Arbeitslose aller Länder, vereinigt euch!

Die Krise, die nicht enden will, obwohl staatlich alimentierte Wirtschaftsforscher mit strahlenden Gesichtern von Wachstum und sich entspannenden Arbeitsmärkten faseln, ist eine sich in Wirklichkeit stets weiter zuspitzende Krise der Überproduktion und eine Krise der Arbeit an sich. Wer glaubt, die Krise, die 2008 sich nur deutlicher zeigte als zuvor, sei überwunden, der möge sich die wachsenden Wohnwagensiedlungen rund um amerikanische Städte ansehen, in denen jene Menschen leben, deren Arbeitskraft nicht mehr wertvoll genug ist, um sie gegen eine Wohnung einzutauschen. Oder er möge sich mit Briten unterhalten, die täglich vier Stunden zur Arbeit und von dieser zurück pendeln, da ein Leben in der Nähe des Arbeitsplatzes für sie nicht bezahlbar ist. Vor allem aber möge er oder sie sich ansehen, welchen Aufwand Staaten rund um die Welt betreiben, um dem jetzt schon großen und stetig weiter wachsenden Heer der Überflüssigen Herr zu werden. In China führen sie ein System der totalen Überwachung und Bewertung aller Bürger nach ihrer Nützlichkeit und ihrem Gehorsam ein. Wer durch einen unangepassten, womöglich auch noch die eigene Arbeitskraft schädigenden Lebenswandel auffällt, kommt auf schwarze Listen und wird bestraft, ohne dass ein Beamter dazu ein Schriftstück unterzeichnen müsste. Das System funktioniert vollautomatisch. Computerprogramme, die jede Regung jedes Bürgers überwachen, erstellen ohne Unterlass Bewertungen dieser Bürger und verhängen automatisierte Sanktionen gegen Abweichler und ökonomisch Nutzlose. In Ungarn verrichten Arbeitslose Zwangsarbeit und in Österreich wollen sie Arbeiter und Arbeiterinnen einer dauerhaften Kontrolle ihres Gesundheitszustandes unterwerfen, die sofortige und verpflichtende Reparaturmaßnahmen einleitet, sobald ein Arbeitskraftverkäufer gesundheitlich ins Straucheln gerät. Ein Staat nach dem anderen kriminalisiert Armut und Obdachlosigkeit. Auf den Philippinen lässt Regierungschef Duterte Drogenkranke, die sich wegen ihrer Krankheit nicht ausreichend verwerten lassen, mittels Massenmord beseitigen. Das alles und mehr ist kein Anzeichen dafür, dass die Krise vorbei wäre, sondern ein Vorschein auf eine Eskalation der Barbarei. Passend dazu erleben wir eine globale Regression in Irrationalität und Primitivität.

Ich bin mir allerdings gar nicht sicher, ob man hier von Regression sprechen sollte. Regression würde eine stattgefunden habende Weiterentwicklung voraussetzen, von der aus man zurückfallen könnte. Treffender ist der Begriff Degeneration. Beispielsweise in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts waren Verständnis von den und Kritik an den Verhältnissen auch nicht klüger oder weiter entwickelt als heute, aber die politischen Verwalter der kapitalistischen Welt waren immerhin darauf bedacht, ihre Funktion als Charaktermaske nicht allzu deutlich kenntlich zu machen. Heute verkünden immer mehr Politiker und Politikerinnen offen, sie seien nur Platzhalter für die, die ihnen folgen werden, nachdem sie selbst ihre Aufgabe, die meist darin besteht, die Interessen nationaler Kapitale oder bestimmter Kapitalfraktionen zu vertreten, erfüllt haben. Die Phrasen dazu gehen in etwa so: „Politik ist nicht das Einzige in meiner Lebensplanung“; „nach der Politik möchte ich mich noch anderen Dingen widmen“ und so weiter. Das Andere ist aber nie eine neue Karriere als Bienenzüchter, Trappistenmönch oder Fluchthelferin, sondern immer ein Aufsichtsratsposten hier, ein Beratervertrag dort und dazwischen alles andere, was viel Geld einbringt. Nicht die Lust am Geldverdienen ist verwerflich, sondern das offene Bekenntnis zur Korruption, das geradezu lustvolle und dabei schamlose Offenlegen der realen Funktion der Politik in bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaften. Diese moralische Degeneration ist eine der Hauptursachen für die Selbstzerstörung vieler sozialdemokratischer Parteien, denen jene Bevölkerungsgruppen, die Sozialdemokraten eigentlich vertreten sollten, es besonders übel nehmen, wenn sie sich als das zu erkennen geben, was sie sind, nämlich inhaltlich entkernte und orientierungslose Haufen, allzu oft angeführt von Figuren, die nichts anderes interessiert als das persönliche Fortkommen in einer Gesellschaft, die gerechter zu machen zu versuchen sie längst aufgegeben haben.

Die immer weiter steigende Attraktivität barbarischer Ideologien, deren Hauptmerkmal der Rückzug auf Tribalismus und Identitäten ist, hat viel mit einem Mangel an Verständnis für die Wirklichkeit zu tun und weniger mit einem an „Bildung“. Bildung, wie sie inzwischen definiert wird, also als Erwerb von Fähigkeiten, die den Wert der eigenen Arbeitskraft erhöhen, hilft so wenig wie Bildung im klassischen humanistischen Sinne. Die besten Kunden esoterischer Schlangenölverkäufer sind Akademiker, die schlimmsten und dümmsten Nazis bestehen oftmals darauf, mit ihrem akademischen Titel angeredet zu werden. Bildung an sich ist nutzlos als Antidot gegen den Aufmarsch der Zivilisationsfeindlichkeit. Allenfalls Aufklärung könnte helfen, aber Licht ins Dunkel des Denkens zu bringen, ist mühsam und oftmals, da rasche Erfolge ausbleiben, frustrierend. Nicht nur der Aufklärer hat es schwer, sondern auch die, die einer Aufklärung bedürfen. Weil sie es schwer haben, finden sie ideologische Angebote gut, die es ihnen leicht zu machen versprechen. Weil die meisten nicht verstehen, dass sie in einem totalen System leben, in dem das Verhalten des Individuums nur einen beschränkten Einfluss auf dessen Lebensumstände hat, glauben sie umso inbrünstiger an das Märchen von der Eigenverantwortung und an Schauergeschichten von verschlagenen Eliten, die auf geheimen Kongressen die Geschicke der Welt dirigieren. Weil sie nicht begreifen können, welche Verhaltensweisen der Kapitalismus allen in ihm lebenden aufzwingt, sehen sie sich zurück nach den Gutenachtgeschichten ihrer Kindheit und den Hervorbringungen der Unterhaltungsindustrie, in denen es „Gute“ und „Böse“ gibt, Helden und Schurken. An diese Sehnsucht nach der vermeintlichen Simplizität, nach Dualität docken die Ideologien an, die Menschen in „Wir“ und „Die“ einteilen, in „Nützliche“ und „Unnütze“, in „Gläubige“ und „Ungläubige“, in „Inländer“ und „Ausländer“.

Wir sind auf einem schlechten Weg, auf einer Straße, die zu Ausgrenzung, Mord und Krieg führt. Ist also alles hoffnungslos? Eine Maschine, in die einen Holzschuh zu werfen sie bestenfalls kurz verlangsamt? Ich sage es mal so: Für Optimismus besteht kein übertrieben großer Anlass, aber noch ist nicht alles verloren. Eine Linke, die sich des Internationalismus und Universalismus besinnt und vor allem nicht nur den kapitalistischen, sondern auch den eigenen Arbeitsbegriff endlich kritisch aufarbeitet, könnte das Schlimmste noch verhindern. Dazu müsste sie aber die Last in Jahrzehnten angehäufter Dogmen über Bord werfen und Marx neu denken, neu verstehen lernen. Dazu ist übrigens die Lektüre der klassischen marxistischen Literatur nicht mal ansatzweise so nützlich wie eine kritische, von Solidarität geprägte Auseinandersetzung mit den Menschenmassen, die das Kapital als überflüssig ausscheidet, und vor allem mit dem Umgang der politischen Verwalter mit diesen Massen. Eine Linke, die ihrer Position als Arbeitskraftverkäufer beraubte Menschen als „Lumpenproletariat“ beschimpft, hat schon verloren und wird auch dann verloren haben, sollte sie eine Form von Macht erringen. Eine Linke, die im Arbeitsbegriff des 19. Jahrhunderts gefangen bleibt, muss scheitern beim Versuch, die aktuellen Vorgänge auch nur richtig zu verstehen, geschweige denn in Richtung Humanität verändern zu können. Wer die Machtverschiebung von der Arbeit zu den neuen Monopolen nicht erkennt, erkennt auch nicht die Ohnmacht der Gewerkschaften und ihrer Kampfmethoden von gestern. Und schließlich: Die Linke hat eine Chance, aber die hat sie nur dann und die verdient sie nur dann, wenn sie statt irgendwelcher grauen Technokratien, in denen der kapitalistische Zwang  durch einen staatskapitalistischen ersetzt wird und wo der Mensch immer nur noch Menschenmaterial bleibt, eine wirklich andere Welt denken und somit anbieten kann, eine Welt, in der die Menschen wirklich frei sind von der dauernden Erniedrigung zu Nummern in Kosten-Nutzen-Rechnungen. Solange die Linke das nicht auf die Reihe kriegt, werden die Bedrängten und Gedemütigten ihr Heil bei denen suchen, die „Heil“ brüllen.

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Ship of leftist fools

Fidel Castro entsteigt wieder mal der Gruft und veröffentlicht in seiner Hauspostille Granma einen Kommentar mit dem Titel „Neue und widerwärtige Form des Faschismus“. Gespannt fängt man an zu lesen und fragt sich, wo der alte Fuchs den neuen, widerwärtigen Faschismus sieht. Er wird doch nicht etwa was über Ungarn sagen, wo der Wohlfahrtsstaat durch einen Zwangsarbeitsstaat ersetzt wird und radikaler Antiliberalismus und Antisemitismus en vogue sind? Oder schreibt er über Putins Russland, wo eine leckere Suppe gekocht wird mit Zutaten aus dem klassischen Faschismus, dem Totalitarismus der Stalin-Ära und Neonationalismus mit klerikaler Garnitur? Widmet Castro sich Erdogans Türkei, die gerade zu einer wirtschaftlich neoliberalen Religionsdiktatur umgebaut wird? Oder nimmt er die ISIS aufs Korn, diese radikalislamische Saubande, die mordend durch Syrien und Irak stapft und auf die die Zuschreibung „Faschismus“ ja wohl voll und ganz zuträfe?

Natürlich nicht, er schreibt über Israel und Gaza, und die Faschisten sind, so vermute ich (es geht aus dem Gestammel ja nicht eindeutig hervor), die Israelis. Ein wahrer Volltreffer. Klar, es gibt richtigen Faschismus in Aktion (ISIS), in halb Europa setzen neofaschistische Parteien zum Sprung an die Spitze der Staaten an, in einigen regieren sie schon und die Gesellschaften faschisieren sich schleichend durch die totale Vorherrschaft marktradikalen Denkens und Handelns, aber das hindert Castro und mit ihm die noch verbliebenen Idioten der KPÖ nicht daran, sich an Israel abzuarbeiten. Man möchte schreien angesichts dieser am laufenden Band gelieferten Offenbarungseide der verbliebenen Linken dieser Welt, die so dermaßen neben der Spur läuft, dass man sie nicht einmal mehr ruhigen Gewissens als „links“ einstufen kann. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte jeder sich selbst als links einordnende Mensch angesichts von Mörderbanden, die Menschen aus religiösen Motiven abschlachten und knechten, zum Kampf gegen diese aufgerufen. Heute, wenn in Gestalt der Hamas so eine Bande, die noch dazu im Grundsatzprogramm den Massenmord an Juden stehen hat, einen Terrorkrieg gegen die liberale Demokratie Israel führt, kommt im günstigsten Fall ein Äquidistanzgewäsch der Marke „alle sind gleich schuld, hört auf zu streiten“ heraus. Weite Teile der Linken erkennen nicht einmal mehr den reaktionären, klerikalfaschistischen Charakter der Hamas und die, die wenigstens das schaffen, wollen sich nicht dazu durchringen, dem vergleichsweise enorm progressiven Staat Israel gutes Gelingen im Kampf gegen die Terroristen zu wünschen. Stattdessen beschwert man sich über das Wahlverhalten der Israelis, weil die zum Teil rechte Parteien wählen statt zum Beispiel die antizionistischen, also der Auflösung des Staates Israels verpflichteten aktuellen Kommunisten dort.

In Tagen wie diesen merke ich, wie heimatlos ich politisch bin. Ich bin kapitalismuskritisch und halte das derzeitige Wirtschaftssystem für stark reformbedürftig. ich bin für mehr, für viel mehr Sozialstaat. Ich bin für die völlige Gleichberechtigung von Mann und Frau und für die Akzeptanz aller Lebensformen. Und so weiter und so fort. Ich bin eigentlich für fast alles, was gemeinhin als „links“ gilt. Aber wenn das nur zum Preis der Gesellschaft antisemitischer Deppen zu haben ist, die selbst dann noch gegen den Zionismus hetzen werden, wenn sie in ihren eigenen Ländern bereits die Stiefel der echten Faschisten im Nacken haben, dann weiß ich nicht, was ich mit solchen Leuten zu schaffen haben soll. Die sind nämlich offensichtlich zu dämlich, um eine wirklich emanzipatorische Politik jenseits von Floskeln und Dogmen zu machen. Es geht ja nicht allein um Israel und den Zionismus, es geht um viel mehr. Es geht um realistische Einschätzungen, um Analysefähigkeit und, ja doch, um Moral. Jene Sorte Linker, die Israel nicht mag, ist meist personalident mit der, die autoritären Varianten linker Politik gegenüber aufgeschlossen ist. Das sind also die, die nicht das Gefängnis abschaffen, sondern nur den Kerkermeister austauschen wollen. Das sind die, deren geistige Vorfahren schon Millionen Menschenleben am Gewissen hatten und viele weitere Millionen Gefolterte und Gefangene. Aber wenn die angebliche Befreiung nur so zu haben sein soll, also mit Antisemitismus und Gulag und Diktatur des Proletariats, dann kann sie mir gestohlen bleiben, weil sie nämlich keine ist.

Zeit der Entscheidung

Als ich mich vor einigen Jahren mit einem rassistischen Ungarn wegen dessen Hasstiraden gegen Roma und Sinti stritt, sagte der: „Wart´s nur ab. Sobald die Zigeuner nach Westeuropa kommen, wirst du schon sehen, dass eure Leute sie genauso hassen werden, wie wir es tun“. Er hatte natürlich Recht. Kaum wagten es einige Roma, die als großes Verdienst der EU gefeierte Reise- und Niederlassungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, begegnete ihnen dort, wo sie sich ansiedeln wollten, Hass und Ablehnung. Politiker, gerne auch Sozialdemokraten, taten sich in Frankreich und Deutschland als Mahner wider den „Sozialtourismus“ hervor und befeuerten so den Fressneid der Eingesessenen. Ganz schnell wurde klar, dass Reisefreiheit nach Möglichkeit nur für Exportgüter der westeuropäischen Industrie gelten solle, nicht aber für arme Menschen, die dorthin wollen, wo diese Exportgüter hergestellt werden. Ganz besonders schnell und ganz besonders ekelhaft outeten sich Deutsche als Antiziganisten. Das Volk, das Hunderttausende Roma ermordet hatte, gründete Bürgerinitiativen genannte Lynchmobs, sobald sich Roma in einer Stadt ansiedelten, und ließ in Internetforen wie Facebook seinen Mordfantasien freien Lauf. Verstöße gegen deutsche Tugenden wie Mülltrennung, die Erziehung von Kindern zu Schweigsamkeit und die Pflicht Armer, sich demütig unsichtbar zu machen, nehmen Deutsche besonders krumm. Es treibt sie in den Wahnsinn, wenn jemand sich die Freiheit herausnehmen will, mitten in Deutschland anders zu leben, als es die deutsche Mehrheit macht. Im besten Fall fordern die empörten Anrainer sogenannter „Problemhäuser“, also jener Häuser, in denen Roma leben, nur die Deportation der ungeliebten neuen Nachbarn. „Die Politik“, so diese Spießbürger, müsse „was unternehmen“. Ganz Unrecht haben sie mit letzterem gar nicht. Europa hat ein massives und sich täglich zuspitzendes Problem mit den ärmeren Teilen seiner Bevölkerung, und wir stehen genau jetzt an einer Weggabelung und müssen uns entscheiden, welchen Weg wir nehmen wollen.

Wir müssen uns entscheiden, ob wir den totalen Markt und die totale Konkurrenz haben wollen oder nicht. Wenn wir ersteres wollen, dass also alle europäischen Volkswirtschaften gegeneinander und der europäische Block gegen alle anderen Blöcke konkurrieren, also den Kapitalismus in seiner natürlichen, unkorrigierten Form, dann bringt das zwangsweise die Barbarei mit sich. Wenn alles nur mehr Konkurrenz und Kostenfaktor ist, können sich die konkurrierenden Wirtschaften Menschen, die mehr kosten, als sie einbringen, nicht leisten und müssen sie daher loswerden. Das geschieht üblicherweise durch Mord, dem zumeist noch die Verwertung der zu Ermordenden durch Sklavenarbeit vorausgeht. Das ist kein Ausdruck von Sadismus, obwohl die dazu gehörenden Prozesse der Menschenmaterial-Verwertung natürlich Sadisten und Psychopathen anziehen, sondern die Folge ökonomischer Sachzwänge einer globalen Konkurrenzwirtschaft. Wenn Marktteilnehmer A seine Alten und Kranken durchfüttert, Marktteilenhmer B aber nicht, dann wird Marktteilnehmer B Marktteilnehmer A wirtschaftlich in absehbarer Zeit auslöschen. Natürlich könnte Europa auch sagen: „Nein, das wollen wir nicht, so sind wir nicht mehr. Wir möchten, dass jeder Mensch existieren darf und kann, da dies ein Menschenrecht ist und außerdem vernünftig, da ja auch wir mal zu den Überflüssigen gehören könnten“. Solche Überlegungen gab es schon mal, man nannte sie unkorrekt „Kommunismus“.

Dazu ein kleiner Exkurs:

Die Roma waren und sind die großen Verlierer des Untergangs des Realsozialismus. Ich habe oft genug über die negativen Seiten des so genannten Kommunismus geschrieben, ich brauche mich also weder für die Erwähnung seiner positiven Aspekte zu rechtfertigen, noch muss ich jedes Mal „Pol Pot“ , „Stalinismus“ und „Kulturrevolution“ dazuschreiben. Die Schwächen aller sozialistischen Versuche sind allgemein bekannt, die größte davon war wohl, dass nahezu überall verabsäumt wurde, Herrschaftsstrukuren abzuschaffen oder so zu entschärfen, dass die immer noch oft genug tödliche Machtausübung von Menschen über Menschen nicht stattfinden kann, dass sich keine neuen Eliten bilden, was wieder nur jene Charaktere nach oben spült, die auch im Kapitalismus zu den Herrschenden gehörten. Statt der Freiheit kam die Unfreiheit in neuem Gewand. Wie jeder klar denkende Mensch lehne ich aber Totalitarismustheorien ab. Rassistisch motiviert ganze Menschengruppen vom Baby bis zum Greis millionenfach, industriell, programmatisch, kaltblütig und geplant zu ermorden, ist nicht „gleich schlimm“, wie durch Fehlentscheidungen Versorgungsengpässe herbeizuführen. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Geistig Kranke hunderttausendfach umzubringen ist nicht „gleich schlimm“, wie einige Regimegegner in die Psychiatrie zu stecken. Es ist wesentlich und qualitativ viel schlimmer. Wenn man den Realsozialismus beurteilen will, sollte man auch mal darauf achten, was der nicht gemacht hat. Er hat Menschen nicht aus rassistischen Gründen verfolgt, eingesperrt und ermordet. Er hat Menschen, die eingeschränkt oder gar nicht arbeitsfähig waren, nicht verrecken lassen. Für die Roma und etliche andere Gruppen, die zuvor jahrhundertelang mit entsprechenden Folgen für Selbstwertgefühl, Eigendefinition und ökonomisches Standing ausgegrenzt worden waren, bedeutete dies, dass sie in den sozialistischen Diktaturen Arbeit, menschenwürdige Behausung, Ausbildung und medizinische Versorgung hatten. Sie waren inkludiert und durften zumindest offiziell nicht diskriminiert werden. Ihre Kinder gingen zur Schule und viele davon später auf Universitäten. Die Integration der Roma und anderer zuvor ausgeschlossener Menschen in die realsozialistische Wirtschaft und Gesellschaft war eine politische Entscheidung. Man entschied sich dafür, jedem Menschen ein Recht auf Existenz zuzugestehen. Das war, rein ökonomisch betrachtet, ineffizient und teuer. Daher wurde das mit dem Einzug des Kapitalismus auch sofort beendet. Nicht nur Roma, aber vor allem auch diese waren plötzlich arbeitslose Sozialhilfeempfänger. Massiv rassistisch ausgegrenzt, konnten sich Roma und Sinti am schlechtesten an die neue Kultur des Konkurrenzkampfes anpassen und versanken in Not und Elend, hausend in Ghettos und einmal mehr zurückgeworfen auf sich selber und überholte Clanstrukturen. Und heute schlägt jenen, denen durch das Zusammenstreichen der Sozialsysteme und durch Diskriminierung schlimmster Sorte die Lebenschancen gestohlen werden, Hass und Ablehnung dafür entgegen, dass sie Opfer sind.

Um den Wert von Menschenleben nicht ökonomisch festzuschreiben, was zur Vernichtung von Menschenleben führen muss, braucht es nicht zwingend die Diktatur des Proletariats. Es braucht politische Entscheidungen und den Willen, eine Gesellschaft zu haben, in der niemand so weit zurückbleiben muss, dass er durch strukturelle oder offene Gewalt seine Existenz verliert. Entweder Europa, dieser unglaublich reiche Kontinent, bekennt sich zu einer Form eines gemäßigten Kapitalismus, die jeden Menschen leben lässt, oder man muss den Kapitalismus abschaffen. Eine reiche Gesellschaft, die ihren stetig und immer weiter wachsenden Reichtum durch Exklusion und letztlich Mord zu verteidigen und auszubauen beabsichtigt, hat keine Existenzberechtigung, da sie verbrecherisch ist. Und auch wenn das mal wieder als Alarmismus abgetan werden wird: Wir sind nicht mehr weit davon entfernt, dass das stille und etwas verschämte Morden, wie das Verreckenlassen von Armuts- und Kriegsflüchtlingen oder das Sterbenlassen von Armen und Kranken, in offenen Massenmord übergehen wird. Schon der Status Quo ist inakzeptabel und unerträglich, aber was da immer schneller am Horizont aufsteigt, ist die totale Dehumanisierung, ein neues Massenmorden im Namen von Wettbewerbsfähigkeit und Geldwertstabilität. Jetzt ist die Zeit, Position zu beziehen, offen, immer und überall. Wer nicht will, dass wir diese Straße, die zu Lagern und Krematorien führt, weiter gehen, muss handeln. Macht verdammt noch mal euer Maul auf! Sagt es den Politikerinnen und jedem, ob er es hören will oder nicht, dass ihr keine Welt wollt, in der Menschen nur Zahlen in Kosten-Nutzen-Rechnungen sind!

T-Shirts und Faschismus

Am 12. Oktober hat sich die Kommunistische Partei Österreichs mal wieder gespalten und ein marxistisch-leninistischer Flügel machte sich unter dem Namen „Partei der Arbeit“ selbständig. Da mag einem das Bonmot von der Linken, die sich durch Spaltung vermehre, in den Sinn kommen, aber dann sollte man auch bedenken, dass die einzigen Organismen, die sich so vermehren, Einzeller sind, was dann wieder den Zustand der radikalen Linken in Österreich, aber auch in vielen anderen Ländern, doch ganz gut beschreibt. Der linke Einzeller, eine winzige Kreatur, die sich um nichts sorgt als sich selbst, wuselt ignorant durch eine Pfütze und hält sich für die ganze Welt. Wer sonst nichts weiß über den kläglichen Zustand der Linken, der braucht nur eine Story zu erfahren, nämlich die von der antifaschistischen Band „Feine Sahne Fischfilet“, die während eines Konzerts in einer linken Spelunke in Bielefeld Ärger mit dem Saalschutz bekam, weil sich der Schlagzeuger das T-Shirt ausziehen wollte. Das, so die hyperkorrekte LesbenGayBiTrans-Polizei, sei furchtbar unsolidarisch von den männlichen Musikern, da Frauen eine Ordnungsstrafe aufgebrummt bekämen, würden sie dasselbe machen. Das Leiberl blieb am Schlagzeugeroberkörper und die LGBT-Bewegung hatte einen großen Sieg über den Sexismus errungen. Statt weibliche Brustwarzen zu befreien, werden männliche solidarisch versteckt. Knast für alle, hurra. Zu schade, dass jener Transsexuelle, der sich in Belgien fast zeitgleich staatlich sanktioniert ermorden ließ, was man hämisch Euthanasie, den schönen Tod, nennt, nicht davon erfahren hat. Vielleicht hätte es ihn überzeugt, dass das Leben trotz einer Umwelt, die Transgenderpersonen fertig macht, lebenswert sei? Wahrscheinlicher ist freilich, dass er kurz gestaunt hätte angesichts der Ignoranz der Bielefelder LGBT-Linken um dann zu verfügen, dass sein Körper sofort kremiert werden solle, um jedes Risiko, doch in einer Welt mit linker T-Shirt-Polizei weiterleben zu müssen, auszuschließen.

Eine Linke, die nicht zu einer totalitären Arschgeigenveranstaltung degenerieren will, muss kritisch sein, muss sich und die Theorie ständig hinterfragen, muss offen bleiben für die Anliegen der Unterdrückten und sollte sich natürlich antiintellektuelle Reflexe ebenso verkneifen wie Hohn für Subkulturen. Eine Linke aber, die einen Großteil ihrer Energie an Bekleidungsdebatten genauso verschwendet wie an innerlinke theoretische Schwanzvergleiche, muss und wird scheitern. Und teilweise ist das gut so, denn Linke wie die „Partei der Arbeit“, die sich als „antiimperialistisch“ definiert und gegen den „antinationalen Kosmopolitismus“ wettert, was im Klartext heißt „wir sind Antisemiten und finden noch den reaktionärsten Nationalisten geil, solange der gegen Amerika ist“, würden der Welt einen Gefallen erweisen, wenn sie untergehen. Das bedeutet natürlich nicht, dass dieser Planet keine Linke bräuchte, und zwar dringend. Jeder Tag beweist mit den Schlagzeilen, die er produziert, wie nötig eine linke Renaissance wäre. Zwar schafft der Kapitalismus einen globalen Trend gegen die Armut, was begrüßenswert ist, doch geht die weltweite Armut um den Preis innergesellschaftlicher Segregation zurück. Anders gesagt: Kinderarbeit und Sweatshopausbeutung sind besser als gar keine Arbeit, aber es gibt viel zu rasch viel zu viele Millionäre und Milliardäre, deren Existenz und deren hurtige Vermehrung darauf verweist, dass der ganze Laden ungerecht gemanagt wird. Eine demokratische, nicht fanatischer Linke hätte derzeit in weiten Teilen der Welt nicht die Aufgabe, die Produktionsmittel zu sozialisieren, sondern Krankenversicherung, Arbeitslosengeld und Rentensysteme einzuführen. Ich weiß, das klingt nicht sehr glamourös, so gar nicht nach Hasta La Victoria Siempre und so, aber es könnte dem real existierenden Menschen konkret helfen. Und zwar jetzt und nicht erst in 100 Jahren. Eine demokratische Linke in Europa hätte die Pflicht, die Zerstörung der Sozialstaaten aufzuhalten und rückgängig zu machen. Der Großangriff des Kapitals auf die zivilisatorischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte sollte Linke ebenso zum Handeln statt zum Schwätzen bringen wie der ruinöse Zustand der durchwegs korrupten Gewerkschaften und Sozialdemokratien. Aber stattdessen hocken Linke über ellenlangen Essays, die man ohne Hochschulabschluss kaum noch entziffern kann, und liefern einander unter faktischem Ausschluss der Öffentlichkeit Gefechte ohne Sinn und Ziel. Währenddessen greifen rechtsautoritäre und faschistische Bewegungen in ganz Europa nach der Macht, der fucking Front National wird demnächst stärkste Partei in Frankreich, und was in Ungarn passiert, muss man hoffentlich nicht erneut erklären? Die Sozialdemokraten, unterwandert von Betriebswirtschaftern und Bankern, lassen den Kontinent in Komplizenschaft mit konservativen Parteien vor die braunen Hunde gehen. Das sollte doch Anlass sein, tätig und notfalls auch tätlich zu werden?

 

Kluge vs. dumme Sozialisten

Kluge Sozialisten wollen das: Gute Arbeitsbedingungen. Akzeptable Löhne. Eine soziale Absicherung für Alte, Kranke und Arbeitslose. Medizinische Versorgung für alle. Ausreichend und leistbaren Wohnraum. Kostenlose oder möglichst erschwingliche Bildung. Eine Steuerpolitik, die  Investitionen begünstigt, Hortung benachteiligt, Erben belastet, Neuunternehmer entlastet und die Kaufkraft stärkt. Gleiche Rechte für Frauen. Abbau jener bürokratischen Hindernisse, die Unternehmertum sinnlos behindern oder verunmöglichen. Freie Bauern, die das produzieren, wovon sie selber am besten wissen, dass es sinnvoll ist. Nationalismus und Antisemitismus bekämpfen.

Dumme Sozialisten wollen das: Planwirtschaft. Verstaatlichung aus Prinzip. Verteilung von Land an Leute, die von Landwirtschaft keinen Schimmer haben. Aufgeblasene Bürokratien, die jede Eigeninitiative im Keim ersticken. Nationales Gedöns und antisemitisches Geraune. Verherrlichung von Militär und Machismo.

In Venezuela regieren dumme Sozialisten.

Ein Sozialismus, der es nicht fertig bringt, die Menschen mit ausreichend Klopapier zu versorgen, hat keine Existenzberechtigung.

Fidel Castro beichtet

Aber Fidel, das kannst du deinen Che-Guevara-T-Shirts tragenden und von der Zärtlichkeit der sozialistischen Völker schwärmenden Fans doch nicht antun! Das geht doch nicht, dass du im ehrenwerten Greisenalter doch noch Anflüge von Selbstkritik entwickelst!

-Jetzt gibst du plötzlich zu, dass die Sache mit der Verfolgung der Homosexuellen nach der Revolution vielleicht doch keine so fortschrittliche gewesen sein könnte und dass du sogar persönlich dafür verantwortlich gewesen bist.

-Damit nicht genug lässt du deinem (bald ehemaligen?) antiimperialistischen Kumpel Ahmadinejad  ausrichten, dass du dessen Antisemitismus nicht so leiwand findest: Fidel Castro hat den iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad aufgefordert, mit der Beleidigung der Juden aufzuhören. Die iranische Regierung müsse die Tragweite des Antisemitismus verstehen. „Das geht seit zweitausend Jahren so. Ich glaube nicht, dass irgendjemand dermaßen verleumdet wurde wie die Juden. Auch die Muslime nicht. Juden wurden viel massiver beleidigt und als die Muslime, weil man sie immer verleumdet und für alles mögliche verantwortlich gemacht hat. Niemand hingegen macht die Muslime für irgendetwas verantwortlich. Die Juden haben eine viel härtere Existenz geführt als wir. Nichts ist mit dem Holocaust vergleichbar“.

-Und das Irrste: Du hast angeblich eingeräumt, dass die ganze Sache mit dem Karibiksozialismus in die Hose gegangen ist. Auf die Frage, ob es sich noch lohne, das kubanische Modell auf andere Länder zu übertragen, habe der 84-Jährige geantwortet: „Das kubanische Modell funktioniert selbst bei uns nicht mehr“, schrieb der US-Journalist Jeffrey Goldberg am Mittwoch in einem Blog.

Nun bist du, Fidel, leider berüchtigt dafür, Journalisten mit deinem Charme und deiner rhetorischen Brillanz um den Finger zu wickeln und ihnen stets das zu sagen, von dem du glaubst, das sie es hören wollen. Und die Chancen stehen nicht schlecht, dass wir schon morgen von dir wieder eine verquere „Analyse“ der geopolitischen Lage inklusive heftiger Attacken gegen Israel und/oder die USA lesen müssen. Vielleicht meinst du es aber auch ernst und möchtest im Angesicht des anklopfenden Sensenmannes moralisch klar Schiff machen? Vielleicht rücken dir die Gespenster der Verratenen, Erschossenen, Gefolterten, Eingesperrten und Unterdrückten auf die Pelle? Vielleicht wird sogar dir nun das zunehmende Elend des kubanischen Volkes unerträglich? Falls dem so ist, dann hast du noch einiges zu erledigen und noch sehr oft „mea culpa“ zu sagen. Aber wenn es je einen Diktator gegeben hat, dem ich echte Einsicht zutraue, dann bist du das, Fidel, du Kuschelbär unter den totalitären Monstern, denn trotz deiner Verbrechen und deiner Fehlentscheidungen und deines teils wahnhaften Verhaltens warst du einer der Harmloseren im Club der gewaltbereiten Utopisten. Und einer der Intelligentesten.