Religionsdebatte? Ja bitte!

So daneben und falsch das Geschwafel von Nicolas Sarkozy über die angebliche „Niederlage der multikulturellen Gesellschaft“ auch ist, so richtig ist das Vorhaben des französischen Präsidenten, eine Debatte über die Rolle des Islam in einer laizistischen Gesellschaft anzustoßen. Wer bildet die Imame aus? Was wird in den Moscheen gepredigt? In welcher Sprache wird gepredigt? Welche Spielart des Islam will man in Europa haben und welche nicht? Das sind lauter legitime Fragen, die diskutiert werden müssen, ohne dass sofort „Rassismus“ oder „Islamophobie“ als Kampfbegriffe in Anschlag gebracht werden. Natürlich wird man die Ernsthaftigkeit und Redlichkeit der Debatte vor allem daran messen, ob bloß über Muslime geredet wird, oder mit ihnen. Vernünftigerweise sollte man bei der anstehenden Grundsatzdiskussion Menschen islamischen Glaubens einbinden, denn Ausgrenzung führt zu Abschottung, und dann können sich die Radikalen als Anwälte muslimischer Interessen aufspielen. Mit Fundamentalisten braucht man aber nicht zu reden, das ist bekanntermaßen sinnlos.

Auch in Österreich wäre es höchste Zeit, über den Stellenwert der Religion intensiv nachzudenken. Österreich kann von sich ja noch nicht einmal behaupten, ein laizistischer Staat zu sein, so lange der Straftatbestand der „Herbwürdigung religiöser Lehren“ besteht und Menschen immer wieder deswegen verurteilt werden. Dieser Paragraph gehört ersatzlos gestrichen, denn die „Beleidigung“ von Göttern oder Propheten darf im Europa des 21. Jahrhunderts nicht mehr strafwürdig sein. Es reicht doch völlig aus, wenn die Hetze gegen Gesellschaftsgruppen oder die Verleumdung realer Menschen Straftatbestände sind. Und eine zivilisierte moderne Gesellschaft sollte es schaffen, sowohl die Religionsfreiheit zu garantieren, als auch die Möglichkeit, fundamentale Kritik an Religionen zu üben. Religiöse Menschen, die sich durch Kritik an oder Spott über ihre imaginären Freunde in ihren Gefühlen verletzt sehen, sollten nicht nur ihren Gefühlshaushalt überprüfen, sondern auch ihre Glaubensfestigkeit. Und areligiöse Menschen müssen es in ihren Kopf kriegen, dass es ein entscheidender Unterschied ist, ob ich Mohammed oder Jesus kritisiere oder verspotte, ob ich Aspekte der religiösen Gedankengebäude ablehne oder verhöhne, oder ob ich die Muslime, die Christen oder die Juden angreife. Ist das so schwer zu kapieren?

„Multikulti“ ist nicht gescheitert

Nach Angela Merkel und David Cameron hat uns nun auch Nicolas Sarkozy wissen lassen, das seiner Meinung nach das „multikulturelle Modell gescheitert“ sei. Damit haben die führenden konservativen Regierungschefs Europas eine zentrale Propagandafloskel der Rechtsextremen übernommen. „Multikulti“ als „gescheitert“ zu bezeichnen, ist mehr als nur eine populistische Verkürzung, es ist unredlich und objektiv falsch. Die wirtschaftlich, wissenschaftlich und künstlerisch dynamischsten Nationen dieser Erde sind multikulturell, zum Beispiel die USA, Israel, Kanada, Australien sowie fast alle EU-Staaten und, mit Einschränkungen, auch China und weitere Schwellenländer wie Indien oder Brasilien. Dagegen herrscht überall dort, wo eine autoritäre „Leitkultur“ alle kulturellen Einflüsse von Außen zu blockieren versucht, Stagnation und Rückschritt, etwa in den meisten arabischen Ländern, in Nordkorea, Pakistan und generell in Gegenden, in denen man versucht, ideologisch bzw. religiös besonders „rein“ zu bleiben. Außerdem: Was meinen Merkel, Cameron und Sarkozy, wenn sie von „Multikulti“ sprechen? Und was genau soll gescheitert sein? Gibt es eine Pleitewelle unter Sushirestaurants und Dönerbuden, von denen ich bislang nichts mitbekommen habe? Melden die Kinos und Videotheken Insolvenz an, weil niemand mehr Hollywoodfilme sehen will? Gehen die Internetprovider pleite, weil sich alle plötzlich nur mehr für ihre nähere Umgebung interessieren? Sind alle Ausstellungen ausländischer Künstlerinnen geschlossen und alle Tourneen von Musikern abgesagt worden? Nein, all das geschieht nicht, ganz im Gegenteil geht die weltweite gegenseitige kulturelle Beinflussung weiter, anders ist das ja auch in Zeiten des Welthandels und der immer weiter verbreiteten Informationstechnologien gar nicht möglich. Wahr ist, dass sich einige wenige Zuwanderer nicht zu benehmen wissen und dass einige Autochthone Rassisten sind. Wahr ist weiters, dass es reale Probleme gibt mit radikalen Muslimen und radikalen Rechten. „Multikulti“ ist halt kein Utopia, in dem die Schafe bei den Löwen schlafen, sondern ganz normale Wirklichkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen. Und wenn Merkel, Cameron und Sarkozy jetzt ihre Mäuler aufreißen und nach Sündenböcken suchen, so seien diese Herrschaften daran erinnert, dass SIE dafür mitverantwortlich sind, wie es in den Staaten, die sie regieren, zugeht. Wenn diese Politiker in völlig unverantwortlicher Art und Weise gegen „Multikulti“ hetzen, tun sie nichts anderes, als den radikalen Xenophobikern einen Jagdschein auszustellen. Von Staatsmännern (und -frauen) erwarte ich mir doch ein bisserl mehr an Gestaltungsvorschlägen als bloß rechtsextreme Parolen nachzublöken. Das müsste ja nicht einmal in besonders komplizierte verbale und ideologische Verrenkungen ausarten, es genügte schon, ganz einfach und deutlich auf dem Niveau einer zivilisierten Demokratie Stellung zu beziehen. Zum Beispiel so: Religionsfreiheit ja, Frauenunterdrückung und Dschihadismus nein. Respekt vor fremden Kulturen ja, Respekt vor Barbarei nein. Demonstrationsfreiheit ja, religiös oder ethnisch aufgeladene Unruhen nein. Und so weiter. Aber vermutlich hat man in den Staatskanzleien gar keine Lust darauf, auf das schlechte alte Ablenkungsmanöver des Ausspielens verschiedener Gruppen der Gesellschaft gegeneinander zu verzichten, ist das doch sehr günstig in Zeiten, in denen man den Unterschichten immer mehr wegnehmen will, in denen die Maxime gilt: Bestehlt die Armen und gebt den Reichen!