Etwas stimmt nicht

Etwas stimmt nicht. Ich sehe, wie sich viele Leute herzlich um Refugees kümmern und Löcher in die Mauer aus absurden Gesetzen und rechtspopulistisch motivierten Regelwerken, mit der Europa sich Flüchtlinge vom Hals halten will, schlagen, aber etwas riecht seltsam. Ich schnuppere erneut, intensiver. „Bild“ schreibt nicht mehr täglich, welch üble Schmarotzer, verkappte Islamisten und zum Verbrechen tendierende Untermenschen die Flüchtlinge seien, sondern verteilt Sticker mit der Aufschrift „Wir helfen“. Der Geruch wird stärker. Deutsche Politikerinnen erklären mal die Dublin-III-Regelungen für außer Kraft gesetzt, mal bauen sie Lager für Flüchtlinge vom „Westbalkan“, vulgo Roma. Aktivisten fahren nach Budapest und laden Refugees in ihre Privatautos, um sie nach Österreich zu bringen, wo sie dann in Lager kommen. Weniger schlimme Lager als in Ungarn, aber Lager.

Etwas stimmt nicht. Die, die sich in Opposition zum Unrecht der europäischen Abschottungspolitik wähnen, kratzen an den Oberflächen des Systems und wollen es hübscher machen, weniger bösartig, aber nicht für alle. Menschen, die sich von Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen bis hierher durchgeschlagen haben, sind fitte und oft gut ausgebildete, meist junge Leute. Die, die ihnen nun helfen, ob in den Bahnhöfen oder in den Lagern, sind meist ganz gut verdienende Leute oder wenigstens solche, die noch Kraft und Zeit dafür haben, andere zu unterstützen. Ein bisschen ist es so, als hülfen die Starken anderen Starken.

Etwas stimmt nicht. Welch skandalöse Truppe die Orban-Regierung ist, wird jetzt angeprangert, da sie ihre Krallen in Menschen schlägt, die man in Deutschland ganz dringend willkommen heißen will, da man in Berlin festgestellt hat, dass man Zuwanderung braucht, will man weiterhin Exportweltmeister sein. Aber nicht jeder soll zuwandern dürfen. Jeder findet die Grenzzäune, die die ungarische Regierung aufstellen lässt, entsetzlich, kaum jemand findet es entsetzlich, wer diese Zäune aufstellen muss, nämlich zur Zwangsarbeit verpflichtete Roma. Teilweise sind es tatsächlich dieselben Leute, die die ungarische Flüchtlingspolitik zu Recht verdammen, die bei sich zuhause Roma-Lager polizeilich räumen lassen. Oftmals dieselben Leute, die Verständnis haben oder zu haben vorgeben, wenn Menschen vor Krieg und existenzieller Not flüchten, nehmen es klaglos hin, dass Roma wieder zurückgeschickt werden in die Länder, in denen sie unter Umständen leben, aus denen jeder Fluchtversuch mehr als verständlich erscheint.

Etwas stimmt nicht. Es tut sich vieles, das man gut finden muss, es regt sich allerlei Mitmenschlichkeit. Aber die ist nicht universell, sondern selektiv. Und sie ist privat. Privatinitiativen können so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind, und niemand hat einen Rechtsanspruch auf sie. Wer Solidarität verdient und wer nicht, wird scheinbar beliebig, aber in Wirklichkeit wohl mindestens unbewusst daran festgemacht, welche Menschen sich als „nützlich“ erweisen können. Dass kein nennenswertes deutschsprachiges Medium von den tausenden Toten berichtet, die die britischen Sozialkürzungen binnen weniger Monate verursacht haben, ist so vielsagend wie die überschaubare Zahl an Aktivistinnen, die sich für die Roma einsetzen. Vielleicht unbewusst, verschüttet unter dem ideologischen Müll, mit dem sich das Bürgertum moralisch durch den Tag rettet, erkennt man in jenen, die tausende Kilometer und über viele oftmals tödliche Hindernisse hinweg den Weg bis nach Mitteleuropa schaffen, solche, die zu „retten“ sich auszahlt, weil sie offenbar stark genug und Willens sind, sich im Sozialdarwinismus durchzusetzen.

Grün(d)lich zivilisiert

„Die europäische Welt hat keine Angst mehr vor den Deutschen, weil wir 1968 aufgebrochen sind, weil wir das Law-and-Order-Denken heraus geblasen haben aus diesem Land, weil wir, eine andere Generation, diese deutsche Gesellschaft gründlich zivilisiert haben.“ (Antje Vollmer, Grüne, 9. August 1990, Deutscher Bundestag)

Also sprechen die gründlich Zivilisierten, nachdem sie einen Artikel über eine finnische Rom gelesen haben, der in einem schwedischen Hotel der Zugang zum Speisesaal verweigert wurde, weil sie in der Tracht ihres Volkes erschienen war:

„Roma, auch bekannt unter der Bezeichnung  Zigeuner, woraus sich die treffende Umschreibung (Herum-)Ziehende Gauner ableiten lässt. Biologisch gehören diese Lebewesen zur Familie der Heuschrecken.“

„@Samsara: Falsch – Heuschrecken hauen ab, wenn sie sich sattgefressen haben. Zigeuner wid man nie wieder los.“

„Wer in einem Nobelhotel frühstücken will, kann dort nicht in Lumpen antanzen. Wieder mal eine Roma, die sich selbst diskriminiert und andere dafür beschuldigt…“

„Irgendwie mag die keiner auf der Welt. Ich verstehe das nicht. Das sind doch anständige, fleißige und ehrliche Menschen.“

„Sowas als Tracht zu bezeichnen ist schon mehr als gewagt. Und selber schuld, daß ihr das passiert ist. Offensichtlich hat sie es darauf angelegt, denn sonst hätte sie sich „normal“ gekleidet, wie jeder andere dort auch. Das zeigt mal wieder, auf welchem geistigen Stand diese Leute stehengeblieben sind.“

Hier die Tracht

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Zeit der Entscheidung

Als ich mich vor einigen Jahren mit einem rassistischen Ungarn wegen dessen Hasstiraden gegen Roma und Sinti stritt, sagte der: „Wart´s nur ab. Sobald die Zigeuner nach Westeuropa kommen, wirst du schon sehen, dass eure Leute sie genauso hassen werden, wie wir es tun“. Er hatte natürlich Recht. Kaum wagten es einige Roma, die als großes Verdienst der EU gefeierte Reise- und Niederlassungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, begegnete ihnen dort, wo sie sich ansiedeln wollten, Hass und Ablehnung. Politiker, gerne auch Sozialdemokraten, taten sich in Frankreich und Deutschland als Mahner wider den „Sozialtourismus“ hervor und befeuerten so den Fressneid der Eingesessenen. Ganz schnell wurde klar, dass Reisefreiheit nach Möglichkeit nur für Exportgüter der westeuropäischen Industrie gelten solle, nicht aber für arme Menschen, die dorthin wollen, wo diese Exportgüter hergestellt werden. Ganz besonders schnell und ganz besonders ekelhaft outeten sich Deutsche als Antiziganisten. Das Volk, das Hunderttausende Roma ermordet hatte, gründete Bürgerinitiativen genannte Lynchmobs, sobald sich Roma in einer Stadt ansiedelten, und ließ in Internetforen wie Facebook seinen Mordfantasien freien Lauf. Verstöße gegen deutsche Tugenden wie Mülltrennung, die Erziehung von Kindern zu Schweigsamkeit und die Pflicht Armer, sich demütig unsichtbar zu machen, nehmen Deutsche besonders krumm. Es treibt sie in den Wahnsinn, wenn jemand sich die Freiheit herausnehmen will, mitten in Deutschland anders zu leben, als es die deutsche Mehrheit macht. Im besten Fall fordern die empörten Anrainer sogenannter „Problemhäuser“, also jener Häuser, in denen Roma leben, nur die Deportation der ungeliebten neuen Nachbarn. „Die Politik“, so diese Spießbürger, müsse „was unternehmen“. Ganz Unrecht haben sie mit letzterem gar nicht. Europa hat ein massives und sich täglich zuspitzendes Problem mit den ärmeren Teilen seiner Bevölkerung, und wir stehen genau jetzt an einer Weggabelung und müssen uns entscheiden, welchen Weg wir nehmen wollen.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir den totalen Markt und die totale Konkurrenz haben wollen oder nicht. Wenn wir ersteres wollen, dass also alle europäischen Volkswirtschaften gegeneinander und der europäische Block gegen alle anderen Blöcke konkurrieren, also den Kapitalismus in seiner natürlichen, unkorrigierten Form, dann bringt das zwangsweise die Barbarei mit sich. Wenn alles nur mehr Konkurrenz und Kostenfaktor ist, können sich die konkurrierenden Wirtschaften Menschen, die mehr kosten, als sie einbringen, nicht leisten und müssen sie daher loswerden. Das geschieht üblicherweise durch Mord, dem zumeist noch die Verwertung der zu Ermordenden durch Sklavenarbeit vorausgeht. Das ist kein Ausdruck von Sadismus, obwohl die dazu gehörenden Prozesse der Menschenmaterial-Verwertung natürlich Sadisten und Psychopathen anziehen, sondern die Folge ökonomischer Sachzwänge einer globalen Konkurrenzwirtschaft. Wenn Marktteilnehmer A seine Alten und Kranken durchfüttert, Marktteilenhmer B aber nicht, dann wird Marktteilnehmer B Marktteilnehmer A wirtschaftlich in absehbarer Zeit auslöschen. Natürlich könnte Europa auch sagen: „Nein, das wollen wir nicht, so sind wir nicht mehr. Wir möchten, dass jeder Mensch existieren darf und kann, da dies ein Menschenrecht ist und außerdem vernünftig, da ja auch wir mal zu den Überflüssigen gehören könnten“. Solche Überlegungen gab es schon mal, man nannte sie unkorrekt „Kommunismus“.

Dazu ein kleiner Exkurs:

Die Roma waren und sind die großen Verlierer des Untergangs des Realsozialismus. Ich habe oft genug über die negativen Seiten des so genannten Kommunismus geschrieben, ich brauche mich also weder für die Erwähnung seiner positiven Aspekte zu rechtfertigen, noch muss ich jedes Mal „Pol Pot“ , „Stalinismus“ und „Kulturrevolution“ dazuschreiben. Die Schwächen aller sozialistischen Versuche sind allgemein bekannt, die größte davon war wohl, dass nahezu überall verabsäumt wurde, Herrschaftsstrukuren abzuschaffen oder so zu entschärfen, dass die immer noch oft genug tödliche Machtausübung von Menschen über Menschen nicht stattfinden kann, dass sich keine neuen Eliten bilden, was wieder nur jene Charaktere nach oben spült, die auch im Kapitalismus zu den Herrschenden gehörten. Statt der Freiheit kam die Unfreiheit in neuem Gewand. Wie jeder klar denkende Mensch lehne ich aber Totalitarismustheorien ab. Rassistisch motiviert ganze Menschengruppen vom Baby bis zum Greis millionenfach, industriell, programmatisch, kaltblütig und geplant zu ermorden, ist nicht „gleich schlimm“, wie durch Fehlentscheidungen Versorgungsengpässe herbeizuführen. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Geistig Kranke hunderttausendfach umzubringen ist nicht „gleich schlimm“, wie einige Regimegegner in die Psychiatrie zu stecken. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Wenn man den Realsozialismus beurteilen will, sollte man auch mal darauf achten, was der nicht gemacht hat. Er hat Menschen nicht aus rassistischen Gründen verfolgt, eingesperrt und ermordet. Er hat Menschen, die eingeschränkt oder gar nicht arbeitsfähig waren, nicht verrecken lassen. Für die Roma und etliche andere Gruppen, die zuvor jahrhundertelang mit entsprechenden Folgen für Selbstwertgefühl, Eigendefinition und ökonomisches Standing ausgegrenzt worden waren, bedeutete dies, dass sie in den sozialistischen Diktaturen Arbeit, menschenwürdige Behausung, Ausbildung und medizinische Versorgung hatten. Sie waren inkludiert und durften zumindest offiziell nicht diskriminiert werden. Ihre Kinder gingen zur Schule und viele davon später auf Universitäten. Die Integration der Roma und anderer zuvor ausgeschlossener Menschen in die realsozialistische Wirtschaft und Gesellschaft war eine politische Entscheidung. Man entschied sich dafür, jedem Menschen ein Recht auf Existenz zuzugestehen. Das war, rein ökonomisch betrachtet, ineffizient und teuer. Daher wurde das mit dem Einzug des Kapitalismus auch sofort beendet. Nicht nur Roma, aber vor allem auch diese waren plötzlich arbeitslose Sozialhilfeempfänger. Massiv rassistisch ausgegrenzt, konnten sich Roma und Sinti am schlechtesten an die neue Kultur des Konkurrenzkampfes anpassen und versanken in Not und Elend, hausend in Ghettos und einmal mehr zurückgeworfen auf sich selber und überholte Clanstrukturen. Und heute schlägt jenen, denen durch das Zusammenstreichen der Sozialsysteme und durch Diskriminierung schlimmster Sorte die Lebenschancen gestohlen werden, Hass und Ablehnung dafür entgegen, dass sie Opfer sind.

Um den Wert von Menschenleben nicht ökonomisch festzuschreiben, was zur Vernichtung von Menschenleben führen muss, braucht es nicht zwingend die Diktatur des Proletariats. Es braucht politische Entscheidungen und den Willen, eine Gesellschaft zu haben, in der niemand so weit zurückbleiben muss, dass er durch strukturelle oder offene Gewalt seine Existenz verliert. Entweder Europa, dieser unglaublich reiche Kontinent, bekennt sich zu einer Form eines gemäßigten Kapitalismus, die jeden Menschen leben lässt, oder man muss den Kapitalismus abschaffen. Eine reiche Gesellschaft, die ihren stetig und immer weiter wachsenden Reichtum durch Exklusion und letztlich Mord zu verteidigen und auszubauen beabsichtigt, hat keine Existenzberechtigung, da sie verbrecherisch ist. Und auch wenn das mal wieder als Alarmismus abgetan werden wird: Wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass das stille und etwas verschämte Morden, wie das Verreckenlassen von Armuts- und Kriegsflüchtlingen oder das Sterbenlassen von Armen und Kranken, in offenen Massenmord übergehen wird. Schon der Status Quo ist inakzeptabel und unerträglich, aber was da immer schneller am Horizont aufsteigt, ist die totale Dehumanisierung, ein neues Massenmorden im Namen von Wettbewerbsfähigkeit und Geldwertstabilität. Jetzt ist die Zeit, Position zu beziehen, offen, immer und überall. Wer nicht will, dass wir diese Straße, die zu Lagern und Krematorien führt, weiter gehen, muss handeln. Macht verdammt noch mal euer Maul auf! Sagt es den Politikerinnen und jedem, ob er es hören will oder nicht, dass ihr keine Welt wollt, in der Menschen nur Zahlen in Kosten-Nutzen-Rechnungen sind!

Roma, Araber und Linke

Die Tschechische Regierung weiß, wie man unzweideutig gegen Rechtsradikale Stellung bezieht. Ha, reingefallen, war nur ein Scherz. Schauen wir einmal, was dem offiziellen Tschechien zu Aufmärschen von pogromlüsternen Rechtsradikalen, die mit Hassparolen durch Romasiedlungen marschieren, einfälltDie Menschenrechtsbeauftragte der Prager Regierung, Monika Simunkova, warnte die Menschen in der Grenzregion vor rechtsextremistischen Gruppierungen. Sie äußerte aber zugleich Verständnis für den „Frust der Einwohner“, die mit den „Problemen sozial schwacher Bürger“ konfrontiert seien.

Es ist aber auch wirklich ein wachsendes Ärgernis, dieses „Problem mit sozial schwachen Bürgern“. Aber zum Glück geht die europäische Politik immer entschlossener gegen die Zumutung des sicht- und spürbaren Elends vor. In Österreich wird das Betteln verboten, in Deutschland werden Parkbänke mit einer Eisenlehne zweigeteilt, um Obdachlose zu ärgern, in Italien und Frankreich räumt man Romasiedlungen und will die „Zigeuner“ loswerden (obwohl diese EU-Bürger sind), und in Ungarn werden wieder Arbeitslager samt bewaffneten Aufsehern eingerichtet. Jenes unbekannte Genie, das in den 70er Jahren an eine Hausmauer den Satz „Eure Armut kotzt uns an“ sprayte, fasste damit perfekt zusammen, wie es um die praktische Nächstenliebe der angeblich zivilisierten, angeblich christlichen und angeblich sozialdemokratischen Europäer bestellt ist. Armut soll am liebsten unsichtbar gemacht werden, und sei es um den Preis, die Armen verschwinden zu lassen durch Abschiebung oder Internierung.

Das Groteske ist, dass es linken Gruppierungen, Parteien, NGOs und Publizisten das Herz bricht, wenn ein Gaza-Araber keinen LCD-Fernseher hat, und dass diese Leute, wie auch deren kirchliche „Kollegen“, stets zur Stelle sind, wenn es darum geht, für die Sache der palästinensischen Araber Partei zu ergreifen, dass es aber dieselben Leute nicht kratzt, wenn mitten in Europa ganze Volksgruppen ausgegrenzt werden. Sinti und Roma  leben wortwörtlich am Rande der Gesellschaft und sind wieder verstärkt an Leib und Leben gefährdet, doch Europas Linke geht lieber gegen Israel demonstrieren. Was beweist, dass großen Teilen der Linken der moralische Kompass verlorengegangen ist. Und es beweist ebenso, dass sich hinter der „Solidarität“ mit den Arabern etwas ganz anderes verbirgt als aufrichtiges Mitgefühl, nämlich dürftig rationalisierter Judenhass. Europäische Gewerkschaften rufen zum Israelboykott auf, zu den ungarischen Plänen, Arbeitslose zur Zwangsarbeit einzusetzen, schweigen diese Helden der Arbeit. Europäische Friedensforscher hauen im Stundentakt Traktate wider Israel heraus, die Bedrohung großer europäischer Minderheiten ist keine Presseaussendung und keine Konferenz wert. Etliche Linke faseln von einem „Apartheidsystem“ und meinen damit Israel, gegen die de facto Apartheid mitten in Europa wird kein einziges Flugblatt gedruckt.

Wenn Linke (von den Rechten und Rechtsextremen will ich gar nicht erst anfangen) die Nöte der Sinti und Roma überhaupt wahrnehmen, dann als störende Nebengeräusche in ihrer bunten Fantasiewelt, in der alle Händchen haltend Ringelreihen tanzen, was nur durch ein paar politische Böswatze gestört wird. Kaum jemand von der politischen Linken hat Lust darauf, sich in die Thematik zu vertiefen und zuzugeben, dass die Probleme der Roma nicht nur in Nazis sowie in der systematischen und seit Jahrhunderten praktizierten Ausgrenzung bestehen, sondern auch in kulturellen Eigenheiten, die bis heute den Anschluss großer Teile der Roma an die modernen Zeiten verhindern. Uralte Clansysteme, Frauenunterdrückung, Bildungsfeindlichkeit, Abschottung nach außen und ein, sagen wir mal, ambivalentes Verhältnis zur Unantastbarkeit fremden Eigentums sorgen auch zur Selbstausgrenzung vieler Roma und Sinti. Da hilft es nix, sich die Ohren zuzuhalten und laut „lalala, alles nicht wahr“ zu singen. Wer den „Zigeunern“ helfen will, der muss diese nicht nur vor rassistischen Übergriffen effektiv beschützen, sondern daran arbeiten, dass dieser Minderheit andere Chancen offen stehen als bloß veraltete, heute nutzlose Berufe sowie (klein)kriminelle Karrieren. Das ist nicht leicht, aber welcher Fortschritt war jemals leicht zu erreichen? Eine solidarische und kritische Arbeit zugunsten der Roma und Sinti wäre zwar unbequemer und energieintensiver als sich mit zB der Hamas zu verbrüdern, aber wohl weit näher an all dem, wofür fortschrittliche Politik einmal gestanden ist und wieder stehen sollte.

Der Balken im eigenen Auge

Die Welt ist empört, hunderttausende Demonstranten ziehen wütend durch Europas Hauptstädte, der deutsche Bundestag verabschiedet Resolutionen im Minutentakt, Omar al-Rawi bastelt an Mittelstreckenraketen, der UNO-Menschenrechtsrat tagt in Permanenz, 5.341 NGOs und die meisten Gewerkschaften fordern einen Totalboykott israelischer Waren und Henning Mankell erlitt vor lauter gerechtem Zorn einen Herzinfarkt. Denn in Israel ereignet sich Ungeheuerliches:

Die israelische Hauptstadt Jerusalem zahlt rund 40 bis dato in provisorischen Unterkünften auf dem Gelände eines Sozialzentrums untergebrachten Arabern jeweils 325 Euro für die „Heimreise“ nach Jordanien oder das Westjordanland. Der Großteil der Araber habe das Angebot akzeptiert und den Betrag bereits in Empfang genommen, sagte ein Vertreter der Jerusalemer Diakonissenanstalt. In der vergangenen Woche hatte sich die Situation der sich großteils durch Gelegenheitsjobs versorgenden Palästinenser durch eine Reihe merkwürdiger Ereignisse verschärft.

Am vergangenen Sonntag hatte ein aus bisher ungeklärter Ursache ausgebrochener Brand auf dem Gelände des Sozialzentrum einen Wohnschuppen und einen als Wohnraum genutzten Kastenwagen zerstört. Daraufhin drehte die Stadt Jerusalem dem Sozialzentrum – angeblich aus Gründen der Sicherheit – den Strom ab. Die von Hilfsorganisationen erhobene Forderung, den Arabern angesichts der in der vergangenen Woche auf Minus fünf Grad gesunkenen Temperaturen winterfeste Quartiere zur Verfügung zu stellen, lehnte die Stadtverwaltung ab, ebenso wie eine Freischaltung der Stromversorgung des Sozialzentrums vor Abreise der Araber.

Auszahlung des Reisegeldes angeboten

Am Donnerstag kündigte die „Gelegenheitsjobgruppe“ genannte Sonderabteilung der Stadtverwaltung schließlich die Auszahlung des Reisegelds an und setzte den Arabern ein Ultimatum bis Sonntag, um das Land unter Inanspruchnahme des Reisegeldes freiwillig zu verlassen. Mit Hilfe der versprochenen Summe – 300 Euro Benzingeld und 25 Euro für ein Busticket nach Ramallah – sollen die Araber „zurück in ihr Ursprungsland“ gelangen. Laut einem Sprecher der evangelischen Sozialhilfe in Jerusalem, Pekka Tuomola, willigten die Araber in das Angebot der Stadt nur deswegen ein, weil sie über die Feiertage sowieso zu ihren Familien zurückkehren wollten. Viele von ihnen hätten jedoch vor, in der wärmeren Jahreszeit wieder nach Israel kommen zu wollen.

Kleinkrieg gegen Araber

Die Stadtregierung von Jerusalem führt gegen die je nach Jahreszeit einigen Dutzend bis mehreren Hundert arbeitssuchenden Araber seit rund zwei Jahren eine Art Kleinkrieg. Im Oktober 2009 wurde eine Hüttensiedlung von der Polizei geräumt und die provisorischen Unterkünfte handgreiflich zerstört. Im Juli dieses Jahres wurde ein Zeltlager von rund 100 Araber per gerichtlichem Räumungsbeschluss wegen „unerlaubtem Campings“ aufgelöst. Darüber hinaus plant die Regierung ein landesweites Gelegenheitsarbeitsverbot durchzusetzen. Kritiker sehen darin einen klassischen Fall der gegen eine bestimmte Gruppe gerichteten Anlassgesetzgebung.

Ha, reingelegt, alles nicht wahr! Warum die Welt nicht empört ist, die Demonstranten lieber in der warmen Stube bleiben, der deutsche Bundestag keine Resolutionen verabschiedet, Omar al-Rawi keine Raketen bastelt, der UNO-Menschenrechtsrat in der Nase bohrt, keine NGO auch nur einen Finger rührt, die Gewerkschaften den Schlaf der Korrupten schlafen und Henning Mankell sich bester Gesundheit erfreut, da er sich nicht aufregt: Es geht nicht um Jerusalem, nicht um Israel, nicht um Araber. Es geht nur um die EU, es geht nur um Finnland, es geht nur um Roma. Das geht uns also im Gegensatz zum Nahostkonflikt gar nichts an, denn es passiert ja hier und jetzt, und wenn wir ehrlich sind, so haben wir auch keine antifinnischen Ressentiments. Und diese Zigeuner, die sind doch wirklich etwas lästig, nicht wahr? Und sie sind hier, nicht weit weg, und wir könnten tatsächlich etwas gegen ihre tatsächliche Diskriminierung unternehmen, statt bloß unseren Antisemitismus hinter dem Deckmäntelchen der Gutherzigkeit auszuleben. Aber eigentlich juckt uns deren Schicksal genau gar nicht. Es ist uns wurscht, wenn sie, die sie EU-Bürger sind, mal wieder aus einem EU-Staat vertrieben werden, es kratzt uns nicht, dass sie fast überall in Europa in Elendsquartieren und Ghettos hausen, in denen es um einiges trister zugeht als im Gazastreifen. Wir wollen davon nichts wissen und nichts hören. Aber sobald man, für was auch immer, Israel die Schuld geben kann, stehen wir bereit und bekunden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln unsere Wut. Wir sind wirklich ganz tolle Leute.