jedenfalls hat die bisherige Geschichte gezeigt: Es gibt kein Entrinnen. Ob die Herrschaft nun rot trägt oder braun, Tarnuniform oder buntes Kleidchen – sie bleibt im inneren Wesen sich gleich und sie mag nicht sein ohne Gewalt und Schmerzzufügung. Dass die materiellen Verhältnisse das Bewusstsein formen, ist solange ein Trugschluss, solange das Bewusstsein keines ist oder wird, sondern nur ein wirrer Haufen Unbewusstes, Unreflektiertes und damit Unbelehrbares bleibt. Den autoritären Charakter kann man ins Paradies stecken, er wird es binnen Wochen in eine weitere Hölle verwandeln, weil er zerbricht, wenn er nicht beherrschen und quälen kann. Tatsächlich ist wohl jeder Hippie, der von einer „Revolution des Bewusstseins“ schwafelt, näher an der Wahrheit dran als Generationen von Marxistinnen, die Marx nur halb verstanden haben (und daher auch zu Leninisten, Guevaraisten usw wurden).

Links sein neben linken Antisemiten?

Als sich Israel im Jahr 2014 militärisch gegen Rakentenangriffe aus dem Gazasteifen wehrte, kündigten mir viele sich für politisch links haltende Leute die (Facebook)Freundschaft und schimpften mich einen „Rassisten“. Ich hatte nämlich Verständnis dafür geäußert, dass ein Staat nicht tatenlos zusehen kann, wenn Terroristen seine Bürger mit Raketen beschießen. Neben Rassismus wurde mir auch unterstellt, mich am Tod von Zivilisten, ja von Kindern in Gaza zu erfreuen. Mit Erstaunen stellte ich fest, dass ich für viele geradezu ein Monster war. Ein Rassist, der es gut findet, wenn im Krieg Kinder sterben. Das verletzte mich mehr, als ich zugeben wollte. Ich weiß zwar, dass ich weder Rassist bin noch mich an Leid und Tod von Kindern und anderen Zivilisten ergötze, aber es lässt mich nicht ganz kalt, wenn dergleichen in mehr oder weniger linken Kreisen über mich verbreitet wird. Ich bin freilich nicht der einzige, dem es so geht.

Die Linke hat, obwohl sie ohne jüdische Geistesgeschichte und jüdische Intellektuelle nicht existieren würde, seit jeher ein Antisemitismusproblem, das von Beginn an eigentlich ein Intelligenzproblem war und das bis heute geblieben ist. Schon daran, Karl Marx zu verstehen, scheiterten viele Zeitgenossen und später sogar Intellektuelle wie Hannah Arendt, die Marx´ Text „Zur Judenfrage“ als Wurzel linken Antisemitismus missverstand, dabei weder die geistige Umgebung, in der dieser Text geschrieben worden war, berücksichtigend, noch die Synonymität des Begriffs vom Judentum darin verstehend. Entscheidender als jener selten gelesene Text war aber die Komplexität marxistischer Theorie, die von Beginn an Vereinfachungen und Verkürzungen attraktiv machte bis hin zu protonazistischen Personalisierungen systemischer Prozesse und Verhältnisse. Statt den Kapitalismus als Produktionsweise, Distributionsverfahren und Gesellschaftsordnung zu begreifen, trat teilweise schon bei Marx und Engels, verstärkt und immer öfter aber seit der ersten Rezipientengeneration eine Moralisierung an die Stelle der Analyse und mit der Moralisierung eine Personalisierung. Vor allem simplen Gemütern schien ein tatsächliches oder vermeintliches moralisches Fehlverhalten von Vertretern der Kapital besitzenden Klasse eine viel einleuchtendere Erklärung für den schlimmen Zustand der Welt zu sein als die Zwänge des Systems, dem selbst der menschenfreundlichste Kapitalist nicht entrinnen konnte. Aus dieser Personalisierung des Systemischen in einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich antijüdische Motive aus dem Mittelalter mit rassistischen Ideen verbanden, wurde der linke Antisemitismus geboren, der freilich eine derartige Perversion wahren linken Denkens darstellt, dass er bereits historisch und bis heute immer wieder zur Folge hat, dass so denkende Linke ohne große Probleme rasch sehr rechte Positionen übernehmen können und, das ist heute wieder oft zu beobachten, Rechte mit Versatzstücken linker Rhetorik reüssieren können. Neue Kraft schöpfte linker Antisemitismus in den 1960er Jahren aus geopolitischen Positionierungen des realsozialistischen Blocks mitsamt einer dazu ausgeheckten falschen Imperialismusdefinition sowie seit den 1990er Jahren durch antiuniversalistische Regressionen in postkolonialen und postmodernen Strömungen vor allen innerhalb der akademischen Linken.

Heute steht man als Linker, dem der neokonservative und rechtsautoritäre Backlash sehr missfällt, vor dem Problem, dass fast überall dort, wo sich im weiteren Sinne linke Gegenbewegungen formieren, auch Antisemitismus in variierenden Dosierungen mit von der Partie ist. Zumeist ist dieser Antisemitismus als Israelkritik verkleidet, die jedoch oftmals weit über die ohnehin schon unfaire Sondermoral gegenüber dem Staat Israel hinausgeht und dessen Schädigung oder gar Abschaffung vorantreibt, was selbst ohne die aus den historischen Erfahrungen sich zwingend ableitende Israelsolidarität nichts anderes wäre als reiner Antisemitismus. Wohin man auch blickt, ob auf Jeremy Corbyn in Großbritannien, auf Podemos in Spanien, Syriza in Griechenland, die Partei Die Linke in Deutschland, etliche Sozialdemokratien und auch außerparlamentarische linke Regungen – überall wird man auf (Unter)Strömungen treffen, die mehr oder weniger ausgeprägte Varianten des linken Antisemitismus sind. Da stellt sich die Frage, wie man damit umgehen sollte. Manche beantworten diese Frage für sich damit, dass sie sich aus jeder potenziell historisch wirksamen Linken zurückziehen und in Mini-Sekten Kritik am linken Mainstream üben, der inzwischen freilich selber nur ein politisches Rinnsal ist. Diese Haltung treibt dann oft Blüten, die sonderbar zu nennen noch stark untertrieben ist, denn wenn zum Beispiel Teile der „antideutschen“ Szene weit rechts stehende Politiker unterstützen und damit bereit sind, emanzipatorische Errungenschaften in Europa, den USA oder Israel zu opfern, weil diese Politiker sich wenigstens verbal zugunsten Israels und gegen die Barbarei radikalislamischer Regimes und Rackets stellen, ist das objektiv kaum weniger wahnhaft und reaktionär wie das Paktieren anderer Linker mit ultrareaktionären bis faschistoiden Bewegungen, wie es beispielhaft die lateinamerikanische Linke mit dem Iran und dessen globalen Terrorgruppen vorgemacht hat. Natürlich ist was dran an der Feststellung, dass selbst die von Rechtsrepublikanern regierten Vereinigten Staaten oder das von den Tories in einen viktorianischen Sozialalptraum zurückverwandelte Großbritannien mehr Zivilisation und damit lebenswertes Leben zu bieten hätten als die Klerikalfaschisten in Iran oder die Vernichtungsantisemiten von Hiszbollah und Hamas, aber die kalte Bereitschaft, für die tatsächliche, meist aber nur theoretische Verbreitung universeller menschenrechtlicher Konzepte auf dem Rücken vieler Millionen immer prekärer existieren müssender Amerikaner und Europäer in die Schlacht zu reiten, ist ebenso unmoralisch wie sich die Annahme, ausgerechnet Herrschaften wie Trump, Bush, Cameron oder Netanyahu stünden für einen energischen Kampf gegen die Barbarei, als furchtbarer Trugschluss entpuppen könnte.

Also was tun? Sich den Reaktionären anschließen, weil die derzeitige Linke voller moralischer und strategischer Schwächen ist? Ich würde sagen: Nein. Stattdessen muss man sich in all der Wahnproduktion, die links und rechts auf Hochtouren läuft, seine Vernunftfähigkeit ebenso bewahren wie eine grundlegende linke Ethik. So wie man linken Antisemitismus ständig aufdecken und bekämpfen muss, muss man auch den Anschluss an die rechten Frauenfeinde, Minderheitenverfolger, Kriegstreiber, Schwulenhasser, Armen- statt Armutsbekämpfer, Rassisten und Autoritären kritisieren und verweigern. Nur weil es viele Idioten gibt, die sich links nennen, ist es nicht falsch, links zu sein. Und sehr hilfreich ist auch, den Blick von der Theorie auf die Praxis zu lenken, denn das kann so manche Vorstellung, die man von der Welt und ihrem Funktionieren hat, zurechtrücken. Die griechische Regierung unter der Führung von Syriza, der im Vorfeld nachgesagt wurde, sie bestünde aus lauter Antizionisten, ja Antisemiten, pflegt mit Israel so freundschaftliche Beziehungen wie kaum eine griechische Administration zuvor. Israel war historisch stets unter Linksregierungen am stärksten und am sichersten. Die massivste  Unterstützung seitens der USA genoss Israel unter demokratischen Präsidenten. Nur weil sich im weiten Feld linker Politik immer wieder auch antisemitische Figuren herumtreiben, muss die Regierungspraxis noch lange nicht von diesen bestimmt werden. Vor allem dann nicht, wenn man aktiv gegen diese Leute vorgeht und nicht aufhört, sie zu benennen und zu kritisieren.

Mitgefühl ist nicht deutsch

Wer immer noch nicht wahrhaben will, dass wir derzeit von Menschen regiert werden, deren Mangel an Empathie und generell an menschlichen Regungen psychopathische Züge trägt, sollte sich ein Video des NDR ansehen, in dem Angela Merkel einem Flüchtlingskind erklärt, weshalb es samt seiner Familie abgeschoben werden müsse. Als das Mädchen zu weinen anfängt, geht Merkel hin, streichelt es am Kopf und sagt: „Du hast das doch prima gemacht“. Die deutsche Kanzlerin versteht nicht, weswegen das Mädchen heult. Sie kann nicht nachvollziehen, dass die von höchster Stelle überbrachte Nachricht eines unmenschlichen Abschiebungsregimes die Betroffenen kränkt, sondern geht ganz selbstverständlich davon aus, das alles, was das Mädchen interessiere, ihr Image sei. Merkel schließt von sich auf andere, was ein typischer Zug von an Psychopathie leidenden Menschen ist, die mangels Mítgefühl immer nur ihre eigenen Befindlichkeiten auf andere projizieren.

Empathielosigkeit scheint mir überhaupt der Hauptcharakterzug unserer Tage zu sein, und der ist beileibe nicht nur bei den Handpuppen des Kapitals zu diagnostizieren, sondern seit jeher und nun wieder verstärkt im verbliebenen linksradikalen Spektrum und vor allem bei Marxisten. Dort gibt es einerseits nicht wenige, die den Griechen ein kommunistisches Experiment anraten, wohl wissend, dass dies, wenn nur im winzigen Griechenland durchgeführt, zu Hungersnot und Totalitarismus führen muss, und andererseits diejenigen, die Syriza des Populismus, Nationalismus und Antismitismus zeihen und daher alles, selbst die korrupten Vorgängerregierungen, besser finden. Man will also entweder mit anderer Leute Arsch in den Krieg reiten oder man ignoriert die konkrete Not der griechischen Bevölkerung eiskalt als systemimmanent und verleumdet diejenigen, die was ändern wollen. Vor allem aber will man lieber in Schönheit sterben als „beschmutzt“ leben, und wer die Lebenssituation realer Menschen verändern will, macht sich nun mal schmutzig, ob als Revolutionär oder als Kompromisse eingehen müssender Reformist. Da bleibt man dann doch lieber in seinem Studierstübchen, beugt sich zum x-ten Male über die Marx-Engels-Gesamtausgabe und schreibt hin und wieder schwurbeliges Texte, in denen man andere für deren Abweichlertum von der angeblichen Reinheit attackiert.

Dass gerade deutsche Linke oft so ticken, ist kein Zufall. Nirgendwo sonst wirkt ein analer Sauberkeitsfimmel, der einst mit Luther begründet wurde, so stark weiter wie in Deutschland. Kompromisse sind der Deutschen Sache nicht, und wenn die Welt dabei in Scherben fällt. Hauptsache, man selbst bleibt „rein“ und muss nicht hinabsteigen in die Niederungen, wo wirkliche Menschen wirkliche Probleme, aber auch wirkliche Freuden haben. Dort ist nämlich alles irgendwie unsauber und gefährlich und daher träumt man lieber vom Untergang des Kapitalismus, den Marx doch vorhergesagt habe und der daher auch unweigerlich eintreten müsse. Nur: Der kommt einfach nicht. der Kapitalismus macht unbeeindruckt von Krise und Krieg immer weiter. Der Kapitalismus ist ein Weltsystem dem nur entrinnt, wer bereit ist, in seinem Staat die Lichter ausgehen zu lassen. Aus dem Kapitalismus austreten hieße heutzutage, eine Agrargesellschaft nach Khmer Rouge-Vorbild zu schaffen, was kein halbwegs bei Trost seiender Mensch wollen kann. So wie die Dinge derzeit liegen, kann der Kapitalismus nur reformiert werden, kann man ihm allenfalls durch Kampf ein wenig mehr Leben abtrotzen. Das muss aber gar nicht so entsetzlich sein, wie es sich für radikale Linke anhört. Nehmen wir wieder die Griechen. Die wollen keinen Grexit und keinen diesem folgenden Kriegskommunismus. Die wollen nur, dass sie nicht mehr sterben müssen, wenn sie krank werden und nicht mehr ohne Strom hungern, wenn sie keine Arbeit haben. Es wäre durchaus auch nach innerkapitalistischer Logik vernünftig, diesen bescheidenen Wünschen zu entsprechen. Wer hungert oder für eine Chemotherapie spart, der kauft sich keinen neuen VW Golf. Europa könnte sich seine gegenüber Deutschland weniger konkurrenzfähigen Staaten durchaus leisten, wäre der politische Wille vorhanden und würde das nicht am marktradikalen Reinheitswahn der deutschen Politik, in der sich der linksextreme Reinheitswahn spiegelt, scheitern. Und genau wegen dieser Spiegelung schlägt, so meine ich, Syriza und ähnlichen Bewegungen so viel Hass aus Deutschland sowohl von rechter, als auch von linker Seite entgegen. Syriza versucht wenigstens, was zu unternehmen, kam durch Populismus an die Macht und geht haufenweise Kompromisse ein – lauter Sachen, die vielen prinzipientreuen Deutschen grundsätzlich missfallen, da sie auf einer seelischen Regung fußen, die in Deutschland nicht so weit verbreitet ist: auf Empathie.

Perspektiven?

Erinnert sich noch jemand an die Jahre 1989 bis 1991? An die düsteren Prophezeiungen vornehmlich Konservativer, wonach die herrschenden Politiker in den realsozialistischen Staaten sich mit grausamen Blutbädern gegen ihre Absetzung wehren würden? Das war eine der großen Fehleinschätzungen des 20. Jahrhunderts, eine Projektion die davon ausging, die Politikerinnen im Osten würden an ihr System so sehr glauben wie die Kapitalisten an das ihre. Statt die einzig relevante Frage zu stellen, nämlich die, was Berufspolitiker verlieren oder gewinnen könnten, wurden ideologische Nebelkerzen gezündet. Die KP-Bonzen hatten außer ihren schäbigen Wochenend-Datschen, die der westlichen Propaganda stets als Nachweis eines schamlosen Privilegienrittertums galten,  wenig zu verlieren, aber Milliardenvermögen zu gewinnen. Die Aussicht, künftig mit der Privatyacht nach Monte Carlo zu schippern, um dort Austern zu fressen, war durchwegs verlockender, als ewig nur bestenfalls in Funktionärshotels am Schwarzen Meer absteigen zu müssen. Dass ein System, in dem eben kein Kommunismus herrschte, sondern eine von einer Einparteienherrschaft regierte Planwirtschaft, korrumpierbar war und ohne Gegenwehr unterging, hat nur die überrascht, die an ihrer eigene weltanschauliche Werbeabteilung, sei diese nun links oder recht gestrickt gewesen, geglaubt haben.

Für diejenigen, die den Kapitalismus abschaffen wollen, gilt es zu bedenken, dass Kapitalisten mehr zu verlieren haben als jemals ein realsozialistischer Bonze. Daher wehren die sich auch heftiger und schrecken vor der Installation faschistischer Regierungen nicht zurück, solange damit nur sichergestellt wird, dass das Kapital nicht angetastet wird. Umsturzversuche werden in der Regel im Keim erstickt und schon bei größeren Demonstrationen fahren die Wasserwerfer und die Prügelpolizei in Armeestärke auf. Ist es aber überhaupt notwendig, den Kapitalismus abzuschaffen? Ich bin mir da gar nicht so sicher, denn Kapitalismus ist unbestritten sehr effizient in dem, was sein Daseinszweck ist, nämlich Käufer mit Waren zu versorgen und damit Profit zu machen, und das muss gar nicht zwangsläufig in die Katastrophe führen, wie manche marxistische Eschatologen meinen. Sicher, so wie derzeit weltweit Politik gemacht wird, steuern wir auf immer mehr und immer heftigere Kriege zwischen den Kapitalblöcken und auf eine ökologische Katastrophe noch nie dagewesenen Ausmaßes zu. Um das zu verhindern, könnte man versuchen, den Kapitalismus abzuschaffen, man könnte aber auch, und das halte ich für realistischer, daran arbeiten, ihn zu domestizieren. Dass es kein richtiges Leben im falschen gäbe, ist ein knackiger Spruch, aber wer sagt denn, dass der Kapitalismus zwangsweise das falsche Leben sein muss? Der hat nämlich nicht nur Krieg, Umweltzerstörung und Sozialabbau vorzuweisen, sondern auch die Befreiung von Milliarden Menschen vor allem in Asien aus existenzieller Armut. Im Sweatshop zu schuften mag eine elende Existenz sein, es ist aber besser, als zu verhungern. Natürlich ist der Kapitalismus anderswo auch brutal und direkt mörderisch, ob das nun Menschen in Afrika betrifft, die zum Wohle westlicher und chinesischer Konzerninteressen verrecken müssen, oder die für den Verwertungsprozess Überflüssigen in Europa und den USA, denen man zusehends die Existenzgrundlagen entzieht. Das aber ist nicht das Wesentliche des Kapitalismus, denn der kann, und das wurde bereits bewiesen, auch dann funktionieren, wenn er von seinem Profit ein wenig abgeben muss, um dadurch auch den armen Schluckern ein Dasein ohne unmittelbare Not zu gewähren. Die Verhältnisse, die derzeit auf dem Planeten herrschen, sind nicht schön, jeder Zorn darüber ist gerechtfertigt und wer diese Verhältnisse ändern will, hat zunächst einmal recht. Dennoch sollte man als einer, dem diese Verhältnisse nicht behagen, gut überlegen, was realistischer ist: Eine marxistische Weltrevolution oder eine innersystemische Veränderung hin zu einer humanen Zügelung des Kapitalismus in dem Sinne, dass man ihn zwingt, weltweit das Menschenrecht auf eine Existenz ohne unmittelbare Not zu verwirklichen. Dazu müsste man nicht mal das System ändern, dazu reichte es schon, wenn die Kapitalisten statt zehn Luxusvillen nur mehr drei haben, statt 20 Milliarden nur mehr eine.