Terrorismus und die Rolle der Medien

Gastkommentar von Susannah Winter:

Zu den Attentaten in Paris und Kopenhagen ist viel geschrieben worden. Viel Reißerisches, zu viel für mein Verständnis, aber auch einige gute Beiträge wie z.b. der Blog-Beitrag des Lindwurm, „Der Zauber des Kailifats“ und der unbedingt lesenswerte Artikel von Georg Seesslen, „Beginnend mit Worten, endend mit Blut“, der wohl spannendste Versuch bisher, die Ursachen für Terroranschläge dieser Art in Europa, verübt durch junge Menschen mit Migrationshintergrund, aber im jeweiligen Land geboren, zu erklären. Europäer von Geburt und dennoch offensichtlich so fremd im eigenen Land, dass die Perspektive, die jede denkbare eigene Zukunft bietet, nicht wert ist, das eigene Leben zu erhalten. So fremd, dass der Hass sogar den stärksten menschlichen Instinkt, den Überlebenstrieb, außer Kraft setzt. Die Frage danach, woher Hass und Entfremdung kommen wird in obigen Artikeln schon detailliert untersucht.

Mich treibt vor allem die Frage um, welchen Anteil Medien und Berichterstattung an der Zuspitzung der Geschehnisse haben.

Wer in den letzten Jahren und Monaten die sogenannten Leitmedien konsumierte konnte den Eindruck gewinnen, dass Terrorismus herbeigeschrieben, ja fast herbeigesehnt wurde.

Immer lauter, immer plakativer wurden selektiv gewählte Straftaten, die in ein bestimmtes Raster fielen, zur Unkenntlichkeit aufgeblasen. Den drei großen Magazinen Spiegel, Stern und Focus diente der Islam dazu, mit polemischen Titelseiten Aufmerksamkeit zu heischen und die Auflage zu garantieren. Zu betrachten unter anderem hier.

Die Macher der jeweiligen Zeitungen wissen: Es verkauft sich, was an die stärksten Emotionen des Menschen appelliert: Lust, Angst, Hass.

Angst ist im Falle der Medien deshalb so effektiv, weil sie einen langfristigen Konsum garantiert. Wer Angst empfindet, will nach einer Story wissen, wie sie weitergeht, will wissen, ob der Täter gefasst wird. Ist fasziniert und abgestoßen zugleich von den scheinbaren Intimitäten, die ihm durch die Boulevardblätter, aber immer öfter auch durch die seriös geltende Presse serviert werden.

Und die Journalisten und Chefredakteure wissen dies natürlich und überschlagen sich in schöner Regelmäßigkeit mit neuen Horrorgeschichten über Ehrenmorde, Vergewaltigungen, Kopftuchgeschichten und der damit verbundenen angeblichen Frauenunterdrückung, mit der sie selber selbstverständlich nichts am Hut haben, Magermodels und Nacktbildchen im eigenen Magazin hin oder her.

Nun finden selbstverständlich auch in atheistischen und christlichen Familien Morde statt. Wird über diese geschrieben, so handelt es sich jedoch vornehmlich um „Familientragödien“, um „unerklärliche Taten“… als wäre ein muslimischer Hintergrund der Beteiligten eine Erklärung für alles.

Auch Vergewaltigungen sind nicht Muslimen vorbehalten. Laut Terre de Femme ist jede siebente Frau schon einmal Opfer sexueller Übergriffe geworden. Nur etwa fünf Prozent der Vergewaltigungen kommen zur Anzeige und nur die wenigsten Vergewaltiger werden nach einer Anzeige auch verurteilt, da Aussage gegen Aussage steht

Und was an der angeblichen Nötigung zum Kopftuch dramatischer sein sollte als an der Nötigung, einem bestimmten Körperbild zu entsprechen will mir bis heute nicht einleuchten.

Wenn solch eine Form der Berichterstattung lange genug stattfindet, übernimmt die Riege der Stammleser nicht selten die selektive Wahrnehmung, der sie täglich ausgesetzt ist.

Ein schönes Beispiel für diese Funktionsweise waren die Wochen und Monate, in denen der Blätterwald voll war von Attacken durch sogenannte „Kampfhunde“. Bilder von scheinbaren Bestien waren zu sehen, Überschriften die suggerierten, wie üblich diese Attacken wären. Tatsächlich hatte sich am Beißverhalten der Hunde nichts geändert. Die Liste der Hunde, die am ehesten zubeißen führt übrigens bis heute der deutsche Schäferhund an. Da der aber keinesfalls als „Kampfhund“ gilt, wurde er von den Medien gnädig verschont.

Der Blick der Presse verengt sich, je nachdem, welches Thema sich gerade verkauft, und der Blick ihrer Leser verengt sich mit ihr.

Es kommt bei allen Artikeln, die Interesse erregen, auch zu einem Schneeballeffekt.

Wenn z.b. der Spiegel seinen Titel mit „Allahs gottlose Armee“ schmückt, kann man sich sicher sein, dass es bald aus dem geschlossenen Blätterwald aller anderen Medien zurückschallt, dass das Thema wiedergekäut und aufbereitet wird, bis es nicht mehr interessiert.

Nun ist das Problem mit Muslimen, Islamisten und Salafisten (die nicht selten in einen Topf geworfen werden) aber, dass die Angst der Menschen nicht nachlässt, sondern im Gegenteil immer weiter geschürt wird und damit auch ein Konsumverhalten entsteht, dass immer neue Horrormeldungen geradezu einfordert. Und der Journalist, der froh ist, noch eine Festanstellung ergattert zu haben, „liefert“.

Und wer will schon Geschichten über gut integrierte Muslime lesen, die morgens pünktlich aufstehen, ihre Arbeit tun, dann zu ihrer Familie zurückkehren, die sie selber mit ihrer Hände Arbeit versorgen.

Das würde, und so etwas sieht man in einer Marktwirtschaft nicht gerne, den Markt, Angebot und Nachfrage, einbrechen lassen. Möglicherweise würde es die Angst mindern, damit aber auch das Bedürfnis, die jeweilige Zeitschrift zu konsumieren, den jeweiligen Sender zu sehen. Auflage und Einschaltquote hängen an der Sensationslust.

Dass die Medien als Vierte Macht im Staate gelten, sollte ihnen aber nicht nur Rechte einräumen. Denn ja, das Recht auf freie Presse ist elementar und unabdingbar für eine Demokratie. Es sollte aber auch auf einem Verantwortungsgefühl basieren, auf dem Wissen um die Macht der eigenen Worte und Bilder, dem Wissen, dass die tägliche Berichterstattung die Wahrnehmung der Bevölkerung prägt, die ihr ausgesetzt ist. Dem Wissen, dass der nächste Artikel, der den Fokus gezielt auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe legt, auch Angst und Hass schüren kann und die Kaufkraft dieser beiden Emotionen keine Berechtigung für die Nachlässigkeit in der Berichterstattung ist. Eine verantwortungsvolle Presse versteht die Notwendigkeit, möglichst sachlich und emotionslos Fakten zu präsentieren. Und dies möglichst breitgefächert.

Die Frage, die mich umtreibt ist also: Wie viel Anteil hat die Presse am Entstehen der, sich mittlerweile feindlich gegenüberstehenden, Seiten der Bevölkerung?

Pegida, Mahnwachen, Querfront sind nicht vom Himmel gefallen. Sie folgten einem kausalen Entwicklungsprozess, sind nur möglich, weil die Basis dafür geschaffen wurde, namentlich Angst und Hass. Es ist schon fast als absurd zu bezeichnen, dass die so von der Presse Geprägten die „Lügenpresse“ schelten, solange diese nicht weiter bietet, was sie bisher schon geboten hat. Geschichten vom rechtschaffenen, hart arbeitenden Deutschen und den faulen Griechen, dummen Amerikanern und gefährlichen Muslimen. Ein, auf Klischees reduziertes, Bild der Realität.

Die andere Seite hingegen bemerkt nun ebenfalls die Früchte dieser „Öffentlichkeitsarbeit“. Muslime mit Migrationshintergrund haben es schwerer, Ausbildungen und Jobs zu finden. Ihr Nachname steht ihnen im Weg. Ebendies gilt auch für Wohnungen.

Dies durfte ich selber erfahren, als eine Vermieterin mir, die ich einen deutschen Namen trage, zuraunte: „Ich vermiete nämlich nicht an Ausländer“. Diese Form der Diskriminierung wird schlimmer, je verfestigter die Meinung der Gegenseite wird, Muslime seien alle potenzielle Terroristen zumindest aber mittelalterlich in ihrer Gesinnung und rückständig und damit weniger wert als der kultivierte Deutsche.

Wer so, in jungen Jahren, zudem vielleicht noch männlich, mit der Vorstellung im Kopf, Männer müssten die Familie versorgen und nährten daraus ihren Stolz (übrigens eine Haltung, die Männer der meisten Kulturkreise teilen), ständig an Grenzen gerät, die für ihn ohne permanentes „mea culpa“ für etwas, das er selber nicht verursacht hat, nicht zu überwinden sind, für den wird es ein Leichtes, sich zu radikalisieren.

Wer keine Perspektiven sieht, wer von einem nicht geringen Anteil der Bevölkerung das Gefühl vermittelt bekommt, unerwünscht und minderwertig zu sein, der wird immer weniger den Drang verspüren, sich konstruktiv einzubringen, zumindest außerhalb des eigenen Kulturkreises. Wenn zu dieser Berichterstattung und Gesellschaftsbasis dann noch persönliche und häusliche Schwierigkeiten dazukommen, wird aus der Ohnmacht schnell das Bedürfnis, diese mit Macht zu kompensieren. Gewalt ist das wohl simpelste Mittel, um aus einem Gefühl der Ohnmacht wieder ein Machtgefühl zu erleben. Der Weg des geringsten Widerstandes.

Die Presse spielt hier noch eine fatale zweite Rolle, denn die Berichterstattung über die Terroranschläge, die den Täter in den Fokus rücken, nicht die Opfer, reizt nicht selten junge Menschen, wenigstens in dieser Form an Bedeutung zu gewinnen, wie fragwürdig diese auch immer sei. Aus „Get rich or die trying“ ist dieser Tage für junge Leute „get famous or die trying“ geworden.

In einer Gesellschaft, die der normal arbeitenden Bevölkerung im besten Falle Mindestlohn und Bedeutungslosigkeit zukommen lässt, die Individualismus verspricht und doch permanent mit Austauschbarkeit droht, scheint das Streben nach Aufmerksamkeit und Ruhm das Maß aller Dinge zu sein.

Je größer also der mediale Wirbel um die Täter, desto größer die Wahrscheinlichkeit, Nachahmer heranzuzüchten.

Was also tun?

Eine Deckelung solcher Meldungen wäre wünschenswert. Eine radikale Anonymisierung der Täter, wenn die Masse auch noch so sehr nach boulevardesken Hintergründen für den „Bösewicht“ schreit.

Bei Suiziden besteht bereits ein solcher medialer Konsens. Die Presse hat gelernt, dass intensives Berichten über Selbsttötungen nicht selten Nachahmer zur Folge hat. Für Attentäter und Attentate gilt dies mindestens in gleichem Maße.

Zumindest der Ehrgeiz von Menschen wie Breivik, aber auch anderen jungen Männern ohne Perspektive, die nach Bedeutung lechzen, die davon träumen der größte, bedeutendste Massenmörder der Geschichte zu werden, „Großes“ zu vollbringen, wäre gemindert, wenn die Presse sich auf Opfer konzentrieren und die Täter mit Schweigen strafen würde.

Allerdings verkauft sich das nicht halb so gut.

Axis of stupidity

Auf Henryk M. Broders „Achse des Guten“ darf ja so mancher Spaßvogel veröffentlichen, was ihm gerade so durch den mehr oder weniger gut mit Gehirnzellen ausgestatteten Kopf geht. Auch, wir erinnern uns u.a. hier und hier und hier, reichlich Obskures wird dort gerne mal gebracht, solange es nur rechten Wutbürgern das Blut in Wallung bringen könnte. Auch der „Wertkonservative“ Wolfram Weimer, pardon, DOKTOR Wolfram Weimer (auf die Nennung des Titels legt er großen Wert), ehemals Focus-Chefredakteur, darf dort schreiben und ganz laut im finsteren Wald pfeifen.

Neulich tat er dies in einem Kommentar, den er so titelte: „Linksruck? Von wegen!“ Da schreibt er ganz putzige Sachen.

„Jakob Augstein, der letzte sozialistische Intellektuelle Deutschlands, ist von der Schuldenkrise ganz elektrisiert.“

Augstein soll der letzte linke Intellektuelle Deutschlands sein? Das ist nicht ganz gerecht gegenüber Intellektuellen, Linken und linken Intellektuellen. Von denen gibt es reichlich, auch in Deutschland, aber dass Augstein dazugehört, würden viele von denen heftig bestreiten. Doch für Weimer ist ja jeder „links“, der nicht gegen „Multikulti“ hetzt und kein Mitglied beim Opus Dei ist. Und als Intellektueller geht dem Weimer vermutlich jeder durch, der einen Satz unfallfrei schreiben kann.

„Wilde Börsen, wankende Banken, taumelndes Großkapital – der Stoff, aus dem sozialistische Märchen sind, wird täglich in der Tagesschau geliefert. Darum kommen sie wie Mumien aus ihren ideologischen Gräbern hervor und wittern noch einmal Klassenkampfstimmung.“

Wenn die Börsen wild sind, die Banken wanken und das Großkapital taumelt, dann ist wohl irgendwo ein Schänder der deutschen Sprache immer noch auf freiem Fuß. Dass das vergangene Jahr ein krisenhaftes war, ist aber kein „sozialistisches Märchen“, sondern eher eine kapitalistische Gruselgeschichte. Ob Mumien Klassenkampfstimmung wittern oder sich doch eher nach dem alten Ägypten sehen, kann ich zwar nicht beurteilen, aber dass die Bejubler des absolut freien Marktes derzeit sogar noch älter aussehen als der mumifizierte Lenin, traue ich mich zu behaupten.

„In den Ländern, die von der Schuldenkrise am härtesten erwischt worden sind, hat ein politischer Rechtsruck stattgefunden. In Portugal, Spanien, Irland und Griechenland sind sozialdemokratische durch konservative Regierungen abgelöst worden. Überall in Europa punkten sogar Rechtspopulisten. Die Gesellschaften entscheiden sich im Moment der Krise nicht für Revolution sondern für Sicherheit und Ordnung.“

Ach Herr DOKTOR Weimer, das ist doch sowas von gar nicht wahr. „Die Gesellschaften“, die von „der Schuldenkrise“ am härtesten erwischt wurden, wählen derzeit jede Regierung ab und jede Opposition an die Macht, ganz egal, ob die Regierung zuvor sozialdemokratisch oder konservativ war. Dass die Rechtspopulisten punkten, stimmt zwar, doch was bitte haben die mit „Sicherheit und Ordnung“ zu tun? Überall, wo man „Rechtspopulisten“ an der Macht beteiligte, glänzten die durch Korruptionsaffären, schamlose Bereicherung und komplette Inkompetenz. „Sicherheit und Ordnung“ schreiben die auf ihre Wahlplakate, aber in der Realität schaffen sie durch ihre hochkriminelle Energie nur Arbeit für die Staatsanwaltschaften. Dass man dies einem DOKTOR erklären muss…

„In Deutschland zeichnet sich schon ab, dass die Linkspartei dramatisch an Zustimmung verliert. Seit Monaten sinkt sie in den Umfragen wie Wismut-Erz im Ostseewasser. Nach den jüngsten Zahlen von Infratest-Dimap liegt die Linke zum Jahresende nur noch bei 6 Prozent Wählerzustimmung. Sie muss inzwischen sogar fürchten, bei der kommenden Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern.“

Mag sein. Dass die FDP, die Partei, der die meisten „Achse“-Schreiber zugehören und die sowas wie die wirtschaftspolitische Antithese zur Linkspartei ist, in Umfragen bei zwei Prozent liegt, sollte man aber auch erwähnen.

„Dafür gibt es vier Gründe: Zum einen ist der Grundreflex der Menschen in wilden Zeiten immer konservativ. Sie halten sich gerade bei Bedrohungen lieber an Bewährtes, vermeiden zusätzliche Veränderungen, suchen nach echten Werten – an der Börse wie in der Politik. Ideologien sind eben Früchte des Überschwangs, nicht der Entbehrung.“

Ja klar. In entbehrungsreichen Zeiten würde sich niemand radikalen politischen Richtungen zuwenden. Das lehrt uns die Geschichte von der Französischen Revolution über die Oktoberrevolution bis zur Machtergreifung der Nazis. *Facepalm*

„Der dritte Grund für die linke Fehlzündung liegt im fehlenden Vorbild. Sie können keine Benchmark nennen, ohne sich die brutalen Regime in Venezuela, Kuba oder Nordkorea schönzureden.“

Herr DOKTOR Weimer, ich bin ja auch kein großer Freund vom fetten dummen Hugo, aber sonderlich brutal ist seine Regentschaft bislang nicht gewesen. Es herrscht in Venezuela auch kein „Regime“. Nicht alles, was man in einen Topf werfen kann, sollte man, denn dann kommt nichts Wohlschmeckendes bei rum.

„Seit etwa 20 Jahren aber profilieren sich linke Parteien in westlichen Ländern vor allem als Verlangsamungsinstanzen. Sie wollen den Modernisierungsschub der Globalisierung bremsen, sind oft technologiekritisch, pflegen obendrein ein Vokabular aus dem frühen 20. Jahrhundert und haben so ihre avantgardistische Coolness verloren. Unter der Jugend der Welt taugt daher ein Großkapitalist wie Steve Jobs viel mehr zum Vorbild als Karl Marx. “ 

Kann halt nicht jeder so cool sein wie ein DOKTOR Weimer, der nach Feierabend in total angesagten Clubs mit der Jobs verehrenden Jugend abhottet. Und das i-Pad ist natürlich ein viel größerer Beitrag zur Kultur als „Das Kapital“, schon klar. Lady Gaga for President!

Brrr, Herr Broder, müssen´s denn echt jedem Phrasendrescher eine Plattform bieten?

Schönenborn erklärt uns die Welt

Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR, versteht die Welt nicht mehr, genauer: Er versteht die Freude vieler US-Amerikaner über den Tod Osama bin Ladens nicht. Mit tiefen Bedenkenträgerfalten auf der Stirn kommentiert dieser Nichtversteher, dass „Amerika heute ein ziemlich fremdes Land“ für ihn sei, denn: „Was ist das für ein Land, dass eine Hinrichtung derart bejubelt?“. Und dann wird es so richtig öffentlich-rechtlich bizarr: „Klar, Osama bin Laden war verantwortlich für tausende Tote, aber reicht das als Erklärung?“ Als Erklärung für die Freude der Amerikaner, meint Schönenborn, dem es, deutscher Überkorrektmensch, der er ist, natürlich „fremd“ sein muss, dass die Nachricht vom Tod eines Mannes, der tausende Amerikaner ermorden hat lassen und der die Lunte angezündet hat, die die Pulverfässer Afghanistan und Irak explodieren ließ, in Amerika nicht zu kollektiver Trauer und zu grüblerischen Fragen über das Völkerrecht und die Menschenrechte bin Ladens führt. Aber Schönenborn ist noch nicht fertig mit seiner Zurechtweisung der pösen Amis: „Die USA sind heute ein Land, das sich nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage anderer“. Ja, da ist was dran, wie könnte ein Land, das sich in mehreren Kriegen befindet, sich auch ausgerechnet den Tod und die Niederlage seiner Feinde wünschen? Das geht doch nicht, denn nach Schönenborn´scher Irrsinnslogik hätten die USA wohl nur dann „Stärke“ bewiesen, wenn sie bin Laden zum Dank für den schwersten Angriff auf US-Territorium seit Pearl Harbour, für die zerbomten Botschaften in Afrika, für die fast versenkte USS Cole und für die zigtausenden Toten in Afghanistan ein Schokoladeneis spendiert hätten. Überhaupt, „Tod und Niederlage anderer“, das ist doch wirklich pfui, vor allem in einem Krieg. Krieg, das weiß Schönenborn ganz genau, ist etwas, wo man dagegen ist und sich so als besserer Mensch fühlen kann. Sich in einem Krieg, noch dazu in einem Krieg gegen die steinzeitislamistischen Bestien von Al Kaida und den Taliban oder jenem gegen den Giftgasmassenmörder Saddam Hussein, den „Tod und die Niederlage“ der Feinde zu wünschen, das geht über Schönenborns Verständnishorizont. Wäre Schönenborn US-Präsident, dann hätten die USA bei bin Laden höflich nachgefragt, was ihn denn so verärgert habe, dass er tausende Amerikaner umbringen musste, mit den Taliban hätte er eine Verhandlungslösung über herabgesetzte Quoten zur Terroristenausbildung- und beherbergung sowie zur Frauensteinigung ausgehandelt und Saddam hätte er für das Abschlachten ganzer Volksgruppen, für den Überfall auf ein Nachbarland, für die Finanzierung des Terrorismus gegen Israel und für die ständigen Verletzungen der Flugverbotszonen mit besorgter Miene in TV-Kommentaren so oft getadelt, bis sich dieser gedacht hätte: „Lieber gebe ich mir die Kugel als noch ein einziges Mal dieses hirnweiche Geschwätz ertragen zu müssen“.  Aber der schlimmste aller möglichen Vorwürfe, den sich ein Schönenborn ausdenken kann, kommt noch: „Und so steht Obama heute da als jemand, der in die Fußstapfen von George W. Bush tritt, der dessen Krieg gegen den Terror weiterführt“. Der WDR-Chefredakteur weiß halt, dass seine Kundschaft in Bush immer noch den Satan auf Erden sieht und dass es eben dieser Kundschaft gefiele, würden die USA die Waffen strecken und die Terroristen dieser Welt einfach machen lassen. Das ist ja auch das, was Figuren vom Schlage Schönenborn immer wieder von den Israelis einfordern, dass diese sich nämlich, im Namen des lieben Friedens natürlich, ohne Gegenwehr totschießen und totbomben lassen. Aber wenn man massenmordende Terroristen und Feinde im Krieg schon nicht töten darf, was soll man dann mit denen machen? Schönenborn: „Heißt das, man hätte Osama bin Laden einfach laufen lassen sollen? Keine leichte Frage“. Eh nicht, denn, wie schon erwähnt, müsste ein Schönenborn schon lange abwägen, ob es nun das Schokoeis oder doch eine Schachtel Pralinen sein soll. Das umwerfende Fazit dieses Paradebeispiels deutschen Billigmoralaposteltums: „Ist die Welt heute sicherer geworden? Nein. Aber Obama steht im Wahlkampf, er hat sich als law and order-Politiker profiliert. Und ist er seiner Wiederwahl heute nähergekommen? Ja. Ich fürchte, so einfach ist die Rechnung“. Und ich fürchte, so schlicht ist das Gemüt eines Chefredakteurs einer großen öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt.