Israel – der Feind im Inneren

Der Lindwurm will eigentlich nicht zu jenen besserwisserischen Pseudofreunden Israels gehören, die dem Staat aus sicherer Entfernung gut gemeinte Ratschläge geben, die doch meist nichts anderes als bestenfalls die Naivität der Beratenden widerspiegeln, oft genug aber auch in verkapptem Antisemitismus wurzeln. Doch schweigen werde ich auch nicht, wenn ich der Meinung bin, dass in dem Land, dessen Überleben und Wohlergehen mir sehr am Herzen liegen, die Dinge sich fundamental falsch entwicklen. Würde mich heute jemand fragen, was denn die größte Bedrohung für Israel ist, kämen mir viele Antworten in den Sinn, aber die vielleicht neben einem nuklear bewaffneten Iran fundamentalste Gefahr für die Zukunft des Judenstaates lauert im Inneren. Es ist der Verfall der politischen Kultur, das Umsichgreifen der Irrationalität in der politischen Klasse, bedingt durch den selbst verschuldeten Abstieg der israelischen Linken zu einem rat- und mutlosen Haufen und den gleichzeitigen Aufstieg einer neuen Rechten, die das Land zusehends isoliert und in ihrer arroganten Selbstüberschätzung nicht realisiert, wie gefährlich diese Entwicklung ist. Diese Rechte, von der ich spreche, ist eine üble Mischung aus russischstämmigen Polterern, oft genug deutschen und amerikanischen Konvertiten und religiösen Eiferern, die die zionistischen Ideale verraten und die Wurzeln, aus denen Israel seine Stärke bezogen hat, systematisch ausreißen. Diese Wurzeln waren der zionistische Idealismus, der, und das machte ihn so erfolgreich, immer auch  pragmatisch war, der Kibbuz, in dem die Lebenswichtigkeit der Solidarität praktisch erlernt und erlebt wurde, und Politikerpersönlichkeiten mit Weitsicht und rationalem strategischem Denken, die genau wussten, wann Stärke gezeigt werden musste und wie man diese effektiv zeigte, ohne aber jemals das Ziel aufzugeben, eines Tages einen sicheren Frieden für Israel und seine Nachbarn erreichen zu können. Diese Politikerpersönlichkeiten entstammten fast immer der Arbeiterpartei. Seit einigen Jahren aber, und daran hat die Linke natürlich eine Mitschuld, driftet Israel stetig nach rechts, mit teils verheerenden Konsequenzen. Und mit „rechts“ meine ich nicht Leute wie Ariel Sharon, der vielleicht der letzte Staatschef mit Weitblick war, sondern dessen unbegabte Nachfolger wie Olmert und Netanyahu und, schlimmer noch, deren extremistische Steigbügelhalter. Das sind Leute, die taktisch und strategisch ebenso unfähig  wie sie menschlich und politisch auf Dauer untragbar sind. Man sehe sich nur die Waffengänge im Libanon 2006 und die Operation „Gegossenes Blei“ in Gaza an! Zwei Kriege, die überstürzt geführt wurden, offenbar ohne ein ausreichendes strategisches Konzept, und die Israels Sicherheitslage nicht im Geringsten verbessert haben. Ich sage nicht, dass diese Kriege unnötig gewesen wären, ich sage, dass sie schlecht geführt wurden und den militärischen Feinden gezeigt haben, dass die derzeit in Jerusalem herrschende politische Clique das für Rechtspopulisten so typische Hauptmerkmal aufweiset: Eine große Klappe, aber nichts dahinter. Diesen Herrschaften ist nicht klar, dass man Kriege entweder vermeidet oder aber zuende führt. Dazwischen gibt es nichts. Das hat die klassische israelische Linke immer gewusst, weshalb die großen und nachhaltigen militärischen Erfolge ja auch unter Labour-Ministerpräsidenten errungen wurden. Diese klassische Israelische Linke war sich auch über eine Sache immer klar: Man muss stark sein, aber wenn der Tag zuende ist, wird man eine Friedenslösung mit den Nachbarn gefunden haben müssen, oder das zionistische Projekt wird scheitern. Leider ist der Plan der arabischen Hardliner aufgegangen, durch ständige Provokationen, durch Terror und widerwärtige PR-Kampagnen in der jüdischen israelischen Bevölkerung den Boden für den Siegeszug rechter Populisten und Demagogen zu bereiten, die erfolgreich darin waren, die verschlechterte Sicherheitslage als Resultat einer zu nachgiebigen Politik gegenüber den Arabern darzustellen. Man verstehe mich nicht falsch: Die Errichtung des Sicherheitszauns zB war durchaus notwendig, um das Leben israelischer Bürger zu schützen. Doch die immer kenntlicher werdenden Absichten der israelischen Rechten, den Konflikt letztlich mit Gewalt, Expansion und Vertreibung „lösen“ zu wollen, und die Doppelzüngigkeit, derer gerade wieder Netanyahu überführt wurde, lassen für die Region ebenso Schlimmes befürchten wie die Rüstungsaktivitäten von Syrien, Iran sowie verschiedener arabischer Terrororganisationen. Wer jetzt meint, es sei eine israelfeindliche Unterstellung, dass starke Kreise im Land eine, man muss es so nennen, faschistoide „Lösung“ anstreben, der hat in den vergangenen  Jahren nicht hingesehen, der hat das Erstarken des Rassismus in Israel nicht bemerkt (bemerken wollen), der hat die Versuche, arabische Politiker(innen) in der Knesset mit teils sogar physischer Gewalt von der Ausübung des parlamentarischen Rederechts abzuhalten nicht mitbekomnmen, der hat die stärker werdenden Tendenzen, unliebsamen Personengruppen die Staatsbürgerrechte zu entziehen, ignoriert. Fakt ist, dass es in Israel eine starke Strömung gibt, die bereits offen davon träumt, in naher Zukunft den ganzen Libanon zu okkupieren, Gaza wieder unter israelische Verwaltung zu stellen, das Westjordanland ins Staatsgebiet einzuverleiben und die Armee Damaskus einnehmen zu lassen. Das sind brandgefährliche Allmachtsfantasien, die, selbst wenn sie militärisch umsetzbar wären, Israel zu genau jener Art von Staat machen würden, als die es von seine Feinden verunglimpft wird.

Das musste ich mir mal von der Seele schreiben. Und das ändert nichts an meiner Solidarität mit Israel. Meine „Israelkritik“ ist nicht von der Sorte jener „guten Menschen“, die erst dann zufrieden sind, wenn sich der Staat der Juden seinen Feinden ergibt und die Waffen streckt. Ich bin für ein starkes, wehrhaftes, demokratisches, multikulturelles und jüdisch dominiertes Israel. Aber ich habe Zweifel, ob eine israelische Gesellschaft, die immer mehr in einen vom an sich begrüßenswerten Wirtschaftswunder weltanschaulich regressiv und „weich“ gewordenen hedonistischen Egoistenflügel einerseits und ein von irrational- chauvinistischen und national-religiösen Großmachtsträumen realitätsblindes rechtes Lager zerfällt, der Anforderung gewachsen bleibt, inmitten von Feinden eine westliche Demokratie und der sichere Hafen für Verfolgte bleiben zu können. Bislang waren die israelischen Selbstreinigungskräfte stark genug. Wir können nur hoffen, dass es diese Kräfte immer noch gibt.