Enculez-vouz!

Nun war also auch Graz Schauplatz von demonstrativer Empörtheit, und der Schutzheilige der Empörten, Stéphane Hessel, war dabei. „Der Standard“ hat darüber recht eigentümlich berichtet: Stéphane Hessel hatte sich zuvor am Nachmittag in das Goldene Buch der Stadt im Rathaus eingetragen. Als der ehemalige Diplomat, der 1948 Mitverfasser der Erklärung der Menschenrechte war, schließlich das Wort am Platz ergriff, hörten ihm über 1000 Menschen zu. „Ich habe Eure Stadt Graz so lieb“, begann Hessel, der nicht zum ersten Mal hier war, und lobte den Widerstand der Bürgerplattform gegen das erste Sparbudget in Österreich seit der Bankenkrise. Hessel erinnerte an das, was Demonstranten gerade in New York skandierten: „Wir sind 99 Prozent!“ Es könne nicht so weiter gehen, dass manche Menschen 200 Millionen Dollar verdienten und ihnen das noch nicht genug sei, während andere mit zwei Dollar auskommen müssten. „Habt Vertrauen! Auch wenn es manchmal so aussieht, als könnte man nichts ändern – die Wahrheit ist: Das stimmt nicht“, schloss der Mann mit dem freundlich-kämpferischen Gesicht. 

Wer ein „freundlich-kämpferisches Gesicht“ herzuzeigen hat, der muss ja ein Guter sein, nicht wahr? Da gibt es dann auch keinen Widerspruch, wenn der „Standard“ die Mär, Hessel sei Mitverfasser der Erklärung der Menschenrechte gewesen, brav weitererzählt. In Wahrheit war Hessel allenfalls Korrekturleser, aber NICHT  Autor oder Unterzeichner dieser Erklärung. Das könnte sogar eine „Standard“-Mitarbeiterin nach einer kurzen Recherche bei Wikipedia wissen. Und dass diese „Standard“-Mitarbeiterin, so wie quasi die gesamte Szene dieser Party-Protestbewegung,  es hinnimmt oder gar begrüßt, dass „Empört Euch“ eben kein sozial- und wirtschaftspolitisches Manifest, sondern in erster Linie ein antiisraelisches Pamphlet ist, passt zum bauchlinken Mob, der da „kampstrickend“ und „revolutionstanzend“ und Gemüse zerhackend laut plärrt, ohne etwas Substanzielles zur Lage zu formulieren in der Lage zu sein. Und es passt zu den journalistischen Jubelperserinnen dieses Mobs.

In „Indignez -vouz“!“ schreibt Hessel ganze neun Seiten lang im Tonfall des Vulgärsozialisten über die Tugend des Aufmüpfigsein, bevor er dann seine wahre Agenda enthüllt: Nichts empöre ihn so sehr, wie die Behandlung der Palästinenser, lässt er die antisemitische Katze aus dem Sack. Er schreibt nicht, dass ihn die Probleme im Nahen Osten auch empören, neben den wirklichen Ungerechtigkeiten in dieser Welt, nein, ausschließlich die israelisch-arabischen Auseinandersetzungen und dabei der Fakt, dass Israel derzeit die Oberhand dabei hat, empören ihn. Anderswo mag es Völkermorde geben, anderswo betreiben Staaten Arbeitslager mit geringen Überlebenschancen für die Insassen, anderswo verhungern Millionen, anderswo werden Schwule an Baukränen erhängt, anderswo schießt die Staatsmacht auf das eigene Volk, anderswo sterben Menschen, weil sie keine medizinische Behandlung erhalten, anderswo sitzen Unschuldige in Todeszellen – das alles aber findet Hessel nicht gar so empörend. Nur Israel selektiert er und erklärt dessen Kampf ums Überleben zur „größten Ungerechtigkeit“. Das macht seine „Kritik“ an Israel antisemitisch.

Kein Wunder, dass so einer in der „Stadt der Erhebung“ gut ankommt…

Empört euch – gegen die Dummheit!

Es könnte so schön sein: Ein 93-jähriger Holocaust-Überlebender und Resistance-Veteran schreibt noch einmal eine Kampfschrift, in der er die Jugend auf kurzen und knackigen 32 Seiten dazu auffordert, sich zu empören, und die Jugend vertieft sich brav in die Kampfschrift und empört sich gegen das Unzumutbare. Aufstand! Widerstand! Party! Faschisten an die Laternen! Leider ist es so, dass Stéphane Hessel, der das Pamphlet „Inidgnez Vouz“ sozusagen als Vermächtnis vor dem Ritt in die Grube geschrieben hat, kein des analytischen Denkens fähiger Mann ist. Wie sonst könnte er sagen, am meisten empöre ihn „die Blockade des Gazastreifens“? Müsste ihn nicht viel mehr der Grund für die Blockade empören, wenn er sich schon ausgerechnet Gaza als Empörungsthema Nummer 1 herauspicken muss in einer Welt, in der es echte Völkermorde gibt, in der Milliarden in Diktaturen leben, in der Menschen verhungern und an heilbaren Krankheiten verrecken, in der Millionen von klerikalfaschistischen Regimen geknechtet werden, in der die Nazis wieder marschieren? Nein, davon kein Wort. Den alten Mann empört nicht, dass Fanatiker den Abzug Israels aus Gaza zu einem fürchterlichen Terrorkrieg nutzten und immer noch nutzen, ihn empört, dass Israel dagegen Schutzmaßnahmen ergriffen hat, dass sich Israelis nicht ohne Gegenwehr abschlachten lassen. Und das, Monsigneur Hessel, bedeutet Disqualifikation. Aufrichtig wäre es, sich gegen die Hamas zu empören statt gegen Israel. Ehrlich und redlich wäre es, sich mit jenen Menschen im Gazastreifen zu solidarisieren, die unter der Situation leiden, denen die Jugend gestohlen und die Zukunft verbaut wird von Terroristen, denen das Leid der Bevölkerung nicht nur egal ist, sondern die dieses Leid der Propagandawirkung wegen nach Möglichkeit zu vergrößern trachten. Schade, dass keiner dem Hessel erzählt hat, dass die Jugend in Gaza sehr empört ist – aber nicht bloß wegen der Blockade, sondern vor allem auch wegen der dafür Verantwortlichen, der Hamas nämlich. Und wenn der Tag kommt, an dem sich diese empörte Jugend der Hamas und anderer Verbrecher entledigen wird, dann wird auch die Blockade fallen. Diese Blockade ist nicht schön, und sie bedeutet Frustration und Leid für die Bewohner von Gaza, aber wenn die Alternative dazu bedeutet, dass man Vernichtungsantisemiten ungestört ihr blutiges Werk verrichten lässt, dann ist sie ein notwendiges Übel und moralisch sowie rechtlich völlig in Ordnung.