Die alte Frau und der schöne Tod

Zu meiner Überraschung stellte ich heute fest, dass Lotte Ingrisch noch lebt. Ein Umstand, der ihr wohl unangenehm ist, wenn ich den Gastkommentar, den sie für die Tageszeitung „Der Standard“ geschrieben hat, richtig verstehe. Meine Leserinnen und Leser außerhalb Österreichs kennen die Dame vielleicht nicht, daher eine kurze Vorstellung: Lotte Ingrisch ist eine Wiener Autorin, die mit dem Philosophen Hugo Ingrisch und dem Komponisten Gottfried Einem verheiratet war. Seit den 1970er Jahren bespaßt sie in ihrem Salon die höhere Wiener Gesellschaft mit ihren angeblichen Kontakten zum Jenseits, von wo aus ihr, wie sie behauptet, verstorbene Größen der österreichischen Intellektuellenszene ganze Bücher diktiert haben sollen. Als „Jenseitsforscherin“ hält Ingrisch eine Weiterexistenz nach dem Tod für gegeben und sie behauptet, dieses Leben nach dem Tod sei ein glückliches – außer für Selbstmörder, was insofern eine pikante Idee ist, als Ingrisch sich nun für Mord- und Selbstmord einsetzt. Sie nennt es „Sterbehilfe“.

In Deutschland, behauptet Ingrisch, sei etwas „Schreckliches passiert“. Man habe dort „das Sterben verboten. Genauer: Das Recht zu sterben, irrtümlich Selbstmord genannt“. Das ist schlicht falsch. Der deutsche Bundestag hat lediglich das geschäftsmäßige Töten verboten, also die Euthanasie als bezahlte Dienstleistung. Echte Sterbehilfe, etwa die nicht kommerzielle Unterstützung kranker Menschen durch Schmerztherapie und sogar die Beratung über Möglichkeiten, das Sterben zu beschleunigen, bleibt straffrei. Nun will ich da aber nicht so streng sein mit Frau Ingrisch, denn wer mit den Toten redet, hat es erfahrungsgemäß nicht so mit den Fakten. Richtig problematisch wird ihr Text, sobald sie ihre ideologisch Agenda offenbart: „Das Schöne am Leben ist natürlich der Tod, und gerade den will euch und uns die Politik jetzt verbieten“. Dass der Tod schön sei, war und ist der Leitspruch der Faschisten dieser Welt, die so viele Menschen, die gerne gelebt hätten, ermordet haben und immer noch ermorden. Die angebliche Schönheit des Todes ist das zentrale Motiv derer, die das Leben und alles Lebendige verachten. Radikale Islamisten denken zum Beispiel so. Das Leben, das reale Dasein, ist für sie unrein und mit Sünde befleckt. Erst im Tod beginnt für sie das echte Leben, denn im Jenseits liegt das Paradies.

Hinter all dem metaphysischen Klimbim steckt die harte materialistische Realität gerade bei denen, die diese abzulehnen behaupten. Diese alt bekannte Tatsache offenbar sich auch im weiteren Verlauf des Ingrisch-Textes, denn sehr rasch kommt die Frau darauf zu sprechen, was ihr wirklich wichtig ist: Geld. Wir brauchen eine neue Ars Moriendi, denn wir haben das Sterben verlernt. Wir kämpfen um unser Leben, weil wir glauben, dass wir nichts anderes haben. Wir klammern uns an den Leib, weil wir glauben, dass wir nichts anderes sind. Ein materialistischer Aberglaube, der jeden Staat in den Bankrott treiben wird. Lebenssucht, die teuerste aller Süchte, wird selten von denen bezahlt, die sie befriedigen“. Die freche Unlust der Alten und Kranken, doch bitte rasch zu verrecken, kostet den Staat Geld. Wer sich weigert, zu sterben, ist also ein Schädling am finanziellen Wohlergehen des Gemeinwesens. In den Mord-Kliniken der Nazis hatte man eine Ars Moriendi bereits praktiziert und die teuren Behinderten zu Hunderttausenden in ein angeblich besseres Jenseits befördert. Mit genau den Argumenten, die Frau Ingrisch jetzt wiederkäut. All die Kranken und Behinderten kosteten die „Volksgemeinschaft“ einfach zu viele Reichsmark, weswegen es nicht nur gnädig, sondern ein Dienst an den gesunden Volksdeutschen sei, sie zu ermorden.

Was war die Voraussetzung für den Massenmord der Nazis an Kranken und Behinderten? Deren Dehumanisierung und Devaluierung. Erst wenn menschliches Leben entwertet wurde, können die Mörder seelisch entlastet zur Untat schreiten. Ingrisch schließt sich dieser Entlastungsstrategie an: „Da wir unsere biologische Existenz für die einzige halten, haben wir das Leben für heilig erklärt. Soweit es uns betrifft, verteidigen wir es mit äußerster Grausamkeit. Was soll daran heilig sein?“ Nun steht es mir nicht zu, die religiösen oder „spirituellen“ Überzeugungen anderer Menschen schlecht zu reden, aber nicht nur die seriöse Bewusstseinsforschung legt nahe, dass die „biologische Existenz“ die einzige ist, die wir je haben werden. Auch die Weltreligionen sind sich der Einmaligkeit der physischen Existenz bewusst, denn in seltener Übereinstimmung halten sie das Leben für heilig. Wie sie das im Einzelfall theologisch argumentieren, ist weniger interessant und aufschlussreich als das Faktum selbst, denn hinter den Metaphern steckt wohl wenigstens die Ahnung um die Finalität des Todes. Die Denker und Denkerinnen unter den Theologen sind daher traditionell schlechte Verbündete der Mordbuben (die Nicht-Denker und Wörtlichnehmer unter ihnen dafür umso bessere).

Dann packt Ingrisch einen Klassiker aus uns jammert: „Der medizinische Fortschritt gestattet kaum ein natürliches Ende“. Was ein natürliches Ende sein soll und wodurch ein unnatürliches definiert wird, sagt uns Ingrisch nicht, da sie auf die Macht der Floskeln setzt. Wer noch nicht verblödet ist, weiß freilich, dass ein „natürliches Ende“ der Tod ohne Fremdverschulden ist, das „unnatürliche“ dagegen ist Mord und Totschlag. So schwammig Ingrischs Definition von Natürlichkeit auch sein mag, stellt sich doch die Frage, wie sie das Totspritzen von Menschen, das sie als „Recht“ einfordert, als „natürliches Ende“ halluzinieren kann. Die Umkehrung von Begriffsinhalten gehört freilich gerade in esoterischen Kreisen zum normalen Handwerk. Unwidersprochen stehen lassen muss man es deswegen noch lange nicht.

Wie sehr viele aus der Eso-Szene hat Ingrisch eine seltsamen Liebe zu Viren und Bakterien. Das führt dann zum Höhepunkt der Absurdität in ihrem Text. Die moderne Medizin sei böse, denn: „In der Alchemie der Verwesung entsteht Leben. Wer Tod verhütet, treibt Leben ab“. Denkt denn keiner an die armen Bakterien und Würmer, denen die fiese Schulmedizin ihr Futter vorenthält?

Der Text von Lotte Ingrisch ist klassische Euthanasie-Propaganda, die mit Begriffsverwirrung arbeitet und letztlich zum Ziel hat, die Volkswirtschaften von den teuren Kranken, Alten und Behinderten zu befreien. Sterbehilfe, wie sie hier gefordert wird, meint Mord. Echte Sterbehilfe bedeutet, sterbenden Menschen eine möglichst schmerz- und angstfreie letzte Lebenszeit zu ermöglichen. Sie bedeutet, die Schmerzforschung zu intensivieren und bei der Behandlung nicht an Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu geizen. Sie bedeutet, Menschen auch an der Schwelle zum Tod ein Leben in Würde zu ermöglichen. Mord ist das Gegenteil von Sterbehilfe, das Gegenteil von Respekt, Würde und einer liebevollen, wertschätzenden Herangehensweise an Mitmenschen.

Mitfühlende Mörder

Der Abstieg in die Barbarei geht schneller voran, als ich es befürchtet habe. Rund um Allerheiligen sind die Zeitungen wieder voll von Artikeln und Kommentaren zum Thema „Sterbehilfe“ und fast jeder Text befürwortet die Euthanasie. Die liberale deutsche „Zeit“ bringt einen wahren Jubelartikel über den staatlich legitimierten Tod von Kranken im US-Bundesstaat Oregon und nennt das „ein Modell für Deutschland“. Und in genau diesem Artikel steht auch drin, worum es abseits des Heuchelns von Mitgefühl wirklich geht: „Diese Patienten haben keine Angst, qualvoll allein zu sterben. Es ist umgekehrt: Sie haben Angst, dass andere sich zu viel um sie kümmern müssen. Es sind Menschen, die ihren Suizid nicht als Selbstzerstörung, sondern als Selbsterhalt sehen. Die ihrer Familie unter keinen Umständen zur Last fallen wollen, selbst wenn diese Familie bereit wäre, jede denkbare Last auf sich zu nehmen.“

Die Sprache des Unmenschen ist wieder da. Diese Sprache sieht im Tod, in der finalen Auslöschung des menschlichen Lebens keine Zerstörung, sondern bedächtige Rücksichtnahme auf die armen Gesunden, denen man nicht zumuten könne, sich um überflüssige Kranke zu kümmern. Wer so schreibt, der findet es auch nicht nötig darüber zu berichten, was im Vorbildsstaat Oregon seit Einführung des staatlich legitimierten Vergiftens von Menschen noch alles passiert ist. Zum Beispiel die Fälle von Barbara Wagner und Randy Stroub. Diesen beiden Krebskranken hat die Krankenversicherung „Oregon Medicaid“ eine Chemotherapie verweigert, nicht ohne in einem Schreiben darauf hinzuweisen, dass es die Möglichkeit des legalen und außerdem kostengünstigen Selbstmordes gäbe.

Es geht beim Thema Sterbhilfe nicht um Leiden. Die Schmerzmedizin hat große Fortschritte gemacht in den vergangenen Jahrzehnten und es gibt kaum noch Fälle, in denen Menschen tatsächlich unkontrollierbare Schmerzen erleiden müssten. Eine entsprechende medizinische Versorgung der Bevölkerung vorausgesetzt können Menschen heutzutage tatsächlich ohne unerträgliche Pein ihre letzten Monate verbringen. Aber genau das, diese Versorgung mit guter Palliativmedizin, kostet einen Haufen Geld, den unsere ach so zivilisierten Gesellschaften offenbar gerne für andere Sachen ausgeben möchten. Es kommt die barbarischste Art, mit Leiden umzugehen, die Art der Nazis nämlich, wieder zurück: Man beseitigt nicht das Leid, sondern die Leidenden. Es ist Mord, begangen von den Gesunden und Starken an den Kranken und Schwachen. Getarnt als Mitgefühl.

Nekrophile Mordlust, getarnt als Gnade

Ich bin ein Gegner der Euthanasie, der euphemistisch „Sterbehilfe“ genannten Ermordung kranker Menschen, und ich habe schon mehr als einmal deutlich argumentiert, warum ich das bin. Mit so einer Haltung steht man rasch alleine da in einer Gesellschaft, in der es bis weit hinein in linke, liberale und grüne Zusammenhänge als schick und progressiv gilt, für ein „selbstbestimmtes Sterben“ einzutreten, als wäre der Tod bloß eine weitere Entscheidung unter vielen, so wie die zwischen Apple und PC oder Dachgeschosswohnung in Citylage und Einfamilienhaus am Land. Befürworterinnen des legalisierten Mordens beteuern natürlich stets, sie hätten allein die reine Gnade und Liebe für Menschen, die an unerträglichen Schmerzen leiden, im Sinn, nie böse ökonomische Hintergedanken. Und man brauche bloß ganz doll strenge Regelungen schaffen, damit kein Missbrauch geschähe. So wie in den Niederlanden, dem Utopia der Ahnderlvergifter. Ganz streng sei dort das legale Umbringen geregelt, hörte man. Dann ließen die Niederländer zu, dass das Morden auf angeblichen Wunsch der Ermordeten auf Menschen mit seelischen Beschwerden ausgedehnt wurde. Und nun, wenige Jahre später, denkt man in Holland daran, die Überlebenswürdigkeit von Menschen an die Dicke ihrer Brieftaschen zu koppeln. Die „Welt“ berichtetUnter den Ärzten unseres Nachbarlandes bildet sich derzeit eine Mehrheit, die sich für eine Obergrenze von Behandlungskosten ausspricht. Ob es sich bei schwer Erkrankten lohnt, medizinische Maßnahmen einzuleiten oder fortzusetzen, soll in Zukunft vor allem eine Frage des Geldes sein. Teure Therapien werden tabu, wenn der Aufwand dem Patienten vielleicht „nur“ ein weiteres Lebensjahr schenken würde.

Nur ein weiteres Jahr. In dem sich alles ändern kann. In dem eine neue Therapie zugelassen werden könnte. In dem der Mensch am Leben ist statt tot. „Nur ein Jahr“, denkt der, der meint, noch ewig leben zu dürfen. Für den Kranken kann ein Jahr alles sein, doch der zählt nicht mehr. Die Kosten zählen und des Kranken Bankkonto zählt. Für die, die sich eine weitere Behandlung nicht leisten können, steht die angeblich erlösende Todesspritze bereit. Das ist die Gnadenhaftigkeit eines Kapitalismus, der zum Faschismus degeneriert. Das ist Naziideologie in moderner Verkleidung. Das ist ein Angriff auf die Zivilisation. Zu harte Worte? Ich denke, man kann es gar nicht hart genug formulieren. Wenn das in den Niederlanden durchgeht, wenn also dort demnächst Menschen aus Kostengründen die medizinische Behandlung verweigert wird bei gleichzeitiger legaler Euthanasie, dann sind die Tore weit offen, dann kommen demnächst wieder die Behinderten in die Mordlager, dann muss jeder, der Kosten verursacht statt Gewinn abzuwerfen, mit seiner „Erlösung“ rechnen. 

Wie rasend schnell sich Europa re-barbarisiert konnte man spätestens zu Beginn der Ukraine-Krise erkennen, als auf der einen Seite ranghöchste Politikerinnen der EU und der USA mit Neonazis flirteten und auf der anderen Seite eine völkische, klerikal unterfütterte panslawistische Retrobewegung rasant Fahrt aufnahm. Wer nichts dabei findet, mit waschechten Faschisten zu paktieren, der signalisiert, dass er mit dem Faschismus kein Problem hat und ihn als mögliche Krisenpanzerung des Kapitalismus akzeptiert. Wer weiters kein Problem mit Ungarn hat, wo die Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfängerinnen eingeführt wurde, signalisiert, was er alles für denk- und machbar hält in der Europäischen Union. Wer die Sterbehilfe legalisiert und gleichzeitig über Kostenbegrenzungen bei der Krankenbehandlung redet, signalisiert, dass es Kranken und Behinderten bald an den Kragen gehen wird. Langsam, aber stetig wird eine zivilisatorische Errungenschaft nach der anderen wieder einkassiert auf diesem Kontinent, der der reichste der Welt ist. Und es ist, wie es schon einmal war: Wir schauen zu und lassen uns das gefallen. Es trifft ja nur die anderen, es könnte schlimmer sein, es wird schon nicht so arg werden, reden wir uns ein. Irgendwann ist dann der Nachbar verschwunden. Weil er zu krank und zu teuer war, weil er behindert war, weil er arbeitslos war, weil jemand beschlossen hat, dass er ein Schädling sei, der aus dem Volkskörper entfernt werden müsse. So wie schon einmal geschehen schauen wir zu, eingeschüchtert von einem zum furchteinflößenden Monster aufgebauten Überwachungs- und Unterdrückungsapparat, in der Lethargie eines digitalen Scheinaktivismus eingelullt, im dunklen Wald pfeifend: „So schlimm wird es nicht“.  Dabei rasen wir auf den zweiten Zivilisationsbruch binnen weniger als 100 Jahren zu, und es sind nicht irgendwelche muslimischen Horden, die das vorantreiben, sondern wir sind es mit unserer als Mitleid getarnten nekrophilen Mordlust und unseren Kassenbüchern, in denen wir Menschen in den Kategorien wert und unwert, rentabel und unrentabel führen. 

Euthanasie: Mordsstimmung im Land

Ich bin gegen Dignitas, weil Sterbehilfe Mord ist, das ist alles. Ich will nicht gegen sie argumentieren, ich will sie bekämpfen. (Michel Houellebecq)

Sie reden viel von „Selbstbestimmung“ und von „Würde“, die Proponenten der aktiven Sterbehilfe, aber das zeigt nur, wie sinnlos Begriffe werden, wenn sie von jeglichem emanzipatorischen Inhalt befreit wurden. Es sind Floskeln, mit denen spätkapitalistisch abgerichtete Menschen offenbaren, dass sie nicht nur nichts wissen, sondern nicht einmal mehr richtig fühlen, da jeder Widerstandsgeist erloschen ist und die Nekrophilie an die Stelle des Aufbegehrens gegen unzumutbare Zustände getreten ist. Der inneren Abtötung aller echten Gefühle in solchen Leuten folgen der Wunsch, das Töten anderer Menschen zu legalisieren sowie eine grotesk verzerrte Vorstellung von Freiheit. Ein ganzes Leben lang Knecht gewesen, da soll wenigstens der Tod „selbstbestimmt“ sein, einmal nur selber den Finger am Abzug haben, und wenn es der Revolver ist, mit dem man sich selbst das Licht ausbläst. Diese totale Kapitulation als würdevolle Selbstbestimmung zu missdeuten braucht es in der Tat Individuen ohne Sprache, ohne Würde, ohne Ideen und ohne Geschichte. Sowas wie Sozialdemokraten und Grüne eben. Deren österreichische Varianten finden sich mit den imbezilen Motivationstrainerintellekten der NEOS in einer Front gegen den mindestens überlegenswerten Vorschlag wieder, das Verbot der sogenannten „Sterbehilfe“ und gleichzeitig damit ein Recht auf palliativmedizinische Betreuung in der Verfassung zu verankern.

You paint your head. Your mind is dead. You don´t even know what I just said (Frank Zappa)

Bei den Euthanasiebefürwortern sind psychische Verwerfungen oft leicht auszumachen. Sie reden davon, dass sie nicht leiden wollten, „so“ nicht leben wollen würden, wenn sie von schwerer Krankheit und nicht selten auch von Behinderung sprechen. Sie merken nicht, dass sie projizieren. Irre gemacht von den auf sie einprasselnden Auf- und Anforderungen der ökonomisierten Gesellschaft, die Fitness, Schönheit und Jugend als nicht bloß erstrebenswert darstellt, sondern zur Rai­son d’Être erklärt, halten sie ein diesen Anforderungen nicht mehr entsprechen könnendes Leben für nicht lebenswert, in fast allen Fällen ohne je selbst erfahren zu haben, wie sich eine ernsthafte Erkrankung oder eine Behinderung real anfühlt. Und wer seine Ansichten zum angeblichen Sterben in Würde ausnahmsweise nicht aus dramatisierten Fotoreportagen der Boulevardmedien bezieht, beruft sich gerne auf einen kranken Verwandten oder Bekannten, der ihm, im Krankenhaus leidend, zugeflüstert habe, er wolle so nicht mehr leben. Ein seelisch intakter Mensch zöge aus so einer vorgebrachten Fundamentalkritik an den Lebensumständen eines Patienten den Schluss, dass die Lebensumstände zu verbessern seien, damit der Patient wieder leben wolle. Dem seelisch Verkrüppelten kommt dieser Gedanke gar nicht, da er wesentliche Grundfunktionen des Lebendig-Seins schon lange gegen den Frieden mit den Autoritäten, gegen die Unterwerfung unter diese eingetauscht hat, meist schon im Kindesalter. Daher erscheint es ihm natürlich, einen Todeswunsch wörtlich zu nehmen statt als Schrei nach einem besseren Dasein. Wer die Krankenhäuser kennt der weiß, was im Umgang mit schwer Kranken oder Sterbenden zu ändern wäre und der weiß auch, dass dies aus einem einzigen Grund nicht passiert: Die Gesellschaft will dafür nicht bezahlen. Menschen leiden, weil zum Beispiel nachts zu wenige Ärzte anwesend sind. Das und viele andere Faktoren, die zu unnötigem Leid führen, könnte man ändern, wenn man denn etwas ändern wollte. Dies aber nicht einmal zu bedenken, sondern stattdessen nach der vermeintlich erlösenden Giftspritze für die Leidenden zu rufen, ist absolut inhuman, dumm und letztlich kriminell. Aus Unwillen oder Geiz wird Leid geschaffen, und weil dieses Leid das weinerliche, verkümmerte und zu Widerstand unfähige Ich beleidigt, soll es mitsamt dem Leidenden verschwinden. Hier nun steht die aktuelle Euthanasiebewegung ganz in der nationalsozialistischen Tradition, da der hunderttausendfache Mord an Behinderten, Kranken und Alten nicht allein finanziell und biologistisch motiviert war, sondern eben auch die entsprechende seelische Verwahrlosung der Mörder und Mörderinnen voraussetzte, eine Deformation der Persönlichkeit, die zur Verherrlichung des angeblich Gesunden und zum Ausschluss und schließlich zur Vernichtung all dessen führte, das der Definition autoritärer, jedem natürlichen Empfinden entfremdeter Menschen von „gesund“ und „lebenswert“ nicht entsprach. Und es setzte voraus,  dass zumindest der Großteil der Täter meinte, etwas Gutes zu tun.

Freedom´s just another word for nothing left to lose (Kris Kristofferson)

Es  ist kein Zufall, dass das legale Töten von Menschen, das euphemistisch „Sterbehilfe genannt wird, zuerst in den Beneluxstaaten und der Schweiz sein Comeback hatte. Calvinistisch geprägte Gesellschaften waren immer schon besonders anfällig für das Errechnen angeblicher Rentabilität sogar menschlichen Lebens. Utilitaristische Varianten der Bioethik verfangen in so grundierten Ländern besonderes leicht, wie auch liberale Ideen mit all ihren Vor- und Nachteilen. Aus emanzipatorischer Sicht ist der individualistische, liberale Ansatz in Benelux keineswegs vorbehaltslos zu begrüßen, denn auch wenn einige persönliche Freiheiten in einigen Lebenssituationen als angenehm empfunden werden können, bleibt natürlich der Grundwiderspruch samt allen je nach Standpunkt mehr oder weniger dramatischen Nebenwidersprüchen allen gegenteiligen Bekenntnissen und Illusionen zum Trotz aufrecht. Daraus folgt, dass der Mensch Ware und Verschubmasse bleibt, völlig ungeachtet der Sonntagsreden. In so einer Realität kann das Sterben auf Verlangen sowie das legale Töten niemals tatsächlich mit dem freien Willen des Getöteten gerechtfertigt werden, da das Individuum unter einer ganzen Reihe verzerrender Einflüsse steht. Kurz: Innerhalb des Kapitalismus kann von freien Menschen mit freiem Willen keine Rede sein, da die Realität der Widersprüche und die ökonomische Bemessung von Lebenswert dem entgegenstehen. Wer in einer Gesellschaft, in der Rentabilität alles ist, täglich vorgerechnet bekommt, wie viel er „den Staat“, „die Gesellschaft“ oder auch nur „die Familie“ kostet, entscheidet sich wohl allzu leicht dazu, sein unrentables Leben zu beenden.

There´s Nazis in the bathroom just below the stairs (John Lennon)

Seit in den deutschsprachigen Staaten wieder über die Euthanasie geredet wird, und das leider mehrheitlich befürwortend, protestieren Behindertenverbände dagegen. Deren begründete Angst wird seltsam leicht ignoriert, ein paar Beteuerungen der Sorte „diesmal geht es euch nicht an den Kragen, großes Pfadfinderehrenwort“ scheinen auszureichen, um die Stimmen jener, die in den kapitalistischen NS-Nachfolgestaaten ganz richtig meinen, dass Sonntagsreden-Beteuerungen schneller vergessen werden als Wahlversprechen, als Ausdruck von Paranoia zu brandmarken. Wieder einmal halten sich Deutsche und Österreicher für so zivilisiert, dass ihnen ein peinlicher Zwischenfall wie systematischer Massenmord nicht mehr passieren könne, und wieder werden jene, die warnen, als Alarmisten abgetan. Wie üblich wird nicht bedacht, dass die Nazis und ihre Ideengeber nicht mordeten, weil sie etwas Böses tun wollten, sondern weil sie innerhalb ihres Wertesystems davon ausgingen, Gutes zu tun. Als der Psychiater Alfred Erich Hoche und der Jurist Karl Binding 1920 die Schrift „Über  die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ publizierten, war das kein sadistisches Werk böser Menschen. Die Herren Doktoren fanden das Leid in den Irrenanstalten und den Altenhäusern bloß so unerträglich, dass sie die Leidenden durch einen „schönen Tod“ erlösen und, sozusagen in einem Aufwasch, die Gesellschaft „gesünder“ machen wollten. Solche Ansichten verbanden sich nicht nur in Deutschland bald mit Ideen der malthusianischen Bevölkerungstheorie, die unter anderem postulierte, dass sich zu viele „Überflüssige“ fortpflanzen würden. Was dann nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten geschah, sollte weitgehend bekannt sein. Hunderttausendfacher Mord an jenen, die man für „erbkrank“ erklärt hatte, natürlich schön als Gnadenakte bemäntelt. Einen Unterschied zur heutigen Debatte gab es aber: Die Nazis trauten sich nicht, ihre entsprechende Gesetzgebung öffentlich zu machen, da sie Widerstand gegen das Abschlachten von Kranken befürchteten. Wer heute für den „schönen Tod“ eintritt, braucht das nicht im halb Verborgenen zu tun, er kann sich offen dazu bekennen und wird als Menschenfreund gefeiert. Freilich wird der aktuelle Todesspritzen-Fan selten sagen, er sei für die Ermordung kranker und/oder behinderter Menschen. Er sagt nur: „Ich würde so nicht leben wollen, das ist doch nicht mehr lebenswert“. Und er merkt nicht, dass er soeben den ideologischen Eckpfeiler der nazistischen Mordmaschinerei verinnerlicht hat, die Einteilung in lebenswertes und angeblich unwertes Leben nämlich.

No time to choose when the truth must die (Bob Dylan)

Wenn es wirklich so sein  sollte, dass SPÖ, Grüne und andere sich im weitesten Sinne progressiv verstehende Kräfte für die Legalisierung von Mord sind,  ÖVP, FPÖ und Team Stronach aber dagegen, muss ich meine politischen Sympathien grundsätzlich überdenken. Wer auch nur andenkt, es gäbe so etwas wie ein „lebensunwertes“ Leben, ist mein Feind. Das Eintreten für das Ermorden von Kranken auf deren angebliches Verlangen hin hat nichts Emanzipatorisches, nichts Progressives, nichts Linkes. Es passt aber fast unheimlich zu einer Sozialdemokratie, die einen Sozialminister stellt, der grinsend verkündet, das größte Problem Österreichs seien die Invaliditätsrentner. Wenn eine Partei, deren Spitzenfunktionäre so denken und reden, keine klare Ablehnung des Tötens von Kranken zustande bringt, sondern im Gegenteil Sympathien für die Euthanasie zeigt, müssen Menschen mit Einschränkungen nicht paranoid sein, um sich zu fürchten. Da hört man aus jedem Satz die Pseudohumanität der Menschenwertsberechner herausdringen, jene Pseudhumanität, die auch jene umtreibt, die laut ankündigen, sie selbst würden am liebsten sterben, sollten sie zu unästhetischen und teuren Pflegefällen werden, und die davon ausgehen, dass auch alle anderen Menschen seelisch so deformiert wären wie sie und daher gleich dächten, weswegen sie dann die, die human bleiben wollen, inhuman schimpfen.