Entzaubert: 10 Hi-Fi-Mythen

Hi-Fi bzw. Audiophilie ist sauteuer und ein Hobby von Millionären, oder?

Gewiss, nach oben hin sind kaum Grenzen gesetzt und es gibt Leute, die betreiben Anlagen um 100.000 Euro und mehr. Aber der Einsteig in die Welt des guten Klangs ist auch mit nicht ganz so prall gefüllten Brieftaschen möglich – wenn man in etwa weiß, worauf es ankommt und was man braucht. Ein ordentliches Stereosystem für kleinere Räume kann man sich bereits für deutlich unter 500 Euro zusammenstellen.

Beispiel: Stereo-Verstärker Yamaha RS202DBL (209 Euro) oder Pioneer SX-20-K (195 Euro) oder Sony STRDG130 (145 Euro). Dazu Boxen wie Nubert nuBox313 (320 Euro pro Paar) oder Elac Debut B5 (318 Euro pro Paar) oder Teufel UltimaMK2 (249 Euro pro Paar). Bei allen diesen Kombis bleibt noch Geld für gescheite Kabel übrig und man kommt mit weniger als 500 Euro zu einer guten Einsteigeranlage. Das sind nur Anregungen, es gibt natürlich noch jede Menge andere Hersteller von Verstärkern und Boxen, die preisgünstige, aber dennoch gute Ware anbieten.

So ein kleines aber feines Stereo-System ist der ideale Einstieg in höhere Klangsphären und dazu noch optisch sehr dezent. Legt man ein paar Hunderter drauf, kann man mit etwas höherwertigen Verstärkern und, falls man Platz hat, Standboxen statt Regallautsprechern durchaus schon unter 1.000 Euro ein System zusammenstellen, das nicht nur die Wände zum Wackeln und die Nachbarn zum Ausflippen bringt, sondern auch noch richtig fein klingt.

Teurer ist immer besser

Unsinn! Natürlich wird eine 20.000-Euro-Box mit entsprechendem Verstärker beeindruckender klingen als ein Einsteigerset um 500 Euro, aber: Nicht immer und vor allem nicht in jedem Raum. Je teurer das Gerät, desto schwieriger wird in der Regel auch dessen ideale Platzierung im Raum und die richtige Befeuerung mit Wattzahlen. In kleineren Zimmern kann es durchaus sein, dass eine 500-Euro-Box natürlicher und runder klingt als ein Speaker um 10.000 Eier. Und bei allen Hi-Fi-Geräten gilt die goldene Regel: Der Unterschied zwischen Billigst-Crap um 50 Euro und einem ordentlichen Setup um 500 Euro ist gigantisch, der Unterschied zwischen einer Ausrüstung um 4.000 Euro und einer um 40.000 aber nur mehr in Nuancen wahrnehmbar. Der große Qualitätssprung findet bei Boxen in der Regel ab 200 Euro (Regallautsprecher) bzw 500 Euro (Standboxen) statt. Ab da ist man sozusagen im Hi-Fi-Bereich. Hinauf bis etwa 5.000 Euro können dann selbst ungeübte Ohren noch Fortschritte heraushören. Aber ab dann wird es esoterisch und die Unterschiede sind zwar vorhanden, aber oftmals so subtil, dass man schon Toningenieur sein muss, um sie herauszuhören. Das Gleiche gilt für Kopfhörer. Ein 200-Euro-Kopfhörer ist meistens wirklich zehn Mal besser als einer um 20 Euro. Ein 2.000-Euro-Kopfhörer ist aber nur sehr selten zehn Mal besser als einer um 200.

Stereo-Verstärker sind immer besser als AV-Receiver

Nein, sind sie nicht. Wer nicht nur Stereo hören will, sondern manchmal auch einen Film mit Surroundsound, ist mit AV-Receivern gut bedient. Schon ab der Mittelklasse (400 bis 800 Euro) überzeugen die meisten modernen Heimkino-Verstärker auch mit einer passablen bis sehr guten Stereodarstellung. Ein von Audiophilen verpönter, aber dennoch valider Punkt ist, dass viele AV-Receiver heutzutage mit sehr guten automatischen Einmesssystemen daherkommen. Die können in akustisch schwierigen Räumen – und die meisten unserer Wohnzimmer sind solche – selbst aus hochpreisigen Boxen oftmals eine bessere Abstimmung herauskitzeln als es ein Mensch könnte. Ich selbst habe meine Boxen mittels eines solchen Einmesssystems kalibrieren lassen und habe danach manuelle Nachbesserungen durchgeführt. Das Ergebnis ist viel besser als alles, was ich zuvor mit einem reinen Stereo-Verstärker ohne Messsystem erreicht habe. Wirklich überlegen sind Stereo-Verstärker meist nur dann, wenn sie einerseits echt gut und ergo auch recht teuer sind oder wenn man einen akustisch optimierten Raum für seine Anlage hat.

Analog ist besser als Digital?

Nicht wirklich. Der schlechte Ruf, den digitale Formate und Komponenten in Audiophilen-Kreisen haben, liegt vor allem am unseligen MP3-Komprimierungsverfahren und an schlecht remasterten CDs. Ein bisschen Geschichte: Als Anfang bis Mitte der 80er Jahre die ersten CDs auf den Markt kamen, klangen viele davon sehr gut und oft sogar besser als Vinyl-LPs. Das lag daran, dass die Studios Referenz-Produkte liefern wollten, die die Sample-Rate der CD voll nützten. Diese frühen Referenz-CDs, beispielsweise „Highway 61 Revisited“ von Bob Dylan, glänzten mit hoher Dynamik und lebendigem Sound. Sehr bald aber wurden die Plattenlabels nachlässig und gierig, was zur Folge hatte, dass man oftmals nicht mal mehr die originalen Master-Tapes heranzog, um Platten auf CD zu veröffentlichen. Dies führte zu flach und langweilig klingenden CDs und dazu, dass so mancher, der von Vinyl auf CD umgestiegen war, diesen Umstieg bald bereute.

Das Internet und neue mobile Musik-Abspielgeräte sorgten dann für eine Nachfrage nach kompakten Dateiformaten. Da kam MP3 ins Spiel, eine Kompressionstechnik, die einfach jene Teile der Musik, die das menschliche Ohr laut Messungen nicht wahrnehmen kann, weghobelte und so handliche kleine Files zur Verfügung stellte, die man zu Hunderten auf USB-Sticks speichern konnte und die auch bei einer schlechten Internetverbindung gut gestreamt werden konnten. Unter Ausnützung der höchsten Sample-Rate von 320kbps kam auch ein halbwegs annehmbarer Klang zustande, aber wer gute Boxen oder Kopfhörer hatte merkte, dass da irgendwas nicht so recht stimmte. Irgendwas fehlte einfach, selbst wenn es das Ohr angeblich nicht hören konnte. Und es war mehr als nur Einbildung. In Japan führte man zum Beispiel aufwändige Studien durch, bei denen die Probanden über längere Zeiträume teils MP3s, teils verlustfreie Soundformate vorgespielt bekamen. Zwar konnten die menschlichen Versuchskaninchen den Unterschied nicht immer erkennen, aber Messungen von Körperfunktionen wie Blutdruck und Hirnströmen ergaben, dass diejenigen, die verlustfreie Musik hörten, entspannter waren als die MP3-Konsumentinnen.

Bis vor wenigen Monaten hatten Hi-Hi-Enthusiasten, die MP3 aus dem Weg gehen wollten, nur die Wahl zwischen Vinyl und anderen analogen Formaten wie Reel-to-Reel oder halt CDs. Streamingdienste wie iTunes, Amazon Music und Spotify, die zweifelos die Zukunft des Musikhörens sind, boten und bieten teilweise immer noch nur MP3-Qualität an. Bis Anbieter wie Tidal und Qobuz auf den Plan traten und immerhin CD-Auflösung streamten. Doch dann ereignete sich eine technische Revolution, die alles ändern könnte und meiner Meinung nach auch alles ändern wird: MQA trat auf den Plan. Das von britischen Tontüftlern erfundene System ist kein weiteres Format wie MP3 oder Flac, sondern eine Codierung von Tonsignalen, die zusammen mit völlig neuen Kompressionsverfahren dafür sorgt, dass die höchste Tonqualität, die überhaupt möglich ist, sozusagen „zusammengefaltet“ gestreamt wird und sich am Endgerät wieder „entfaltet“. Tidal und Qobuz bieten das Verfahren für immer mehr ihrer Titel an und es klingt, verdammt noch mal, fantastisch! Es ist, als ob analoge und digitale Verfahren geheiratet und ein wunderschönes Kind gezeugt hätten, das die besten Eigenschaften seiner Eltern geerbt hat. Es klingt in meinen Ohren sogar besser als Vinyl. Und das Beste: Man braucht sich gar nicht neue Verstärker oder andere Dekodierungsgeräte zu kaufen. Apps wie Tidal oder Qobuz erledigen das alles und senden an den Verstärker, falls dieser mit High-Res-Material umgehen kann, über HDMI das fertige Signal. Des langen Geschwafels kurzer Sinn: Digital ist nicht schlechter als analog, sondern im Gegenteil seit MQA sogar besser.

Extrem teure Kabel sind ein gute Investition

In einschlägigen Foren, in denen sich Audiophile herumtreiben, liest man immer wieder, dass Kopfhörer „XY“ oder Box „ZY“ seit der Verwendung eines Kabels, dass bei Vollmond von Audio-Druiden in einem magischen Ritual mit reinem Platingoldsilber überzogen wurde, viel besser klingen als zuvor mit dem hundsordinären Stock-Kabel. Deswegen sei es nur gut und billig, dass dieses Kabel 1.000 Euro kostet statt 10. Das… ist… Blödsinn! Kabel, die nicht totaler Dreck sind, leiten alle in etwa gleich gut. Nur von Billigst-Kabeln, die schon auseinander fallen, wenn man sie schief anschaut, sollte man die Finger lassen. Ansonsten ist man mit den Kabeln, die zB Kopfhörerhersteller mitliefern, fast immer bestens bedient und auch bei Lautsprecherkabeln oder HDMI-Kabeln genügt fast immer das Zeug, das in jedem Elektronik-Geschäft geführt wird. Kabel, die hunderte oder gar tausende Euro kosten, sind reines Blendwerk und genau genommen fast schon Betrug.

Mehrkanal-Musik ist des Teufels, nur Stereo ist gut

Viele Hi-Fi-Freaks und Audiophile werden euch sagen, dass alles außer Stereo in puncto Musik ein Frevel sei, der in besseren Zeiten mit der Verbrennung der Ketzer auf dem Scheiterhaufen bestraft worden wäre. Abgesehen davon, dass wir hoffentlich nie wieder Scheiterhaufen brennen sehen werden: Das ist eine unzulässige Verallgemeinerung, die oft damit zusammenhängt, dass Audiophile sich schweineteure Zweikanal-System bauen und dann alles, was anders ist, heruntermachen. In der Realität gibt es sehr wohl einige Multichannel-Alben, die nicht nur Spaß machen, sondern auch Sinn ergeben. Die 5.1-SACD-Abmischung des Genesis-Klassikers „The Lamb lies down on Broadway“ bietet zum Beispiel einen echten Zugewinn an Tiefe, der die Platte in einem neuen Licht erscheinen lässt. Die Bluray-Version von Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ ist ebenfalls wunderschön und macht das Werk nicht zunichte, sondern erweitert es einfach um eine neue akustische Dimension. Sehr schön sind die Mehrkanal-Remixes, die der Musiker Steven Wilson (Porcupine Tree) aus alten Alben von Jethro Tull, Caravan oder Yes fertigt. Und auch Wilsons eigenes Werk klingt auf 5.1 bzw 4.0 faszinierend. Voraussetzung, das richtig schätzen zu können, sind freilich mindestens vier gute Boxen oder eine sehr gute 5.1-Anlage. Auf Kompaktanlagen mit kleinen Fronts und noch kleineren Backs wirkt das nicht gut. Aber wer zwei ausgewachsene Front-Stereolautsdprecher hat und zwei in etwa gleichwertige hinten, der kriegt einen völlig neuen Blick auf Alben, die er meinte auswendig zu können.

Je neutraler, desto besser

Neutralität“ scheint vielen Audiophilen so etwas wie der Heilige Gral der Tonwiedergabe zu sein. Aber wie schon die Suche nach dem sagenumwobenen Kelch Jesu‘ ist auch die Jagd nach möglichst großer „Neutralität“ in der Musikwiedergabe ein Unterfangen, das nie enden kann, weil das, was gesucht wird, nicht existiert. Schon der Begriff ist umstritten. Eine „neutrale“ Wiedergabe ist, soviel ist wenigstens klar, eine möglichst flache, bei der keine Frequenz gegenüber einer anderen besonders hervorgehoben wird. Manche verstehen unter „neutral“ auch Boxen oder Kopfhörer, die keine eigene Charakteristik haben, sondern einfach nur das wiedergeben, was von den Toningenieuren der Plattenstudios beabsichtigt wurde. Nun gibt es durchaus Studio-Monitore und Profi-Kopfhörer, die sehr sehr flach und somit „neutral“ klingen, aber die sind dazu gedacht, den Soundtechnikern beim Mischen zu helfen. Sie sind nicht unbedingt auch für den privaten Musikgenuss geeignet. Und selbst beim Profi-Gear gibt es große Unterschiede. Klar, es existieren ein paar Richtlinien, nach denen man in etwa beurteilen kann, ob eine Box oder ein Kopfhörer „neutral“ klingt. Aber selbst bei den aller teuersten Geräten gibt es große Unterschiede von Hersteller zu Hersteller. Anders kann es ja gar nicht sein, denn wenn es wirklich so etwas wie den idealen „neutralen“ Sound gäbe, würden alle Hersteller ja mindestens ein Produkt haben, das genau so klingt wie die Produkte der Konkurrenz. In Wirklichkeit hat jeder Produzent von Lautsprechern und Kopfhörern eine fast immer gut erkennbare Tonsignatur. Und das ist gut so, denn Geschmäcker sind verschieden. Während der Eine den kalten Realismus eines Beyerdynamik DT-880 liebt, schätzt die Andere die Wärme eines Sennheiser HD-650. Der Nächste mag wieder die Aggressivität eines Grado RS2 und der Übernächste die angenehme Wohlfühl-Tonalität eines Meze 99 Classics. Das waren jetzt lauter Kopfhörer, aber für Boxen und Verstärker gilt das Gleiche. Es gibt nicht DIE Neutralität oder DEN BESTEN Lautsprecher/Kopfhörer.

Hi-Fi bzw Audiophilie ist viel zu kompliziert

Nein, ist es nicht. Lasst euch nicht vom Techno-Babble der Freaks verwirren! In Wirklichkeit geht es dabei um einfache Dinge wie: Mag ich den Sound? Macht mir die Musik auf dem jeweiligen Equipment Spaß? Höre ich Sachen, die ich mit anderen Geräten nicht gehört habe? Frequenz-Kurven und Hz-Angaben können hilfreich sein, wenn man sich damit auskennt, aber für die meisten Menschen ist das alles ein chinesisches Dorf in Spanien. Vertraut euren Ohren und vertraut der Beratung in Fachgeschäften! Das bringt uns zu einem weiteren wichtigen Punkt: Direktvertreiber von Hi-Fi-Geräten boomen seit einigen Jahren. Das ist auch gut so, denn die können unter Umgehung des Einzelhandels hochwertige Komponenten für weniger Geld anbieten. Aber um dort richtig zu kaufen, muss man sich schon ein bisserl auskennen mit der Materie. Die Beratung vor Ort durch kompetente Verkäufer ist immer noch unersetzlich, vor allem für Neueinsteiger in die Welt des hochwertigen Klangs.

Audiophile sind arrogante Snobs

Wer sich als Neueinsteiger in das Hobby Hi-Fi in die entsprechenden Internet-Foren verirrt, wird rasch mit ziemlich arroganten Leuten konfrontiert, die  von oben herab zB sagen: „Gerät XY, das du hast, ist Mist, weil…“. Davon darf man sich nicht abschrecken lassen,. Die große Mehrheit der Audiophilen ist nämlich nicht so. Sogar im Internet, dem natürlichen Habitat der Trolle, überwiegt die Zahl derer, die freundlich sind und helfen wollen, bei weitem die Zahl der arroganten Ärsche. Denn echte Audiophile lieben, wie der Name schon sagt, den Klang und sie haben Verständnis für jede neue arme Seele, die diesem Hobby, das allzu oft zur Sucht wird, anheim fällt.

Ich kann Hi-Fi doch gar nicht von Low- oder No-Fi unterscheiden

Doch, kannst du. Sogar der unmusikalischste Mensch, der keine Ahnung von Frequenzgängen und Tonwellen hat, kann gutes Wiedergabegerät von schlechtem unterscheiden. Das ist nämlich keine Frage der Ausbildung oder des Wissens, sondern ein ganz natürlicher Vorgang. Woran aber erkennt man gute Boxen oder Kopfhörer? Zum Beispiel daran, dass man, sobald man mit ihnen Musik hört, die Augen schließt, weil man sich ganz der Musik überlassen will/muss. Oder daran, dass man plötzlich den Drang verspürt, zu tanzen oder Headbanging zu machen. Und an vielen anderen Sachen. Gutes Hi-Fi-Gear provoziert positive emotionale Reaktionen. Ein Lächeln, einen Tagtraum, ein Gefühl des Glücks. Darum geht es bei all dem. Nicht darum, das Beste vom Besten zu haben, denn das ,was das „Beste“ ist, ist relativ. Auch nicht um Angeberei oder das Pseudo-Glück des Konsums. Es geht um Musik und um Genuss. Wenn jemand Musik auf seinen Boxen oder seinem Kopfhörer genießt und wenn die Musik ihn/sie glücklich macht, dann hat er/sie alles richtig gemacht. Hi-Fi und Audiophilie dreht sich letztlich um nichts anderes als um die Freude an der Musik. Eine gute Box oder ein guter Kopfhörer hat folgende Haupteigenschaften: Man bekommt ein gewisses „Live-Feeling“, als säßen die Musiker direkt vor einem; man entdeckt in der Musik Nuancen, die man zuvor nicht gehört hat; man erlebt intensive Gefühle. Wenn all das passiert, habt ihr eine gute Anlage. Wenn all das nicht passiert, wird es Zeit, aufzurüsten.

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You fight for the throne and you travel alone – Happy Birthday, Bob Dylan

Wenn sich erst mal Kunsttheoretiker, Kulturwissenschaftler und Leute, die ansonsten unverständliches Angeberkauderwelsch in Ausstellungskataloge oder elitäre Hirnwixermagazine schmieren, mit einem befassen und einen im Zuge gut gemeinter Erklärungsaufsätze zum Objekt ihrer Sprachvernichtungen machen, muss man sich als Rockmusiker entweder die Kugel geben oder Bob Dylan sein, denn wenn man Bob Dylan ist, dann ist es einem egal, dass sich sogar in der Klagenfurter Universitätsbibliothek, gut versteckt in der Anglistikabteilung, eine Magisterarbeit über die „Surrealen Elemente in den Texten Bob Dylans“ findet. Mit akademisch verpeilten Kindern aus gutem Hause, die jedes Bein anspringen, von dem sie annehmen, es gehöre zu einem, der ist, was sie nicht sein können, und sich dann so lange daran reiben, bis sie ein unlesbares Buch oder einen verschwurbelten Artikel ejakuliert haben, musste sich Dylan schon früh auseinandersetzen, und dass ihm das lästig war, ließ er die Welt auch wissen: You’ve gone to the finest school all right, Miss Lonely / But you know you only used to get juiced in it. Er war noch keine 22 Jahre alt, da sollte er schon „die Stimme seiner Generation“ sein, ein „Prophet“ gar, und alle, alle wollten sie ein Stück von ihm haben, nahmen ihn in ihre Parteien und Debattierclubs und Sekten und „Movements“ auf, ohne ihn zu fragen, und trugen seine frühen Songs vor sich her wie ein süditalienisches Dorf die mumifizierte Zehe ihres lokalen Heiligen bei einer Prozession, die von der Kirche zu den Weinkellern führt. Ein gutes Gefühl für das Dorf, für die „Bewegung“, aber letztlich heidnisch, unheilig, naiv.

Natürlich kam dann das erste große Nichtverstehen der Nixblicker, als Dylan der US-amerikanischen Folkszene, dieser Ansammlung von dauerempörten Halbtalenten, entwuchs und, ausgestattet mit einem messerscharfen Modebewusstsein, das ihn auch optisch zur hippsten Person des Universums machte, die Kraft seiner alles bislang in der Populärkultur Dagewesenen übertreffenden Sprachvirtuosität mit jener des Rock´n Roll verband und zusammen mit Musikern, die kapierten, was er kapierte, durch Amerika und England donnerte, so unaufhaltsam wie die Zeiten, die sich trotz des Beharrungswillens der Linken, Rechten, Lechten und Rinken änderten. Die konservativen Progressiven buhten ihn aus, nannten ihn „Judas“, denn für sie war ein rockender, sonnenbebrillter engjeanstragender Dylan in etwa das, was die Gentechnik für angebliche „Grüne“ heute ist: Unverständlich, daher unheimlich und deswegen abzulehnen, so rein vom Buchgefühl her, welches bei diesem Menschentyp ja bekanntermaßen das Denken ersetzt. Dylan hat das nicht gestört, er hat, ganz im Gegenteil, die Verwirrung der Dummen sogar genossen. Er spielte aber den empörten Unverstandenen und ließ genussvoll seine ätzende Ironie auf die Unbedarften los, die nicht ahnten, dass hier einer mit ihren Erwartungshaltungen und Vorurteilen spielte wie es sonst nur Meister des Neurolinguistischen Programmierens können. Man höre zB jenes Bootleg von seiner England-Tournee aus dem Jahr 1966, auf dem er, völlig bedröhnt von mindestens drei illegalen und zwei legalen Drogen, in Richtung Publikum nuschelt: „I ain´t gonne play any more concerts here in England. Because the english papers called the following song a drug song. This is not a drug song“. Und dann spielt er das beste Lied aller Zeiten, den Drogensong „Visions of Joahnna“, der aber noch viel mehr ist, nämlich der Paradevertreter von Dylans damaliger Stream-of-Consciousness-Poesie, die den Hörer mitnahm auf einen Trip in eine Welt voller wunderschöner Metaphern, erleuchtender Gedankenblitze und Sprachbilder, die, und hier stimmt die Phrase, das Bewusstsein des Hörers erweiterten. „Judas“, brüllte ein dummer Mensch in Richtung Bühne. „I don´t believe you, you´re a liar“, konterte Dylan, und bat seine Band, „Like A Rolling Stone“ doch bitte „fucking loud“ zu spielen. Soweit die schöne Legende. In Wirklichkeit war es Robbie Robertson, der Gitarrist der Band, der die Empörung seines Chefs in die Aufforderung zum Lautspielen fasste.

Dann verstummte Robert Zimmerman, als der Dylan einst geboren worden war, nach einem Motorradunfall für fast zwei Jahre und sah zu, wie die ganze Welt plötzlich die Musik hörte, die er als Erster gemacht hatte, und die Drogen nahm, die er genommen hatte. Und während sich tout le monde LSD einwarf und erst die psychedelische Majestät von „Blonde On Blonde“ zu begreifen begann, was sich unter anderem darin äußerte, dass dieses Dylan-Doppelalbum von 1966 an allen Kunst-Unis, auch an jener in Wien, wo die Fantastischen Realisten den Aufstand gegen gerade Linien wagten, auf Dauerrotation gesetzt wurde, antwortete Dylan auf Briefe von Johnny Cash und veröffentlichte zum Entsetzen der „linken“ Hippies nicht nur eine gemeinsame Platte mit dem als „reaktionär“ verleumdeten Man in Black, sondern spielte auch Solowerke ein, die stark vom Country beinflusst waren. Wer gerade noch zu „Subterranian Homesick Blues“ abgespaced war, verstand nun den neuerlichen Schwenk Dylans ebenso wenig, wie die Folkies Dylans Wechsel zum Rock kapiert hatten. Jimi Hendrix und andere verstanden sehr wohl, und kaum waren der Spott und der Hohn, die über den angeblich fortschrittsfeindlichen Dylan ausgegossen wurden, verklungen, griff schon eine ganze neue Generation von Musikern Dylans Faible für traditionelle Americana auf und wurde damit extrem erfolgreich. Dreimal schon hatte sich der schmächtige Gigant gegen Trends gestellt und damit die Musikwelt revolutioniert. Drei Revolutionen angestoßen zu haben, das ist mehr, als alle anderen, die sich als Revolutionäre fühlten und fühlen, jemals geschafft haben, aber Anfang der 70er Jahre war die Musikpresse, im Gleichschritt mit all den anderen Hinterherrennern und Nachplapperern und Wenigdenkern, immer noch gefangen in der idiotischen, von Dylan längst als überholt entlarvten Zwangsvorstellung, wonach Musik danach bewertet werden müsse, ob sie dem politischen Mainstream entspricht, also „politisch korrekt“ bzw. „relevant“ ist, oder eben nicht und dann dem Reich des Bösen zugeordnet werden muss. Der Regisseur Sam Packinpah war einer, der Dylan verstanden hat, weshalb er Herrn Zimmerman auch bat, den Soundtrack zu seinem Western „Pat Garret and Billy The Kid“ zu schreiben. Das war ein Männerfilm, so wie Dylans Lyrik immer Männerpoesie war, keineswegs frauenfeindlich, aber eben der Tatsache bewusst, dass Männer die Welt teilweise anders wahrnehmen als Frauen. Übrigens etwas, was schon Italian Poets from the 13th century wussten…

Einmal noch konnte Dylan bei den Bauchlinken punkten, als er sich im Song „Hurricane“ für den seiner Meinung nach unschuldig eingesperrten schwarzen Boxer Rubin Carter stark machte, und zwar ganz im Stil seiner frühen Protestsongs. Und auch die zwei Ehekrisenplatten „Blood On The Tracks“ und „Street Legal“ wurden mit großem Wohlwollen aufgenommen. Nicht ganz zu Unrecht, betrachtet man das großartige Songmaterial auf diesen Scheiben, das in dem unfassbar deprimierenden, aber dennoch trotzigen „No Time To Think“, in dem Bob eine Art Generalabrechnung mit Kapitalismus und Realsozialismus vornahm und, als ginge es um sein Leben, für die Würde des zwischen den Extremen verrückt gemachten Menschen sang, seinen Höhepunkt fand. Nie zuvor und auch nicht danach hat Dylan sein Mitgefühl für die „bedrängte Kreatur“ so klar und direkt und poesiegewaltig ausformuliert.

Dann….ja dann wurde Herr Zimmerman spirituell neu geboren, mutierte also zum „born again christian“, und schockte als Vertreter einer ultrakonservativen Auslegung des Christentums nicht nur seine durchwegs nicht sonderlich religiösen Fans, sondern auch seine jüdische Familie. Jahrelang gab er den Hardcorechristen, drohte zum Entsetzen seiner Interviewpartner und seiner Anhänger Schwulen mit dem ewigen Höllenfeuer und veröffentlichte gleich drei Platten nacheinander, die sich alle mit dem tollen Wirken des Christengottes befassten (und mit der Ausnahme von „Slow Train Coming“ musikalisch nicht gerade zum Besten gehörten). Kaum jemand sah genau hin, denn dann wäre es vielleicht dem einen oder anderen aufgefallen, dass der Mann, der da evangelikanen Quatsch von sich gab und brav geschnittene Anzüge anhatte, an seinen Füßen immer noch Schuhe aus Schlangenleder trug. Vermutlich hat sich Dylan in diesen Jahren bei der Lektüre der ihn verdammenden Artikel in der progressiven Presse so amüsiert wie nie zuvor. Ernst machte er erst wieder 1983, und zwar mit dem Album „Infidels“, das zwar seinen Abschied vom christlichen Fundamentalismus markierte, aber die Dummlinken unter seinen Fans noch schlimmer verunsicherte als es seine pseudoreligiösen Gospelausflüge getan hatten. Denn während es in der „linken“ Szene zum schlechten Ton geworden war, Israel zu verfluchen und sich auf die Seite der Araber zu schlagen, ergriff Dylan so pointiert und eindeutig Partei für den Judenstaat, dass man seinen Song „Neighbourhood Bully“ als das bis heute gedanklich klarste und politisch redlichste Lied, das jemals über den Nahostkonflikt geschrieben wurde, sehen muss. Da gibt es kein Heurmgeeiere, kein Anheischen an den pseudoliberalen Mainstream, sondern einfach eine klare, nachvollziehbare und, bei Betrachtung der Fakten, einfach wahre Beurteilung der Lage Israels. Bob Dylan ist übrigens, schenkt man den Interviews seit 1980 Glauben (und, wichtiger: hört man sich die Texte genau an), ein spiritueller Mensch, der aber keiner organisierten Religion angehören mag, sondern die Nähe zu „Gott“ in der Musik fühlt – eine Herangehensweise an das Metaphysische, die er mit vielen Musikern teilt. Im wirkliche Leben, also abseits der Bühnen, der Masken und der Ironie lebt Dylan eine ganz normale jüdische Identität.

Seit Dylan Musik macht, fühlen sich unmusikalische Menschen bemüßigt, immer wieder Unsinn über seinen Gesangsstil zu schreiben. Von „Krächzen“ wird da berichtet, oder von „Näseln“. In Wahrheit gehört Dylan zu den besten und stilprägendsten Sängern, die die Rockmusik hervorgebracht hat. Aber Leute, die von Musik soviel verstehen wie ich von Quantenphysik, seit den ersten Kritikern in den 60er Jahren bis heute haben nicht realisiert, dass ein Rocksänger nicht mit denselben Maßstäben zu messen ist wie ein Angestellter der Wiener Oper. Und hier kommen wir wieder zum Anfang dieses Beitrags: Die Dämlacke und Klischeeliebhaber müssen Dylan in ihre viel zu kleinen Schubladen stecken, weil sie nicht begriffen haben, was dieser Mensch hervorgebracht hat. Sie dummschreiben etwas daher vom „Hippie“ Dylan, obwohl der nie ein Hippie war, und sie stellen Dylan in eine Gegenposition zum von ihnen, diesen Amateuren, so verehrten Punk, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben oder haben zu wollen, dass Dylan die Musikwelt in den 60ern wesentlich härter aufgerüttelt hat, als es der Punk in den 70ern tat. Aber, und auch das haben wir ja schon festgestellt: Ein Bob Dylan steht da drüber und es ist ihm auch wurscht, ob er nun den Literaturnobelpreis bekommt oder nicht, oder ob irgendein Wicht seine jeweils neueste Platte als „gut“ oder „schlecht“ in seine knapp bemessene Schachtel steckt. Er macht einfach weiter, veröffentlicht gute bis sehr gute Musik und spielt immer noch gern live.

Happy 75th birthday, Bob!

Der letzte Rock´n Roller

Lemmy ist tot und mit ihm starb der Rock´n Roll als Lifestyle. Als Gegenkultur ist er schon lange zuvor verreckt. Über das Todesdatum streiten die Experten seit langem. Ich denke, er verstarb nach langem Siechtum am 15. Dezember 2001, als in Großbritannien die erste Folge von „Pop Idol“ gesendet wurde. Diese Show, die schon kurz nach ihrem Debüt weltweit in Mutationen auftrat („American Idol“, „Deutschland sucht den Superstar“…), war die Antithese zu dem, was Rock mal gewesen war und beschnitt ihn um all das, was ihn als kulturelles Phänomen definiert hatte. Schon in den Jahrzehnten davor lag der Rock´n Roll oft im Totenbett, konnte sich dann aber doch wieder aufraffen und sich vor denen, die ihn umbringen hatten wollen, in die nächste Garage flüchten, wo er wieder zu sich fand. Die Mordanschläge begannen in den 1970er Jahren und häuften sich seit den 80ern. Ob es die Artrocker waren, die ihn in die Opernhäuser zerren wollten, wo er einzugehen drohte, oder die Herren Stock, Aitken und Waterman, die gecastete Schöngesichter eine am Reißbrett entworfene Kopie des Rock vortragen ließen – immer entkam er dem Sensenmann in letzter Sekunde, gerettet von Jungen Wilden, die ihm frisches Blut spendeten. Nach „Pop Idol“ war es damit vorbei. Rock´n Roll existiert seither nicht mehr als Soundtrack einer anderen Welt, die es gegen die Widerstände der herrschenden Kultur zu erkämpfen gilt, sondern ist endgültig Teil der globalen Warenwelt des Kapitalismus geworden, der nichts mehr entrinnen kann. Aus einem Probekeller heraus die Welt erobern und vielleicht verändern, das war vorbei. Seit „Pop Idol“ hat die Nachahmung die Originalität besiegt, ist die Eintagsfliege die typische Lebensform des Business und nichts mehr wirklich real. Vielleicht sind an allem ja die Japaner schuld, die mit ihrem Karaoke dem Siegeszug von Imitation und Parodie über Originalität und Kreativität Vorschub leisteten?

Lemmy Kilmister war ein Original, und zwar ein kreatives. Aufgewachsen als Scheidungskind sah er mit 16 einen Gig der Beatles in Liverpool und wusste fortan, was er mal werden wollte. Ich werde hier nicht erneut nacherzählen, was anderswo schon so oft zu lesen war und was Lemmy selber in seiner Autobiografie „White Line Fever“ wohl am besten beschrieben hat, also die Zeit als Roadie bei Jimi Hendrix, die Jahre mit Hawkwind und dann schließlich Motörhead. Kennt ja jeder, der sich für Rock´n Roll auch nur einen Furz interessiert. Ab Mitte der 80er Jahre hatte Lemmy sich seinen Platz an der Sonne des Kulturbetriebs erarbeitet. Und womöglich war genau das auch schon das Ende in dem Sinne, als Lemmy danach eine Marke war, eine Trophäe auch, mit der sich Events und Filme aufputzen ließen, die sich einen Hauch von anarchischer Gegenkultur verleihen wollten. Ab den 1990er Jahren wurde Lemmys Musik zwar nicht von allen geliebt, aber von jedem respektiert. Es gehörte zum guten Benehmen, Lemmy klasse zu finden. Je konformistischer die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Pseudoliberalität wurde, desto größer wurde die Sehnsucht nach „Kultfiguren“, die stellvertretend das lebten oder zu leben vorgaben, was jene, die sich für den täglichen Konkurrenzkampf fit halten mussten, nicht mehr leben durften. So wurde Lemmy, ähnlich wie Keith Richards, zu einer Art Rock-Jesus, der stellvertretend nicht für unsere Sünden, sondern unsere unerfüllten Begierden seinen Körper verwüsten musste mit Unmengen von Alkohol und anderen Drogen. Die Bürohengste dieser Welt, die die Arbeiterjugend längst als Publikum von Motörhead abgelöst hatten, streiften sich an einem Wochenende pro Jahr Kutte und Fetzenleiberl über und huldigten der Band, die sie wenigstens für ein paar Stunden erlöste von den Zwängen des Hamsterrads.

Seit der Jahrtausendwende durfte oder musste Lemmy zusätzlich zur Rolle des Stellvertreter-Lebemannes immer öfter auch jene des Bonmot-Lieferanten für den Feuilleton spielen, und er spielte sie gerne. Er hatte ja auch was zu sagen, denn er war ein kluger und gebildeter Mensch. Und ein sehr angenehmer, glaubt man denen, die mit ihm persönlich zu tun hatten. Er sammelte NS-Devotionalien, war aber kein Nazi, kein Faschist und kein Rassist. Liest man seine Texte und die mit ihm geführten Interviews, kann man rückschließen, dass er ein gestandener Antiautoritärer war, der all jene verachtete, die die Menschheit seit viel zu langer Zeit plagen: Die Befehlsbrüller, die Heuchlerpfaffen, die Politverbrecher. Weil Lemmy es hasste, was Heroin mit Menschen anstellte, trat er für dessen Legalisierung ein. Wie gesagt, er war nicht blöd. Immer, wenn ein bekannter Mensch stirbt, sagt man, er werde fehlen. Bei Lemmy trifft das wirklich zu. Er war vielleicht der letzte Mensch, der noch glaubwürdig die Rock´n Roll-Antithese zum bürgerlichen Leben verkörperte, der für den (Irr)Glauben stand, man könne die Dämonen mit Lautstärke und viel Schnaps austreiben. Konnte man auch, aber nur temporär. Motörhead-Konzerte waren temporär befreite Zonen. Mit Lemmys Tod sind die Grenzzäune des Systems wieder ein gutes Stück näher an uns alle herangerückt.

Kurt Cobain und ich

Als Nirvana und ich erstmals aufeinander trafen, geschah das unter für eine liebevolle Beziehung recht ungünstigen Umständen. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Kurt Cobain und seine Truppe sein mochten, ich merkte nur, dass so gut wie alle Menschen, die ich kannte, und so gut wie alle Menschen, die ich nicht kannte, voll auf „Smells Like Teen Spirit“ abfuhren und der Song daher auf jeder Party, in jedem Lokal und aus jedem Autoradio dröhnte. Die Mehrheit liebte Nirvana und das genügte mir zunächst, um Nirvana nicht zu mögen, denn mit Mehrheiten hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht. Mehrheiten, so mein damaliger Wissensstand, schließen sich stets gegen Minderheiten zusammen, die ihnen schwächer oder auch nur andersartig erscheinen. Daher konnte das, was die Mehrheit mochte, nicht gut sein, schloss ich damals kurz. Das war schade, denn eigentlich hätten Kurt Cobain und ich die besten Freunde werden müssen. Ohne voneinander zu wissen waren wir uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wie er lief auch ich schon seit den späten 80er Jahren mit Holzfällerhemd, T-Shirt, zerschlissenen Jeans und Turnschuhen rum. Wie er mochte ich eher die Beatles als Hardcore, eher Syd Barrett als Sid Vicious, und wie er war  ich ziellos, melancholisch, wütend, verletzt und pessimistisch, richtete aber, auch das eine Ähnlichkeit, meine aufgestauten Aggressionen nicht physisch gegen Menschen, Sachen oder Tiere und trat auch keiner radikalen Partei bei, sondern schrieb zornige Verse und Lieder, für deren Vertonung ich keine Mitmusiker fand. Und wie er zielte ich schließlich mit all der Wut und dem Hass und der Traurigkeit auf mich selbst, nicht mit einer Schrotflinte zwar, aber doch mit einem psychischen Zusammenbruch, mit Krebs und mit dem Ausstieg aus der normalen Gesellschaft der frohgemuten Menschen. Den Erfolg von Nirvana interpretierte ich falsch. Mir fiel nicht auf, dass es Millionen Menschen auf der ganzen Welt ähnlich ging wie mir und dass Cobain deswegen einen Nerv traf mit seinen Songs, ich war blind vor spätpubertärer Verweigerungshaltung allem gegenüber, das Erfolg hatte. Erst viel später sollte ich erfahren, dass Kurt ganz ähnliche Zweifel plagten, als er vom beinahe obdachlosen Slacker zum Weltsuperstar befördert worden war. Zur der Zeit, als Nirvana am Höhepunkt ihrer Popularität waren, gab es außer mir nur noch wenige, die die Band nicht mochten, und das waren meist neidische Musiker, die sich nicht entblödeten, Cobain sein technisch nicht perfektes aber eben im Kontext seiner Musik völlig perfektes Gitarrenspiel anzukreiden, und Metalheads, die das Dröge-Verschleppte am Grunge nie kapieren konnten. Und dann blies sich Cobain den Schädel weg, die letzte Jugendbewegung war vorbei und ich hatte nicht mitgemacht.

Die Jahre gingen vorüber, Grunge war out, diejenigen, die zur Musik von Nirvana, Pearl Jam und den anderen Bands der Ära traurig ihre jungen Körper geschüttelt hatten, versuchten, doch noch einen Platz in den Tretmühlen dieser Welt zu ergattern und ich erlitt kurz nach der Jahrtausendwende einen seelischen Zusammenbruch, der mich aus meinen Tretmühlen nachhaltig und gegen meinen Willen entfernte. Vom respektierten Steuerzahler langsam ins Elend des Transferleistungsbeziehers absteigend, entdeckte ich Nirvana neu und nun stimmten die Umstände so weit, dass ich das Meisterwerk „Nevermind“ genießen konnte, ohne mich wie ein Mitläufer zu fühlen. Als ich mich in Ruhe und ungestört vom Hype auf die Band einließ, konnte ich die Schönheit dieser Verbindung zwischen Punk Rock und beatleesker Melodien und frühpinkfloydscher Harmonik endlich wahrnehmen und schätzen lernen. Ja ja, „Here we are now, entertain us“ mag der gequälte Schrei der Generation X gewesen sein, der später die Generation Xbox mit noch unstillbarerem Unterhaltungsbegehr folgen würde, aber für mich klangen „Nevermind“, „In Utero“ und „Unplugged“ einfach nur nach verdammt guter Musik mit teils recht gewitzten Texten. Die unausgegorene „Bleach“ mochte ich nicht und mag sie bis heute nicht. Vorigen Samstag jährte sich zum 20. Mal der Todestag Kurt Cobains und ich war trauriger, als ich es 1994 gewesen war.

Magic & Loss: RIP, Lou Reed

Das Universum hält nicht den Atem an, die Züge fahren weiter, morgen gehen wir wieder zur Arbeit und dennoch ist etwas anders geworden. Lou Reed lebt nicht mehr, und mit ihm ist auch der Kunstanspruch des Rock´n Roll gestorben. Reed hat, mit der kleinen Hilfe von John Cale, Maureen Tucker,  Sterling Morrison, Doug Yule, Andy Warhol und, ja, auch Nico die Popmusik erwachsen gemacht, hat gezeigt, dass Intellektualität und Stromgitarre keine Feinde sein müssen, dass man Texte schreiben kann und darf, die ebenso provokant wie brillant sind und dass große Kunst nicht pompös sein muss, ja nicht mal sollte. Velvet Underground waren das ergänzende und oft korrigierende Gegenstück zur sonnigen Musik der Hippies, kühl und städtisch, zeitgenössischer Kunst und Literatur mehr zugetan als fernöstlicher Mystik. Ich habe Lou Reed zuerst über sein Solo-Werk kennengelernt, habe „Berlin“ gehört und „Transformer“ und „Take No Prisoners“, diese grandiose Liveplatte inklusive Publikumsbeschimpfung. Ich empfand sofort, dass diese Musik für mich gemacht worden war, diese düsteren Songs über Außenseiter und Fixer und heruntergekommene Transen und Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnehmen, entsprachen viel mehr den Wahrnehmungen, die ich von der Welt hatte, als Love & Peace und Dirty Dancing. „Deprimierend“ sei dieser Sound, sagten viele, und ich sah das ganz anders, denn hinter der Dunkelheit, der Verzweiflung und dem Zynismus schimmerte auch Hoffnung. Hoffnung, dass es auf der Welt Orte gibt, an denen man sich nicht wie ein Freak fühlt, wo Stadtluft frei macht und wo das Weiche neben all der Härte leben darf. „I hate being odd in a small town / if they stare let them stare in New York City“.

Lou Reed ist tot. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich bin richtig traurig, als wäre ein Freund gestorben, und gewissermaßen ist das ja auch so. Natürlich höre ich gerade seine Songs, frage mich, ob Candy mittlerweile mit ihrem/seinem Körper Frieden geschlossen hat, ob Liebe manchmal so ist wie ein versauter französischer Roman, ob die korrupten Bullen immer noch die Hure ficken, der sie die Kinder weggenommen haben. Ich hoffe für Lou, dass der Tod überraschend und schnell gekommen ist, dass er nicht zusehen musste, wie eine Krankheit ihn langsam in Staub verwandelte. Gedanken rasen, Gefühle auch. „Between thought and expression lies a lifetime“.

Willow´s Song

„The Wicker Man“ ist ein Horrorfilm aus dem Jahr 1973, der seine Faszination nicht zuletzt dem tollen Soundtrack von Paul Giovanni verdankt. Giovanni vertonte die Prämisse „sehr christlicher Polizist trifft auf eine heidnische Gesellschaft“ kongenial, und einer der schönsten Tracks ist wohl „Willow´s Song“, im Film interpretiert von der wunderbaren Britt Ekland. Und ein paar mal gecovert.