Rape culture, victim blaming

Ich mag Fantiker nicht. Eiferer sind meist kein guter Umgang und tun ihrer Umwelt selten was Angenehmes. Bestenfalls nerven sie, schlimmstenfalls organisieren sie Pogrome und ähnlich unerfreuliche Veranstaltungen. Fanatiker gibt es überall dort, wo Ideologie produziert wird, also auch unter den nettesten Bewegungen mit den ehrbarsten Zielen. Auch mit manchen Feministinnen würde ich lieber kein Bier trinken gehen wollen, obwohl deren Anliegen meist zu den gerechtfertigteren und unterstützenswerteren zählen. Ich spreche hier nicht von Leuten, die ein bisschen polemisieren oder dem Patriachat einige wohl verdiente Watschen geben, sondern von der Zelotenfraktion, die, wie es etwa die „Emma“ im Falle Kachelmann tat, offen zugibt, dass sie lieber ein paar Unschuldige im Knast sitzen sähe als einen Vergewaltiger davonkommen zu lassen.

Dies gesagt, stelle ich eines fest: Wir leben tatsächlich in einer rape culture, einer Vergewaltigungskultur. Das fällt stets dann immer besonders stark auf, wenn eine Frau vergewaltigt wird und selbst manche aufgeklärten Menschen sogleich anfangen, wenigstens eine Teilschuld dem Opfer zuzuschreiben. Auch gut Gemeintes wie beispielsweise Ratschläge, was Frauen tun könnten, um keinem Sexualverbrechen zum Opfer zu fallen, ist Teil dieser patriachalen Kultur des victim blamings, denn nicht Frauen sollen acht geben müssen, wo sie sich wie verhalten, sondern Vergewaltiger haben nicht zu vergewaltigen. Nicht Frauen sollten dunkle Straßen meiden und auf ihr Getränk achten müssen, auf dass ihnen niemand Drogen verabreiche, sondern Männer müssen lernen, dass Vergewaltigung ein Schwerverbrechen ist, dass man niemanden gegen seinen Willen unter Drogen setzt und dass eine sexy Kleidung an einer Frau nicht bedeutet, dass sie belästigt, begraptscht oder genotzüchtigt werden will. Notzucht! Welch unglaubliches Wort! Der Mann in seiner angeblichen Sexualnot züchtigt sich eine Frau zurecht. Das kommt direkt aus derselben Hölle wie der unsägliche Begriff „Schändung“, der nahelegt, das am Opfer begangene Vebrechen bringe Schande über dieses und nicht etwa über den Täter. Die Wurzeln solcher Begrifflichkeiten liegen in der patriachalen, von Männerreligionen geprägten Kultur, in der Frauen Jahrtausende lang nichts anderes waren als Besitz ihrer Väter, Ehemänner oder Sklavenhalter, und in der eine Vergewaltigung demnach eine Sachbeschädigung war, die noch dazu das Exklusivrecht des „Besitzers“ an den Sexual- und Reporduktionspotenzialen der Frau missachtete, weswegen die Opfer dann als beschädigt, unrein und somit geschändet gesehen wurden.

Die Schuld den Opfern zuzuschieben, wird nicht nur an vergewaltigten Frauen praktiziert, sondern generell gerne gemacht, auch dies ein typischer Entlastungsmechanismus feiger und autoritärer Charaktere. Als Islamisten die Redaktion von Charlie Hebdo ermordeten, traute sich kaum eine Zeitung, Mohammedkarikaturen nachzudrucken. Häufig aber laß man in Kommentaren und hörte von Politikerinnen, dass der Humor jener Zeitung sehr „verletzend“ und „respektlos“ sei, womit die getöteten Journalisten ihre Ermordung sozusagen herausgefordert hätten. Schlimmer noch waren viele Reaktionen auf die Emordung der Kundinnen eines koscheren Geschäfts. Man müsse sich, so tönten viele Facebookpostings und Leserkommentare in Onlinezeitungen, eingedenk des Nahostkonflikts doch nicht wundern, wenn Juden mörderische Gewalt entgegengebracht werde. Dass es keine Rechtfertigung für die Emordung französischer Juden gibt, selbst wenn Israels Pollitik so schlimm wäre, wie es diese Antisemiten im antizionistischen Kleidchen annehmen, ist manchen Menschen einfach nicht beizubringen. Juden für den Antismitismus verantwortlich zu machen, ist der Klassiker des victim blamings, woraus unter anderem ableitbar ist, dass Menschen, die einer Vergewaltigten vorwerfen, zu unzüchtig gekleidet gewesen zu sein, ein ähnliches Mindset haben wie Antisemiten. Und in der Tat kommt der heftigste Antisemitismus seit jeher unter den Gruppen vor, die auch Frauen unterdrücken, also religiösen Rechten christlicher und islamischer Provenienz und unter Nationalisten und Chauvinisten. Dass die auch anderen Minderheiten gegenüber meist feindselig eingestellt sind, sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Religiöse Fanatiker predigen solange Toleranz so lange, wie sie selbst diese brauchen. Sobald sie in der Lage sind, Macht auszuüben, ist es vorbei damit.