Ein Vorwahlgedanke

Sozial ist für die ÖVP, wenn Arbeitslose für eine Suppe und eine Scheibe Speck beim Bauern als Knechte arbeiten dürfen. Und christlich ist für die ÖVP, wenn der Bauer die Knechte nur einmal pro Woche verprügelt statt täglich. Es tut mir ja sehr leid, liebe ÖVP-Wählerinnen, aber das ist das Substrat, das als Definition von „christlich-sozial“ übrig bleibt, wenn man die politischen Aktionen und Wortmeldungen von seiten der Volkspartei zusammentut und das Sonntagsgredengewäsch weglässt. Wenn jemand Häuschen, Auto und allen anderen Besitz verkaufen muss, um in den Genuss der sogenannten Mindestsicherung zu kommen, die vielleicht und mit viel Glück das physische Überleben und sonst gar nichts sichert, dann ist das für die ÖVP eine „Hängematte“. Dieselbe ÖVP schlug auch vor, Invaliditätsrentnern den Füherschein wegzunehmen. Allein diese Beispiele zeigen schon, welch eine furchtbare Welt- und Menschensicht in den Kreisen dieser Partei vorherrscht, wo man Mitmenschen ausschließlich als Sozialschmarotzer wahrnehmen kann, die man bestraft wissen will. Das ist natürlich nicht auf die ÖVP beschränkt, denn auch die derzeitige österreichische Sozialdemokratie, die solch menschliche Stilblüten wie den Invalidenrentenabschaffer Rudolf Hundstorfer hervorgebracht hat, ist kaum anders, und von der FPÖ, deren Parteigänger sich voll und ganz dem Hass auf alles, was nicht autoritär und weiß ist, verschrieben haben, oder von den Grünen, die sich als Besserverdienerpartei zwischen Besserverdienerparteien etabliert haben, will ich hier gar nicht erst anfangen. Österreich leistet sich zur Zeit vor allem bei den Regierungsparteien SPÖ und ÖVP, aber nicht nur bei denen, ein grotesk schlechtes politisches Personal, das hauptsächlich aus Soziopathen ohne Gewissen besteht. Ein zu hartes Urteil? Nicht, wenn man deren Taten und vor allem auch deren öffentliche Auftritte aufmerksam beobachtet. Zu lügen ist für diese Leute so selbstverständlich geworden, dass sie nicht einmal dann die Wahrheit sagen, wenn gar kein Anlass bestünde zu flunkern. Und in Situationen, in denen schon geheucheltes Mitgefühl besser wäre als gar keines, sind sie völlig überfordert, weil sie nicht einmal theoretisch wissen, was Empathie ist, geschweigen in der Lage sind, sie zu empfinden. Die politische Szene in diesem Land ist ein einziger großer Arschlochclub voller prinzipienloser Karrieristen, Menschenhassern, Sadisten und Zivilversagern. Und weil das so ist, haben sich als „Alternative“ dazu neue Parteien voller Karrieristen, Menschenhassern, Sadisten und Zivilversagern gegründet. So ist die Ausgangslage vor den Nationalratswahlen im Herbst. Ich verstehe jeden, der bei so einem Angebot auf seine demokratischen Rechte verzichtet. 

Paradise Lost

Das Paradies stellen sich ÖVP-Politikerinnen als einen Ort vor, an dem man keine Besenstiele in den Anus gerammt bekommt. Die Jugendabteilung eines Gefängnisses ist laut Justizministerin Beatrix Karl „kein Paradies“. Und wo kein Paradies ist, müssen 14-Jährige Untersuchungshäftlinge (!) nun mal damit rechnen, vergewaltigt zu werden. Die Stammtische des Landes sehen das auch so. Wer alt genug ist, um eingesperrt zu werden, ist auch alt genug, vergewaltigt zu werden. Er wird es schon irgendwie verdient haben, schwingt da mit, was viel darüber aussagt, wie weit die Lust am Vergewaltigen verbreitet ist. Und am Foltern ganz allgemein. Man muss sich nur die Leserbriefe anschauen, in denen viele ihren sadistischen Fantasien freien Lauf lassen, sobald es um Strafgefangene geht. Dann weiß man auch, wo in Kriegszeiten oder in Zeiten totalitärer Herrschaft all die Folterer und Vergewaltiger und Mörder herkommen. Die leben ganz unauffällig unter uns, und solange sie ihre Gewaltfantasien nur auf die „Richtigen“ lenken, bekommen sie dafür auch noch Beifall nicht nur von ihresgleichen, sondern auch von denen, die zwar anders denken, aber spüren, wie gefährlich diese Leute sind. Aus Ängstlichkeit schreien daher viele mit, wenn die Brutalen nach Hackebeil und Strick und Folter rufen, denn wie in alten Stammesgesellschaften ist die größte Furcht vieler Menschen die, verstoßen oder in die Nähe jener gerückt zu werden, die der Stamm für gewöhnlich abschlachtet.

Es wäre schön, würden wir Politiker hervorbringen, die unhaltbare Zustände nicht damit abtun, dass wir nun mal nicht im Paradies lebten, sondern daran arbeiteten, die Zustände ein bisschen weniger unerträglich zu machen. Das mag viel verlangt sein in Zeiten, in denen man in den Parteizentralen ausschließlich Politik nach Meinungsumfragen konzipiert, den Boulevard zufrieden stellen will und die Herrschaft der Mehrheiten über die Minderheiten mittels Stärkung direktdemokratischer Mittel zu verschärfen sucht. Ich verlange es trotzdem. Wozu sonst sollte es gut sein, Leute mit schönen Politikergehältern, Politikerpensionenen, parlamentarischer Immunität und langjährigen „Dienstverträgen“ auszustatten, wenn sie dann doch nur Vollstreckungsgehilfen niedriger Instinkte sein wollen? All die schönen Sachen wurden doch einst eingeführt, damit Politikerinnen eine gewisse Unabhängigkeit haben und nicht ausschließlich auf die angebliche Vox Populi und die Interessen reicher Einflussnehmer schielen müssen. Allerdings sehe ich ein, dass all das nichts nützt, wenn die Parteien nicht in der Lage sind, Menschen mit einer gewissen intellektuellen und moralischen Grundausstattung als Kandidaten und Funktionsträger aufzustellen. Allein Österreichs Kabinett wirkt schon wie eine Versammlung Halbdebiler, Sadisten und bestechlicher Würstchen. Wer glaubt, ich würde übertreiben, der sehe sich deren Performance und deren persönliche Stellungnahmen an, wenn es um Themen wie Asyl, Migration, Arbeitslosigkeit, Umwelt, Strafrecht und Bildung! Es wirkt so, als würden apolitische Idioten regieren, bei denen zur Idiotie noch Bösartigkeit dazukommt.

Taksim: Bier, Pornos und Islam

Die heldenhaften WiderstandskämpferInnen in der Türkei verzichten jetzt auf Burger und Cola, um ihrem revolutionären Furor Nachdruck zu verleihen. Sogar Lamborghinis wollen sie nun boykottieren, damit Premierminister Erdogan… ja was eigentlich? Nachgibt? Zurücktritt? Wunder tut? Egal. „Teilt und tauscht, geht zu Fuß, schaut kein Fernsehen, kauft Fahrräder, spart Benzin, und wenn ihr nicht kochen könnt, dann esst in den kleinen Kneipen eurer Nachbarschaft“ heißt es im Boykottaufruf, und wer wollte das schlecht finden? Teilen ist seit Jesus und der Brotvermehrung schick, tauschen liegt bei der Masse der geistig zu kurz gekommenen Kapitalismusschlechtfinder im Trend, Fernsehen gilt in bildungsbürgerlichen Kreisen als anrüchiges Unterschichtvergnügen, Fahrradfahren ist ein neues Statussymbol („ich stehe in der Hierarchie so weit oben, ich kann es mir leisten, verschwitzt zu sein“), Benzinsparen will wegen Umwelt-und-Irak-und-hastdunichtgesehn jeder, und wer geht nicht gerne in nette Kneipen im gentrifizierten Boboviertel essen? Der, der es sich nicht leisten kann, hätte man noch vor 20 Jahren zur Antwort gekriegt, bevor die Menschen dumm und die Telefone schlau geworden sind. Heutzutage fällt den meisten nicht mal mehr auf, wie viel und was es aussagt, wenn eine Gruppe von Leuten, die in einem Land wohnt, wo viele Menschen immer noch von der Hand in den Mund leben, ganz ernsthaft den Boykott von Protz-Automobilen und Pay-TV ankündigt.

Um zu wissen, was eine Sache wert ist, lohnt ein Blick auf jene, die sie unterstützen. Von Angela Merkel bis HC Strache, von Gregor Gysi bis Joschka Fischer, von Werner Fymann bis zu Ban Ki-Moon, von „Bild“ bis zur „taz“, von Burschenschaftern bis zur KPÖ reihen sich alle ein in einen großen Volkstanz, der nicht weiß, was er sein will, dafür aber großen Wert auf Style legt. Es ist, als hätten alle ihre Fluthelfergummistiefel ausgezogen und kollektiv gegen Taksim-Soli-Schlapfen ausgetauscht. Zwar fährt kaum jemand mal hin und fragt die Leute, was sie wollen, aber jeder postet auf seinem Facebookaccount die schönsten Demofotos und retweeted die knackigsten Parolen auf Twitter. Ich mache das nicht mehr. Ich weiß, wie gerne Menschen, die für eine gerechte Sache zu kämpfen meinen, der Versuchung nachgeben, Bilder mit Photoshop ein bisserl dramatischer zu machen, die Wirklichkeit ein bisserl im eigenen Sinne zu verbiegen. In einer Zeit, in der Fälschungen als Pressefotos des Jahres durchgehen und niemand auch nur mit den Schultern zuckt, nachdem die Fälschung nachgewiesen wurde, die Manipulation also schon fast offiziellen Sanktus genießt, sollte man Bilder mit einem gewissen Misstrauensvorschuss betrachten. Und ganz besonders misstrauisch sollte man werden, wenn Angela Merkel eine „Revolution“ gut findet und Rechtsextremisten den Revoltierenden Beifall klatschen.

Bei der Unterstützerriege muss man kein Genie sein um zu vermuten, dass diese „Revolution“, wie sie sich selbst so oft und gerne nennt, dass man sicher kein kann, sie ist keine, viel mehr mit kulturellem Geplänkel als mit sozialen Fragen zu tun hat. Unter anderem protestiert man gegen neue Einkaufszentren und gegen neue Wasserkraftwerke, weil man in Istanbul eh schon genug Strom habe. Mein Eindruck ist ja der, dass es den Demonstrantinnen und Demonstranten um Bier und Pornos geht. Gegen Bier und Pornos ist gar nicht viel zu sagen. Ich finde Bier und Pornos auch gut, aber man soll bitte nicht so tun, als würden in Istanbul die Geschwister Scholl zusammen mit Alexander Solschenizyn demonstrieren. Der Erdogan ist sicher ein Arsch und seine AKP eine Arschpartei, das bezweifelt ja kaum jemand, aber es herrscht in der Türkei weder Faschismus, noch Stalinismus. Dort herrscht Demokratie. Nicht die beste Demokratie der Welt, aber bei weitem nicht die schlechteste, und es war in der Türkei schon viel viel schlimmer als heute. Der „Tiefe Staat“, eingerichtet von denen, die vielen heute als die Guten gelten, den laizistischen Kemalisten nämlich, ließ Menschen zu Tausenden verschwinden, ließ so brutal foltern, dass sogar ein Assad noch davon lernen konnte, verbot ganzen Volksgruppen die politische Betätigung und sogar den Gebrauch der eigenen Sprache und löschte im Rahmen der „Terrorismusbekämpfung“ schon mal ganze Dörfer aus. Das war ein Militärstaat, der sich manchmal eine scheindemokratische Fassade gönnte. Und dann gehe ich auf Facebook und lese Postings, in denen Leute, die ich für ganz vernünftig gehalten hatte, sich wünschen, dass ein Militärputsch Erdogan zum Teufel jagen möge. Gute Menschen fordern eine Militärdiktatur, weil man in Istanbul nach 22 Uhr kein Bier mehr trinken darf. Man fragt sich da ernsthaft, ob diese Leute verrückt geworden sind oder man deren Verrücktheit zuvor bloß nicht wahrgenommen hatte.

Das Hauptargument der Unterstützer der türkischen Unruhen ist eine Möglichkeit. Die Möglichkeit nämlich, dass die islamistische AKP aus der Türkei tatsächlich einen islamistischen Staat machen könnte. Dafür spricht einiges und das darf man gerne falsch finden, denn Politik nach den Regeln heiliger Bücher ist immer scheiße und illiberal und frauenfeindlich. Bloß: So weit ist man dort noch lange nicht. Alles, was dort derzeit „islamisiert“  wird, erfolgt auf demokratischem Wege und kann auch wieder rückgängig gemacht werden. Erdogan lässt nach zehn Uhr abends kein Bier mehr ausschenken? Na wird kein unlösbares Problem sein, das nach seiner Abwahl zu ändern, oder? Das einzige, das nicht mehr geändert und nie mehr wieder gut gemacht werden kann, ist der Verlust von Menschenleben durch Unfreiheit oder gar Mord. Ich sehe Erdogan aber keine (Todes)Lager bauen. Seit Erdogan regiert, kommen auch deutlich weniger Kurden durch Kugeln des türkischen Militärs um (und umgekehrt weniger Türken durch kurdische Sprengkörper). Es gibt weniger politische Häftlinge als unter Erdogans Vorgängern. Es wird sogar weniger gefoltert. „Paperlapapp“, werden Erdogan-Kritiker nun sagen, „was das für ein schlimmer Finger ist, sieht man doch an seiner außenpolitischen Orientierung in Richtung Iran und China, an seiner antiisraelischen Haltung und nicht zuletzt daran, dass ihm nun der mit dem Faschismus schmusende ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán zur Seite hüpft und dessen Wirtschaftspolitik lobt„. „Ja eh“, antworte ich da, „nichts läge mir ferner, als Erdogans Außenpolitik gut zu finden oder zu verharmlosen, und was Orbán betrifft, so gilt wohl, dass ein autoritär veranlagter Kerl den anderen autoritär veranlagten Kerl als solchen erkennt und daher unterstützt. Sind ja beide national und religiös eingestellt, die dürften sich also prima verstehen. Aber es wäre unredlich nicht zu erwähnen, dass Erdogan keineswegs von Anfang antiwestlich eingestellt war. Seine Hinwendung nach Osten hat schon auch mit der Weigerung der Europäischen Union bzw deren Chef, Deutschland, zu tun, den türkischen Beitrittswünschen Gehör zu schenken.“

Erdogan ist ein Ungustl, ein Antisemit, ein Nationalist, ein Feind der kritischen freien Presse und ein elender Frömmler. Ich mag den Mann nicht. Wenn der  morgen mit dem Flugzeug abstürzt, mache ich eine Flasche Schampus auf. Aber: In der Türkei ist immer noch Demokratie, es gibt keine Lager und man führt keine Angriffskriege. Erdogans Partei kam auf demokratischem Weg an die Macht (der Erste, der jetzt „Hitler“ oder „33“  sagt, kriegt eine geschallert) und macht keine wirklichen Anstalten, die Demokratie abzuschaffen. Sollte sie das machen, bin ich der Erste, der für den Sturz einer solchen islamischen Diktatur eintreten würde. Aber derzeit sträuben sich bei mir alle Nackenhaare bei dieser ganz großen Einigkeit, die in der westlichen Politik und in den Sozialen Medien herrscht, und bei dieser Glorifizierung der Protestbewegung. Sind eh nette Leute, die da demonstrieren, die gebildeten, sozial gut gestellten und jungen Schichten halt, die mehr Westen und weniger Nostalgie nach dem Osmanischen Reich wollen. Und die Polizeigewalt, mit denen man ihnen begegnet, ist widerlich, wenn auch nicht Türkei-exklusiv. Ich erlaube mir trotzdem, einen kühlen Kopf zu bewahren und mich nicht von Revolutionsromantik mitreisen zu lassen. Das ist mir beim Arabischen Frühling passiert, aber fool me once, shame on you, fool me twice, shame on me.

Der ewige Nazi

Erstmals seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts hetzt eine Partei in Österreich gegen eine Gruppe von Menschen mit der Behauptung, diese Gruppe würde Krankheiten verbreiten. Es ist natürlich die FPÖ, die auf Motive der NS-Propaganda zurückgreift.

Das neue „Handbuch für freiheitliche Politik“, ein Leitfaden für Parteifunktionäre, macht das Zuwanderungsthema zum Hauptmotiv, berichtet Ö1. (…) Nicht nur für Kriminalität und Arbeitslosigkeit seien die Zuwanderer in Österreich verantwortlich, sondern auch für hohe Immobilienpreise und sogar für die Verbreitung von Krankheiten. Von Ö1 dazu befragt, meint FPÖ-Vizechef Nobert Hofer, dies dürfe man nicht als Pauschalurteil missverstehen. „Wer im Ausland unterwegs ist, bringt Krankheiten mit herein“, meint er.

Das historische Vorbild: „Ratten verursachen Krankheiten wie Pest, Lepra, Cholera etc. Sie sind hinterlistig, feige und grausam und treten meist in großen Scharen auf. Sie stellen unter den Tieren das Element der heimtückischen, unterirdischen Zerstörung dar. Nicht anders als die Juden unter den Menschen.“ (Aus dem nationalsozialistischen Hetzfilm „Der ewige Jude“)

Ciao, Proletariat

Dass wer den Schaden hat für Sport nicht zu sorgen braucht, ist eines der wesentlichen Kennzeichen des Entertainment-Kapitalismus, wo man nach jeder weiteren täglichen  Zitterpartie auf dem Basar, auf dem wir alle unsere Haut zu Markte tragen müssen, nicht viele andere Freuden und Hoffnungen mehr hat als zu sehen, wie der Biggest Loser im Big Brother Haus durch Frauentausch ein Dancing Star bei Deutschland sucht den Superstar wird. Mitleid ist was für Schwache, und die Schwachen sind die, denen man die Wohnung wegnimmt, die man im Jobcenter schikaniert, die irgendwann auf der Straße verrecken. Schwach will aus gutem Grund niemand sein, und wer sich von den Schwachen abgrenzen will, der verspottet sie und schließt sich der Meute der Starken an, die die Schwachen verprügelt. Nur in so einem Umfeld können sich Figuren wie der britische Arbeitsminister Iain Duncan Smith, der die Armen verhöhnt, indem er, angetan in feinsten Zwirn und mit teurem Uhrwerk behängt, verkündet, er könne jederzeit mit 63 Euro pro Woche überleben, noch auf die Straße trauen. Der Mann wird dafür sogar  beklatscht.

Der Zerstörung des europäische Sozialstaates wird in jüngerer Zeit gerne von dem grotesken Argument begleitet, Arbeit müsse sich wieder lohnen, und das tue sie nur dann, wenn diejenigen, die keine Arbeit haben, noch weniger bekämen. Darauf muss man erst mal kommen. Obwohl sich Arbeit selbstverständlich nur dann „wieder lohnen“ würde, wenn die Löhne stiegen, behaupten die Herrschenden rotzfrech, Arbeit auch zu Dumpingpreisen lohne sich dann, wenn der Arbeitslose noch schwerer bestraft wird. Wodurch die Löhne natürlich weiter sinken. Es sagt viel, wenn nicht alles über den Zustand von Gewerkschaften und „Arbeiterparteien“ in Europa, wenn eine dermaßen unverschämte Lohnsenkungspropaganda ohne nennenswerten Widerstand verbreitet werden kann. Und natürlich sagt das auch alles über die geistige Verfassung des Proletariats, das tatsächlich der Meinung zu sein  scheint, es ginge ihm besser, würde man die Armut verschärfen. Willig lässt sich die Arbeiterschaft in eine Parodie des Klassenkampfes hetzen und tritt begeistert nach unten. So einem Proletariat muss man nicht mal mehr Ketten anlegen, die schmiedet es nämlich fleißig selber und trägt sie auch noch stolz.

Grillo, der unlustige Clown

Der zum Aufmischer der italienischen Politik mutierte Komiker Beppo Grillo wird oft und gerne als „Clown“ bezeichnet. So kann man ihn nur nennen, wenn man ihn und seine Aussagen nicht kennt. Denn zum Lachen reizen seine Ansichten nicht, eher schon zum Erbrechen.

„Alles, was wir in Europa über Israel und Palästina wissen, wird von einer internationalen Agentur gefiltert, hinter der ein ehemaliger Mossad-Agent steht.“ (Quelle: Corrierra de la Serra)

„Es gibt den ernsthaften Verdacht, dass AIDS ein Schwindel ist.  Der größte Schwindel des 20. Jahrhunderts. (Beppo Grillo in seiner TV-Show, 1998)

„Tausende Roma, die nach Italien kommen, sind ein Vulkan, eine Zeitbombe. Einst waren die Grenzen unsere Staates heilig, aber unsere Politiker haben sie geschändet.“ (Grillo, 2007)

„Über Israel zu reden ist in Europa tabu. Wer es dennoch tut, wird zum Antisemiten gestempelt.“ (Grillo im Gespräch mit der Tageszeitung Yedioth Ahronot)

„Die Israelis sind wie Attila der Hunne – wo sie hinkommen, wachsen keine Palästinenser mehr“ (Grillo in seiner Show)

„Die jüdischen Produzenten in Hollywood und auch die nicht-jüdischen (falls es solche geben sollte) wollen Mel Gibson keine zweite Chance geben. Sein Vergehen: Er sagte, dass die Juden für alle Kriege verantwortlich seien. Hätte er gesagt, dass Israel und sein Verhalten den Dritten Weltkrieg auslösen könnte, hätte man für ihn wohl Alcatraz wieder aufgesperrt und die Schlüssel weggeworfen, so sehr fürchtet Israel diese Kritik. Und jetzt habe ich das auch geschrieben, und ich bin nicht mal besoffen. Wird man mich jetzt aus der Cinecittà verjagen? Hinter Israel stehen die Vereinigten Staaten, oder sind die Vereinigten Staaten Israel? Schwer zu sagen, was hier Ursache und Wirkung ist. Italien ist voll mit amerikanischen Atomwaffen. Zu unserem Schutz sagen sie. Ich will von diesen Leuten aber nicht beschützt werden. Ich sage: Raus aus der Nato, die Cowboys sollen nachhause gehen“. (Grillo in seinem Blog)

„Ich bin dagegen, dass in Italien geborene Kinder von Ausländern automatisch die italienische Staatsbürgerschaft bekommen sollten. Es ist sinnlos. Das ist doch nur ein Manöver der Gutmenschen, wie auch der Rechten, um von den realen Problemen der Bürger abzulenken“ (in seinem Blog)

Kärnten, blauer Privatbesitz?

Da leere ich ohne große Bedenken meinen Briefkasten und was finde ich? Die „Kärntner Nachrichten“, ein Werbeblatt der Freiheitlichen, mit folgendem Cover:

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„Ihr“ Kärnten also! Nicht unser aller Kärnten, nein, Kärnten gehört, geht es nach der Botschaft dieses Fotos, Dörfler, Scheuch, Dobernig und Konsorten. Genau so, als wäre dieses Land ihr Eigentum und als wären dessen Bewohner nur Leibeigene auf einem großen Lehen namens Kärnten, haben es diese Herrschaften in den vergangenen 14 Jahren behandelt. Ich weiß nicht, wie es anderen Kärntnerinnen und Kärntnern angesichts dieser blauen Anmaßung geht, aber ich möchte klarstellen, dass mich die Frechheit, mit der FPÖ, FPK, BZÖ (oder wie immer sie sich gerade auch nennen mögen) Kärnten als ihren Privatbesitz darstellen, zutiefst empört. So wie es mich auch wütend macht, wenn ich FPK-Plakate mit dem Slogan „Unser Geld für unser Land“ lesen muss. Es ist, verdammt noch mal, weder euer Geld, noch euer Land. Ich hoffe, dass ihr dafür und für die unzähligen Skandale der vergangenen Jahr bei den Landtagswahlen die verdiente Quittung bekommen werdet.

Was man Eurogegener fragen sollte

Demjenigen, der in Österreich oder Deutschland wohnt und in der derzeitigen Situation für eine Abschaffung des Euro eintritt, sollte man folgende Fragen stellen: Ist er ein Narr, der nicht weiß, dass dies die Exportwirtschaft in seinem Land zusammenbrechen lassen würde? Ist er ein Schwein, das sich darüber freuen würde, wenn in Südeuropa Hunger herrschte und die Menschen, wie in der Dritten Welt, an behandelbaren Krankheiten stürben, weil die Behandlung dieser Krankheiten natürlich in „Nord-Euro“, D-Mark oder Dollar verrechnet werden würde statt in Drachme oder Lira? Oder ist er einer, der zu den wenigen wirklich Reichen gehört, einer, der seinen steuerlichen Lebensmittelpunkt in der Schweiz hat, in aller Welt über Immobilien und Beteiligungen und Ackerland und Gold verfügt und für den eine extreme Wirtschaftskrise, wie sie die Abschaffung des Euro nach sich zöge, vor allem eines bedeutete: Günstige Einkaufmöglichkeiten überall und ein durch die Decke schießender Goldkurs, der das bereits angehäufte Vermögen nominell noch fetter aussehen lassen würde? Oder halt einer, der von dieser letzten Gruppe dafür gut bezahlt wird, so zu tun, als sei er dumm, um die Dummen noch weiter zu verdummen? Oder ist er ein Nazi, ein Faschist, oder, scheinbar dem entgegengesetzt, ein „Kommunist“? Wer vom totalitären Staat träumt, dem würde der totale ökonomische Zusammenbruch  Europas natürlich ganz recht sein. Schon jetzt erstarken sie ja überall, die Faschos und die faschistoiden politisierenden Milliardäre und in manchen Staaten eben auch die Linksextremisten. Und die Nationalisten aller Couleurs. Und mit deren Comeback wird auch der Krieg zurückkehren nach Europa. Das bestreiten all die oben angeführten Typen natürlich, aber in Wahrheit denken die anders, Menschenleben sind denen völlig egal, so lange nur der Profit stimmt oder die Chancen zur Umsetzung der eigenen ideologischen Ideen merkbar  besser werden.

Haider und die Buben

Ich kenne Harald Doberning, diesen Mr. Smithers der Kärntner Politik, nicht persönlich, aber ich habe Bilder und Eindrücke von ihm im Kopf. Zum Beispiel wie er sich von hinten an Parteikollegen anschmiegt, diesen etwas ins Ohr flüstert und dann in die Kamera grinst. Mit diesem Grinsen, das von man auch von Stefan Petzner, Karl-Heinz Grasser und weiteren aus Jörg Haiders privatem Labor entsprungenen Figuren kennt, das überhebliche Grinsen der viel zu früh im Leben nach viel zu weit oben Katapultierten, die nie lernen mussten und konnten, dass es noch etwas anderes gibt als den Zweck, der jedes Mittel heiligt. Moralische Richtlinien und das  Strafgesetzbuch zum Beispiel. Ich halte diese Leute nicht einmal für von sich aus besonders verdorben, ich halte sie für aus der natürlichen charakterlichen Entwicklung Herausgerissene. Dobernig studierte Betriebswirtschaft in Klagenfurt, war dann Lehrling bei der Hypo und wurde gleich danach von Haider rekrutiert und zu dessen Bürochef gemacht. Und kurz darauf, er war gerade 28 Jahre alt, wurde er schon Finanzlandesrat des Landes Kärnten. Ein Mann, der über praktisch keine Lebenserfahrung verfügte, nie aus Kärnten hinausgekommen war und niemals einen richtigen Beruf gehabt hatte, wurde mit einem der verantwortungsvollsten politischen Ämter Österreichs betraut. Aber das war keine Premiere. Schon zuvor hatte Jörg Haider den 25-jährigen Karl-Heinz Grasser, ebenfalls einer, dessen damalige Lebensbilanz sich in einem Studium an der Universität Klagenfurt erschöpfte, zum Stellvertretenden Landeshauptmann gemacht. Und Stefan Petzner, der – „Überraschung“ – an der Uni Klagenfurt Publizistik studiert hatte, avancierte im zarten Alter von 25 zum Landesgeschäftsführer von Haiders Partei. Das sind nur drei prominente Beispiele für Haiders Methode, blutjunge Männer in hohe Positionen zu hieven. Journalisten nannten das die „Buberlpartie“.

Ich behaupte nicht, dass junge Menschen ungeeignet für hohe politische Funktionen wären, weil sie jung sind. Was ich behaupte ist, dass Jörg Haider ganz bewusst junge und damit zwangsläufig noch unerfahrene Männer, noch dazu solche, die außer Kärnten nichts kannten, mit Ämtern betraute, die eine gewisse persönliche und moralische Reife voraussetzten, welche diese jungen Herrschaften noch nicht hatten, und das machte Haider nicht, weil ihm langweilig war, sondern aus mehreren aus seiner Perspektive guten Gründen. Erstens ist so ein frisch von der Provinzuni engagierter junger Mann in jeder Weise formbarer und manipulierbarer als ein erfahrener Polit-Hase, der die Tricks eines Fuchses wie Haider schon kennen könnte. Zweitens sind junge Männer, denen man über Nacht Karrieren eröffnet, für die andere Menschen zumeist die 40 überschreiten müssen, extrem anfällig dafür, der Versuchung zu erliegen, die rasant erreichten Machtpositionen in vollen Zügen auszukosten, will heißen: zu missbrauchen. Drittens ist einer, der als Qualifikation für sein Dasein als Spitzenpolitiker nichts anderes vorzuweisen hat, als das Auserwählt-Sein durch einen mächtigen Führer, natürlich voll und ganz von seinem „Auserwähler“ abhängig und muss diesem folgen, auch wenn der den Weg ins Kriminal beschreitet. Es würde mich nicht wundern, wenn Haider im Gespräch mit seinen Schöpfungen den Frankenstein´schen Satz „Ich habe dich erschaffen, ich kann dich auch vernichten“ fallen hätte lassen. Viertens war diese spezielle Personalpolitik Haiders eine Form der Propaganda, die jungen Leuten signalisierte, dass man in Haiders Diensten sehr schnell sehr weit nach oben kommen konnte, während man sich in den anderen Parteien zumeist eine mühsame Ochsentour durch die Institutionen ebenso antun musste wie, horribile dictu, innerparteiliche Wahlen. Und Fünftens zeigte Haider der von ihm verhassten Zweiten Republik, dem „System“, wie er es gerne nannte, den Stinkefinger damit, dass er Positionen und Regierungsämter, die zuvor doch so etwas wie respektabel gewesen waren, mit Milchbuben statt mit Respektspersonen besetzte.

Als sich der Schöpfer volltrunken über mehrere hundert Meter Südkärntner Straße verteilte, ließ dies seine Kreaturen verwirrt und verängstigt zurück (mit der Ausnahme Grasser, denn der hatte sich rechtzeitig in die Arme der Bundes-ÖVP geflüchtet, wo er mutmaßlich noch viel größere und profitablere Unschuldsvermutungen ansammeln konnte als in Kärnten). Seither versuchen die Buberln, ohne ihren Übervater zu funktionieren, doch mit Haiders VW Phaeton zerbröselte gleichzeitig auch das Netz, in dessen Mitte „der Jörg“ gesessen und alles kontrolliert hatte. Nun zerren die im Diesseits Zurückgebliebenen nach allen Richtungen, kämpfen verbissen dagegen an, dass Medien und Justiz immer mehr zu dem Schluss kommen, das System Haider sei eines der organisierten Kriminalität gewesen, versuchen mal mit deutschnationalen, mal mit pseudo-weltläufigen Sprüchen die einstigen Profiteure, Wählermassen und Sympathisanten bei der Stange zu halten und finden in all dem Durcheinander nicht die Zeit, sich zu Erwachsenen zu entwickeln. Und so kommt es auch, dass ein Dobernig es bis heute nicht schafft, bei seiner Mama auszuziehen und auch genau so wirkt, wie ein verzogenes Bübchen halt, mit einer kaum vorhandenen Kritikfähigkeit und einer immer wieder hervorbrechenden trotzköpfigen Aggressivität.

Slowenen SIND „richtige Kärntner“, Herr Finanzlandesrat Dobernig

Dem Kärntner Finanzlandesrat Harald Dobernig liegen, wie den meisten Freiheitlichen, die Nerven blank, droht ihnen doch das System Haider, in dem sie alle groß und mächtig und wohlhabend geworden sind, im Zuge diverser zu erwartender Gerichtsverfahren und vielleicht auch bei den nächsten Landtagswahlen um die Ohren zu fliegen. Um zumindest letzteres, also ein Wahldebakel, zu vermeiden, tun die Blauen jetzt zunächst mal das, was im Poesiebuch für den kleinen Politiker so beschrieben wird: „Lässt das Glück dich mal im Stich / schare der Wähler Kern um dich“. Dobernigs Auftritt beim Kärntner Abwehrkämpferbund, welcher trotz Mangels an abzuwehrenden Gefahren immer noch existiert, hält sich genau an diese Anleitung. Indem er dort nationalistischen und faktisch völlig falschen Stuss („Kärnten ist nicht zweisprachig“) von sich gab und die slowenische Volksgruppe auf das Gröbste beschimpfte („Man hat bereits den Eindruck, dass in Kärnten mehr Slowenen als richtige Kärntner leben“), hoffen er und seine Parteikameraden, zumindest bei den „Tausendprozentigen“ gut Wetter für sich zu machen, also bei denen, die wirklich durch und durch „deutschnational“ denken. Und von den „Tausendprozentigen“, die ohnehin die FPK/FPÖ wählen, weil es die NASDAP halt nicht mehr gibt, erwarten  sich Dobernig & Co einen Ausstrahleffekt auf jene Kärntnerinnen und Kärntner, die zwar keine Nazis sind, sich aber immer wieder gerne Feindbilder aufschwatzen lassen, um sich selbst nicht gar so armselig zu fühlen.

Dobernigs Aussagen sind jedoch nicht nur ein durchschaubares politisches Manöver, sind sind auch wahnwitzig und hochgradig paranoid. In welchem Paralleluniversum lebt der Mann, wo „die Slowenen“ oder „das Slownische“ die „richtigen“, also deutschprachigen Kärntner an die Wand drücken würde? In dem Universum, in dem ich lebe, habe ich nämlich in den 40 Jahren, die ich mit Unterbrechungen in Kärnten verbracht habe, immer nur das genaue Gegenteil von dem erlebt, was Dobernig fantasiert. Ich habe in der Volksschule erstmals von der Existenz von Slowenen erfahren, aber nicht als einem Teil der Kärntner Bevölkerung, sondern als Fünfte Kolonne grausamer Tito-Kommunisten, die, so zeichnete es der Lehrer mit farbigen Kreiden an die Schultafel, in Gestalt eines riesigen Skeletts, das, ein Messer zwischen den Zahnstumpen geklemmt, über die Karawanken kletterte, „unser“ Land stehlen wollten. Danach habe ich bis zur Matura im Unterricht nie wieder von Slowenen gehört. Es gab keinen Slowenischunterricht in meinen Mittelkärntner Schulen, nicht einmal als Freifach, und die Geschichte der slowenischen Volksgruppe wurde nicht thematisiert. Hätte ich nicht Zeitungen und Bücher gelesen, würde ich „die Slowenen“ für einen exotischen Volksstamm irgendwo weit weg gehalten haben können statt für das, was sie waren und sind, nämlich die Kärntner Urbevölkerung, die sehr lange auch die Mehrheitsbevölkerung war, wovon ja Orts- Flur- und Familiennamen bis hinauf ins oberste Mölltal bis heute Zeugnis ablegen. Aber auch später, als ich ein leidlich informierter und gebildeter Mensch war, konnte ich nirgendwo eine Dominanz der Slowenen orten. Immer und überall nur das Gegenteil. Kärntner Slowenen, das waren bis weit in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein Mitglieder einer Minderheit, die man in Kärnten wo immer es auch ging diskriminierte, deren Sprache weitgehend totgeschwiegen wurde, auch weil die Minderheit selber aus Angst oft schwieg oder lieber Deutsch sprach, und der besoffene Mobs unter den Augen der Polizei und mit augenzwinkernder Unterstützung durch Politiker aller Parteien mit Ausnahme der Kommunisten ihre verfassungsmäßig garantierten Rechte vorenthalten konnten. Nie waren diejenigen, die Dobernig als „richtige Kärntner“ klassifiziert, auf irgendeine Weise gegenüber der Minderheit im Nachteil. Die Minderheit aber erfuhr immer wieder und in vielen Lebensbereichen die kleinen und großen Demütigungen, die Mehrheiten in weniger zivilisierten Gegenden für Minderheiten nun mal parat haben, vom Mobbing des einzigen slowenischen  Rekruten in der Bundesheerkompanie bis zur Verweigerung slowenischsprachiger Dokumente in den Ämtern, vom An-den-Rand-Drängen slowenischsprachiger Menschen in Firmen und Parteien bis zum seelischen Ausnahmezustand in Familien, in denen Eltern den Kindern die eigene Sprache zu benutzen verboten, da sie um deren Fortkommen fürchteten. Und über all dem noch der bis heute andauernde Skandal, den militärischen Widerstand gegen die Nazis, an dem fast ausschließlich Slowenen beteiligt waren und der die größte patriotische Tat war, die Kärntner je vollbracht hatten, zu kriminalisieren und zu desavouieren zu versuchen, während sich jene Vaterlandsverräter, die das österreichische Kärnten an Deutschland auslieferten und in Kärnten und am gesamten Balkan die unsäglichsten Verbrechen begingen, sich bis heute als Unschuldslämmer und gar als Beschützer Kärntens aufspielen. Das ist genau dieselbe Realitätsverzerrung, in der auch ein Dobernig und ein Heimatdienst und ein Kameradschaftsbund zu existieren scheinen.

Nein, Herr Dobernig, Kärnten ist sehr wohl zweisprachig. War es immer und wird es hoffentlich immer bleiben. Und wenn wir uns auf ihr widerliches völkisches Niveau begeben wollen, dann sind die Kärntner Slowenen historisch betrachtet die „richtigen Kärntner“. Richtiger jedenfalls als jener Oberösterreicher, der in Kärnten seine schäbige Karriere gemacht hat und dem sie und so viele andere hier hinterher gelaufen sind. Aber wissen sie was, Dobernig? „Richtige Kärntner“ sind de jure alle, die hier leben und die Staatsbürgerschaft haben, und für uns vielen Kärntnerinnen und Kärntner, die im Gegensatz zu ihnen offene Menschen sind, ist jeder ein Kärntner, der einer sein will, und der mit unserer eher entspannten slawisch-italienisch-deutsch geprägten Kultur und Mentalität zurecht kommt. Von mir aus könnt ihr auch euren Oberösterreicher auf ewig als Kärntner bezeichnen, mir doch egal. Es sind ja auch Vollidioten und Nazis und Rassisten „richtige Kärntner“, wenn auch nicht von allen Kärntnern geliebt und geachtet, wie ihr euch das vielleicht einbilden mögt. Kommen sie endlich im 21. Jahrhundert an, Dobernig, wir warten auf sie. Es ist eine gar nicht so schlechte Zeit, in der niemand mehr nach den Zufällen der Geburt beurteilt wird, nicht nach der Muttersprache und auch nicht nach seiner oder ihrer sexuellen Orientierung. Aber wenn sie und ihresgleichen lieber in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts bleiben wollen, sei ihnen auch das freigestellt, freilich mit der Warnung versehen, dass wir anderen es uns nicht gefallen lassen werden, dass sie dieses Verharren im ewigen Gestern als „richtig kärntnerisch“ verkaufen wollen und damit all jene von uns, die eben genau nicht so sind wie sie, beleidigen und vor der Welt zum Gespött machen.