Best Albums of 1972

1972

In München, bei den Olympischen Sommerspielen, fallen 16 Menschen einem palästinensischem Terroranschlag zum Opfer, in Nordirland mäht die britische Armee 13 Demonstranten nieder, Richard Nixon lässt ins Watergate-Gebäude einbrechen, und in Deutschland mordet die RAF. Trotzdem wurde 1972 höchst erfreuliche Musik gemacht. Zum Beispiel diese hier:

The Rolling Stones: Exile On Main Street

Die Stones waren in zwei miteinander zerstrittene Fraktionen zerfallen: die Junkies (Keith Richards, Mick Taylor) und die Playboys (Mick Jagger, Bill Wymann, Charly Watts). Allesamt lebten sie im südfranzösischen Steuer-Exil, wo man im Keller von Richards Villa jammte und mit fragmentarischen Songideen herumspielte. Es herrschte eine angespannte, bedrohliche Stimmung, verschlimmert durch Alkohol und Heroin. Nach langen, quälenden Monaten erschien ein außergewöhnliches Doppelalbum – dreckig, obszön, laut, bluesig und auch countryesk. Die Fans liebten die Hymnen auf Underdogs, auf das schnelle Leben zwischen Puff, Drogenbeschaffung und Knast. Die Kritiker hingegen brauchten noch Jahre, bis sie „Exile“ jenen Status zugestanden, den es zweifellos verdient; nämlich den als beste Platte, die die Stones je gemacht haben, und eines der größten Alben der Rockmusikgeschichte. 2010 erschien eine empfehlenswerte remasterte Version.

Lou Reed: „Transformer“

Nach dem eher durchwachsenen Solodebut bewies der ehemalige Velvet Underground-Frontman mit dieser Platte, dass er seinem Ruf als Genie der Songwriterkunst durchaus gerecht werden konnte. Ein Knaller jagt auf dieser Platte über Transvestiten, Fixer und Bisexualität den nächsten. „Walk On The Wild Side“, „Perfect Day“, „Satellite Of Love“ – lauter Lieder für die Ewigkeit, die aber trotzdem den Zeitgeist der beginnenden Ära des Glam Rock widerspiegelten wie wenige andere. Das lag nicht zuletzt daran, dass die LP von David Bowie produziert wurde, der Reeds Songpretiosen jene schimmernde Politur verpasste, die er selbst so gerne auf die eigenen Werke auftrug. Reed hätte sich, währe er ein weniger schwieriger Mensch, mit dieser Platte seinen Weg zum Superstar ebenen können, doch er schob das bedrückende „Berlin“ und das fast unhörbare „Metal Maschine Music“ nach. Vielleicht nicht schlau, aber sicher respektabel.

David Bowie: „The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars“

Wenn der Glam Rock einen König hatte, so hieß dieser David Bowie, und wer den definitiven Sountrack zu dieser wilden Zeit voller sexueller Experimente und gefährlicher Drogenkonsumwut sucht, der muss zu dieser Platte greifen. Dieses Konzeptalbum über einen Rockstar, der zum Propheten und schließlich zur Inkarnation außerirdischer Glückseligkeitsbringer mutiert, ist Höhepunkt und gleichzeitig schon Satire auf den Größenwahn, der in Rockmusikantenkreisen um sich gegriffen hatte und in immer mehr und wirreren „Rockopern“ seinen Ausdruck fand. Abgesehen von der reichlich seltsamen Rahmenhandlung ist dieses Album eine lückenbüßerfreie Sammlung bester Popmusik, welche Bowie endgültig als einen ganz Großen des Geschäfts definierte und ihm den Weg frei machte zur Weltspitze der Unterhaltungsbranche. Jedes Stück hat höchsten Wiedererkennungs- und Mitsingwert. Und jetzt alle: „And here come the spiders…“!

Neil Young: „Harvest“

Während andere über Dragqueens und Kokain sangen, fragte Neil Young sein Publikum 1972: „Are You Ready For The Country?“ Und wenn man dieses Meisterwerk hört, dann möchte man ihm zurufen: „Klar, sind wir“. Wie schon Bob Dylan und The Band zuvor griff Young hier auf den reichen Schatz volkstümlicher amerikanischer Musik zurück und verwob geschickt ländlichen Bauersleutsound mit edlem Songwriting und sozialkritischen Texten („Alabama“, „The Needle And The Damage Done“). Zusätzlichen Reiz gewinnt die Platte durch die überraschend anspruchsvollen Arrangements des Phil-Spector-Schülers Jack Nitzsche, der hier auch schon mal die Londoner Philharmonie aufspielen ließ und für einen majestätischen Klangteppich sorgte. Mit „Heart Of Gold“ enthielt „Harvest“ auch den ersten und immer noch einzigen Song Neil Youngs, der es an die Spitze der US-Charts schaffte. Für den Harmoniegesang zeichneten unter anderem Youngs Kumpel/Konkurrenten Crosby, Stills & Nash verantwortlich.

Stephen Stills: „Manassas“

Wie bei den Beatles in Europa fragte sich in den USA jeder, was wohl die Mitglieder von Crosby, Stills, Nash & Young nach der Trennung machen würden. Nun, sehr gute Platten machten sie, und Stephen Stills bot mit „Manassas“ sogar eine der besten der 70er Jahre zum Kauf feil. Unterstützt von ehemaligen Musikern der Byrds und offen für Einflüsse, die von Jazz, Folk, Blues und Latin bis hin zu Americana reichten, schrieb Still hier ein echtes Großwerk, das wieder zu entdecken sich auszahlt und hiermit dringend empfohlen wird. Beginnend mit extrem kompetentem Bluesrock nimmt Stills einen rasch mit auf eine coole Reise durch mitklatschewürdige Rocksongs, sensible Balladen mit Mehrstimmgesang und Latinorhytmen (letztere ganz ohne Maya/Inka/Aztekenkitsch, wie Stills Freundfeind Neil Young ihn so gerne verbreitete).

War: „The World Is A Ghetto“

1972 hatten sich War längst vom Image der Begleitband für Eric Burdon, als die sie zwei Jahre zuvor bekannt geworden waren, freigespielt und sich einen Platz unter den besten und beliebtesten Vertretern der Black Music erkämpft. Und sie trugen ihre unwiderstehliche Mischung aus Funk, Soul, Jazz und Blues ins Herz der Musikwelt. „The World Is A Ghetto“ schaffte es ganz an die Spitze, sowohl das Album , als auch der Titelsong wurden Nummer 1 in den amerikanischen Charts. Eine der Stützen des unverwechselbaren War-Sounds war ausgerechnet ein Däne, Lee Oskar, dessen virtuoser Umgang mit der Mundharmonika das tonale Bild der Band wesentlich prägte. Und auch das war „War“, nämlich eine Antithese zum Rassismus, denn die Band stieß sich nie daran, dass Oskar ein Weißer war. Höhepunkte dieser grandiosen Scheibe sind neben der Titelnummer das funkige „The Cisco Kid“ und das spannende „City, Country, City“, auf dem alle Bandmitglieder ihr Können, das jenes der meisten anderen Musiker jener Zeit übertraf, vorstellen durften.

Stevie Wonder: „Talking Book“

Diese Platte überzeugte noch die letzten Zweifler davon, dass Stevie das Zeug zum Superstar hatte. Die Verknüpfung beatlesartiger Melodieverliebtheit mit inoffensivem Funk und vorsichtig angejazzten Akkorden war unwiderstehlich. Wonder erklomm damit, nach 15 Jahren im Business, endlich die letzte Sprosse zum Welterfolg. Sehr sexy klingt das und sehr zum Mitshaken und Mitsummen. Neben vielen anderen Hits ist auch das so oft nachgespielte und kopierte „Superstition“ da, ein Song, der noch die müdesten Lenden zu funkiger Aktivität anregt. Für die Mischung aus anschmiegsamem Soft-Funk, Balladen und extatischem Gestampfe auf der Scheibe sollten jene Politiker, die die Menschen unter ihrer Fuchtel gerne zum Kinderkriegen anreden wollen, Herrn Wonder eigentlich einen Sonderpreis verleihen, denn diese Musi regt schon sehr zum Geschlechtsverkehr an.

Aphrodite´s Child: „666“

Die Platte muss man allein schon besitzen um zu hören, wie die Schauspielerin Irene Papas in dem Song ∞ („Infinity“) immer und immer wieder „I was, I am, I am about to come“ schreit, stöhnt, keucht, maunzt und kreischt, als hätte sie gerade den großartigsten Sex im Universum. Mit Satan persönlich vermutlich. „666“ ist die letzte und bei weitem beste Platte der griechischen Kombo um Vangelis Papathanassiou und Demis Roussos, die hier nichts Geringeres versuchen, als die Offenbarung des Johannes, das vielleicht seltsamste und rätselhafteste religiöse Buch aller Zeiten, zu vertonen. Eine gute Themenauswahl wenn man vorhat, der Welt zu zeigen, wie richtig ausgeflippter Psychedelic-Prog-Art-Rock zu klingen hat. Es gibt aber neben den LSD durchtränkten Freak-Outs auch eingängige Songs auf dem Album, zum Beispiel das hymnenhafte „The Four Horsemen“, das bessere Djs bis heute gerne zu vorgerückter Stunde auflegen.

Jethro Tull: „Thick As A Brick“

Es sollte ein Scherz werden. Nachdem die Kritiker die Platte „Aqualung“ trotz aller Dementis der Band als „Konzeptalbum“ bezeichnet hatten, wollte Tull-Chef Ian Anderson die Musikpresse mal so richtig reinlegen und behauptete, „Thick As A Brick“ sei die Vertonung des gleichnamigen Gedichts eines zehnjährigen Wunderkinds names Gerald Bostwick, das bei einem Literaturwettbewerb disqualifiziert worden sei, da sein Poem „obszön“ und der Autor „mental instabil“ sei. Zum „Beweis“ ließen Jethro Tull auf dem Cover Zeitungsberichte über den angeblichen Skandal nachdrucken. Alles Fake, alles als Parodie auf die „aufgeblasenen, größenwahnsinnigen Konzepalben von Yes und Konsorten“ (Anderson) gemeint. Tatsächlich aber ist die Satire auf die „Gymnasiasten-Teenage-Angst“ der Marke Genesis oder Pink Floyd so gelungen, dass Andersons Texte das Thema besser und literarisch hochwertiger abhandeln als die meisten der persiflierten Vorlagen. Auch die Musik, obwohl aus nur zwei jeweils plattenseitenlangen Songs bestehend, überzeugte sowohl künstlerisch, als auch kommerziell völlig, was die LP nicht nur auf Platz 1 der Charts brachte, sondern auch dafür sorgte, dass ausgerechnet eine Parodie zu einem der zeitlosesten Vertreter des Genres „Konzeptalbum“ werden sollte.

Little Feat: „Sailin´ Shoes“

Kokainbäume, Teenagernervenzusammenbrüche, drogensüchtige Lastwagenfahrer auf großer Fahrt und Politikverweigerer mit Gewichtsproblemen, die nicht mal dann ans Telefon gehen, wenn Mao persönlich anruft – das alles und mehr vermengte diese große Band hier zum musikalischen Portrait eines Paralleluniversumamerika, in dem man im Cadillac durch das Land brausen und durch die Windschutzscheibe die wunderlichsten Dinge begutachten kann. Dinge und Szenen, die in etwa so aussehen mögen wie das neu-surrealistische Coverartwork von Neon Park, das eine Torte mit menschlichen Zügen zeigt, die auf einer Schaukel sitzt und dabei einen Schuh verliert, während eine schäferhundgroße Schnecke, ein Rokokoprinz, ein böser Magier und ein Ast mit Augen zusehen. Dazu spielen Little Feat, die aus Musikern bestanden, die so gut waren, dass zu ihren Fans vor allem andere Musiker zählten, ein bisschen vom Anspruchsvollsten und Besten, was die 70er Jahre hervorzubringen im Stande waren, und schon haben alle eine sehr gute Zeit.

Weitere wichtige Platten von 1972. John Lennon: „Some Tine In New York City“. Wishbone Ash: „Argus“. J.J. Cale: „Naturally“. Deep Purple: „Machine Head“. Sandy Denny: „Sandy“. Manfred Mann´s Earth Band: „Glorified Magnified“. Genesis: „Foxtrot“. Roxy Music: „Roxy Music“. The Allman Brothers: „Eat A Peach“. Steely Dan: „Can´t Buy A Thrill“. Randy Newman: „Sail Away“. Grateful Dead: „Europe ´72“. Paul Simon: „Paul Simon“. Curtis Mayfield: „Super Fly“. Van Morrison: „Saint Dominic´s Preview“. Elton John: „Honky Chateau“. Joni Mitchell: „For The Roses“. Alice Cooper: „School´s Out“. Mott The Hoople: „All The Young Dudes“. Captain Beefheart: „Clear Spot“. Frank Zappa: „Waka/Jawaka“. Humble Pie: „Smokin´“. Tim Buckley: „Greetings From L.A.“. T. Rex: „The Slider“. Dantana: „Caravanserei“. Randy Newman: „Sail Away“. Yes: „Close To The Edge“. Pink Floyd: „Obscured By Clouds“. Neu: „Neu“. Can: „Ege Bamyasi“. Miles Davies: „On The Corner“. The Band: „Rock Of Ages“. Aretha Franklin: „Amazing Grace“. John Mayall: „Jazz Blues Fusion“. Focus: „Focus III“. Jerry Garcia: „Garcia“. Ton, Steine, Scherben: „Keine Macht für Niemand“. Georg Danzer: „Der Tschik“. Steeleye Span: „Below The Salt“. Amon Düül II: „Wolf City“. Chicken Shack: „Imagination Lady“.

Zeichnung und Collage © Christian Berger

Best Albums of 1971

Vor 41 Jahren war der Rock’n’Roll noch lange nicht tot, er begann ganz im Gegenteil erst damit, sich so richtig zu dem aufzuplustern, was wir heute als „Rockzirkus“ bezeichnen: ein Multimillionen-Business mit vollgefüllten, riesigen Konzerthallen, dekadenten Ausschweifungen, alten Großstars und neuen Talenten. Manche Sterne verglühten und andere gingen gerade erst auf. Ich hab mir die zehn besten Platten von 1971 noch einmal angehört.

 The Who: „Who’s Next?“

Nach „Tommy“ wollte Who-Mastermind Pete Townshend eine völlig neue Form der Rockoper entwickeln: das „Lifehouse“-Projekt, bei dem, so der größenwahnsinnige Plan, Computerprogramme die Persönlichkeiten von Konzertbesuchern in Töne verwandeln sollten, um so eine „Kakophonie des Nirvana“ zu erzeugen. Townshend, damals unter dem Dauereinfluss von Heroin, Speed und diversen Gurus stehend, gelang es freilich nicht, ein nachvollziehbares Konzept auf die Beine zu stellen. Einen Nervenzusammenbruch später beschloss die Band, die bereits komponierten Songs in einem konventionellen Album zu verwursten. Und was für ein Album das wurde! „Who’s Next“ ist die Platte, anhand derer man in 50 Jahren Musikstudenten erläutern wird, was das damals gewesen ist, diese Rockmusik, von der ein paar Greise immer noch schwärmen. Von der schmachtenden Ich-bin-eigentlich-sensibel-Ballade „Behind Blue Eyes“ bis zum Testosteron- und Feedbackoverkill „Won’t Get Fooled Again“- alles da, wovon sich Generationen Heranwachsender angesprochen fühlten.

Led Zeppelin: „IV“

Der vierte Streich der fidelen Satanisten war auch deren künstlerisch beständigster und kommerziell erfolgreichster. Überlebensgroß stapfen hier die Songs einher, wie geschrieben, um das Genre des Stadionrock zu definieren („Black Dog“), aber auch geerdet genug, um das Tanzbein zu animieren („Rock And Roll“), verführerisch genug, um den Teufel einen guten Mann zu heißen („Stairway To Heaven“), und fast trotzig beweisend, dass man auch als Schwermetaller guten Folkrock spielen kann („The Battle Of Evermore“). Das Aufklappcover mit mächtig mystischen Symbolen und einer Zeichnung, die, vertikal gestellt und in einem Spiegel betrachtet, allerlei Rätselspaß bot, beweist bis heute die sensorische Überlegenheit des Vinly über die CD und das böse MP3 und trug wohl neben der Musik dazu bei, dass diese LP die dritterfolgreichste aller Zeiten wurde (nach Michael Jacksons „Thriller“ und den „Greatest Hits“ der Eagles).

The Doors: „L.A. Woman“

Das einstige Sexsymbol Jim Morrison hatte bewiesen, dass man, entsprechende Lebensweise vorausgesetzt, auch mit 27 schon aussehen und klingen konnte wie ein 50-jähriger Schwerstalkoholiker, aber genau das machte den Schwanengesang der Doors zu einem Statement, das bis heute nachhallt, denn die Essenz dieser Band war immer das radikale Dagegensein, das Liebäugeln mit dem Tod und der Bezug auf den romantischen Mystizismus des Blues. Und „L.A. Woman“ war die bluesigste und düsterste aller Doorsplatten. Morrison starb nur drei Monate nach ihrer Veröffentlichung, aber kann es einen feineren musikalischen Abschied geben als das dunkel brodelnde, angejazzte „Riders On The Storm“?

The Rolling Stones: „Sticky Fingers“

Wie der Musik gewordene Albtraum der politisch Korrekten kam diese Scheibe über die frühen 1970er Jahre. Schon in der Eröffnungsnummer fällt Jagger und Richards zum Thema Sklaverei in Amerika ausgerechnet ein Sadomaso-Bezug ein („Scarred old slaver, he’s doing alright / Hear him whip the women just around midnight“), und „Brown Sugar“ meint sowohl schwarze Frauen, als auch Heroin. Macht aber nix, denn musikalisch ist dieser Longplayer einer der besten, den die Stones je auf den Markt gebracht haben, was nicht zuletzt an der Gitarrenarbeit von Mick Taylor liegt, der hier erstmals den dahingeschiedenen Brian Jones ersetzen durfte. So kompetent wie in dieser Phase sollten die Stones nie wieder spielen. Ach ja, Mick Jagger hat sich die menschliche wie ökonomische Sauerei geleistet, den von Marianne Faithful mitgeschriebenen Song „Sister Morphine“ ganz sich selbst zuzurechnen. Dadurch entgingen der Dame, die das Geld damals gut brauchen hätte können, ein paar hunderttausend Dollar. Aber wenn man den Meisterrocker „Can’t You Hear Me Knocking“ aus den Boxen krachen hört, kümmert einen auch das nicht mehr besonders.

David Bowie: „Hunky Dory“

Apropos politisch unkorrekt. In diesem für die Glamrock-Ära stilprägenden Werk spielt Bowie gleich mehrmals mit dem ideologischen Feuer, schwärmt von „Übermenschen“ ebenso wie von „Himmlers heiligem Traum“. Doch man kann Entwarnung geben, denn das war kalkulierte Provokation zum Zwecke des Auffallens um fast jeden Preis, und die „Übermenschen“, die Bowie im Sinn hatte, waren, wie andere Lieder der Platte zeigen, Bob Dylan und Andy Warhol, also so ziemlich die Gegenstücke zu dem, was sich die Nazis als Ideal vorgestellt hatten. Musikalisch wandert Bowie auf den Spuren der großen Velvet Underground, jedoch mit der Autorität eines Megatalents, denn so ein Songwriting, wie man es hier hört, begeistert auch nach 40 Jahren noch – und steht jenem von Lou Reed und John Cale kaum nach. Auf dem Cover posiert David als Edeltranse und leistet damit seinen Beitrag zur zweiten sexuellen Revolution, die nach der Akzeptanz der sexuellen Bedürfnisse der Frauen auch die Realität von Bi- und Homosexuellen als Normalität beförderte.

John Lennon: „Imagine“

Mit dem utopistischen Titelsong machte sich Lennon gleich nach seiner Beatles-Karriere ein zweites Mal unsterblich. Nicht nur Anarchisten zwischen New York und Wladiwostok werden bis heute von dem bewusst naiv getexteten Song zutiefst berührt. Aber John zeigte auf dieser Platte auch seine dunkle, gemeine Seite. „How Do You Sleep“ ist ein extrem verletzender Titel, mit dem Ex-Partner Paul McCartney gedemütigt werden sollte („The only thing you did was yesterday. . .“). Musikalisch betrachtet ist „Imagine“ eine der besten Platten, die je ein Beatle nach der Trennung veröffentlicht hat. Man höre nur „Jealous Guy“ . . .

Leonard Cohen: „Songs Of Love And Hate“

„Avalanche“ heißt der erste Beitrag dieser Liedsammlung – und wie eine Lawine kommt die geballte existenzialistische Trostlosigkeit, die der gebürtige Kanadier hier loslässt, über den Hörer. Viel trauriger, verbitterter und düsterer geht’s kaum. Hätte Depression einen Klang, er würde sich so anhören wie diese musikalische Suizidermunterung. Viele Musikkritiker halten diese Kollektion für den Höhepunkt der Singer-Sonwritertums, und spätestens wenn man bei „Joan Of Arc“ angelangt ist, diesem Exkurs über Leben und Tod, ist man geneigt, zuzustimmen. Nur unbedingt zu beachten: Schenken Sie diese Scheibe NIEMALS selbstmordgefährdeten Depressiven!

Fairport Convention: „Babbacombe Lee“

Sandy Denny war nicht mehr dabei, Richard Thompson nicht und auch Iain Matthews hatte die Band verlassen. Doch ausgerechnet die verbliebenen vier Musikanten produzierten eine der besten Platten der Gruppe und eines der besten Konzeptalben überhaupt. Basierend auf der wahren Geschichte des John „Babbacombe“ Lee, eines verurteilten Mörders im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts, dessen Todesstrafe in lebenslängliche Haft umgewandelt wurde, nachdem der Galgen dreimal hintereinander versagt hatte, ist das hier eine der großen, fast vergessenen Perlen des Genres Folkrock. Vom Begleittext: From this terrible ordeal John Lee emerges with the cry „I am innocent“ still on his lips. And who that has suffered will not listen?

The Kinks: „Musswell Hillbillies“

Die typischesten Vertreter einer eingeständigen britischen Rockmusik nehmen hier Amerikanismen an und spielen eine über weite Strecken von Country- und Bluesversatzstücken angereichterte Musik. Kann das funktionieren? Oh ja, es kann! Ray Davies und seine Boys liefern eine hübsche Mischung aus Parodie und, wie bei guten Musikern üblich, musikalischer Interpretation ihrer Inspirationsquellen. Aber keine Sorge, die Kinks sind auch hier „not like everybody else“, immer noch sehr querköpfig und Davies’ Hass auf die modernen Zeiten wird so bitter und pointiert vorgebracht wie auf fast allen Kinks-Werken. Wer sonst würde sich trauen, Songs wie „Acute Schizophrenia Paranoia Blues“ auf ein nach Mitschunkelmaterial wie „Lola“ gierendes Publikum loszulassen? Der Kampf von Ray Davies gegen die Monster der Sozialbürokratie bricht hier voll durch, bis hin zur Drohung, Vertreter des Staates mit einer Pumpgun empfangen zu wollen. . .

The Allman Brothers: „At Fillmore East“

Das gab’s wirklich nur in den frühen 70er Jahren, dass ein Livealbum mit anspruchsvollen, bis zu 20 Minuten langen Bluesnummern zu einem Bestseller werden konnte. Die späteren Giganten des Southern-Rock spielen hier mit einer traumwandlerischen Sicherheit und Souveränität Chicagoblues mit Jazz- und Latineinflüssen, als hätten Gregg Allman und seine Bruderschaft an diesem Abend die Seelen aller großen schwarzen Musiker Amerikas gechannelt. Die Gitarrenarbeit vom kurz danach leider tödlich verunglückten Duane Allman und von Dickey Betts ist vom Feinsten, was die Saitenzunft zu bieten hat. Duanes Slidegitarre schwebt über Betts fein gesponnenen Jazzakkorden – und beide beweisen mit virtuosen Soli, dass sie zu den besten Musikern ihrer Zeit gehören, während Gregg Allman sexy Akzente mit der Hammondorgel setzt und der ganzen Sache eine angemessen verrauchte Gesangsstimme gibt. Wie bei den Grateful Dead an einem guten Abend, kommt auch hier in keiner Sekunde Langeweile auf, selbst die längste Nummer der Platte fesselt den Hörer dank des spieltechnischen Formats der Band von Anfang bis Schluss.

Weitere wichtige Alben 1971

Janis Joplin: „Pearl“.
Pink Floyd: „Meddle“.
Marvin Gaye: „What’s Going On“.
Yes: „The Yes Album“ und „Fragile“.
Jethro Tull: „Aqualung“.
Joni Mitchell: „Blue“.
Carole King: „Tapestry“.
War: „All Day Music“.
Black Sabbath: „Master Of Reality“.
Jimi Hendrix: „The Cry Of Love“.
Sly and the Family Stone: „There’s A Riot Goin’ On“.
Elton John: „Madman Across The Water“.
David Crosby: „If I Only Could Remember My Name“.
Cat Stevens: „Teaser And The Firecat“.
Beach Boys: „Surf’s Up“.
Alice Cooper: „Love It To Death“.
Traffic: „The Low Spark Of High Heeled Boys“.
Genesis: „Nursery Crime“.
Deep Purple: „Fireball“.
Santana: „Santana III“.
Van Morrison: „Tupelo Honey“.
Aretha Franklin: „Young, Gifted And Black“.
Isaac Hayes: „Shaft“.
Sandy Denny: „The North Star Grassman And The Ravens“.
Paul McCartney: „Ram“.

Bye, ihr Nullen

Das waren sie also, die so genannten „Nullerjahre“, die ersten zehn Jahre des neuen Jahrtausends, und während gerade überall die Sektkorken knallen (weswegen eigentlich?) und die Leute Böller und Feuerwerksraketen im Werte vieler Millionen Euro in die Luft blasen, sitze ich tatsächlich nüchtern vor dem Computer und mache mir Gedanken über dieses Jahrzehnt, das gerade zueende geht. Und vorab an die Geeks: Ja, ich WEISS dass streng mathematisch gerade erst das letzte Jahr des Jahrzehnts anbricht, aber hat etwa zum Jahreswechsel 1999/2000 irgendjemand auf euren neunmalklugen Einwand gehört? Nein, hat keiner. Also besser Kauklappe geschlossen halten und hoffen, das euch der Schulschläger nicht erwischt.

Was und wie war dieses jahrzehnt? Aus meiner persönlichen Sicht vor allem kurz. Verdammt kurz. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als alle Welt in die Y2K-Panik verfiel und man befürchtete, Schlag Mitternacht würden alle Flugzeuge vom Himmel stürzen und die Waschmaschinen zum Angriff auf die Menschheit schleudern. Tatsächlich sind gewisse Flugzeuge erst ein knappes Jahr später – was mir auch wie erst gestern passiert erscheint – mitten ins Herz der westlichen Zivilisation gestürzt worden und haben uns Westler damit in zwei Lager gespalten: In jenes, das die Kriegserklärung ernst nahm, von Dumpfbacken gerne als erzböse Neokonservative beschrieben, und in ein anderes, das Lager der Friedensfanatiker, das Bin Laden und den Seinen „ein Stück weit“ Verständnis entgegenbrachte und im Übrigen meinte, das alles ginge uns nichts an. Das war übrigens auch das Jahrzehnt, in dem Politikerinnen die schreckliche „Ein-Stück-weit-„Phrase aus den Untiefen ihres Geistes hervorkramten und damit ihre Umwelt zu belästigen begannen. In der ersten Hälfte der „Nullerjahre“ wurde gegen Israel ein Terrorkrieg mit bislang unerreichter Brutalität geführt, der mehr als 1.000 Ísraelis das Leben kostete und etwa 7.000 verkrüpppelt zurückließ. Das war jedoch den Friedensfanatikern egal. Die haben vielmehr mit dem Ermahnungsfinger auf Israel gezeigt, als das Land effektive Schutzmaßnahmen gegen die Attentäter ergriff. Diese Leute sind nicht einmal aufgewacht, als ihre „Dialogpartner“ in Madrid und London hunderte Menschen umbrachten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Die Welt war für die Friedensfanatiker im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums denkbar einfach: Bush war böse, Israel war böse, wir alle hier im Westen waren böse, und beginge man bloß moralischen und militärischen Selbstmord, würde alles gut werden. Auf der anderen Seite des Spektrums tauchten die zu erwartenden Zerr-Spiegelbilder dieser Naivlinge auf: Zumeist (nicht immer) faschistoide Kasper, die in jedem Muslim einen Feind sahen. Und da die Nullerjahre das Jahrzehnt waren, in dem das Internet wirklich den Durchbruch schaffte und auch in der letzten Freak-Kommune am letzten Berg Einzug hielt, waren dies auch die ersten Jahre des Cyber-Meinungskrieges. Jeder Trottel konnte nun seine wirren Theorien verbreiten und stieß auf genügend andere Wirrköpfe, die diese Wirrheiten als vermeintliche Wahrheit dankbar aufsogen. Der an sich nicht so schlechte Bedeutungsverlust etablierter Print- und Funkmedien zugunsten des Internets machte leider nicht nur Platz für einen frischen Meinungswind, sondern vor allem auch für den beißenden Gestank von Verschwörungstheorien und Nazipropaganda.

Doch zurück zum Persönlichen. In den Nullerjahren wurde ich dreimal gefeuert, war einmal verheiratet (immerhin für sieben Jahre) und durfte gleich drei Krankheiten der Kategorie „will man nicht haben“ durchmachen: Depressionen, Panikattacken und schließlich Krebs. 2009 war jenes Jahr, in dem ich nicht sicher sein konnte, den Jahreswechsel noch zu erleben, was ohne Übertreibung eine lebensverändernde Erfahrung war. Es war für mich das Jahr der Cheomotherapien, der Morphiumspritzen, des wochenlangen Eingeschlossenseins in kargen Isolierzimmern und der Angst vor dem Tod. Und es war das Jahr, in dem sich gezeigt hat, wer zu meinen Freunden gehört und wer nicht. Aber hey, ich bin noch da. Andere, die ich kannte und mochte, sind es nicht mehr. 2000 bis 2010 waren nämlich auch die Jahre der Selbstmorde und tödlichen  Krankheitsfälle im Freundes- und Bekanntenkreis. Auch zwei Haustiere, an denen ich sehr gehangen bin, sind in diesen Jahren in den Hunde- und Katzenhimmel aufgefahren (bzw realistischerweise der Tierkörperverwertung zugeführt worden). Zwei Beziehungen und eine Ehe kamen und gingen wie unkastrierte halbwilde Kater, und wie am Ende der 90er Jahre muss ich auch nun wieder der Zukunft alleine begegnen. Das ist vielleicht gar nicht mal so schlecht, denn so muss  ich wenigstens gezwungermaßen meinen faulen depressiven Arsch von der Couch hochkriegen.

2008 haben wir den Alkoraser-Tod von Jörg Haider miterlebt, und nein, ich habe nicht getrauert. Einer der intelligentesten, aber auch gemeinsten und widerlichsten Demagogen der vergangenen 30 jahre, der schlimmste und gefährlichste Hetzer, den Österreich seit Hitler erlebt hat, der ein Volksbegehren gegen Menschen durchgeführt hatte, die Bevölkerung zur Denunziation von „kriminellen Ausländern“ aufrief und ein ganzes Bundesland ausraubte und in den Ruin trieb, ist durch seine eigene Hand, nein, sein eigenes Gaspedal umgekommen. Weshalb hätte ich also trauern sollen? Weil der „Jörg“, oder, wie er von manchen ehrfurchtsvoll genannt wurde, der „Dr. Haider“ ein phänomenales An- und Einschleimtalent hatte, auf das so viele, auch intelligente Leute, hereingefallen waren? Nein, es ist gut, dass dieser Mann weg ist. Klar, es wäre mir lieber gewesen, er wäre durch eine gute und kluge und starke Politik seiner Gegner zum Rückzug auf das Altenteil gezwungen worden, aber wenn es ein Unfall sein musste, um das Land von seiner grinsenden Visage zu erlösen, so ist mir das auch recht. Was natürlich nicht bedeutet, dass ich den Schmerz seiner Verwandten und Freunde ignoriere, es ist bloß nicht mein Schmerz. Schade nur, dass seine grinsenden Epigonen schon bereit standen, wie es auch schade ist, dass die Kärnterinnen und Kärntner tatsächlich so bescheuert waren, diesen Haider-Buben und Hypo-Gangstern einen atemberaubenden Wahlerfolg zu schenken.

Apropos Hypo: Banken- und Wirtschaftskrise war auch, und zwar eine ziemlich heftige, die immer noch Spuren der Verwüstung durch die ökonomischen und sozialen Gefüge der Welt zieht. Staunend durfte die Weltbevölkerung zusehen, wie Verbrecher Milliarden verschoben und zur Strafe von den Steuerzahlen dieser Erde vor dem Bankrott gerettet wurden. Klar, was blieb den Steuerzahlern dieser Erde auch anderes übrig? Doch es wäre nett gewesen, wenn diejenigen, die die verschobenen Milliarden eingesackt haben, auch ein bisschen zur Kasse gebeten worden wären und nicht nur die ungarische Oma, der die Rente gekürzt wurde. Wo wir gerade bei Ungarn sind: Dort rennen wieder kostümierte Nazis durch die Gegend, brüllen antisemitische Slogans und ermorden Zigeuner. Auch das waren die  Nullerjahre – Faschismus und Nazismus krochen aus ihren Löchern und sonnten sich im Wohlwollen gar nicht so kleiner Teile der europäischen Bevölkerungen, Minderheiten müssen wieder um Leib und Leben fürchten, Antisemitismus wird mit deutschen Bundesverdienstkreuzen nicht unter Erster Klasse belohnt.  Und während Deutschland der wichtigste Handelspartner des Iran ist und Österreich mit ebendiesem Iran gute Geschäfte macht, schrauben dort Apokalyptiker an der Atombombe und bereiten den nächsten Holocaust vor. Menschen, die in den Straßen der iranischen Städte gegen diese Wahnsinnigen demonstrieren, werden niedergenüppelt, erschossen, von Autos überfahren und landen in Folter- und Vergewaltigungsknästen. Was soll´s? Lasst die Sektkorken knallen, es gibt ja so viel zu feiern…

Schnell waren sie wieder vorbei, die Nullerjahre, und wir blicken zuerecht besorgt in eine ungewisse Zukunft. Nichts ist sicher. Die iranische Demokratiebewegung könnte siegen, es könnte aber auch der Dritte Weltkrieg ausbrechen. Die Kärntner könnten aufwachen oder den Scheuch-Brothers eine Zweidrittelmehrheit verschaffen. Ich könnte krebsfrei bleiben oder einen Rückfall erleiden. Ich bleibe vielleicht single oder treffe doch die junge, erfahrene, devote, selbstbewusste, schöne, nicht von Äußerlichkeiten besessene, sensible und von Horrorfilmen begeisterte Blondine mit  schwarzen Haaren…

Und weil die „Nuller“ so schnell vorbeigegangen sind, hier der passende Song von Neil Young:

https://lindwurm.files.wordpress.com/2009/12/01-time-fades-away1.mp3