Zum Tod von Robin Williams

Robin Williams hat sich das Leben genommen. Im Fernsehen, in den Zeitungen und im Internet wird wieder mal über Depressionen geredet. Ein paar Promis tweeten entsprechende Outings und nette Psychiater erklären, wie toll man die Krankheit mittlerweile behandeln könne (q.e.d.). Hier ein paar schnelle Gedanken zum Thema.

Depressive sind sehr mühsame Menschen und sie wecken bei Gesunden Aggressionen (die Begriffe „Gesundheit“ und „Krankheit“ seien hier mal ganz volkstümlich verwendet in dem Sinn, dass seelisch „Kranke“ nicht so funktionieren wie die Mehrheit). Gesunde verstehen nicht, warum der Depressive sich nicht einfach zusammenreißt und mal was unternimmt, „was Spaß macht“. Gesunde müssen frustriert feststellen, dass ihre Aufheiterungsversuche nicht wirken. Das macht Angst und das macht zornig. Daher gehen Gesunde auf Distanz zu den Depressiven und bestärken diese dadurch in ihrer Wahrnehmung, minderwertige Menschen zu sein. Weil andersartige seelische Zustände für die, die sie nicht haben, so schwer nachzuvollziehen sind, wecken sie Furcht und Misstrauen, was dann zur Stigmatisierung der Betroffenen führt. Und natürlich steht das, was man nicht versteht, unter dem Verdacht, es sei mutwillig oder vorgetäuscht. „Ach, der ist ja nur faul“, wird dann gedacht, oder in einer Umkehrung von Ursache und Wirkung: „selbst schuld bei dem selbstzerstörerischen Lebenswandel“. Kurz: Dass der Erkrankte nichts für seine Krankheit kann, ist schwer zu akzeptieren in einer Welt, die sich an die Illusion von Kontrolle klammert,

Medikamente helfen oft, aber der Glaube, Depressionen seien heilbar, ist ein Problem für sich.  Weil die Drogen manchmal tatsächlich manche Kranke so weit stabilisieren, dass sie völlig gesund wirken, kommt es zum verhängnisvollen Fehlschluss, jeder Depressive könnte durch Pillen wieder „normal“ werden. Doch so wie jeder Mensch anders ist, ist jede Gehirnchemie ein wenig anders. Medikamente wirken nicht bei allen Menschen gleich, da die Voraussetzungen jeweils andere sind. Manchmal halten die Medikamente die Erkrankten „bloß“ vom Suizid ab statt sie in fröhliche optimistisch Leute zu verwandeln. Ein Riesenerfolg eigentlich, aber auch eine Belastung, denn wo der Aberglaube herrscht, dass jede Erkrankung der Seele voll und ganz reparabel sei, werden die, die trotz Medikation nicht so werden wie die sogenannten Gesunden, zu Versagern gemacht, die nicht gesund werden wollen. Oder schlimmer noch: Wer trotz Medikation nicht „gesund“ wird, sich nicht „rehabilitieren“ lässt, gilt als verloren und daher überflüssig, weswegen man ihn ruhig wegsperren, entmündigen oder sogar verrecken lassen dürfe. Für den Depressiven, der oft lange Jahre der Behandlung hinter sich hat, sind Interviews mit Psychiatern, die stolz von ihren Behandlungserfolgen erzählen, daher oft kein Hoffnungsschimmer, sondern wirken wie eine Verhöhnung.

Die Ängste der Gesunden sind freilich nichts im Vergleich zu dem, was die Kranken diesbezüglich durchmachen. Weitgehend ausgegrenzt und nicht mehr für voll genommen sehen sie sich nicht nur mit Vorurteilen und Stigmatisierung konfrontiert, sondern mit einem sozialmedizinischen Apparat, den sie allzu oft als gewaltvoll wahrnehmen. Wer einmal erlebt, wie seine simpelsten Bürgerrechte für null und nichtig erklärt werden, bloß weil jemand der Polizei gegenüber behauptet hat, er habe mit Selbstmord gedroht, woraufhin ihn die Polizei in die Psychiatrie verschleppt, wo er gegen seinen Willen festgehalten und zwangsbehandelt wird, der verliert das Grundvertrauen, in einer grundsätzlich freien und gerechten Gesellschaft zu leben, der sein Wohl am Herzen liegt, und wird in Hinkunft lieber still leiden als sich noch einmal jemandem anzuvertrauen. Das ist wieder so eine Sache die jene, die es nicht selbst erlebt haben, nicht verstehen. Man muss schon selbst mal eingesperrt und entrechtet werden, nur weil man irgendwo einen Satz über sein Befinden gesagt oder geschrieben hat, um zu begreifen, was für ein Trauma das ist. Härter kann eine recht hilflose Gesellschaft der „Gesunden“ mit den Bedürfnissen der „Kranken“ gar nicht zusammenprallen als mit Zwangsmaßnahmen, deren normierender und autoritärer Charakter nur mühsam als helfend maskiert wird.

Ich weiß nicht, was Robin Williams zu seinem Selbstmord getrieben hat. Aber vielleicht hatte er es ja satt dauernd gesagt zu bekommen, welch gut behandelbares Kinkerlitzchen Depression doch sei? Vielleicht wollte er nicht schon wieder wochenlang in einer Reha-Klinik verschwinden? Vielleicht war er die Einsamkeit leid, in der selbst ein Superstar existieren muss, wenn er als psychisch krank gilt?