Tapfere braune Vergewaltiger

In einem deutschen Internetforum haben sich offenbar NPD-Funktionäre und FPÖler über so nette Dinge wie Bombenbau, illegale Geldbeschaffungamaßnahmen und Waffenhortung für den „Tag X“ ausgetauscht. Außerdem wurde zur Vergewaltigung politischer Gegnerinnen aufgerufen („Schändet ihre Frauen, ihr tapferen Nationalisten!“). Aufgedeckt wurde dies nicht etwa von der Polizei oder dem Verfassungsschutz, sondern von Journalisten. Und erneut stellt sich die Frage: Was ist los mit den österreichischen und deutschen Sicherheitskräften? Sind die bereits weitgehend von Nazis unterwandert?

Zu Sarrazin und seinen Fans: „Rassismus bleibt Rassismus“

Dass im Falle Thilo Sarrazin glücklicherweise doch nicht alle ihren kritischen Verstand verloren haben, wie es ein Blick in die (rechts)liberale Blogosphäre ebenso vermuten ließe wie einer in die Leserbriefspalten der wichtigsten Zeitungen, hat Alan Posener schon im Vorjahr in diesem Vidcast bewiesen. Sein kurzer und richtiger Befund: „Rassismus bleibt Rassismus“, und Sarrazin, „dieser Rassist“, agitiere gegen Türken und Araber ganz ähnlich wie es die Antisemiten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gegen Juden taten. Und hier haut Posener Sarrazin dessen „Thesen“ dermaßen prägnant um die Herrenreiterohren, dass man sich fragt, weshalb sich immer noch Thilo-Apologeten in der deutschen Intellektuellenklasse finden lassen (Posener: „Das ist sowas von widerlich, und dass das verteigt wird, ist noch widerlicher“).

Ebenfalls in der „Welt“ attestiert Matthias Kamann nach Lektüre des Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“, dass das „einzig Originelle, die einzige Eigenleistung“ des Bundesbankers die „unhaltbare Provokation“ sei, während er sich den sonstigen Inhalt seines Machwerks von längst bekannten, manchmal unstrittigen, oft aber längst widerlegten Vordenkern zusammengeklaubt habe. Auch die Unwissenschaftlichkeit von Sarrazins Ausfällen deckt Kamann auf. Ich zitiere: (…) Dies lässt ihn nicht nur fürchten, dass Deutschland in hundert Jahren mehrheitlich muslimisch wird, sondern auch, dass es dümmer wird. Denn in der Unterschicht sei man nun einmal weniger gebildet, damit werde auch die Intelligenz weniger gefördert – und das setze sich durch die Generationen hindurch fort, weil Intelligenz „zu 50 bis 80 Prozent vererbt“ werde. Freilich stützt sich Sarrazin zum Beleg seiner höchst unscharfen These von der Vererbung („50 bis 80 Prozent“ sind eine große Spannbreite), stets nur auf Untersuchungen zur Intelligenzvererbung von den Eltern auf die Kinder, also zwischen zwei Generationen. Wie sich längerfristig die Intelligenz einer Bevölkerungsgruppe entwickelt, ist völlig unklar. Zwar führt er ein Beispiel an, die europäischen Juden, bei denen vor dem Krieg ein durchschnittlich höherer IQ gemessen wurde. Doch dieses Beispiel ist untauglich. Zum einen wurden bei den IQ-Messungen Millionen von ärmlichen Land-Juden ausgeblendet, die Daten sind also nicht aussagekräftig. Zum andern würden die Juden gerade nach Sarrazins Argumentation seinen Thesen widersprechen. Denn die vermeintlich höhere Intelligenz der Juden leitet er daraus ab, dass sie unter einem hohen „Selektionsdruck“ (Sarrazin) gestanden hätten, der sie in geistig anspruchvolle Berufe gepresst habe, so dass sie ihre Intelligenz ausbilden mussten. Übertragen auf muslimische Migranten würde dies aber heißen: Fördert sie nur, dann werden sie schlauer. Damit wäre Sarrazins These von der vererbten Dummheit hinfällig. Zwar hält sich Sarrazin fern von eugenischen Plänen, die im 19. und 20. Jahrhundert zur zwangsweisen Geburtenbeschränkung in der Unterschicht entworfen wurden. Doch argumentativ steht er in einer Tradition, die von Malthus über die Sozialdarwinisten bis zu Geburtenbeschränkungen für die Unterschicht in Schweden reichen: Die Hochkulturen ziehen die Barbaren an, diese vermehren sich ungebremst, während die Klugen dekadent aussterben, weshalb man bevölkerungspolitisch umsteuern muss. Es bleibt dabei Thilo Sarrazins Geheimnis, warum er sich nicht fragt, was an diesen Thesen dran ist, wenn sie vor rund 150 Jahren Verfallsprognosen für etwa 1950 erstellten, die dann nicht eintratenVielleicht ist es aber doch kein Geheimnis: Sarrazin muss jene kühnen Thesen von der generativen Vererbungsspirale der Dummheit aufstellen, um nicht ins Fahrwasser dessen zu geraten, was langweiligerweise von „Gutmenschen“ gefordert wird: in einer Mischung aus Fördern und Fordern die muslimischen Migranten bei der Integration zu unterstützen. Würde Sarrazin das propagieren, wäre es wohl um seine Originalität geschehen, die im Provozieren besteht. In einem Provozieren, dass ihm derart heftige Reaktionen einträgt, dass er sich neuerlich bestärkt sieht in seiner Rolle als Provokateur.

Zu den bekennenden Fans von Sarrazin gehören ja, was wenig verwundert, die NPD , der Paranoia-Blog „Politically Incorrect“ und der wirre „BILD“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner. Man fragt sich allerdings, welchen Narren Leute wie Henryk M. Broder, also gestandene kritische Intellektuelle, an einem aus den Gleisen gehüpften deutschen Spießbürger wie Sarrazin gefressen haben, dem es nicht einmal in den von Standesdünkeln vernebelten Sinn kommt, dass es problematisch sein könnte, ausgerechnet im Bezug auf Juden das Wort „Selektionsdruck“ zu verwenden, der also sprachlich mindestens so verroht ist wie intellektuell. Gewiss, Broder provoziert ähnlich gerne wie es Sarrazin tut, doch ist man vom Betreiber der „Achse des Guten“ ein etwas höheres Niveau gewöhnt als es das unterirdische Nobelstammtischgeraune des Bundesbankmanagers zu bieten hat. Provokationen sind ein gutes Mittel, um Menschen das selbständige Denken schmackhaft zu machen. Rassismus und das sozialdarwinistische Hinuntertreten auf die Benachteiligten ist aber keine stimulierende Provokation, sondern allenfalls Munition für Faschisten, die beim dritten Bier von einer Welt träumen, in der sie die Macht haben, jene Menschen, denen sie das Existenzrecht absprechen, „wegmachen“ zu können. Bei Sarrazin sind es noch Schreibtischtaten, andere mögen sich durch eben diese dazu ermutigt fühlen, politisch oder individuell entsprechende Handlungen zu setzen. Es ist wahrlich keine Sternstunde Broders und der „Achse“-Autoren, dass sie sich auf die schiefe Ebene eines Sarrazin begeben, bloß weil das so toll „politisch unkorrekt“ ist. Daher ein kleiner Ratschlag an Broder & Co: Vorsicht ist geboten, denn manchmal ist der Weg vom „politisch unkorrekten“ Querdenken zu „Politically Incorrect“ kürzer, als man meint, und am Ende dieses Weges wartet die NPD. Und wer sich plötzlich mit Nazis auf einer Seite wiederfindet, der sollte eigentlich erkennen können, dass er falsch abgebogen ist.

„Raus, du Sau“

In der deutschen Kleinstadt Heinsberg marschiert das gesunde Volksempfinden, und die NPD marschiert mit. Es ist nämlich ein verurteilter Mädchenvergewaltiger zugezogen, der nach 20 Jahren Haft bei der Familie seines Bruders Unterschlupf fand. Jetzt ziehen die braven Bürger von Heinsberg Abend für Abend vor das Haus, in dem der Unhold wohnt, und tragen Plakate mit so hübschen Aufschriften wie „Raus mit dem Kinderschänder“, oder – mein Favorit – „Raus, du Sau“. Der Mann, der die Bürger in die vermeintlich rechtschaffene – es geht ja um die Kinder, denkt denn keiner an die Kinder – Lynchmobstimmung brachte, ist kein anderer als der Polizeipräsident der Gegend, der zufälligerweise auch noch CDU-Politiker ist. Er meinte wohl, das brave Volk werde ihn aus Dankbarkeit für die Denunziation des Ex-Häftlings wählen, doch könnte diese Rechnung nicht aufgehen, denn mittlerweile sind die Nazis der NPD vor Ort, und die können das fordern, was sich ein CDU-Mann nicht öffentlich zu fordern traut, nämlich die Todesstrafe. Wem werden aufgebrachte, hysterisierte Menschen wohl ihre Stimme geben? Dem Zauberlehrling von der CDU oder den von ihm herbeibeschworenen Besen, die versprechen, eisern zu kehren?

Nachtrag: Dass ein Sexualstraftäter, bei dem die Staatsanwaltschaft von einer hohen Rückfallwahrscheinlichkeit ausgeht, einfach eine Therapie verweigern darf, ist eine Lücke im deutschen Strafrecht, die geschlossen werden sollte.