Von der blütenreinen Unschuld und den bösen fremden Männern – letzte Anmerkungen zum Fall Götz Schrage

Je geschickter das fortschreitende soziale Unrecht unter der unfreien Gesellschaft der Zwangskonsumenten sich versteckt, desto lieber zeigt es im Bereich nicht-sanktionierter Sexualität seine Zähne und bedeutet den erfolgreich Nivellierten, dass die Ordnung im Ernst nicht mit sich spaßen lässt. (Theodor W. Adorno, „Das alte Unwahre“, 1964)

Die „Kronen Zeitung“, Österreichs auflagenstarkes Megaphon des ungesunden Volksempfindens, ist empört, und dieses eine Mal dürfte die Empörung nicht geheuchelt sein. Die Kampagne der Zeitung gegen den Wiener SPÖ-Bezirksrat Götz Schrage führte nicht zum erwünschten Ergebnis, nämlich zum erzwungenen Rücktritt des Politikers oder gar zu dessen Ausschluss aus der Partei. Die sozialdemokratischen Entscheidungsträger, die in ersten Reaktionen noch bereit schienen, dem von rechts aufgebauten Druck nachzugeben, kamen zu Sinnen, bremsten die Moral-Scharfrichter aus den eigenen Reihen ein und beließen Schrage unter der Auflage, in Zukunft behutsamer mit seinen Worten umzugehen und mit seinen Fähigkeiten als Fotograf Wiener Frauenprojekte zu unterstützen, im Amt. Ratio und innerparteiliche Solidarität obsiegten gegen Hysterie und blindwütiges Moralisieren. Das ist gut für die die Sozialdemokraten und schlecht für die „Krone“ und andere Agenten der Regression. Wenn der Verstand einsetzt, verliert die Hetze, verliert das Spiel mit meist unbewussten Ressentiments, verlieren Populisten und verliert die „Krone“.

Für Götz Schrage und die SPÖ ist der Fall damit ebenso erledigt wie für ÖVP-Generalsekretärin Elisabeth Köstinger, die Schrages Entschuldigung schon früh angenommen und sich den „Hängt-ihn-höher“-Rufen nie angeschlossen hat.

Causa finita also? Für mich nicht. Die Reaktionen auf ein tatsächlich harmloses Facebook-Posting haben nicht nur ein erschreckendes Unwissen über die Definition dessen, was Sexismus ist, an den Tag gebracht, sondern auch erneut gezeigt, wie schnell viele Leute ihren ansonsten durchaus vorhandenen Verstand auszuschalten bereit sind, sobald es um Sexualität geht. Und in Schrages Textlein ging es um Sexualität, nicht um Sexismus. Die Unfähigkeit oder auch der bösartige Unwillen, das voneinander zu unterscheiden, ist symptomatisch für eine Gesellschaft, die sich für ungeheuer frei und tolerant hält, die aber in weiten Teilen nach wie vor autoritär ist und daher für jedes überwundene Tabu ein neues einführt, auf dass der süße Wahn der eigenen moralischen Überlegenheit gegenüber dem Andersartigen ewig weiter gehen möge. Die Identifikation mit der herrschenden Moral, die die Moral der Herrschenden ist, wandelt sich allenfalls in Anpassung an sich ändernde Herrschaftsverhältnisse, doch ihr Wesen und Wirken, die Herstellung von Gruppenkonsens gegenüber dem Nicht-Identischen und somit die Versicherung gegenüber sich selbst und der Herrschaft, dieser keinesfalls gefährlich werden zu wollen und somit keine Schläge der Obrigkeit herauszufordern, bleiben bestehen.

An dieser Stelle möchte ich, dass wir uns noch einmal Schrages angeblich sexistisches Posting durchlesen: „Elisabeth Köstinger als neues Gesicht und neue Generalsekretärin einer neuen Bewegung? Aus autobiographischen und stadthistorischen Motiven möchte ich schon anmerken, dass die jungen Damen der ÖVP Inneren Stadt aus den frühen 80er Jahren, die mit mir schliefen, weil sie mich wohl für einen talentierten Revolutionär hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen. Da hängt sicher noch ein Burberry Schal im Vorzimmer bei Elisabeth Köstinger. Ich muss das wissen als Experte.“ Man beachte die grammatikalische Konstruktion! Nicht er schlief mit diesen Frauen, sondern sie mit ihm. Das ist nicht dasselbe. Schrage gibt den Frauen sprachlich eine aktive Rolle. Diese Frauen haben, und nichts anderes ergibt eine ehrliche Textanalyse, aktiv ihre Sexualität ausgelebt, haben die Initiative übernommen, haben sich Schrage zur Befriedigung ihrer eigenen Lust ausgesucht. Eine Lustbefriedigung, bei der womöglich auch Klassengegensätze eine Rolle spielten, der Reiz des Verpönten, die Erotik des gesellschaftlich Unerwünschten, in diesem Falle eine Affäre von Bürgerfrauen mit einem „Proleten“, der noch dazu in einer damals bekannten Band spielte und damit der Alptraum aller gut bürgerlichen Schwiegermütter war. Auch die Reaktionen, die es in den vergangenen Tagen auf Schrages Facebookeintrag gab, erzählten viel mehr von Standesdünkel und Klassengegensätzen als von Sexismus. Bei vielen Wortmeldungen schwang recht deutlich jene Abscheu, jener Ekel mit, der Autoritäre bei dem Gedanken befällt, ein Mann, der nicht dazu gehört, der nicht Teil ihres „Stammes“ ist, habe sich „widerrechtlich“ an den „eigenen“ Frauen vergriffen.

Etliche Interpretationen von Schrages Posting lassen eher Rückschlüsse auf die Fantasien und Nöte der Interpreten zu als auf jene Schrages. Ein von mir ansonsten sehr geschätzter Wiener Schriftsteller schrieb dazu zum Beispiel dies: „Der Text sagt: Solche wie die habe ich schon gfressen. Solche wie die habe ich flachgelegt. Solche wie die habe ich abgehakt. So sehen die aus. Das ist eine von denen. Damit ist kein – wie manche insinuieren – selbstbestimmter Akt von Lust gemeint. Der Sex ist hier nichts als ein Triumph. Er wird erwähnt, um die politische Kontrahentin, die Frau der anderen Partie auf ihren Platz zu verweisen. Unter mir lag sie. Damals schon. Sie wird als Frau, die eine politische Person ist, nicht wahrgenommen, sie wird auch – um einem möglichen Einwand zuvorzukommen – nicht in ihrer freien Sexualität wahrgenommen, sondern auf ihre Sexualität reduziert.“ So kann eine Exegese natürlich auch aussehen, aber damit sie so aussieht, bedarf es Vorstellungen über Sexualität, in denen diese nie unbeschwert, nie frei, nie einvernehmlich oder gar weiblich initiiert und selbstbestimmt sein kann, sondern immer nur Gewalt, Unterjochung, Schändung. Allein schon, dass Frauen in dieser Interpretation stets „unten“ liegen, erscheint mir bemerkenswert und spricht für eine eingeschränkte, rigide Sicht auf Sexualität. Viele andere, die Schrages Posting als „sexistisch“ qualifizierten, extrapolierten eigene negative Erfahrungen oder erlagen schlicht der Verblendung, dass wo von Sex die Rede sei, auch Sexismus am Werk sein müsse, da Sex im Seximus ja drin stecke.

Die nun wieder deutlich zutage getretene Unschärfe des Sexismusbegriffs in dem Sinne, dass allzu viele ihn nicht richtig zu verwenden verstehen, ist gefährlicher, als man zunächst meinen könnte. Sexismus, also die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres biologischen oder angenommenen Geschlechts, wurde erst verhältnismäßig spät als eigene Problematik im Bezugsrahmen der ökonomischen Verhältnisse und deren Formung der Verhältnisse der Menschen zueinander erkannt. Zwar hat die sozialistische Theorie, vor allem in den Schriften Engels, Luxemburgs und Goldmans, bahnbrechende Arbeit geleistet, um Sexismus überhaupt erst theoretisch dingfest machen zu können, und in sozialistisch wenigstens inspirierten Staaten wie der Sowjetunion oder Israel gab es dann auch viel weitreichendere Versuche, sich einer Art von Geschlechtergerechtigkeit anzunähern als anderswo, doch hatten auch diese Versuche mit der Hartnäckigkeit von über Jahrhunderte eingetrichterten patriarchal-tribalistischen Vorstellungswelten zu kämpfen. Dennoch kam es in den 1960er Jahren zu einem nahezu globalen Erkenntnis-Schub in den der Aufklärung verpflichteten Kreisen von Philosophie und Soziologie, der das, was zuvor allenfalls höchst Gebildeten ersichtlich war, massenkompatibel verständlich machte, dass es nämlich für die Befreiung des Menschen unabdingbar ist, ihn aus primitiven Ideenwelten heraus- und einem klareren Bild von sich und der Welt zuzuführen. Schon in den 70er Jahren wurde dieser Anspruch schwer erschüttert, als sektiererische Teile feministischer Ideologieproduktion damit begannen, Sexismus als Kampfbegriff zu reklamieren, der ausschließlich die Unterdrückung der Frau beschreiben sollte. War das angesichts der Tatsache, dass Sexismus sich in patriarchalen Gesellschaften wesentlich stärker gegen Frauen richtet als gegen Männer, zunächst durchaus nachvollziehbar, begann damit doch eine Entwertung und Entstellung des Begriffs, da er sehr schnell auch von Menschen verwendet wurde, die ihn nicht verstanden, womit ihm eine ähnliche Karriere als Idioten-Wort bevorstand wie dem „Imperialismus“.

Konservative und Rechte, deren gesamte Weltanschauung unter anderem auf realem Sexismus beruht, die also die angeblich natürlichen Hierarchien und Rollen der Geschlechter verteidigten, perpetuierten und neu erkämpfen wollten, erkannten rasch, dass simplere Gemüter beim Wort Sexismus sofort an Sex, also Sexualität denken und begannen, unterstützt von den schlichteren Geistern auf Seiten der Linken, den berechtigt negativ konnotierten Begriff auf alles anzuwenden, was mit Sex und Erotik zu tun hatte. Vor allem aber nutzten sie ihn dazu, Sexismus selektiv anzuprangern und projektiv in ihre rassistische und autoritäre Propaganda gegen alles Fremde, alles Nicht-Identische einzubauen. Endlich hatten sie ein Wort zur Hand, das aufgeklärt und „links“ klang, sich aber dazu missbrauchen ließ, die imaginierte Überlegenheit der eigenen „Kultur“ gegenüber dem ihrer Meinung nach abzuwehrendem Fremden zu betonen. Das ist kein ganz neuer Vorgang. Rassisten in den USA warnten seit der Abschaffung der Sklaverei immer wieder vor dem „sexuell aggressiven“ schwarzen Mann, den es nach unschuldigen weißen Frauen gelüste. Die Propaganda der Nazis zeichnete jüdische Männer als geile Verführer „arischer“ Mädchen. Schon die anekdotische Orientalistik hatte über Jahrhunderte Klischees von Muselmanen transportiert, die in ihren Harems gefangene Christinnen nötigten. All das war und ist gleichzeitig Reaktion und vor allem Projektion des sich seiner selbst nicht sichereren männlichen Ego auf Fremde, die vermeintlich all das tun, was man selber ganz gerne tun würde, und andererseits sexualisierte Angstlust, wie sie uns seit einigen Jahren wieder verstärkt in Fetischen wie dem oftmals rassistisch aufgeladenen „Cuckolding“ begegnet, bei dem es darum geht, dass ein Mann seiner (Ehe)Frau dabei zusieht, wie sie es mit anderen, oft einer anderen Ethnie zugehörenden und als sexuell aggressiv und „überlegen“ fantasierten Männern treibt. Wie tief derlei in der oft, aber nicht durchwegs männlichen Psyche steckt, zeigten auch die teilweise schon in Massenhysterie abgleitenden Reaktionen auf die Kölner Silvesternacht im Jahr 2015. Da entstand in den Wochen und Monaten danach ein dermaßen starker Sog rechtskonservativer bis rechtsextremer rassistischer Sexualneurose, dass selbst viele jener Menschen, die bis dahin noch alle sieben Tassen im Schrank hatten, anfingen, ihre Phantasmen über ach so andersartige arabische oder afrikanische Sexualität in die Öffentlichkeit zu tragen. Jedenfalls herrschte bald große Einigkeit, dass man es eindeutig mit Sexismus ganzer Ethnien zu tun gehabt habe, nicht aber mit sexualisierter Gewalt einzelner Täter und vor allem mit Trickdiebstählen, die sexuelle Übergriffe zur Ablenkung benutzten.

Jedenfalls ermöglichen es diese unzulässigen Ausweitungen und damit Entwertungen des Sexismus-Begriffs genau jenen gesellschaftlichen Kräften, die realen Sexismus als integralen Bestandteil ihrer Ideologie vertreten, ihr eigenes Wirken zu verschleiern und die real sexistischen Verhältnisse zu beschönigen.

Zur Verteidigung Götz Schrages gegen die Geier der Moral

Hierzu gibt es ein aktuelles Update*

Götz Schrage ist einer jener Menschen, die aus Wien eine Großstadt machen. Zu einer Großstadt wird eine Stadt nämlich nicht allein durch die Anzahl ihrer Bewohner – schon gar nicht, wenn diese zu großen Teilen Provinz-Flüchtlinge sind, die ihre Dorf-Mentalität und ihre Trachten-Beschränktheit in die Stadt einschleppen – sondern vor allem durch jene geistige Offenheit, die sich erst durch das Aufeinanderprallen verschiedenster Lebensstile, die daraus entstehende intellektuelle Reibungshitze und die tägliche Konfrontation mit dem Nicht-Identischen ergibt. Während das Dorf nahe an der soziologischen Organisationsform des Stammes ist, der Gleichförmigkeit belohnt und Abweichung von der Norm sanktioniert, ist die Stadt ein Konglomerat vieler „Stämme“, aus denen dann die Polis entsteht, und wenn diese erst groß genug ist, wird sie zur Metropole, zum geistigen, finanziellen und politischen Machtzentrum des sie umgebenden Landes. Götz Schrage ist kein Dörfler, er ist Metropolen-Mensch. Schon seine Biographie ist eine, wie es sie nur in Großstädten geben kann: Der gebürtige Bochumer war erst Berufsspieler, dann Musiker, dann Fotograf, Autor und Bezirkspolitiker, nie auf eine Sache festgelegt, nie gefügiger Untertan und immer politisch interessiert und aktiv. Am Land, wo Anpassung Pflicht und eine lebenslange Festanstellung, am besten als Beamter, das Ideal sind, nennt man solche Menschen Versager, in der Stadt können sie gedeihen und müssen ihre vielfältigen Talente nicht zwischen Hausbau, Kernfamiliengründung und ängstlicher Assimilation verkümmern lassen.

Götz Schrage war immer schon fasziniert vom Subproletariat, vom Halbseidenen, von Strizzis, „Beislhuan“ und „Peitscherlbuam“, vom Leben im Schein roter Glühbirnen, das er in Fotos und Texten beschreibungspotent dokumentierte. Ohne Scham oder Berührungsängste bewegte er sich zwischen Zuhältern und Sexarbeiterinnen und gab jenen ein Gesicht, die in den gesellschaftlichen Zwischenräumen lebten, und er tat dies, ohne deren Existenz zu romantisieren oder zu dämonisieren. Als im Jahr 2015 hunderttausende Menschen auf der Flucht vor Krieg und Elend über den Balkan gen Norden marschierten und auf österreichischen Straßen nur deswegen nicht verhungerten und verdursteten, weil sich abertausende freiwillige Helferinnen und Helfer fanden, die rasch und unbürokratisch praktische Solidarität übten, war Schrage von Anfang an dabei. Zuerst vor allem als Fotograf, der diese Geflüchteten, die in den Medien und Politikeraussagen nur als „Welle“ oder „Flut“ vorkamen, wieder zu Menschen machte, indem er sie einfach nur in all ihrer Menschlichkeit zeigte. Etliche der berührendsten und besten Fotografien aus diesen Tagen stammen von Schrage. Honorare, die er für diese Fotos von Zeitungen bekam, spendete er der Flüchtlingshilfe. Bald wurde aus dem Dokumentieren mehr. Schrage verbrachte viel Zeit vor allem im „Kurier-Haus“, einer großen Wiener Flüchtlingsunterkunft, und packte dort mit an, half Geflüchteten im Kampf mit der österreichischen Bürokratie, vermittelte Schlafplätze und Jobs. Obwohl er sich nie der sprachlichen Codes der Politischen Korrektheit bediente und schon qua Lebenslauf weit von dem entfernt ist, was die Rechten so gerne als „Gutmensch“ diffamieren, handelte er so, wie gute Menschen handeln. Ohne Naivität und Schwärmerei vom Fremden agierte er wie ein Mensch, der weiß, dass Flüchtlinge Menschen sind und keine Flut, keine Welle, keine Invasion. Man könnte auch sagen: Schrage reagierte auf die Geflüchteten wie ein urbaner Großstadtmensch, denn als solcher ist ihm bekannt, dass es keine unveränderlichen kulturellen Eigenschaften gibt, dass in jeder größeren Gruppe von Menschen alle möglichen menschlichen Verhaltensweisen und Ansichten vertreten sind und dass Menschen, egal woher sie kommen, letztlich mehr verbindet als trennt.

Götz Schrage hat sich gerade während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ als geradezu idealtypischer Sozialdemokrat verhalten: Solidarisch mit denen, die Solidarität nötig haben. Jetzt fordern ihn die Vorsitzende der SPÖ-Neubau, Andrea Kuntzl, der SPÖ-Bundesgeschäftsführer Georg Niedermühlbichler und die SPÖ-Staatssekretärin Muna Duzdar zum Rücktritt von seinem Amt als Bezirksrat auf. Der Vorwurf: Schrage habe sich des „Sexismus“ schuldig gemacht. Was war geschehen?

Auf Facebook, wo Schrage sehr aktiv ist und immer wieder mit sprachgewaltigen Vignetten unterhält, postete er folgenden Eintrag: „Elisabeth Köstinger als neues Gesicht und neue Generalsekretärin einer neuen Bewegung? Aus autobiographischen und stadthistorischen Motiven möchte ich schon anmerken, dass die jungen Damen der ÖVP Innere Stadt aus den frühen 80er Jahren, die mit mir schliefen, weil sie mich wohl für einen talentierten Revolutionär hielten, genauso aussahen, genauso gekleidet waren und genauso sprachen. Da hängt sicher noch ein Burberry Schal im Vorzimmer bei Elisabeth Köstinger. Ich muss das wissen als Experte.“ Das rechtsextreme Internetportal „unzensuriert.at“ und Boulevardzeitungen wie die „Krone“ griffen das auf und erklärten Schrage zum „Sexisten“. FPÖ und ÖVP, deren gesamte politische Historie wie Gegenwart von realem Sexismus durchtränkt sind, sprangen freudig auf und forderten Schrages Kopf. Und dann kamen die genannten Genossinnen und Genossen daher und schlossen sich umgehend dem Shitstorm gegen den Lokalpolitiker an. Anstatt die Medien aufzufordern, die Kirche im Dorf zu lassen und ÖVP und FPÖ auszurichten, sie sollten beim Thema Sexismus lieber den Rand halten, taten Duzdar, Köstinger und Niedermühlbichler so, als wüssten sie nicht, was der Begriff Sexismus bedeutet, und ließen einen Parteifreund nicht nur fallen, sondern traten auch noch mal kräftig nach, auf dass er ja möglichst hart und tief fallen möge.

Beim ersten kleinen Scheiße-Lüftchen entledigt sich die SPÖ eines aktiven und originellen Funktionärs, statt sich hinter ihn zu stellen. Was für eine deprimierende und armselige Performance! Und was für eine intellektuelle Verödung, wenn sozialdemokratische Spitzenkräfte zwischen einem zugespitzten Statement, das nur ausdrücken sollte, dass die laut Eigen-PR „neue ÖVP“ ganz die alte ist, und in dem halt auch Sexualität vorkommt, und Sexismus nicht unterscheiden können! Nur für den Fall, dass die das wirklich nicht wissen sollten: Sexismus ist die Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Geschlechts. Sexismus ist, wenn eine Frau einen Job nicht bekommt, weil sie eine Frau ist. Sexismus ist, wenn ein Mann vor Gericht härter bestraft wird, weil er ein Mann ist. Sexismus ist, wenn ein drittklassiger Comedian behauptet, Frauen könnten nicht Autofahren. Sexismus ist, wenn nur Männer zum Militärdienst eingezogen werden. Sexismus ist, wenn Parteien wie die FPÖ in ihren programmatischen Schriften Frauen die Rolle als häusliche Mütter zuweisen und Männern die als Ernährer und Krieger. Kein Sexismus ist es, wenn ein Mann ohne grobe Abwertung vom Geschlechtsverkehr mit Frauen berichtet. Ebenfalls kein Sexismus ist es, wenn eine Frau gerne Sex hat und davon auch erzählt. Es ist auch kein Sexismus, wenn ein Mann eine Frau, eine Frau einen Mann, ein Mann einen Mann oder eine Frau eine Frau schön findet und das auch sagt. Der Begriff Sexismus hat nichts mit Sex im Sinne von Geschlechtsverkehr und Erotik zu tun, sondern mit Sexus, also dem Geschlecht. Einem Menschen Sexismus vorzuwerfen, weil er schreibt, er habe mal mit ÖVP-Politikerinnen geschlafen, ist in etwa so, als würde man jemandem Behindertenfeindlichkeit vorwerfen, weil er mal Rollstühle verkauft hat. Es ist sprachlich falsch und faktisch dumm.

Die Entwertung des Sexismusbegriffs durch seine Ausweitung auf alles, was die „Geier der Moral“ (Georg Danzer) nicht mögen, ist Teil einer seit langem um sich greifenden Verblödung und Hysterisierung der Gesellschaft und ein Symptom des intellektuellen Niedergangs der Linken, die ganz freiwillig und begeistert dabei mitmacht, Sexualität wieder zu jenem Minenfeld zu machen, das es dank Jahrtausenden des Patriachats und dessen religiös verbrämter Ideologien viel zu lange gewesen ist und auf dem viel zu viele Menschen Leben, Lebensqualität, Freiheit und Ehre verloren. Ein bizarres Bündnis aus Reaktionären, Religiösen etlicher Konfessionen und sexualneurotischen „Linken“ ist fleißig dabei, uns alle wieder in die 50er Jahre oder noch weiter zurück zu katapultieren und alles zunichte zu machen, was Freud, Jung, de Beauvoir, Foucault und so viele andere, denen an der Freiheit des Individuums gelegen war, uns mühsam beizubringen versuchten.

Ich kenne Götz Schrage nur über Facebook, ein paar Telefonate und durch seine Arbeit als Fotograf und Autor. Nicht jedes Statement von ihm finde ich gut, nicht in jeder Frage stimme ich mit ihm überein und ich teile nicht ganz seine Begeisterung für vom Machismo geprägte Subkulturen. Aber diesen pseudomoralischen Lynchmob der Superanständigen hat er nicht verdient und ich will nicht schweigen, wenn einer, der meiner Ansicht nach doch einer der Guten ist, von verlogenen Tittenblättchen, scheinheiligen Reaktionären und unsolidarischen Sozialdemokraten zum Abschuss freigegeben wird.

*Nach einer Aussprache hat die SPÖ Wien Schrages Entschuldigung für sein Posting angenommen und wird ihn nun doch nicht rausschmeißen. Das ist sehr erfreulich.

„Krone“-Headline:

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Werbung: No sex please?

Österreichs Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek möchte gerne eine gesetzliche Handhabe gegen „sexistische Werbung“ schaffen. Zudem soll nach ihren Wünschen der österreichische Werberat durch einen „Sexismusbeirat“ ergänzt und ein „Preis für besonders herausragende Leistungen für geschlechter-gerechte Werbung“ ausgeschrieben werden. Die Reaktionen waren vorherzusehen:  Die Machos und jene, die gerne welche wären, platzten schier vor Hohn und Spott, während die Feministinnen und jene, die sich für solche halten, Beifall spendeten und meinten, das ginge noch lange nicht weit genug. Sachlich diskutiert wird der Vorschlag bislang kaum, denn sachlich das Für und Wider politischer Vorstöße zu bereden gilt als unmodern im Zeitalter der Schreihälse und Zuspitzer und Dauergrantler. Zynische Ablehnung und unkritische Zustimmung sind halt viel bequemer als sich mal anzusehen, was so eine Anti-Sexismus-Regelung für Werbung bringen könnte, ob sie sinnvoll wäre oder eher nicht.

Problematisch an der Sache ist zunächst einmal die Begriffsverwirrung. Was versteht die Frauenministerin unter „sexistischer Werbung“? Es liegt nahe anzunehmen, dass sie damit die erotisierende Darstellung von Frauen zu Werbezwecken meint. Und damit liegt sie schon mal falsch. Auch wenn die Menschen noch so sehr dazu tendieren, Begriffe für ihre ideologischen Absichten zu hijacken und diese Begriffe noch so oft falsch verwenden, macht das das Falsche nicht richtig. Ich unterstelle einfach mal, dass Heinisch-Hosek der Meinung ist, eine halb nackte Frau, mit der für Bier geworben wird, sei eine Manifestation des „Sexismus“. Das ist nur leider nicht wahr. So eine Bierwerbung mag geschmacklos sein, sie mag sexuell ausbeuterisch und vielleicht sogar misogyn sein, sexistisch ist sie nicht. Sexistisch sind viel mehr all die Putzmittelwerbungen, die das Bild der Frau als Hausmütterlein fortschreiben, denn dahinter steht ein Weltbild, das Menschen aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Rollen in der Gesellschaft zuschreibt. Sexistisch ist, um mal klarzustellen, dass dies kein exklusives Frauenthema ist, auch nicht der muskulöse Mr. Perfect, der sich mit Badeschaum einreibt. Sehr wohl sexistisch sind Werbespots, die den Mann als kravattisertes Alphatier zeigen, der quasi „naturgemäß“ ein Anführer sein soll.

Aber selbst wenn, was ich vermute, die Frauenministerin mit „Sexismus“ die ausbeuterische Verwendung von Erotik in der Werbung gemeint hat, ist das immer noch diskussionswürdig und sollte nicht einfach als Nicht-Thema abgetan werden, denn das ist es nicht. Selbstverständlich ist das Bild von Sexualität und das Ideal von Schönheit, das die Werbung oft transportiert, zu hinterfragen, denn dass die ständige Bombardierung mit nicht erreichbaren Körpervorbildern zu psychischen Schäden vor allem bei Heranwachsenden beiderlei Geschlechts führen kann, ist längst kein Geheimnis mehr, wie ja auch junge Leute, die sich andauernd Pornographie angucken, recht abwegige und manchmal auch schädliche Vorstellungen von Sexualität und von Beziehungen entwickeln können. Die „Generation Porno“ ist nun mal nicht eine sexuell befreit herumfickende, sondern eine, die zum Schönheitschirurgen rennt und schon mit 20 Viagra schluckt, um nicht Liebe, sondern, wie man so bezeichnend sagt, Matratzensport zu betreiben. Und zwar leistungsorientiert.

Also: Die oft verzerrende Darstellung von Sexualität in der Werbung ist durchaus ein ebenso reales Problem wie echter Sexismus. Aber brauchen wir gesetzliche Regelungen, die die werbenden Unternehmen mit Strafzahlungen bedrohen, wie das Heinisch-Hosek vorschwebt? Ich meine, das brauchen wir in etwa so dringend wie der Lindwurm einen weiteren Tumor. Bestraft und überwacht und reglementiert wird hierzulande schon zur Genüge. Positive Anreize, wie zB der angedachte Preis für „geschlechter-gerechte Werbung“, könnten hingegen durchaus sinnvoll sein. Wobei sich in der Realität herausgestellt hat, dass die effektivste Waffe gegen sexistische, verletzende, pornographisierende oder rassistische Werbung immer noch die Empörung der Konsumenten ist. Gerade in Zeiten der internetbedingten Viralität kann eine provokant gemeinte Werbung rasch zum PR-Albtraum werden. Also, liebe Frau Frauenministerin: Ihr Vorstoß ist durchaus wert, besprochen zu werden, aber unterschätzen sie bitte nicht die Zielgruppen von Werbung. Klar, bei weitem nicht jede Konsumentin ist auch eine mündige, doch man muss den Nanny-Staat nicht in jede noch staatlich unkontrollierte Ecke der Gesellschaft ausdehnen.

Wo wir gerade über Werbung reden: Never say no to Panda! LOL