Kapitulierende Nazis, Emmanuel Macron und ein wenig Hoffnung auf bessere Zeiten

Am 8. Mai 1945 kapituliert die deutsche Wehrmacht bedingungslos. Irgendwo in Berlin glühten in einem anonymen Erdloch noch die Knochen von Adolf Hitler aus, der sich am 30. April per Suizid der weltlichen Gerichtsbarkeit entzogen hat, als die verbliebene Führungsspitze der militärischen Vernichtungsmaschinerie der Nazis in Reims und danach in Berlin die entsprechenden Dokumente unterzeichnet. Aus dem, was sich großspurig das „Deutsche Reich“ genannt hatte, gehen die BRD, die DDR und Österreich hervor. Drei Staaten voller Nazis und stiller Mitläufer, denen die Welt eine zweite Chance gibt. Widerwillig reihen sich diese Länder wieder in die Zivilisation ein und deren Bevölkerungen lecken vor allem die eigenen Wunden. Ein paar tausend der aller dümmsten Nazis tun es ihrem Führer gleich und bringen sich um, da sie in einer Welt, in der sie nicht herrschen und morden dürfen, nicht mehr leben wollen. Viele andere flüchten nach Lateinamerika oder bieten arabische Staaten ihre Dienste als Folterknechte und Auftragsmörder an. Vor allem im sowjetischen Einflussbereich wird vielen NS-Verbrechern der Prozess gemacht. Doch dort wie im Westen kommen die meisten ungeschoren davon, verhalten sich unauffällig und setzen ihre Karrieren mit anderen Parteibüchern ausgestattet fort. In einigen deutschen und österreichischen Psychiatrien ermorden Ärzte und Krankenpflegerinnen bis in die 50er Jahre hinein weiterhin Patienten. Die überlebenden Opfer des Nationalsozialismus treffen in Ämtern und an Gerichten auf ihre vormaligen Verfolger und Peiniger, die dort weiterhin das Sagen haben. Die Rückgabe geraubten Vermögens zieht sich über Jahrzehnte, ist äußerst unvollständig und jene Menschen, die für diese Rückgabe kämpfen, gelten ebenso als Nestbeschmutzer wie Historikerinnen und Intellektuelle, die die Verbrechen des Nationalsozialismus erforschen. Eine Aufgabe, mit der sie übrigens auch 72 Jahre später noch nicht fertig sein werden, was allein schon einen Eindruck vom Ausmaß der Gräuel vermittelt.

Und trotzdem sind aus diesen drei Ländern, von denen zwei später wieder zu einem werden sollten, halbwegs lebenswerte Regionen geworden. Nicht über Nacht, sondern in Jahrzehnten, in denen ihnen zivilisiertes Verhalten teilweise aufgezwungen werden musste. Tapfere Menschen in den von Ex-Nazis verseuchten Parteien und Organisationen reformierten den braunen Dreck langsam, sehr langsam weg. Immer noch finden sich in Gesetzestexten und im Umgang mit Minderheiten braune Restelemente. Noch immer ist es bedeutenden Teilen der Bevölkerungen in den NS-Nachfolgestaaten nicht vermittelbar, was unteilbare Menschenrechte sind, dass es kein „wertes“ und „unwertes“ Leben gibt, dass Sippenhaftung falsch ist und Rassismus und Antisemitismus idiotisch sind. Manchmal erringen politische Nachfolgepartien der NSDAP beängstigende Wahlerfolge. Trotzdem: Es ist besser geworden. Frauen lassen sich nicht mehr auf Gebärmaschinen für das „Volk“ reduzieren; Homophobie, Rassismus und Behindertendiskriminierung werden langsam, aber doch zurückgedrängt; die Toleranz gegenüber Abweichungen von alten Normen ist gewachsen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte und die EU-Verträge wirken als Feuermauer gegenüber allzu autoritären Tendenzen. Mancher Fortschritt findet zeitgleich mit Rückschritten statt. Der gesellschaftspolitischen Liberalisierung in diesem Europa steht ein wirtschafts- und sozialpolitischer Backlash gegenüber. Mit jenen Menschen, die aus Kriegen, Diktaturen und lebensbedrohlichem Elend nach Europa entkommen wollen, ist sogar so etwas wie eine neue Form des „Untermenschen“ entstanden, den man nach Belieben zu quälen und schikanieren können meint und auf den alle möglichen und unmöglich abstrusen negativen Eigenschaften projiziert werden. Europa schottet sich ab gegenüber den Opfern, die seine Wirtschaftspolitik und seine Rüstungsexporte global produzieren, und nimmt dafür auch das Massensterben im Mittelmeer und absolut menschenrechtswidrige Zustände in türkischen und nordafrikanischen Lagern in Kauf. Es ist also alles andere als ein ideales Europa, ein ideales Deutschland, ein ideales Österreich. Aber all das ist besser als das, was vor 1945 war. Und all das ist reformierbar und veränderbar.

Heute, am 8. Mai, einen Tag nachdem Emmanuel Macron mit 30 Prozent Abstand die Rechtsextremistin Marine Le Pen bei der französischen Präsidentschaftswahl besiegt hat, sehe ich Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Es gibt keine Gesetzmäßigkeit, die vorschreiben würde, dass alles immer schlimmer werden müsste. Ja, noch sind wir gefangen im Hamsterrad kapitalistischer Sachzwänge, die so unüberwindbar und ewig erscheinen, obwohl es sie noch gar nicht so lange gibt. Noch können viele von uns sich nur Dichotomien vorstellen, nur das ganz große Entweder-Oder. Aber wie schon Brecht richtig erkannte: Das Sichere ist nicht sicher. Hunderte Millionen Chinesen wachsen in Wohlstand auf und sehen dieselben Filme und Fernsehserien wie wir. Ihre Vorstellungen von einem guten Leben wird man nicht ignorieren können, und diese Vorstellungen werden sich nicht groß von denen anderer junger Leute auf dem ganzen Planeten unterscheiden. Sie werden eine Welt haben wollen, in der sie würdig und halbwegs frei leben können und die nicht ihre eigenen Existenzgrundlagen für ein paar Prozent zusätzlichen Profit vernichtet. In den USA wäre beinahe der Sozialdemokrat Bernie Sanders Präsidentschaftskandidat und, in direkter Konkurrenz zu Donald Trump, wohl auch Präsident geworden. Dutzende Millionen Amerikanerinnen und Amerikaner waren zu diesem Schritt in Richtung Vernunft und Solidarität bereit. Wer vor zehn Jahren gesagt hätte, ein linker Sozialdemokrat könne in den USA auch nur in die Nähe der Macht gelangen, wurde ebenso ausgelacht wie jemand, der vor 20 Jahren gesagt hat, es würde in absehbarer Zeit einen schwarzen US-Präsidenten geben.

Die Dinge bewegen sich und nichts ist ewig, nichts ist sicher. Für Menschen, die sich wie ich als Linke begreifen, gibt es weder Grund zum jubeln noch zu tiefer Verzweiflung. Die Selbstvernichtung der europäischen Sozialdemokratien, die bislang fast durchwegs gescheiterten Versuche linkspopulistischer neuer Parteien, der intellektuelle Stillstand der extremen Linken, das Abgleiten in Wahn und Paranoia von Teilen der antideutschen Szene, der Konservatismus der Gewerkschaften – all das ist wenig erfreulich und ein revolutionärer Umsturz scheint so fern wie seit eh und je. Was nicht zwingend was Schlechtes ist, sofern man sich über die Fähigkeit der Menschen zum Unmensch-Sein keine Illusionen macht und daher weiß, dass Aufgabe und Ziel der Linken nicht sein sollte, Macht auszuüben, sondern die Macht von Menschen über andere Menschen zu schwächen. Will eine Linke nicht Befreiung und Herrschaftsfreiheit, ist sie keine, sondern nur der alte Wahnsinn in inzwischen auch schon alter Verkleidung. Als Linker sollte man also nicht Parteien gründen und, wie der letzte Neonazidorftrottel, Waffen horten und militärische Übungen im Wald veranstalten, sondern Druck von unten aufbauen und richtiges Bewusstsein dort schaffen, wo das falsche wütet. Wo Unrecht ist, haben Linke solidarisch einzugreifen. Dazu braucht es nicht einmal allzu großen Mut, denn wir sind nicht allein. Die echten Menschenfeinde, die sich am Leid anderer ergötzen, die für Krieg und Mord und Folter und Knast werben, sitzen gar nicht auf so komfortablen Mehrheiten, wie viele annehmen. Überall auf dieser Welt verstehen sehr viele, dass es falsch ist, andere zu morden, sie hungern zu lassen, sie einzusperren oder sonst wie zu misshandeln. Überall haben sehr viele Menschen wenigstens eine Ahnung in ihrem Inneren, dass dieser Planet gerechter eingerichtet werden muss. Aber ein österreichischer Linker wird nicht so einfach korrupte Oligarchien in anderen Staaten wegzaubern können. Was er/sie kann, ist vor Ort den Opfern falscher und bösartiger Politik beizustehen und gemeinsam mit diesen die Gegenwehr zu organisieren. Der britische Singer-Songwriter Roy Harper hat das einmal so ausgedrückt: „If you want a better world why don´t you make one?“

Als die Zivilisation zerbrach

Heute vor 70 Jahren wurde Auschwitz befreit. Sieben Jahrzehnte später ist das Wissen darum, was Auschwitz war, was der Holocaust war, selbst bei gebildeten Menschen beklagenswert schwach verbreitet. Auschwitz war mehr als ein Haupttatort des Massenmordes an Juden. Auschwitz war das Modell, nach dem nach einem Sieg der Nazis die ganze Welt umgestaltet worden wäre. Von “industrieller Vernichtung” spricht man nicht, weil die Morde so effizient gewesen wären wie die Produktion an den Fließbändern der Industrie, sondern weil hier eine hoch industrialisierte Gesellschaft jene Gruppen vom Baby bis zum Greis auslöschen wollte, die nach Meinung dieser hoch industrialisierten Gesellschaft nicht zu ihr passten und damit überflüssig gewesen seien.

Der Wahn, alle, tatsächlich alle Juden, alle Kranken und Behinderten, alle Homosxuellen, alle Sinti und Roma, alle kulturell oder sozial Unangepassten usw. zu vernichten und alle Völker, die dem Konstrukt “arisch” nicht entsprachen, millionenfach zu dezimieren, auf dass Platz werde für den ebenso konstruierten deutschen Übermenschen, war das, was man Zivilisationsbruch nicht deswegen nennt, weil die Nazis ihre Morde nicht höflich und sauber genug verübt hätten, sondern weil eine so umfassende Vernichtungslust nicht vorgekommen war, seit die Menschheit erstmals Zeugnisse schriftlicher Art hinterlassen hatte. Selbst die blutrünstigsten frühen Passagen der Bibel gaben in ihren literarischen Erzählungen entweder direkt oder nach der Lektüre anderer Stellen Bevölkerungen, zu deren Vernichtung der Allmächtige aufgerufen haben soll, Möglichkeiten, diesem Schicksal durch Unterwerfung bzw. Konversion zu entgehen. Dem stalinistischen und maoistischen Terror konnte man zumindest theoretisch durch Anpassung an die Parteilinie entrinnen und in der marxistischen und kommunistischen Ideologie findet sich nichts, was auch nur ansatzweise mit den bereits in der Theorie festgelegten völkermörderischen Absichten des Nationalsozialismus vergleichbar wäre. Egal, wie schief das teilweise auch ging: Der Sozialismus wollte und will Menschen, und zwar alle Menschen ohne Ansehen von „Rasse“, Geschlecht oder Nation befreien und das Morden beenden, der Nationalsozialismus wollte die “Arier” mittels Genozid und Versklavung der “Minderwertigen” die Welt beherrschen lassen. Totalitarismustheoretische Relativierungen des NS sind also grober Unfug und eigentlich eine ungeheuerliche Verharmlosung dessen, was die Nazis veranstalteten.

Auschwitz war aber auch nicht, wie einige kommunistische Historiker meinten, der logische Endpunkt eines faschisierten Kapitalismus. Damit würde man unterstellen, dem Holocaust hätte sowas wie Rationalität innegewohnt. Rational war der aber allenfalls für die direkten Profiteure seiner raubmörderischen Aspekte, für die Arisierungsgewinner. Gesamtwirtschaftlich betrachtet war der Holocaust trotz der herbei gemordeten Milliardenwerte ein Verlustgeschäft für Deutschland und seine Kollaborateure. Die Irrationalität dieses Verbrechens war gut erkennbar daran, dass den Zügen, die beladen mit Menschen in die Vernichtungslager fuhren, noch bis unmittelbar vor Kriegsende Vorrang vor kriegswichtigen Transporten von Soldaten und Material einberaumt wurde. Den Massenmord voranzutreiben erschien wichtiger als den Krieg zu gewinnen oder die Niederlage wenigstens noch ein paar Tage länger hinauszuschieben. Die vulgärökonomischen Scheinargumente der Nazis änderten nichts an der auch ökonomisch irrsinnigen Realität der NS-Praxis. So handelt keine zivilisierte Gesellschaft. Zivilisation bewahrt zwar nicht vor Grausamkeit, aber sie gibt Rahmen vor bestehend aus kulturellen Normen und ökonomischer Rationalität. Die Nazis setzten sich über beides hinweg. Zivilisation war für sie, die sie sich ihr Weltbild weitgehend frei erfanden und es eben nicht auf haltbare wissenschaftliche Erkenntnise stützten, eine “jüdisch-christliche” Kontruktion. Reiner Unsinn, geboren in den Köpfen eurozentrischer Kolonialherren, an den beklagenswerterweise auch manche Nazi-Gegner bis heute glauben. Zivilisation ist nicht europäisch oder christlich oder jüdisch, Zivilisation ist einfach nur das Gegenteil von Barbarei. Zivilisation ist dort, wo Recht herrscht und dieses Recht für alle gilt. Daher gab es sehr wohl einen Zivilisationsprozess, denn auch die antiken Kulturen waren mit ihren meist exklusiv für freie Staatsbürger geltenden Rechtssystemen allenfalls halbzivilisiert. Der Nationalsozialismus fiel dann mit Absicht hinter die französische und amerikanische Revolution und hinter die Emanzipation in den USA zurück und beabsichtigte sogar, im Zuge der Vernichtung der Juden die Humanisierungsfortschritte, die das Judentum der Welt gebracht hatte, auszulöschen.

Der 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz muss uns mahnen, antizivilisatorische Kräfte im Keim zu ersticken. Die Lehre und Losung muss nicht “nie wieder Krieg” lauten, sondern “nie wieder Barbarei”, denn Auschwitz hatte gezeigt, dass etwas noch Furchtbareres als Krieg möglich ist. Immer noch vergiften die Ideen des NS auf der ganzen Welt zu viele Gehirne, und mit dem islamistischen Fanatismus hat ein neues Monster die Bühne der Weltpolitik betreten, das in vielen Aspekten erschreckend an den wahnhafte braunen Totalitarismus erinnert. Zivilisationsbrüche sind, das hat der Holocaust gezeigt, möglich. Diese zu verhindern ist unsere Aufgabe und neben der Solidarität mit Israel die einzige Lehre, die Auschwitz erteilt.

Sensible Nazis

Der neue Nazi ist ein sensibles Wesen. Er redet wie ein Nazi, er wählt wie ein Nazi, er handelt wie ein Nazi, aber wenn man ihn einen Nazi nennt, ist er zutiefst gekränkt. Wer einen Nazi einen Nazi heißt, dem wird vorgeworfen, den armen Nazi mit einer Keule zu bedrohen. Es ist daher keine Überraschung, dass der neue Nazi vor allem eines ablehnt: An die Verbrechen der alten Nazis erinnert zu werden. So ein Erinnern könnte den neuen Nazi am unbekümmerten Nazitum hindern, macht es doch die Verwandtschaft so manch geplanten oder durchgeführten neuen Verbrechens mit den alten Verbrechen kenntlich. Der neue Nazi und seine Apologeten fordern daher: „Es muss endlich Schluss sein mit dem Erinnern“. Wie einen bösen Traum sollen wir, geht es nach diesen Figuren, die Geschichte verdrängen, auf dass Platz werde in den Köpfen für neuen Hass. Auf Konferenzen wird das derzeit bequatscht.

Das liebe Volk war ja schon immer der Meinung, man sollte diese lästige Sache mit dem millionenfachen Ermorden von Juden, Roma, Behinderten, Kranken, Homosexuellen, Slawen und Nazigegnerinnen mal bleiben lassen. Seit Mai 1945 ist das liebe Volk dieser Ansicht, aber nun sieht das liebe Volk einen Silberstreif am Horizont, denn die letzten Zeitzeugen sterben und bösen 68er kommen auch langsam ins Greisenalter.

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Der ewige Nazi

Erstmals seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hetzt eine Partei in Österreich gegen eine Gruppe von Menschen mit der Behauptung, diese Gruppe würde Krankheiten verbreiten. Es ist natürlich die FPÖ, die auf Motive der NS-Propaganda zurückgreift.

Das neue „Handbuch für freiheitliche Politik“, ein Leitfaden für Parteifunktionäre, macht das Zuwanderungsthema zum Hauptmotiv, berichtet Ö1. (…) Nicht nur für Kriminalität und Arbeitslosigkeit seien die Zuwanderer in Österreich verantwortlich, sondern auch für hohe Immobilienpreise und sogar für die Verbreitung von Krankheiten. Von Ö1 dazu befragt, meint FPÖ-Vizechef Nobert Hofer, dies dürfe man nicht als Pauschalurteil missverstehen. „Wer im Ausland unterwegs ist, bringt Krankheiten mit herein“, meint er.

Das historische Vorbild: „Ratten verursachen Krankheiten wie Pest, Lepra, Cholera etc. Sie sind hinterlistig, feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf. Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar. Nicht anders als die Juden unter den Menschen.“ (Aus dem nationalsozialistischen Hetzfilm „Der ewige Jude“)

Der Nachfolgestaat

Der deutsche Sozialrichter Jan Robert von Renesse wollte sich nicht damit abfinden, dass die Sozialbürokratie in unheiliger Allianz mit der Politik Rentenzahlungen an jüdische Ghetto-Überlebende so lange hinauszuzögern  gedachte, bis auch der letzte Anspruchsberechtigte verstorben sein würde, und mischte sich zugunsten der Opfer ein. Zum Dank für seinen Einsatz für die Holocaustüberlebenden wird er nun in Deutschland geschnitten und gemobbt. Wir erinnern uns: Das ist jenes Deutschland, das sich erstaunlich leidenschaftlich dafür einsetzte, dass SS-Mitglieder und Wehrmachtskollaborateure in ganz Europa eine schöne Rentenaufbesserung aus Bonn und Berlin bekamen.  Nazi-Täter gelten Deutschland als „die unsrigen“, auf die man auch finanziell schauen müsse, Nazi-Opfer sind lästig und sollen wegsterben, damit endlich Ruhe im Karton ist.  Das ist und war die Realität jenseits der wohlfeilen Sonntagsreden im „gründlich zivilisierten“ (Claudia Roth) Deutschland.

Nazi-Österreich mault

Der Nazi-Kriegsverbrecher Laszlo Csatary wurde in Ungarn aufgespürt und unter Hausarrest gestellt. Das verletzt auf eklatante Weise das Rechtsempfinden der Leser österreichischer Zeitungen.

Im „Standard“ würde einer dieser Leser würde gerne sehen, dass man die Juden endlich in Nürnberg vor Gericht stellt:

Der nächste meint, dass man den Judenschlächter doch in Ruhe lassen solle, weil der doch so ein armer alter Mensch sei und immerhin anderswo auch irgendwelche Verbrechen begangen würden:

Wieder einer plädiert für Resozialisierung und gegen das Vorhalten von „Jugendsünden“ (Tausende in die Vernichtung zu schicken ist nämlich so was ähnliches wie einen Kaugummiautomaten zu knacken)

Ein ganz besonders Dummer kommt mit Mandela und mahnt, dass wir uns mit dem Mörder versöhnen sollten (denn immerhin waren die Juden ja wohl auch zum Teil mit schuld damals, was?)

In der „Presse“ geht es weiter. Zuerst kommt mal das Klagelied über die „Siegerjustiz:

Der zweiter Dodel schafft es, seinen Hass auf „Linke“ ebenso wie die älteste aller Ausreden ins Spiel zu bringen:

Es folgt der unvermeidliche revanchistische Vertriebene in dritter Generation:

Dann kommt die Ausrede auf den Befehlsnotstand:

Ein Spitzenjurist schaltet sich ein:

Auch in der „Krone“, Österreichs größter Tageszeitung, geht es rund. Da will zunächst einer, dass wir nur ja kein Urteil fällen über die Nazis:

Die „Judenlobby“ wird erwähnt:

Der arme Mann hatte gar keine andere Wahl:

Die Kommunisten waren auch ganz böse:

Die „Jagdgesellschaft“ gegen den armen gebrechlichen Greis:

Korrrrz ont bönndig:

Der unersättlich rachsüchtige Jude:

Massenmörderischer Nazi, demokratische Regierung Österreichs – alles dasselbe:

Und erneut sei darauf hingewiesen: Das sind jene Postings, die es durch die Moderation schafften. Man kann also davon ausgehen, hier in einem Land voller Nazis zu leben.