Papiertiger des Tages: Russlands Armee

Die glorreiche russische Armee, die erst kürzlich gegen den Zwergstaat Georgien ein heldenhaftes Unentschieden mit leichtem Vorteil herausgefochten hat, scheint rüstungstechnisch schon dermaßen auf dem Zahnfleisch zu kriechen, dass man nun sogar Waffensysteme im Westen einkaufen muss. Russlands einzige noch wirksame Waffen sind die Atomraketen und die „Energiewaffe“, also die Möglichkeit, andere Staaten mit der Drosselung von Erdgaslieferungen zu erpressen. In einem konventionellen Krieg würden die Russen bereits an der Ukraine kläglich scheitern, von der Nato ganz zu schweigen.

Russia today

Schon wieder wurde in Russland ein Menschenrechtsaktivist ermordet. Man hat die Leiche des seit zwei Monaten vermissten Unternehmers und Vorsitzenden der NGO „Gerechtigkeit“, Andrej Kulagin, der sich vor allem für eine Reform des inhumanen Strafvollzugs in Russsland stark gemacht hatte, nun in einer Sandgrube gefunden. Die russischen Behörden schweigen sich über die Todesursache bislang aus, aber dass Kulagin in der Sandgrube ausgerutscht ist und sich dabei das Genick gebrochen hat, darf man wohl aus guten Gründen bezweifeln. Im Juli wurde die Regierungskritikerin Natalja Estemirowa erschossen, nun findet man die sterblichen Überreste eines weiteren Kämpfers für ein menschlicheres Russland. Es hat den Anschein, als räume der Kreml auf. Wer in Russland offen und öffentlich seine Meinung sagt, und diese Meinung Putin und seiner russlandweiten Seilschaft nicht gefällt, der setzt sein Leben aufs Spiel. Russland heute: Ehemalige KGB-Leute und Parteikader haben sich die Reichtümer des Landes gemeinsam mit jungen Geschäftsleuten, die wissen, wen sie schmieren müssen und wann sie die Klappe zu halten haben, unter den Nagel gerissen. Wer systemtreu ist aber nicht den Seilschaften angehört, kann es auch noch zu was bringen, zB in den Medien. Der große Rest der Bevölkerung lebt mehr schlecht als recht von den Brotkrumen dieser Mafia-Schickeria (in den Großstädten) oder vegetiert auf Drittweltniveau bei Löhnen zwischen 30 und 100 Euro pro Monat vor sich hin (auf dem Land).

Das wirklich Faszinierende ist aber, dass es westeuropäische Linke gibt, die dieses Russland inbrünstig bei jeder Gelegenheit verteidigen. Das ist bizarr.

„Tod Russland, Tod China“

Während des Freitagsgebets in Teheran, das von zehntausenden Menschen zu einer  Freiheitsdemonstration umfunktioniert wurde, versuchten einige Mitläufer der Regimes die Rede von Haschemi Rafsandschani mit „Tod Amerika“-Rufen zu stören. Geistesgegenwärtig schallte den Provokateuren vielstimmig entgegen: „Tod Russland, Tod China“. Das iranische Volk kennt eben die wahren Feinde der Freiheit. Neben der KGB-Kleptokratie Russland und dem imperialistischen Bonzenparadies China gibt es aber noch andere Gegner der iranischen Bevölkerung, zum Beispiel den Handykonzern Nokia. Der liefert nämlich dem Mullah-Regime Abhörtechnik. Seit dies bekannt wurde, ist der Markt für Nokia-Produkte im Iran zusammengebrochen. Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass eine große Volksbewegung am Werk ist und nicht nur ein paar „Discomiezen und Nato-Yuppies“, wie es der ideologische Geisterfahrer Jürgen Elsässer und ähnlich gestrickte Polit-Irre unterstellen. Übrigens dürfte gerade wieder eine von Elsässers „Discomiezen“, sprich Freiheitskämpferinnen, vom Regime gefoltert, vergewaltigt und ermordet worden sein. Doch die Zeit der bärtigen Unterdrücker und Mörder läuft ab. Wie sang bereits Woody Guthrie? „People of every color marching side by side / Marching ‚cross these fields where a million fascists died / You’re bound to lose, you fascists are bound to lose“

Diese Linke ist tot

Vor einigen Jahren hatte der Lindwurm das Missvergnügen, im Anschluss an die Präsentation des Buchs „Europas neue Idee“, verfasst vom mehrfach verurteilten Wiederbetätiger Herbert Schweiger, ehemals SS-Leibstandarte Adolf Hitler, mit eben diesem Schweiger sowie einer Runde hochrangiger Neo- und  Altnazis an einem Wirtshaustisch zu sitzen. Neben den immer wieder gerne gehörten Klassikern, die an Nazistammtischen diskutiert werden – als da wären „der ewige Jude“, „die jüdische Weltverschwörung“ und „diese verdammten Juden“ – erörterte das braune Pack auch Zukunftsperspektiven und ließ vor allem einen Mann immer wieder laut hochleben, sobald die Bierkrüge aneinanderprallten: Wladimir Putin. Zwar wolle man nicht vergessen, dass die Russen nicht immer nett zur Wehrmacht gewesen seien, und auch der entehrten deutschen Frauen möchte man gedenken, doch solle man die Zwistigkeiten der Vergangenheit ruhen lassen, denn der knackige Karatekämpfer Putin habe das Zeug dazu, „Eurasien“ in eine judenfreie Zukunft zu führen. So vernahm es der Lindwurm aus den Mündern jener Nazis, die keine dummen kahlgeschorenen ostdeutschen Modernisierungsverlierer sind, sondern die, hüstel, intellektuelle Speerspitze der „Bewegung“, die schon seit mehr als zehn Jahren an einer neuen Querfront bastelt und bereits große Teile der Traditionslinken und der Dummlinken in ihr Netzwerk eingebunden hat. An jenem Abend bekam der Lindwurm das komplette Programm, wie es einem heute von unzähligen Zeitungen, Internetauftritten und Foren entgegenstinkt, zu hören: Hinter allen weltpolitischen Ereignissen stecke eine gigantische Verschwörung, an deren Spitze die Juden stünden, der Kapitalismus und vor allem die „jüdische“ Zinswirtschaft müssten abgeschafft werden, die USA und Israel seien die „Feinde aller friedliebenden Völker“ und „Eurasien“ müsse sich durch eine „großrassige Zusammenarbeit der weißen Völker“ gegen „USrael“ erheben. Putin sei der Mann, dem dieses noble Werk zuzutrauen sei, schwärmten die braunen Strategen.

Seit diesem Erlebnis ist der Lindwurm ein wenig hellhöriger geworden, was Russland-Anbiederung und Putin-Verklärung durch westliche Idioten betrifft. Der Mann und sein System begeistern rechte und linke Totalitarismusfans gleichermaßen, wobei das Putin-Fandom vor allem jenen Teil der westeuropäischen Linken, der ihm anheimgefallen ist, als Volldeppenverstanstaltung desavouiert, leiden doch neben Juden,  Muslimen, Liberalen und Systemkritikern aller Art vor allem auch linke Gruppierungen unter dem durch KGB-Methoden abgesicherten neooligarchischen Putinsystem. Das ist den satten deutschen und österreichischen „Linken“ aber Powidl. Ein Blick in linke Publikationen wie die „Junge Welt“, auf diverse Webauftritte sich links fühlender Parteien und/oder Bewegungen, oder auch nur in die Foren ganz normaler Tageszeitungen beweist: Locker 80 Prozent der deutschsprachigen Linken sind auf Putinkurs. Diese seltsamen Leute stört die Tatsache, dass Oppositonelle unterdrückt, Wahlen gefälscht, eine imperialistische Außenpolitik betrieben und Kritiker ermordet werden ebensowenig wie die entsetzliche soziale Situation der überwältigenden Mehrheit der Russinnen und Russen, von denen die allermeisten mit rund 100 Euro pro Monat überleben müssen, während Putins Freundeskreis vor lauter Kaviarfressen und Champagnersaufen schon Fressbrechdurchfall hat. Diese „Linken“ runzeln auch nichtmal die Stirn, wenn ein Polithallodri wie Gerhard Schröder, der von allen Bundeskanzlern den engagiertesten Kampf gegen Deutschlands Arbeitnehmer geführt hat, mit der Kremlmafia gemeinsame Sache macht.

Kurz: Die putinfreundliche Linke ist nicht links, sie ist antiemanzipatorisch, antidemokratisch, antiaufklärerisch, antiinternationalistisch und antisozialistisch. Sie besteht aus Freunden der trügerischen totalitären Nestwärme, aus bezahlten Verrätern und nützlichen Idioten. Diese Leute sind genausowenig links wie die selbsternannten Kumpels von Hamas und Hizbollah. Nicht ohne Grund treten die Freunde von Putins Russland, dem Iran und den antiisraelischen und antiwestlichen Terrorbanden meist in Personalunion auf. Größte Teile der aktuellen europäischen Linken stecken in einer intellektuellen und strategischen Totalkrise  und sind daher zu kritikunfähigen „Ich-solidarisiere-mich-mit-jedem-Arschloch“-Vereinen verkommen. Und das ist eine atemberaubende Fehlleistung angesichts der sozialen Probleme, die in Westeuropa verstärkt auftreten und deren Bekämpfung die genuine Aufgabe von Bewegungen und Personen wäre, die sich als links bezeichnen. Aber statt gegen die zunehmende Ausgrenzung sozial schwacher Bevölkerungsgruppen vorzugehen, engagiert man sich für die „Palästinenser“. Statt an einem Konzept zu arbeiten, das die Existenzsicherung jedes Menschen ermöglichen würde, weil er eben ein Mensch ist und daher ein Existenzrecht hat, „kämpft“ man gegen den „US-Imperalismus“. Statt sich auf die Seite jener zu stellen, die in Russland eine Lebenserwartung von 50 haben und im Winter erfrieren, kuschelt man mit deren Mördern. Statt für Frauenrechte und frei bestimmte Sexualität einzutreten, kriecht man den Frauensteinigern und Schwulenaufhängern in den Arsch.

Diese Linke ist tot, genauer gesagt ein Zombie, ein unheimlicher Wiedergänger, der enthirnt die Phrasen der Vergangenheit drischt und in der Gegenwart zielsicher die falsche Seite unterstützt.

Dieser Artikel ist der Erinnerung an Magomed Jewlojew gewidmet, der von den Schergen Putins ermordet wurde.