Sigi Maron und der Nachbarsohn

Anfang der 80er Jahre in einem Kärntner Dorf. Ich war 12 oder 13 und durchlebte gerade meine erste regressive Phase, die sich darin manifestierte, dass ich nach der zwar aufschlussreichen, aber letztlich in den Wirrnissen der frühen Pubertät auch nur bedingt hilfreichen Lektüre von Fromm, Marx, Bakunin und Nietzsche die Welt der Schundromane entdeckte. Mein Favorit unter den Groschenheften war „Geisterjäger John Sinclair“, die aufregende und nicht enden wollende Saga um einen Helden und seinen Karate beherrschenden asiatischen Buddy, die gemeinsam okkulte Ärsche traten. Autor Helmut Rellergard, der sich in den späten 60ern den Beatles-Song „Paperback Writer“ zu Herzen genommen hatte, wusste genau, wie man Leser süchtig macht. Es traf sich gut, dass der Sohn eines Nachbarn, der rund zehn Jahre älter war als ich, Hunderte Ausgaben dieser Romanserie besaß und willens war, die mir zu leihen. Neben einer Vorliebe für literarischen Trash entdeckte ich zu jener Zeit auch die Musik. Ein Onkel hatte mich mit Neil Young, den Stones und Blood, Sweat & Tears angefixt und ich gierte nach mehr, nach immer neuem Stoff. Eines Tages bemerkte ich, dass der Nachbarsjunge nicht nur Heftromane, sondern auch eine umfangreiche Plattensammlung besaß, welche er ebenfalls großzügig zu verleihen bereit war. Doch seine LP-Sammlung war anders. Statt Beatles, Supertramp, Bad Company oder Led Zeppelin hatten die Künstler Namen wie Konstantin Wecker, Georg Danzer, Arik Brauer, Schmetterlinge – und Sigi Maron. Ich schnappte mir eine Platte von Maron, auf deren Cover das Wrack eines verunfallten Taxis zu sehen war, trabte zurück in mein kleines Zimmer und legte sie auf. Die ersten Riffs von „He, Taxi“ füllten den Raum und als Maron zu singen begann, änderte sich für mich alles.

Marons Lieder waren zornig, obszön, zärtlich, direkt und poetisch und verschoben für mich die Grenzen dessen, was Dialekt sprachlich zu leisten im Stande war, um hunderte Kilometer. Und sie trafen mich genau ins Herz. Diese Songs über erschossene Kriegsdienstverweigerer („Andrea“), über sexuell belästigte Arbeiterinnen („Seavas Mariedl“) und die Brutalität der Psychiatrie („Ziaglroter Pavillon“) waren das Gegenteil des üblichen popmusikalischen Eskapismus. Maron nannte die Dinge beim Namen und sein Zorn über das Unrecht war der meine. Seit ich angefangen hatte, zu denken, empfand ich Ungerechtigkeit als schwer erträgliche Zumutung. Und das Unrecht war konkret. Der von Nachbarn und mit unser aller Wissen im Keller eingesperrte geistig Behinderte, dessen Klagerufe manchmal durch das Dorf hallten; die in jedem Wirtshaus stattfindende Hitler-Nostalgie; der prügelnde Lehrer; der höchst geachtete Pfarrer, der die Ministranten unter seinen Rock zu greifen nötigte; Hunger in der Dritten Welt, Krieg, Waldsterben, Mathematikunterricht, Hausaufgaben und die erste unerwiderte Liebe! Das alles sollte es nicht geben und im Kommunismus würde alles besser sein. Vielleicht. Oder auch nicht. Der Kommunist Sigi Maron wusste natürlich, wie trostlos die Praxis im Ostblock war und sang über den Realsozialismus: De Stern ausn Ostn / de wüllst endlich kostn / Du huckst im Trocknen und sogst: „Des is eh ois ned woa“.

Obige Zeilen stammen aus Marons Dylan-Cover „Zum Denken Ka Zeit“. Sigi schaffte das Kunststück, den epischen Rundumschlag „No Time To Think“ nicht nur verlustfrei einzudeutschen, sondern die Intensität des Originals, dieser Generalabrechnung mit dem Spätkapitalismus und der Zerstörung des Menschen durch politische Maschinerien und bürokratische Apparate, durch Ideologien und Wahnsinn, noch zu steigern. Ich war ein junger Mensch voller Sorgen und Ängste, und der Song war so, als hätten Dylan und Maron ihn für mich geschrieben. Die Botschaft: Es ist alles vorbei, noch bevor es begonnen hat. Du hast keine Chance. Niemand hat eine. Es bleibt nur, in Würde die Entwürdigungen zu ertragen, den Kopf hoch zu halten, während die Jauche schon bis zu den Schultern reicht. Sigi Maron konnte derlei Verzweiflung in Worte fassen, weil er selbst oft verzweifelt war. Durch Kinderlähmung an den Rollstuhl angewiesen, bekam er mit voller Wucht zu spüren, was diese Gesellschaft in Wirklichkeit und abseits der Sonntagsreden für Menschen übrig hat, die nicht so funktionieren wie die Mehrheit und deren Verwertbarkeit eingeschränkt ist. Auf die warten Heime und Anstalten und Sozialbauten ohne Rampe und Lift. Maron gab nicht auf, sondern nutzte seine außerordentliche sprachliche Begabung für poetische Gegenangriffe auf die Arroganz und Ignoranz der sogenannten Gesunden, auf die Gemeinheit der Bürokraten, die stumpfe Gier der Karrieristen und Kapitalisten, die Dummheit der meisten Politiker. Er sang für jene, die ganz unten standen  in der Hackordnung der Warengesellschaft und denen daher andauernd auf den Kopf geschissen wurde.

Auf einer der Maron-Platten, die ich mir vom Nachbarsjungen ausgeliehen hatte, hatte Sigi ein Autogramm gekritzelt. Der Nachbarsohn war nämlich in der Sozialistischen Jugend aktiv gewesen und die hatte mal ein Maron-Konzert in Villach organisiert. Dieser Jungsozialist, von dem ich mir die ersten Platten von Maron, den Schmetterlingen und anderen linken Liedermachern und Bands geborgt hatte, trat wenige Jahre später der FPÖ bei und wurde ein strammer Rechter, der gar nicht hart genug gegen „Ausländer“, „Sozialschmarotzer“ und andere Feindbilder der Freiheitlichen vom Leder ziehen konnte. Ein bizarrer Persönlichkeitswandel, der mich bis heute verblüfft. Wie man rechtsextrem werden kann, nachdem man Lieder wie „Aum Tog Geh I Mit Blumen“ gehört hatte, einem Song, in dem Maron die Kumpanei zwischen Straßennazis und Justiz thematisierte, verstand ich nicht und verstehe ich bis heute nicht. Irgendeine schwere Kränkung mag im Spiel gewesen sein, etwas, was nur verstehen kann, wer es selbst erleidet, aber letztlich bleibt es ein Rätsel.

Ich habe Sigi Maron nie persönlich kennengelernt, doch wir wurden Facebookfreunde. Fast zwei Jahre lang war Sigi dort aktiv, und ich fühlte mich ungeheuer geschmeichelt, wenn er mal einen Beitrag von mir likte oder sich gar auf einen Chat einließ. Natürlich ist Facebook ein Filter, der einen den anderen Menschen nur erahnen lässt, aber ein bisschen was vom wirklichen Sigi Maron durfte ich erleben, und dafür bin ich dankbar. Wie jeder Künstler war Maron auch ein Mensch, der die Genialität seines Werks naturgemäß nicht andauernd als Person darstellen konnte. Auch Künstler müssen mal aufs Klo, auch der beste Liedermacher des deutschsprachigen Raums verlinkt mal Unsinn. Irgendwann war Maron wieder weg von Facebook, da er wichtigeres zu tun hatte. Manch einen altklugen Kommentar unter seinen Postings bereue ich heute sehr, da keine Gelegenheit mehr ist, dafür um Entschuldigung zu bitten. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, war ich erschüttert, aber nicht überrascht. Er war ja, wie einst die frühen russischen Revolutionäre, ein „Toter auf Urlaub“, da er mit einem Aorta-Riss lebte, der ihn jederzeit umbringen konnte. Aber Tote auf Urlaub sind wir alle und niemand entrinnt dem Unvermeidbaren. Die Frage ist nur, wie man das kurze Gastspiel auf dieser Erde gestaltet und ob man die Zeit dafür nützt, die Welt ein wenig besser oder ein wenig schlechter zu machen. Sigi Maron hat die Welt besser gemacht. Weniger sprachlos, weniger trostlos, weniger dumm.

Magic & Loss: RIP, Lou Reed

Das Universum hält nicht den Atem an, die Züge fahren weiter, morgen gehen wir wieder zur Arbeit und dennoch ist etwas anders geworden. Lou Reed lebt nicht mehr, und mit ihm ist auch der Kunstanspruch des Rock´n Roll gestorben. Reed hat, mit der kleinen Hilfe von John Cale, Maureen Tucker,  Sterling Morrison, Doug Yule, Andy Warhol und, ja, auch Nico die Popmusik erwachsen gemacht, hat gezeigt, dass Intellektualität und Stromgitarre keine Feinde sein müssen, dass man Texte schreiben kann und darf, die ebenso provokant wie brillant sind und dass große Kunst nicht pompös sein muss, ja nicht mal sollte. Velvet Underground waren das ergänzende und oft korrigierende Gegenstück zur sonnigen Musik der Hippies, kühl und städtisch, zeitgenössischer Kunst und Literatur mehr zugetan als fernöstlicher Mystik. Ich habe Lou Reed zuerst über sein Solo-Werk kennengelernt, habe „Berlin“ gehört und „Transformer“ und „Take No Prisoners“, diese grandiose Liveplatte inklusive Publikumsbeschimpfung. Ich empfand sofort, dass diese Musik für mich gemacht worden war, diese düsteren Songs über Außenseiter und Fixer und heruntergekommene Transen und Mütter, denen die Behörden die Kinder wegnehmen, entsprachen viel mehr den Wahrnehmungen, die ich von der Welt hatte, als Love & Peace und Dirty Dancing. „Deprimierend“ sei dieser Sound, sagten viele, und ich sah das ganz anders, denn hinter der Dunkelheit, der Verzweiflung und dem Zynismus schimmerte auch Hoffnung. Hoffnung, dass es auf der Welt Orte gibt, an denen man sich nicht wie ein Freak fühlt, wo Stadtluft frei macht und wo das Weiche neben all der Härte leben darf. „I hate being odd in a small town / if they stare let them stare in New York City“.

Lou Reed ist tot. Das ist schwer zu akzeptieren. Ich bin richtig traurig, als wäre ein Freund gestorben, und gewissermaßen ist das ja auch so. Natürlich höre ich gerade seine Songs, frage mich, ob Candy mittlerweile mit ihrem/seinem Körper Frieden geschlossen hat, ob Liebe manchmal so ist wie ein versauter französischer Roman, ob die korrupten Bullen immer noch die Hure ficken, der sie die Kinder weggenommen haben. Ich hoffe für Lou, dass der Tod überraschend und schnell gekommen ist, dass er nicht zusehen musste, wie eine Krankheit ihn langsam in Staub verwandelte. Gedanken rasen, Gefühle auch. „Between thought and expression lies a lifetime“.

R.I.P. Alvin Lee

Alvin Lee ist tot, verstorben am 6. März an den Komplikationen nach einem Routineeingriff. Er wurde 68 Jahre alt. Der ehemalige Frontman von Ten Years After  war einer der besten Gitarristen, die die Rockmusik je hervorgebracht hat.

Es war 1987 oder 1988. „Time to smoke your joints“, forderte Alvin Lee das Publikum in der „Szene Wien“ auf, bevor er sich in eine atemberaubende, 20 Minuten lange Version von „I´m Going Home“ stürzte, die dem muffigen Konzertsaal beinahe das Dach weggesprengt hätte. Er hätte die Leute übrigens gar nicht darum bitten müssen, etwas zu rauchen, denn allein die seit Beginn des Konzerts durch den Raum wabernden Marihuanaschwaden reichten aus, um einen in Kombination mit der Musik ganz weich im Kopf zu machen. Wiens Althippies und Neofreaks waren geschlossen angetreten, um einen der Helden von Woodstock zu hören, jener kleinen Veranstaltung mit 500.000 Besuchern, bei der Ten Years After den internationalen Durchbruch geschafft hatten. Dank des Films vom Festival sah die ganze Welt diese extrem tighte Band, deren Sänger und Gitarrist wie vom Teufel besessen über das Griffbrett raste und die Töne mit einer Geschwindigkeit aufeinander fliegen ließ, die man bislang noch nicht gehört hatte. Dass Lee damit für das oft bis heute anhaltende Missverständnis, ein guter Gitarrist müsse auch ein schneller sei, mit verantwortlich war, ist ein bedauerlicher Nebeneffekt, der dafür sorgt, dass immer noch seelenlose, aber rasante Skalen-Piloten von Unwissenden für ihre Geschwindigkeitsrekorde bejubelt werden, vor allem im Metal. Aber genau das unterschied Alvin Lee von den Nachahmern – sein Spiel hatte sehr wohl Seele. Er spielte sehr flott, aber auch mit Leidenschaft, und immer war seine Art, die Gitarre zu würgen, tief im Blues verwurzelt. Er wird uns fehlen.

In Erinnerung an Peter Kreisky

Nachdem der erste Schock überwunden ist, möchte ich noch ein paar Worte zu Peter Kreisky schreiben. Klar, es wird tiefgründigere Nachrufe geben von Menschen, die ihn viel besser gekannt haben, aber ich will doch ein paar Dinge, von denen ich fürchte, dass sie von anderen Leuten übersehen werden könnten, festhalten. Mit Peter Kreisky starb einer, von dessen Art es immer nur wenige gegeben hat und die die Welt doch so dringend braucht: Ein politischer Mensch, der die Politik nicht als Mittel zur Anhäufung persönlichen Reichtums begriff, sondern als Instrument, um den Armen und Bedrängten zu helfen. Neben all dem Trennenden verband dies Peter mit seinem Vater Bruno Kreisky, denn auch der war der tiefen Überzeugung, Politik sei zum Gestalten der Verhältnisse da und nicht bloß zum Verwalten. Bundeskanzler zu sein, das war für Bruno Kreisky das höchste denkbare Lebensziel, niemals wäre es ihm auch nur in den Sinn gekommen, nach seinem Rückzug aus der Politik eine zweite Karriere als Lobbyist oder Aufsichtsratspostensammler anzustreben. Sein Verständnis von politischer Ethik schloss es aus, den Laufburschen für Konzerne zu geben. Nachfolgende Politikergenerationen sahen und sehen das bekanntlich ganz anders und prahlen sogar offen damit, dass die Politik ja bloß ein „Lebensabschnitt“ für sie sei, nach dem sie dann ihrer wahren Berufung folgen würden, und, welch Zufall, besteht diese wahre Berufung fast immer in bestens bezahlten Jobs in der Wirtschaft. Wären ein Bruno Kreisky und ein Peter Kreisky so gestrickt gewesen, es wäre für beide ein Kinderspiel gewesen, im Bereich der Großkonzerne und Banken das ganz große Geld zu machen, doch beiden roch solch ein Lebensentwurf zu sehr nach Korruption.

Peter Kreisky war ein Angestellter bei der Arbeiterkammer mit einem ordentlichen, aber keineswegs über die Maßen hohen Gehalt. Das hat ihm gereicht. Dass ihm Gier fremd war, hat man auch im persönlichen Gespräch mit ihm stets bemerkt, denn solche Gespräche drehten sich um Lokalpolitik, manchmal um Weltpolitik, oft um Menschenrechte und sehr oft um die Not der kleinen Leute. Zumindest ich habe ihn nie über tolle Geldveranlagungen, kaufenswerte Beteilígungen und lukrative Geschäftsmodelle sprechen hören. Das hat ihn nicht interessiert. Oft zeigt sich die charakterliche und intellektuelle Qualität eines Mannes auch daran, welche Feinde er hat. Peter Kreisky wurde von vielen abgelehnt und gehasst. Für die „Realpolitiker“ unter den Sozialdemokraten stand er zu weit links und war nicht willig genug, sich an den Spielchen der diversen roten Seilschaften zu beteiligen. Die Kommunisten und andere Linksextremisten hassten ihn, weil er die demokratischen Bewegungen im seinerzeitigen Ostblock unterstützt hatte. Den Zionisten war er zu pro-arabisch, den Antisemiten zu „jüdisch“. Und für die Konservativen und Rechten war er stets nur der Sohn jenes Mannes, den sie zutiefst verabscheut hatten, weshalb auch er oft zum Ziel von teils grotesken Anfeindungen und Verleumdungen wurde. Beliebt waren persönliche Attacken des Inhalts „sein Papa hat´s ihm gerichtet“. Ja klar, deswegen war Peter Kreisky ja auch Generaldirektoraufsichtsratspräsident und nicht ein einfacher Angestellter, nicht wahr?

Peter Kreisky ist sicherlich manchmal mit seinen Analysen und Meinungen falsch gelegen, und ich würde, wenn ich wollte, etliche Themen finden, bei denen ich völlig anderer Meinung war als er. Doch er war stets echt und wahrhaftig. Politische Menschen dieses Typs fehlen uns derzeit so sehr, dass sich ein schaupielerisch begabter Zahntechniker zum Erben Bruno Kreiskys stilisieren kann, ohne dass man ihm dafür einen Satz warme Ohren verpasst. Die Menschen sehen sich nach Politikern, die mehr anzubieten haben als eine mit Beamtenmentalität besorgte Verwaltung des Bestehenden, sie sehnen sich nach Politikern, denen die Politik ein tiefes persönliches Anliegen ist. Peter Kreisky war so einer, auch wenn er im Gegensatz zu seinem Vater aus verschiedenen Gründen wohl nicht für die Spitzenpolitik geschaffen war. Doch er hat verstanden, dass gute Politik sowohl geduldige Arbeit im Kleinen und für „die Kleinen“ bedeutet, als auch das Streben nach großen Reformen. Gute Politik, das wusste er, muss realistisch sein und dennoch einer Vision folgen. Dieses Wissen scheint der Sozialdemokratie abhanden gekommen zu sein, und zwar  spätestens seit ein höherer Bankbeamter Parteichef wurde und Menschen mit Visonen zum Arzt schicken wollte.

Zum Tod von Hans Dichand

Hans Dichand, Herausgeber von Österreichs auflagenstärkster Tageszeitung „Krone“ , ist heute im 90.Lebensjahr verstorben. Er war, nimmt man die Verbreitung der „Krone“ in Relation zur Einwohnerzahl Österreichs, einer der erfolgreichsten Zeitungsmacher der Welt, prägte über Jahrzehnte die Medienlandschaft des Landes und versuchte immer wieder auch, den reichweitenbedingeten Einfluss seines Blatts für direkte politische Interventionen zu nutzen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Die Macht der „Krone“ und damit jene von Dichand war nämlich vor allem deswegen eine, weil viele Politiker sie für real hielten und sich daher bemühten, dem Mann, der sich selbst „im Vorhof der Macht“ verortete, zu gefallen. Es gelang Dichand beispielsweise, durch eine reichlich aggressive Kampagne den ehemaligen SPÖ-Innenminister Caspar Einem aus dem Amt zu schießen. Gegen den SPÖ-Kulturminister Rudolf Scholten hetzte die Krone ebenfalls und schreckte dabei selbst vor antisemitischer Stimmungsmache nicht zurück. Und als der ÖVP-Politiker Wolfgang Schüssel gegen den Willen Dichands eine Koalitionsregierung mit der FPÖ bildete, eröffnete die „Krone“ ein mediales Sperrfeuer dagegen, was Schüssel aber nicht daran hinderte, zwei Legislaturperioden lang zu regieren. Mit der Macht der „Krone“ verhielt es sich also wie mit des Kaisers Neuen Kleidern – sie existierte nur, wenn man fest daran glaubte. Dichand war sehr launisch bei der Vergabe seiner Gunst und er entzog so manchen politischen Schützlingen seines Blattes die Liebe schneller, als es diesen recht sein konnte. Das jüngste und letzte Beispiel dafür war wohl die FPÖ-Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin, Barbara Rosenkranz, welche Dichand eine Zeit lang von seinen Redakteuren in den Himmel schreiben ließ, bloß um sie dann zutiefst zu demütigen, indem er sie zu einer eidesstattlichen Distanzierung vom NS-Gedankengut zwang. Das Beispiel zeigt wie kaum ein anderes die ganze Ambivalenz der Dichand´schen Persönlichkeit. Einerseits fuhr er mit seiner Zeitung eine konsequent xenophobe, teilweise auch antisemitische Linie und ließ es zu, dass manche seiner Kolumnisten und vor allem der berüchtigte Reimeschmied Wolf Martin immer wieder knapp am Verbotsgesetz entlangschrammten, andererseits waren ihm eindeutige Nazitöne und offener Rechtsextremismus zuwider. Wie Dichand nun persönlich wirklich politisch tickte, kann man nicht mit letztgültiger Sicherheit sagen. Er hatte sicherlich eine verdächtig große Toleranz für weit rechts stehende Positionen und ließ in seiner Zeitung immer wieder sehr rechte Stimmen zu Wort kommen, weit mehr und öfter, als es für den Erfolg der „Krone“ als populistisches Boulevardblatt nötig und nützlich gewesen wäre. Er war aber daneben auch, zumindest privat, ein Philantrop und stets auf der Suche nach Anerkennung seitens der demokratischen, kulturellen und wirtschaftlichen Eliten und versuchte überdies, ein gutes Verhältnis zur jüdischen Community und zum Staat Israel aufzubauen, was aber wegen der Blattlinie, die er zu verantworten hatte, auf wenig Gegenliebe stieß. Was den Mann aber vor allem anderen umtrieb, war sein extrem ausgeprägter Zug zum persönlichen ökonomischen Erfolg,  so dass er letztlich stets die Verkaufszahlen und das Inseratenaufkommen in der „Krone“ vor alle anderen Dinge stellte. Kurz: Hans Dichand war eine bedeutende Persönlichkeit der österreichischen Nachkriegsgeschichte, ein extrem erfolgreicher Vollblutmedienmacher, ein geschickter Geschäftsmann und eine vielfach schillernde Figur. Sein Tod macht Österreich um eine große, nicht unbedingt immer positive zu sehende Persönlichkeit ärmer. Das muss man zugeben, auch wenn man den Mann und seine Zeitung nicht gemocht haben sollten.

R.I.P. Dennis Hopper

Mit Dennis Hopper ist einer der ganz Großen der amerikanischen Kulturszene verstorben. Hätte der Mann außer „Easy Rider“ gar nichts gemacht, es wäre schon genug gewesen, wer kann schon von sich sagen, den „Film einer Generation“ gedreht zu haben und damit auch noch das Verständnis davon, was Filmemachen bedeutet, völlig zu verändern? Doch Hopper hat mit Streifen wie „Out of the Blue“, „Das Messer am Ufer“ und „Colours – Farben der Gewalt“ noch drei weitere echte Meisterwerke des Autorenkinos geschaffen. Hopper war auch ein hervorragender Fotograf, dem wir viele Schappschüsse verdanken, die längst den Weg in die Ikonographie des 20. Jahrhunderts gefunden haben und von denen viele nicht wissen, das sie eben von dem Mann stammen, den die meisten Leute nur als Schauspieler kannten. Auch gemalt hat Hopper und Skulpturen hat er gebaut, und das gar nicht mal schlecht. Immerhin bekam er eine eigene Werksschau im Museum für Angewandte Kunst in Wien, und das nicht deswegen, weil er Dennis Hopper war, sondern weil seine Kunst echte Kunst ist. Auch einige der provokantesten Aktionismusperformances gehen auf sein Konto, wie etwa der berüchtigte Auftritt in einem Autorennstadion, bei dem er sein Leben aufs Spiel setzte, indem er sich mitten in einen Kreis explodierender Dynamitstäbe hockte. Jahrzehntelang war Hopper ein Drogenfreak, der sich so ziemlich alles einwarf, was irgendwie high machte, und dazu trank er bis zu drei Liter Rum pro Tag. Dies und sein Ruf, unberechenbar zu sein, führte dazu, dass er sein Talent manchmal recht billig für nicht gerade hochwertige Filme und Fernsehserien hergeben musste, denn auch Hopper hatte seine Miete zahlen. Doch immer wieder durfte er auch zeigen, was wirklich in ihm steckte, wenn er etwa für Regisseure wie Francis Ford Coppola, David Lynch oder Wim Wenders arbeitete. In den letzten Jahren hatte Hopper sich von Drogen und Alkoholexzessen freigemacht und wurde ein treusorgender Familienmensch und Vater, allein auf seine geliebten Zigarren wollte er nicht verzichten. Dann kam die Diagnose Protatakrebs, und später das Todesurteil, denn der Krebs hatte ausgerechnet in den Knochen gestreut. Hopper wurde 74 Jahre alt und sein Tod ist ein Verlust für die Film- und Kunstwelt.

Bye, Michael Jackson

Am 29. August wäre Michael Jackson 51 Jahre alt und damit ganz offiziell das älteste Kind der Welt geworden. Ein Herzstillstand verhilft dem gefallenen König des Pop noch einmal zu weltweiter Medienberichterstattung und posthumen Verkaufsrekorden.  Auch der Lindwurm kommt nicht umhin, der 80er-Ikone einen Nachruf zu widmen.

Seien es kosmetische Operationen, ein Vergnügungspark im Vorgarten oder der intensiv gesuchte Kontakt zu, ähem, anderen Kindern – kein anderer Weltstar hat sich dermaßen konsequent gegen ein Dasein als Erwachsener gewehrt wie der immer bleicher werdende Megastar der 80er Jahre. Sollte jemals ein Regisseur eine Horrorfilmversion von „Peter Pan“ drehen, dann wäre Michael Jackson ein heißer Kandidat für die Titelrolle gewesen. Das künstliche Erscheinungsbild, das weiche und leise Säuseln, wenn er sprach, die eigenartigen sexuellen Präferenzen – all das war furchtbar creepy.

Michael Jackson wurde natürlich nicht als Freak geboren, er wurde zu einem gemacht. Vom Vater mit Schlägen zum Vortänzer und -sänger der „Jackson 5“, der Soulvariante der Kelly Family, dressiert, hatte er keine Kindheit im konventionellen Sinn, sondern verbrachte jene Jahre, in denen andere Kinder unter Ihresgleichen das menschliche Sozialverhalten trainieren, auf Bühnen, in Tourbussen und in Hotelzimmern, wo er ungewollt Zeuge wurde, wie sich seine älteren Geschwister mit Groupies vergnügten und Drogen einwarfen. Nicht gerade die Umstände, die eine gesunde Psyche befördern. Die Brüderband war ungemein erfolgreich und Michael Jackson bereits Millionär, als er 1971 im reifen Alter von 13 Jahren seine erste Soloplatte herausbrachte. „The Jackson 5“ bestanden über die gesamten 70er Jahre neben Michaels Soloprojekten weiter – und 1977 durften die schwarzen Superstars sogar in Glasgow vor der Queen spielen, was Michael später immer wieder als den Live-Höhepunkt seiner Karriere bezeichnen sollte. Vielleicht, weil die britische Königin für ihn ähnliche mütterliche Qualitäten ausstrahlte wie später seine langjährige platonische Freundin Elisabeth Taylor . . .

Im Pop-Pantheon

1979 veröffentlichte Jackson das Soloalbum „Off The Wall“, das sein erster Megahit wurde und sich rund 20 Millionen Mal verkaufte. Die Platte aber, die Jackson nicht nur in den Pantheon der Popgötterwelt heben, sondern ihn dort auch gleich zuoberst inthronisieren sollte, folgte im Dezember 1982: „Thriller“ war das, wovon bis heute jeder Plattenfirmenboss tagträumt, wenn er auf die zunehmende Bedeutungslosigkeit seines Geschäfts und die rückläufigen Verkaufszahlen blickt. Das Album setzte sich 1983 in allen Ländern der freien Welt an die Spitze der Charts, wanderte im Laufe der folgenden Jahre geschätzte 60 Millionen Mal über die Ladentheken und machte Jackson zum erfolgreichsten Solokünstler aller Zeiten – und zu einem Star, wie es seit den Beatles keinen mehr gegeben hatte. Fast jeder Song der Platte wurde sowohl in den USA als auch international zu einem Nummer-1-Hit. Michael Jackson war in jenen Tagen die wohl berühmteste Person des Planeten. „Thriller“ verkaufte sich aber nicht nur der durchwegs großartigen Songs und der Top-Produktion von Quincy Jones wegen wie Wasser in der Wüste, sondern auch, weil Jackson und sein Management eine Marketingkampagne führten, wie es sie im Popgeschäft zuvor noch nicht gegeben hatte. Dazu zählten Coups, wie etwa den bekannten Hollywoodregisseur John Landis das Video zum Titelsong von „Thriller“ drehen zu lassen, welches dadurch anhaltenden Kultstatus erlangte, und die damals völlig neuartige Verschmelzung von Pop und Big Business. So wurde Jackson etwa zum singenden Aushängeschild für den Getränkekonzern Pepsi, welcher im Gegenzug viele Millionen Dollar zahlte und über zehn Jahre lang die Tourneen des Sängers finanzierte.

1993 bekam Michael Jackson allerdings zu spüren, dass Konzerne keine Wohltätigkeitsvereine sind und ihre Galionsfiguren rasch fallen lassen, wenn an diesen erste Kratzer sichtbar werden. Zu dieser Zeit war Jackson nach Schmerzmitteln süchtig, galt als seltsamer Wunderling, der im Sauerstoffzelt schlief, war nach vielen Gesichtsoperationen und Hautaufhellungen kaum mehr als Afroamerikaner zu erkennen und eine erste Anklage wegen Kindesmissbrauchs wurde öffentlich bekannt. Mit dem fantastischen Vermögen, das ihm „Thriller“ und die Nachfolgealben einbrachten, hatte sich Michael Jackson nicht nur die Rechte an den Songs der Beatles und damit einen Goldesel gekauft, sondern auch ein von ihm bezeichnenderweise „Neverland“ getauftes riesiges Anwesen samt Kirmesattraktionen, wo er im Laufe der Jahre viele Kinder empfing und auch übernachten ließ. Mit den Eltern jenes Buben, die ihn angezeigt hatten, einigte er sich 1993 noch außergerichtlich, doch zehn Jahre später kam es zu einer offiziellen Anklageerhebung, zu einer Verhaftung des Superstars und schließlich im Jahr 2005 zu einem Geschworenenprozess, bei dem Jackson im Falle einer Verurteilung 20 Jahre Haft gedroht hätten. Die Jury sprach Jackson jedoch von allen Anklagepunkten frei, und er verließ den Gerichtssaal als unbescholtener Bürger. Sein Ruf war trotzdem ruiniert, wozu auch bizarre, größenwahnsinnige Aktionen wie die Enthüllung seiner 30 Meter großen Statue in Budapest beitrugen, oder die Scheinehe mit Lisa Marie Presley und Auftritte zu Vollplayback.

Der Abstieg

Jackson, der insgesamt um die 200 Millionen Tonträger verkauft hat, schaffte es, sein gigantisches Vermögen weitgehend zu verjubeln, daher musste er seine Neverland-Ranch ebenso verkaufen wie große Anteile an den Rechten für die Songs der Beatles. Drei Kinder hatte der ehemalige Kinderstar mit verschiedenen Müttern angeblich gezeugt, und er pendelte später zwischen Irland, Deutschland und Bahrain hin und her. Im Armenhaus wäre er trotzdem nicht gelandet, denn seine früheren musikalischen Glanzleistungen verkauften sich noch immer prächtig, wurden von Radiostationen in aller Welt gespielt, und auch sein – geschrumpfter – Anteil an den Beatlesrechten warf nach wie vor Millionen ab. Dennoch wurde der König des Pop entthront – und die Monarchie nach Michael Jackson I. im Popgeschäft abgeschafft und durch eine wilde junge Republik ersetzt, die sich durch Livemusik und Filesharing konstituiert.

Ob es nun die vielen Medikamente waren, mit denen Jackson sich gegen den mentalen und körperlichen Verfall zu wehren versuchte, oder ob sein Herz einfach die psychische Dauerbelastung nicht mehr mitmachen wollte: Michael Jackson war, ob man ihn nun mochte oder nicht, einer der talentiertesten Musiker des 20. jahrhunderts und DIE Symbolfigur für den vorletzten Goldrausch der Musikindustrie vor Gangstarap und Grunge. Seine eigene Dekadenz spiegelte jene der Industrie und der Konzerne wieder, die in den 80er Jahren den Rock´n Roll fast getötet hätten. Man wird den seltsamen Kerl vermissen, vor allem in den Redaktionen der Yellow Press und in den Vorständen der großen Plattenlabels.