Der letzte Rock´n Roller

Lemmy ist tot und mit ihm starb der Rock´n Roll als Lifestyle. Als Gegenkultur ist er schon lange zuvor verreckt. Über das Todesdatum streiten die Experten seit langem. Ich denke, er verstarb nach langem Siechtum am 15. Dezember 2001, als in Großbritannien die erste Folge von „Pop Idol“ gesendet wurde. Diese Show, die schon kurz nach ihrem Debüt weltweit in Mutationen auftrat („American Idol“, „Deutschland sucht den Superstar“…), war die Antithese zu dem, was Rock mal gewesen war und beschnitt ihn um all das, was ihn als kulturelles Phänomen definiert hatte. Schon in den Jahrzehnten davor lag der Rock´n Roll oft im Totenbett, konnte sich dann aber doch wieder aufraffen und sich vor denen, die ihn umbringen hatten wollen, in die nächste Garage flüchten, wo er wieder zu sich fand. Die Mordanschläge begannen in den 1970er Jahren und häuften sich seit den 80ern. Ob es die Artrocker waren, die ihn in die Opernhäuser zerren wollten, wo er einzugehen drohte, oder die Herren Stock, Aitken und Waterman, die gecastete Schöngesichter eine am Reißbrett entworfene Kopie des Rock vortragen ließen – immer entkam er dem Sensenmann in letzter Sekunde, gerettet von Jungen Wilden, die ihm frisches Blut spendeten. Nach „Pop Idol“ war es damit vorbei. Rock´n Roll existiert seither nicht mehr als Soundtrack einer anderen Welt, die es gegen die Widerstände der herrschenden Kultur zu erkämpfen gilt, sondern ist endgültig Teil der globalen Warenwelt des Kapitalismus geworden, der nichts mehr entrinnen kann. Aus einem Probekeller heraus die Welt erobern und vielleicht verändern, das war vorbei. Seit „Pop Idol“ hat die Nachahmung die Originalität besiegt, ist die Eintagsfliege die typische Lebensform des Business und nichts mehr wirklich real. Vielleicht sind an allem ja die Japaner schuld, die mit ihrem Karaoke dem Siegeszug von Imitation und Parodie über Originalität und Kreativität Vorschub leisteten?

Lemmy Kilmister war ein Original, und zwar ein kreatives. Aufgewachsen als Scheidungskind sah er mit 16 einen Gig der Beatles in Liverpool und wusste fortan, was er mal werden wollte. Ich werde hier nicht erneut nacherzählen, was anderswo schon so oft zu lesen war und was Lemmy selber in seiner Autobiografie „White Line Fever“ wohl am besten beschrieben hat, also die Zeit als Roadie bei Jimi Hendrix, die Jahre mit Hawkwind und dann schließlich Motörhead. Kennt ja jeder, der sich für Rock´n Roll auch nur einen Furz interessiert. Ab Mitte der 80er Jahre hatte Lemmy sich seinen Platz an der Sonne des Kulturbetriebs erarbeitet. Und womöglich war genau das auch schon das Ende in dem Sinne, als Lemmy danach eine Marke war, eine Trophäe auch, mit der sich Events und Filme aufputzen ließen, die sich einen Hauch von anarchischer Gegenkultur verleihen wollten. Ab den 1990er Jahren wurde Lemmys Musik zwar nicht von allen geliebt, aber von jedem respektiert. Es gehörte zum guten Benehmen, Lemmy klasse zu finden. Je konformistischer die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Pseudoliberalität wurde, desto größer wurde die Sehnsucht nach „Kultfiguren“, die stellvertretend das lebten oder zu leben vorgaben, was jene, die sich für den täglichen Konkurrenzkampf fit halten mussten, nicht mehr leben durften. So wurde Lemmy, ähnlich wie Keith Richards, zu einer Art Rock-Jesus, der stellvertretend nicht für unsere Sünden, sondern unsere unerfüllten Begierden seinen Körper verwüsten musste mit Unmengen von Alkohol und anderen Drogen. Die Bürohengste dieser Welt, die die Arbeiterjugend längst als Publikum von Motörhead abgelöst hatten, streiften sich an einem Wochenende pro Jahr Kutte und Fetzenleiberl über und huldigten der Band, die sie wenigstens für ein paar Stunden erlöste von den Zwängen des Hamsterrads.

Seit der Jahrtausendwende durfte oder musste Lemmy zusätzlich zur Rolle des Stellvertreter-Lebemannes immer öfter auch jene des Bonmot-Lieferanten für den Feuilleton spielen, und er spielte sie gerne. Er hatte ja auch was zu sagen, denn er war ein kluger und gebildeter Mensch. Und ein sehr angenehmer, glaubt man denen, die mit ihm persönlich zu tun hatten. Er sammelte NS-Devotionalien, war aber kein Nazi, kein Faschist und kein Rassist. Liest man seine Texte und die mit ihm geführten Interviews, kann man rückschließen, dass er ein gestandener Antiautoritärer war, der all jene verachtete, die die Menschheit seit viel zu langer Zeit plagen: Die Befehlsbrüller, die Heuchlerpfaffen, die Politverbrecher. Weil Lemmy es hasste, was Heroin mit Menschen anstellte, trat er für dessen Legalisierung ein. Wie gesagt, er war nicht blöd. Immer, wenn ein bekannter Mensch stirbt, sagt man, er werde fehlen. Bei Lemmy trifft das wirklich zu. Er war vielleicht der letzte Mensch, der noch glaubwürdig die Rock´n Roll-Antithese zum bürgerlichen Leben verkörperte, der für den (Irr)Glauben stand, man könne die Dämonen mit Lautstärke und viel Schnaps austreiben. Konnte man auch, aber nur temporär. Motörhead-Konzerte waren temporär befreite Zonen. Mit Lemmys Tod sind die Grenzzäune des Systems wieder ein gutes Stück näher an uns alle herangerückt.

Kurt Cobain und ich

Als Nirvana und ich erstmals aufeinander trafen, geschah das unter für eine liebevolle Beziehung recht ungünstigen Umständen. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser Kurt Cobain und seine Truppe sein mochten, ich merkte nur, dass so gut wie alle Menschen, die ich kannte, und so gut wie alle Menschen, die ich nicht kannte, voll auf “Smells Like Teen Spirit” abfuhren und der Song daher auf jeder Party, in jedem Lokal und aus jedem Autoradio dröhnte. Die Mehrheit liebte Nirvana und das genügte mir zunächst, um Nirvana nicht zu mögen, denn mit Mehrheiten hatte ich keine guten Erfahrungen gemacht. Mehrheiten, so mein damaliger Wissensstand, schließen sich stets gegen Minderheiten zusammen, die ihnen schwächer oder auch nur andersartig erscheinen. Daher konnte das, was die Mehrheit mochte, nicht gut sein, schloss ich damals kurz. Das war schade, denn eigentlich hätten Kurt Cobain und ich die besten Freunde werden müssen. Ohne voneinander zu wissen waren wir uns in vielerlei Hinsicht ähnlich. Wie er lief auch ich schon seit den späten 80er Jahren mit Holzfällerhemd, T-Shirt, zerschlissenen Jeans und Turnschuhen rum. Wie er mochte ich eher die Beatles als Hardcore, eher Syd Barrett als Sid Vicious, und wie er war  ich ziellos, melancholisch, wütend, verletzt und pessimistisch, richtete aber, auch das eine Ähnlichkeit, meine aufgestauten Aggressionen nicht physisch gegen Menschen, Sachen oder Tiere und trat auch keiner radikalen Partei bei, sondern schrieb zornige Verse und Lieder, für deren Vertonung ich keine Mitmusiker fand. Und wie er zielte ich schließlich mit all der Wut und dem Hass und der Traurigkeit auf mich selbst, nicht mit einer Schrotflinte zwar, aber doch mit einem psychischen Zusammenbruch, mit Krebs und mit dem Ausstieg aus der normalen Gesellschaft der frohgemuten Menschen. Den Erfolg von Nirvana interpretierte ich falsch. Mir fiel nicht auf, dass es Millionen Menschen auf der ganzen Welt ähnlich ging wie mir und dass Cobain deswegen einen Nerv traf mit seinen Songs, ich war blind vor spätpubertärer Verweigerungshaltung allem gegenüber, das Erfolg hatte. Erst viel später sollte ich erfahren, dass Kurt ganz ähnliche Zweifel plagten, als er vom beinahe obdachlosen Slacker zum Weltsuperstar befördert worden war. Zur der Zeit, als Nirvana am Höhepunkt ihrer Popularität waren, gab es außer mir nur noch wenige, die die Band nicht mochten, und das waren meist neidische Musiker, die sich nicht entblödeten, Cobain sein technisch nicht perfektes aber eben im Kontext seiner Musik völlig perfektes Gitarrenspiel anzukreiden, und Metalheads, die das Dröge-Verschleppte am Grunge nie kapieren konnten. Und dann blies sich Cobain den Schädel weg, die letzte Jugendbewegung war vorbei und ich hatte nicht mitgemacht.

Die Jahre gingen vorüber, Grunge war out, diejenigen, die zur Musik von Nirvana, Pearl Jam und den anderen Bands der Ära traurig ihre jungen Körper geschüttelt hatten, versuchten, doch noch einen Platz in den Tretmühlen dieser Welt zu ergattern und ich erlitt kurz nach der Jahrtausendwende einen seelischen Zusammenbruch, der mich aus meinen Tretmühlen nachhaltig und gegen meinen Willen entfernte. Vom respektierten Steuerzahler langsam ins Elend des Transferleistungsbeziehers absteigend, entdeckte ich Nirvana neu und nun stimmten die Umstände so weit, dass ich das Meisterwerk “Nevermind” genießen konnte, ohne mich wie ein Mitläufer zu fühlen. Als ich mich in Ruhe und ungestört vom Hype auf die Band einließ, konnte ich die Schönheit dieser Verbindung zwischen Punk Rock und beatleesker Melodien und frühpinkfloydscher Harmonik endlich wahrnehmen und schätzen lernen. Ja ja, “Here we are now, entertain us” mag der gequälte Schrei der Generation X gewesen sein, der später die Generation Xbox mit noch unstillbarerem Unterhaltungsbegehr folgen würde, aber für mich klangen “Nevermind”, “In Utero” und “Unplugged” einfach nur nach verdammt guter Musik mit teils recht gewitzten Texten. Die unausgegorene “Bleach” mochte ich nicht und mag sie bis heute nicht. Vorigen Samstag jährte sich zum 20. Mal der Todestag Kurt Cobains und ich war trauriger, als ich es 1994 gewesen war.

Magic & Loss: RIP, Lou Reed

Das Universum hält nicht den Atem an, die Züge fahren weiter, morgen gehen wir wieder zur Arbeit und dennoch ist etwas anders geworden. Lou Reed lebt nicht mehr, und mit ihm ist auch der Kunstanspruch des Rock´n Roll gestorben. Reed hat, mit der kleinen Hilfe von John Cale, Maureen Tucker,  Sterling Morrison, Doug Yule, Andy Warhol und, ja, auch Nico die Popmusik erwachsen gemacht, hat gezeigt, dass Intellektualität und Stromgitarre keine Feinde sein müssen, dass man Texte schreiben kann und darf, die ebenso provokant wie brillant sind und dass große Kunst nicht pompös sein muss, ja nicht mal sollte. Velvet Underground waren das ergänzende und oft korrigierende Gegenstück zur sonnigen Musik der Hippies, kühl und städtisch, zeitgenössischer Kunst und Literatur mehr zugetan als fernöstlicher Mystik. Ich habe Lou Reed zuerst über sein Solo-Werk kennengelernt, habe “Berlin” gehört und “Transformer” und “Take No Prisoners”, diese grandiose Liveplatte inklusive Publikumsbeschimpfung. Ich empfand sofort, dass diese Musik für mich gemacht worden war, diese düsteren Songs über Außenseiter und Fixer und heruntergekommene Transen und Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnehmen, entsprachen viel mehr den Wahrnehmungen, die ich von der Welt hatte, als Love & Peace und Dirty Dancing. “Deprimierend” sei dieser Sound, sagten viele, und ich sah das ganz anders, denn hinter der Dunkelheit, der Verzweiflung und dem Zynismus schimmerte auch Hoffnung. Hoffnung, dass es auf der Welt Orte gibt, an denen man sich nicht wie ein Freak fühlt, wo Stadtluft frei macht und wo das Weiche neben all der Härte leben darf. “I hate being odd in a small town / if they stare let them stare in New York City”.

Lou Reed ist tot. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich bin richtig traurig, als wäre ein Freund gestorben, und gewissermaßen ist das ja auch so. Natürlich höre ich gerade seine Songs, frage mich, ob Candy mittlerweile mit ihrem/seinem Körper Frieden geschlossen hat, ob Liebe manchmal so ist wie ein versauter französischer Roman, ob die korrupten Bullen immer noch die Hure ficken, der sie die Kinder weggenommen haben. Ich hoffe für Lou, dass der Tod überraschend und schnell gekommen ist, dass er nicht zusehen musste, wie eine Krankheit ihn langsam in Staub verwandelte. Gedanken rasen, Gefühle auch. “Between thought and expression lies a lifetime”.

Willow´s Song

“The Wicker Man” ist ein Horrorfilm aus dem Jahr 1973, der seine Faszination nicht zuletzt dem tollen Soundtrack von Paul Giovanni verdankt. Giovanni vertonte die Prämisse “sehr christlicher Polizist trifft auf eine heidnische Gesellschaft” kongenial, und einer der schönsten Tracks ist wohl “Willow´s Song”, im Film interpretiert von der wunderbaren Britt Ekland. Und ein paar mal gecovert.

R.I.P. Alvin Lee

Alvin Lee ist tot, verstorben am 6. März an den Komplikationen nach einem Routineeingriff. Er wurde 68 Jahre alt. Der ehemalige Frontman von Ten Years After  war einer der besten Gitarristen, die die Rockmusik je hervorgebracht hat.

Es war 1987 oder 1988. “Time to smoke your joints”, forderte Alvin Lee das Publikum in der “Szene Wien” auf, bevor er sich in eine atemberaubende, 20 Minuten lange Version von “I´m Going Home” stürzte, die dem muffigen Konzertsaal beinahe das Dach weggesprengt hätte. Er hätte die Leute übrigens gar nicht darum bitten müssen, etwas zu rauchen, denn allein die seit Beginn des Konzerts durch den Raum wabernden Marihuanaschwaden reichten aus, um einen in Kombination mit der Musik ganz weich im Kopf zu machen. Wiens Althippies und Neofreaks waren geschlossen angetreten, um einen der Helden von Woodstock zu hören, jener kleinen Veranstaltung mit 500.000 Besuchern, bei der Ten Years After den internationalen Durchbruch geschafft hatten. Dank des Films vom Festival sah die ganze Welt diese extrem tighte Band, deren Sänger und Gitarrist wie vom Teufel besessen über das Griffbrett raste und die Töne mit einer Geschwindigkeit aufeinander fliegen ließ, die man bislang noch nicht gehört hatte. Dass Lee damit für das oft bis heute anhaltende Missverständnis, ein guter Gitarrist müsse auch ein schneller sei, mit verantwortlich war, ist ein bedauerlicher Nebeneffekt, der dafür sorgt, dass immer noch seelenlose, aber rasante Skalen-Piloten von Unwissenden für ihre Geschwindigkeitsrekorde bejubelt werden, vor allem im Metal. Aber genau das unterschied Alvin Lee von den Nachahmern – sein Spiel hatte sehr wohl Seele. Er spielte sehr flott, aber auch mit Leidenschaft, und immer war seine Art, die Gitarre zu würgen, tief im Blues verwurzelt. Er wird uns fehlen.