Grausam: Sippenhaft gegen Sarrazins

Was muss ich lesenDer SPD-Politiker Thilo Sarrazin wirft den Berliner Schulbehörden „Sippenhaft“ vor, weil sie seine Frau Ursula als Lehrerin von der Reinhold-Otto-Grundschule in Berlin abziehen wollen. Haben die links linken Gutmenschen Thilo, den Märtyrer der geknechteten Oberschicht und Vorkämpfer für Akademikerinnengebärprämien, in den Rudi-Dutschke-Gedächtnisgulag gesteckt? Und jetzt auch noch seine Frau verhaftet? Aus Rache dafür, weil der Thilo es gewagt hat, ganz allein und nur unterstützt von den größten Medien des Landes die Wahrheit auszusprechen? Halt, nein, es ist bloß so, dass Mr. „Deutschland schafft sich ab“ der deutschen Sprache mit derselben Verachtung begegnet, wie Zuwanderern, Geringverdienern und Arbeitslosen. Oder mit derselben Schludrigkeit wie Statistiken und genetischer Forschung. Oder es war bloß ein kleiner Kurzschluss in Thilos Kopf: Sippenhaftung hat er gemeint, aber sein autoritärer Verstand kann nicht anders, als aus der Haftung eine Haft zu machen. Doch was haben die teuflischen und rachsüchtigen 68er Frau Sarrazin nun genau angetan? Ich lese: Elternvertreter werfen der Grundschullehrerin Ursula Sarrazin einen autoritären Unterrichtsstil und verbale Ausfälle vor. Ein Elternsprecher ihrer Klasse habe sich bei der Schulaufsicht über die Pädagogin beschwert. Der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Günter Peiritsch, sagte: „Kinder weinen, die Schüler werden gedemütigt und angeschrieen, wenn sie etwas nicht können. Frau Sarrazin unterrichtet nicht mit pädagogischer Professionalität.“ Ich kann natürlich nicht auf die Schnelle von Klagenfurt aus nachprüfen, ob an den Vorwürfen was dran ist, aber schwarze Pädagogik würde gut zum Elitendünkel der Marke Thilo passen. Man kann den Fratzen ja nicht früh genug vor Augen führen, dass Anpassung und Leistung alles sind und die Schwachen nur Hohn und Verachtung verdienen, oder?

Mit NPD, Jobbik und FPÖ marschieren?

Ganz am Ende eines Artikels des „Standard“ über steirische FPÖ-Funktionäre, welche den extrem rechten Kurs der Partei nicht länger mittragen wollen, erfährt man Bemerkenswertes: (…) Stattdessen plant der EU-Abgeordnete (Andreas Mölzer, Anm.) eine Lesereise von Thilo Sarrazin durch Österreich, und er will den islamkritischen Film des niederländischen Politikers Geert Wilders im Parlament zeigen. Das Traurige ist nur, dass das den „rechtsliberalen“ Sarrazin-Verteidigern ebenso wenig die Augen öffnen wird wie das Attest der NPD, dass der Thilo ganz auf ihrer Linie läge. Andreas Mölzer gibt das Magazin „Zur Zeit“ heraus, in dem Antisemitismus zum guten Ton gehört und auf dessen Homepage man T-Shirts mit dem Konterfei von Ahmadinajad und der aufgedruckten Parole „A World Without Zionism“ erwerben konnte, war Chefredakteur der Österreich-Ausgabe der „Jungen Freiheit“, war in der Schriftleitung der rechtsextremen „Aula“, war das Gehirn hinter Jörg Haider und ist derzeit der Vernetzer der europäischen rechtsextremen Szene. Kürzlich pilgerte er mit Antisemiten wie Jean-Marie Le Pen und Vertretern von Jobbik zum Yasukumi-Schrein.

Fragen: Wenn Rassisten, Rechtsextreme und Antisemiten in Sarrazin einen der Ihren sehen und das auch offen bekunden (und damit ja auch Recht haben), warum fällt das einem Ralph Giordano oder einem Broder nicht auf? Sind die in ihrer Angst vor dem Islam schon dermaßen schmerzbefreit, dass sie nicht mal mehr bemerken, in welche Gesellschaft sie sich bei der Suche nach Verbündeten begeben? Und mit einem Blick auf die Blogosphäre: Ist das Schwarz-Weiß-Denken schon so stark festgefahren, dass wirklich jeder Scheißdreck, der sich islamkritisch tarnt, automatisch verteidigt werden muss? Ich weiß ja, dass große Teile der Linken und Liberalen beim Thema Islamismus und Kulturrelativismus versagt haben, aber muss man sich dann gleich freiwillig bei den Barbaren einreihen? Gemeinsam mit NDP, Jobbik und FPÖ marschieren sozusagen? Okay, macht doch, aber in den Worten von John Lennon: „Count me out!“

Demnächst: Die Sarrazin-Volksausgabe

Dass man der Sarrazinomanie auch mit Humor begegnen kann, zeigt eindrucksvoll Wolfgang Michal mit dieser Satire. Hier ein paar Auszüge:

Seit 40 Jahren verschließen wir die Augen vor der Tatsache, dass schwarze Einwanderer aufgrund ihrer genetischen Belastung nachts besser klauen können als Weiße. Aber wenn ich das bei Beckmann oder Anne Will erwähne, werde ich öffentlich geschlachtet! Die Wahrheit will niemand hören!!

Fakt ist: Deutsche Akademikerinnen vermehren sich nicht mehr in ausreichendem Maße. Ihre Taillen sind um 50 bis 80 Prozent zu schlank, ihre Geburtskanäle um 50 bis 80 Prozent zu eng. Sie vermehren sich aber auch deshalb nicht, weil ihnen die breithüftigen muslimischen Frauen mit ihren Fließbandgeburten die Plätze in den Kinderkliniken streitig machen. Und dann päppeln wir die genetisch vorbelasteten Dummköpfe auch noch mit unseren üppigen Hartz-IV-Sätzen bis zur Geschlechtsreife. Aber wehe, Sie sprechen eine solche Wahrheit offen aus! Dann beschimpft man Sie als Rassisten und Brunnenvergifter. Es gibt in Deutschland ja kaum noch ein Fleckchen Zeitung, wo man eine ehrliche Meinung aussprechen kann, ohne von ideologischen Rechthabern bis ins dritte Glied verfolgt zu werden!

Die Finanzkrise hat uns gelehrt, wie klug die deutschen Banker unser Geld investiert haben. Nach neuesten Studien der Bundesbank liegt der Intelligenzquotient deutscher Banker vererbungsbedingt bei 135. Aber haben Sie im Vorstand der Commerzbank oder der Hypo Real Estate schon mal einen Muslim entdeckt? Oder eine Frau? Oder einen Fettleibigen aus der Unterschicht? Ich nicht. Und deshalb bin ich der Meinung: So wie bei der Hypo Alpe Adria oder der HSH Nordbank müsste es überall in Deutschland aussehen. Doch wenn ich das laut sage, mischt sich sofort Rita Süßmuth ein, nennt meine Auffassungen menschenverachtend und verbietet mir den Mund.

LOL

Der real existierende Asozialismus

Bereits vor einem Jahr hat der „konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza zu Sarrazin geschrieben, was geschrieben werden musste und nun, nachdem der Banker zum neuen Superstar der rechten Szene, der Schlechtmenschen und der Dummen geworden ist, nichts an Aktualität eingebüßt hat:

Hat Thilo Sarrazin „mit seinem Gedankengut Göring, Goebbels und Hitler große Ehre“ erwiesen? Steht der Sozialdemokrat und Vorstand der Bundesbank, wie Stephan Kramer vom Zentralrat der Juden sagt, „in geistiger Reihe mit den Herren“? Oder ist er „ein Held“, wie für die „Frankfurter Allgemeine“, vergleichbar nur dem in München wegen seines couragierten Auftretens von Rowdys totgetretenen Dominik Brunner? Oder ist im neuen Deutschland ein Held, wer in geistiger Reihe mit jenen Herren steht?

Sarrazin wirft den Berliner Türken und Arabern vor, „außer für den Obst- und Gemüsehandel keine produktive Funktion in dieser Stadt“ zu erfüllen und „ständig neue kleine Kopftuchmädchen“ zu „produzieren“. Er schränkt seinen Vorwurf auf „eine große Zahl“ ein, aber seine Ausnahme, die Gemüsehändler, zeigt, wen er meint: alle andern. Daß, wer so spricht, ein Rassist ist, bedarf keiner weiteren Diskussion, auch wenn die meisten autochthonen Teutonen das bloß lustig finden und, zur Rede gestellt, überhaupt nicht wissen, was man von ihnen will.

Andererseits machte sich blind, wem nicht auffiele, daß Sarrazin auf gleiche Weise abfällig über seine engeren Landsleute spricht, die so wenig und dann nur in der falschen Sache produktiv sind wie die Türken und die Araber. Anders als etwa die NPD oder der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hat er aber so gut wie nichts gegen Vietnamesen, Inder und so, die mit den Bedürfnissen der „Wirtschaft“ kompatibel sind. Die Rasse, die Sarrazin wegen ihrer zur Hälfte genetisch bedingten Defizite haßt, ist die „Unterschicht“. Gegen deren Ansprüche und Aufsässigkeit, ja gegen deren Existenz verteidigt er die Leistungsträger der Gesellschaft. Für Sarrazin wie seine Parteigänger aus allen Parteien sind Leistungsträger nicht Krankenpfleger und Kindergärtnerinnen, sondern Leute mit einem Jahresgehalt von hundert- bis fünfhunderttausend Euro netto, in sozial wertvollen Berufen wie dem des Investmentbankers und seines Insolvenzverwalters. Der bürgerliche Zwangscharakter nämlich verachtet noch als Greis, wundgelegen in seiner Scheiße, den Pfleger, der es zu nichts Besserem gebracht hat als zu seinem Wohltäter.

Zu Sarrazin und seinem Fall wäre damit alles gesagt – wäre er denn gefallen. Der Fall war jedoch das Gegenteil. Das laute Bravo eines Herrn in der ersten Reihe gab das Signal eines allgemeinen Jubelsturms. Seine Leser, schrieb der „FAZ“-Herausgeber Berthold Kohler, seien über die Kritik an Sarrazin empört. Der Mann werde „mit rhetorischen Vernichtungswaffen“ niedergemacht, weil er „die Wahrheit gesagt hat“ und „aus dem Käfig erlaubter Meinungen und Formulierungen, gemeinhin ›politische Korrektheit‹ genannt, ausgebrochen ist“. Die „politische Mitte“ habe es satt, „als fremdenfeindlich beschimpft zu werden“, nur weil für sie nicht „jeder geschächtete Hammel eine kulturelle Bereicherung ist“.

Und was geschehe? „Der Raum, in dem noch etwas ohne Gefahr für Ruf und Existenz geäußert werden kann“, schrumpfe: „Außerhalb des Meinungskorridors“, den die Linke bestimme, „soll kein Heil sein“. (Ich kenne nur ein Heil, dessen öffentliche Bekundung verboten ist.) Daß er seine Meinung, man könne in Deutschland die Wahrheit übers Hammelschächten nicht mehr sagen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren, im Leitartikel auf der Seite eins der führenden Tageszeitung äußert, ohne anderes befürchten zu müssen als eine weitere Fuhre begeisterter Leserbriefe, fällt ihm in seiner Rage gar nicht auf.

Aus Karl Kraus‘ berühmtem Diktum über Deutschland, die verfolgende Unschuld, hat Deutschlands verfolgende Mehrheit die Lehre bezogen, auch im Innern des Landes nur noch im Kostüm der verfolgten Minderheit aufzutreten. Partisanen rufen im Internet zum Widerstand gegen den „Meinungstotalitarismus der Linken, Arbeitsloseninitiativen und Wohlfahrtsverbände“. Im Untergrundsender MDR erklärt ein todesmutiger Ralph Giordano: „Sarrazin beschreibt die Wirklichkeit so, wie sie ist, und nicht wie seit vielen Jahren von der politischen Korrektheit dargestellt.“ Über einen Kassiber in der verfemten Springer-Zeitung „Welt“ läßt der frühere BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel den Bundesbanker wissen, „daß ich Ihre Äußerungen ohne Wenn und Aber unterstütze. Natürlich haben Sie bemerkt, daß sich die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung hinter Sie und Ihre Aussagen gestellt hat.“ Daß Henkel die Mehrheit, die hinter Sarrazin steht, eine überwältigende nennen muß, ist die Rache der Sprache an dem, der ihr und also dem Gedanken Gewalt antut. „Die Art der an Ihnen geübten Kritik aus dem politisch korrekten Milieu stellt ein Armutszeugnis für den Zustand der Meinungsfreiheit in unserem Land dar. Ich kenne keine Demokratie, in der das Aussprechen gewisser Wahrheiten solche Konsequenzen hat.“ Da hat er recht: In England oder in den USA wäre der Vorstand einer Zentralbank, der geredet hätte wie Sarrazin, noch am selben Tag rausgeflogen.

Allerorten wagten Opfer des Meinungsterrors der politisch Korrekten (von Arnulf Baring und Henryk Broder bis zu den Redakteuren der Nazizeitung „Junge Freiheit“) zu bekennen, wie recht Sarrazin in allem, zumindest aber: alles in allem, habe und was jetzt not tue in der Republik. Kohler hatte es ihnen in der „FAZ“ vorformuliert: „Der Republik fehlen Streiter für die Freiheit, auch schon für die Freiheit der Meinung.“ Speziell für die freiheitliche Meinung, die ein Jünger von Guido Westerwelle, der neuen Freiheit vornehmstem Streiter, auf den Nenner gebracht hat: Es sind die falschen Leute, die wir haben einwandern lassen, und es sind die falschen Leute, die Kinder kriegen.

Zwei der falschen Leute waren die Eltern der Frauenrechtsanwältin Seyran Ates. Als ihre Mutter hier ankam, erzählt Ates, habe sie ihr Kopftuch weggeworfen. In ihrer ganzen Straße habe man so gut wie kein Kopftuch gesehen. Heute sehe man dort fast nur noch Kopftücher. Kopftücher sind Kennzeichen einer (Achtung: Tautologie!) bösartigen Religion, von der nur zu hoffen ist, daß es ihr, die, wie es heißt, die Aufklärung noch vor sich hat, nicht gelingen wird, einmal Leichenberge aufzuhäufen, wie sie gestern noch Christen aus dem christlichsten Zentrum des christlichen Abendlands, das die Aufklärung schon hinter sich hat, zwischen Auschwitz und Leningrad aufgehäuft haben.

Die Frauen in Ates‘ Straße zu trotzigen Bekennerinnen eines Aberglaubens zu konvertieren, der vielen gestern schon lästig war, bedurfte die Firma Mohammed sel. Erben der tatkräftigen Hilfe deutscher Politik, die diese falschen Einwanderer nicht einwandern lassen, sondern als ungelernte Billiglöhner ausbeuten und dann abschieben wollte – wozu also ihre Blagen zu Konkurrenten für den eigenen Nachwuchs ausbilden? Dieser Tage wird eine Studie der OSZE vorgestellt, der zufolge „hochqualifizierte Migrantenkinder in Deutschland deutlich schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben als ihre einheimischen Altersgenossen. Besonders groß ist der Rückstand bei Akademikern und Absolventen höherer beruflicher Bildung. Bei Geringqualifizierten ist der Rückstand der Nachkommen von Einwanderern dagegen vergleichsweise gering.“ Weil es sogar dem Sarrazin, dem Kohler, dem Westerwelle, dem Broder und tutti quanti wurscht sein kann, ob die Frau, die sein Klo schrubbt, lesen und schreiben kann.

So entstand die türkische und arabische Unterschicht, deren Minderwertigkeit Sarrazins und Kohlers überwältigende Mehrheit nun als Wahrheit festgestellt wissen will. Und nicht nur ihre Minderwertigkeit, sondern auch die Minderwertigkeit der deutschen Unterschicht, der übergewichtigen Hartz-IV-Empfänger, die – immer nach Sarrazins Angaben und der Ansicht seiner Hooligans – ihre Zimmertemperatur mit dem Fenster regulieren, die zu faul sind, für fünf Euro die Stunde zu arbeiten, denen die „altdeutsche Arbeitsauffassung“ fehlt, die deutsches Steuerzahlergeld für fernöstliche Elektronik ausgeben und dann noch Junge in die Welt setzen wie die Karnickel.

Schluß damit!, sagt die überwältigende Mehrheit der Sarrazins und Kohlers. Zuzug nur für Hochqualifizierte! Kein Geld für Einwanderer und Unterschichtler! Freie Bahn den erblich Begabten! Reichtum muß sich wieder lohnen! Unterschicht ist ein Makel, kein Befund. Wer in ihren Lebensumständen einen Grund sieht, an der Ordnung der Gesellschaft zu zweifeln, ist ein alberner Gutmensch. Ob es Menschen gibt, die wert sind, hier zu leben, und andere, unwerte – man wird doch noch fragen dürfen. Sozial war vorgestern. Vorwärts zum Sieg des real existierenden Asozialismus

Rechte Helden gegen „Einheitsmedien“

Die „Achse des Guten“, Henryk M. Broders Privatmegaphon, verliert im Zuge der dort betriebenen fanatischen Sarrazin-Bejubelung den letzten Rest von journalistischem Ehrgefühl und druckt fleißig „Gastbeiträge“, für die sich jede Provinztageszeitung in Grund und Boden schämen würde. Hier kommt etwa der umstrittene Anwalt Joachim Steinhöfel zu Wort: Das beschämende Personal in den höchsten Staatsämtern bläst zum Halali, die Einheitsmedien ziehen nach. Merkels Handpuppe in der Wulffsschanze ist gar Kläger und Richter in Personalunion.

Ja ja, diese gemeinen SystemEinheitsmedien aber auch! Ganz allein und nur mit den unbedeutenden Medienkonzernen Springer und Bertelsmann sowie dem gesamten ungesunden Volksempfinden zwischen FAZ und „Politically Incorrect“ im Rücken traut sich der todesmutige Sarrazin, die reine Wahrheit auszusprechen gegen den Widerstsand der allmächtigen linkslinken Gutmenschenmediendiktatur. Ein echter Held, der gemeinsam mit der unbedeutenden und  auflagenschwachen Minderheitenzeitung „BILD“ für die Meinungsfreiheit kämpft. Man bestaune auch die umwerfende sprachliche Finesse, mit der hier der deutsche Bundespräsident ein ganz klein bisserl mit Hitler verglichen wird! „Wullfsschanze“, har har har. Ich wette, da ist er sich extrem gewitzt vorgekommen, der Herr Steinhöfel, als ihm diese abscheuliche, aber wohl legale Formulierung eingefallen ist.

Doch Sarrazin hat es laut Steinhöfel (und damit auch der „Achse“) mit wahrlich gefährlichen Gegnern zu tun:  Man zerstört den Verfasser persönlich, wirtschaftlich, politisch (die Hexenverbrennung hat ja bei Eva Herman auch prima geklappt). Macht ihn zum leprösen Aussätzigen, der ausserhalb des hier ja so wichtigen gesellschaftlichen Konsens steht.

Zerstört soll er also werden, dieser Bundesbanker, der dank massivster Werbung der ach so fiesen „Einheitsmedien“ einen Bestseller landen konnte und dem als bereits im Rentenalter stehenden Bundesbanker im schlimmsten Fall eine Pensionierung mit golden handshake droht. Der Hinweis auf Eva Herman, die sich im Umfeld der „9/11-Truther“ und rechtsextremen Verschwörungstheoretiker des Kopp-Verlages herumtreibt (und vom Sprachgiganten Steinhöfel unabsichtlich zur Hexe erklärt wird), spricht übrigens Bände darüber, mit wem die „Achse“-Verantwortlichen alles bereit sind, Querfronten zu bilden.

Aber wenden wir uns wieder dem „Achse“-Gastautor zu. Der schreibt: Konsens, Konsens über alles! Schauprozesse in den Medien zu denen Quoten-Türkinnen aufgeboten werden, die alles sind, aber nicht repräsentativ für die von einer Minderheit von etwa 80 % der Bevölkerung (fast alle Neonazis) kritisierte Gruppe von Gastarbeitern. Ein schöner Euphemismus übrigens, da es mit dem Arbeiten ja bei dem einen oder anderen hapern soll.

Wie liest sich das? Genau, es liest sich wie der typische verbale Amoklauf eines typischen Lesers von „BILD“ oder „Politically Incorrect“. Gerade noch im Rahmen der Legalität, aber deutlich genug. Broder hat sich da einen echten Bruder im Geiste angelacht. Auch Broder sieht ja allerorten einen Zwangskonsens wirken, forciert durch eine verschworene Seilschaft aus „Gutmenschen“, „68ern“ und „Antifaschisten“. Und auch er, Broder, stilisiert sich zum wackeren Einzelkämpfer gegen diesen angeblichen Konsens, über dessen faktische Nichtexistenz schon ein Blick in die Medienlandschaft aufklärt. Aber Broder ficht die Realität nicht an. Er glaubt, wie Sarrazin, ein Schwimmer gegen den Strom zu sein, geknechtet von einer imaginierten Knute einer angeblichen linken Vorherrschaft im öffentlichen Diskurs, dabei darf er seine Meinung seit Jahr und Tag aus dem „Spiegel“ und etlichen anderen nicht ganz unwichtigen Medienprodukten herausschreien. Ich bleibe dabei: Wir haben es hier mit derselben geheuchelten Wehleidigkeit zu tun, die auch Antisemiten an den Tag legen, wenn sie beklagen, dass sie ihre Meinung nicht äußern dürften, obwohl sie genau das Tag für Tag tun.

ps: Dass sich Broder und Konsorten in Sachen Sarrazin völlig verrannt haben, mindert nicht die Qualität ihres Gesamtwerks. Auch der hier thematisierte Steinhöfel hat in der Vergangenheit den einen oder anderen interessanten Kommentar verfasst. Leider macht das die Sache nicht besser, sondern eher schlimmer.

Thilo und die Schlechtmenschen

Bravo, Herr Sarrazin. Durch ihren ach so tapferen „Tabubruch“ haben sie schon vieles bewirkt. Zum Beispiel, dass sich die rassistischen Idioten jetzt rehabilitiert fühlen und der Meinung sind, nun sei endlich wieder die Zeit gekommen, in der sie ihre Arschlochmeinungen offen in die Welt scheißen können, wie der Blick in diverse Onlineforen zeigt. Denn: „Man wird ja wohl noch sagen dürfen, dass…“. Gut gemacht auch von euch, ihr wackeren Thilo-Verteidiger im Namen der Politischen Unkorrektheit. Natürlich werdet ihr jegliche Verantwortung für den nun enorm anschwellenden Kackeschwall von ganz rechts von euch weisen. Wer hätte denn auch voraussehen können, dass ausgerechnet in Deutschland und Österreich, diesen hochzivilisierten Staaten voller Massenmörderveteranen, Massenmörderkindern und Massenmörderenkeln ein bedachtloses Dahergerede und -geschreibe über völkische Eigenschaften, wertgestaffeltes Erbgut und unnütze Sozialstaatsschmarotzer eine regelrechte Kirtagsstimmung bei den Nazis und Alltagsfaschisten auslösen würde? Nein, das kommt natürlich völlig überraschend, weshalb man ja auch alle diesbezüglichen Warnungen mit lässiger Arroganz als doofes Gutmenschengerede abgekanzelt hat. Okay, jetzt kommen die Schlechtmenschen aus ihren Löchern gekrochen. Viel Spaß mit denen!

Sarrazin, zum Letzten

So, einmal noch das leidige Thema Sarrazin, dann ist´s auch mal wieder genug der Ehre für den durchgeknallten Edelmenschenzüchter in spe.

Ich empfehle, diese Buchbesprechung zu lesen. Auszug:  (…) In den gepflegteren Milieus reagiert man auf dieses Buch, wie man schon auf die Interviews reagiert hatte: Irgendwie hat er ja recht, wenn er nur nicht so provozierend formulieren würde. In diese Richtung wirbt der Verlag, wenn er Helmut Schmidt mit der Bemerkung zitiert: „Wenn er sich ein bisschen tischfeiner ausgedrückt hätte, hätte ich ihm in weiten Teilen zustimmen können.“ Diese teetassenhafte Besorgnis um Sarrazins Tischfeinheit zeigt, dass der Mann schmutzige Gedanken in den Mund nimmt, die viele Leute mit sauberen Händen im Kopf haben, wenn es um die in- und ausländischen Unterschichten geht. Selbstverständlich hat Sarrazin nichts gegen den türkischen Arzt oder den arabischen Diplomaten. Wie ja einst auch der gehobene Antisemit stets ein paar bessere Juden zu seinen Freunden zählte, um die Unterschichtsjidden im Stetl umso inbrünstiger verachten zu können. Sarrazin und seinen heimlichen Anhängern in der Mittelschicht macht der deutsche und islamische Plebs so zu schaffen, dass sie fürchten, Deutschland schaffe sich ab. (…) Das Problematische der sarrazininschen Ideen besteht nicht in den Einzeldiagnosen, sondern in der biologistischen Logik, mit der er Bruchstücke der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu einer pseudonaturwissenschaftlichen Weltanschauung fügt. Aber gerade diese Dimension bleibt in der sich selbst befriedigenden öffentlichen Empörung beschämend unbeachtet. Vielleicht auch, weil der so übereifrig den Bösewicht spielende Sarrazin mit seinem biologistischen Gesellschaftsbild, seinem Erbintelligenzlertum und seiner Gen-Rhetorik vielen Menschen der akademischen Mitte mehr aus der Seele spricht, als ihr Mund zugeben würde. Und weil das kalte Interesse des Geldbeutels meistens über die Wärme des Herzens siegt, fände sicher manche Akademikerfamilie an dem Vorschlag Geschmack, den Sarrazin am Ende seines mit der Peitsche geschriebenen Buches als Zuckerbrot reicht: Das Kindergeld für alle wird gestrichen und durch eine akademische Fortpflanzungsprämie ersetzt: Frauen mit Hochschulabschluss bekommen für jedes Kind, das sie vor Abschluss des dreißigsten Lebensjahres zur Welt bringen, die schöne Summe von 50 000 Euro. Sarrazin hat nichts gegen Staatsknete, er will sie nur nicht politisch, sondern biologisch korrekt verteilen.

Sarrazin und seine Inspiration

Thilo Sarrazin weiß ganz genau, welche Knöpfe er drücken muss, um die gewünschte Publicity für den Verkauf seines Büchleins, das zu schreiben und zu bewerben dieser große Leistungsträger offenbar mehr als genug Zeit neben seinem fordernden Job als Bundesbanker hat, zu bekommen. So ließ er am Wochenende folgenden Satz auf die Medienmaschinerie los: „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden.Die Reaktionen fallen entsprechend aus. Von einem „faktischen Rückgriff auf Elemente der Rassenhygiene aus der Nazi-Zeit“, spricht etwa der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann. Guido Westerwelle wirft Sarrazin vor, Rassismus oder gar Antisemitismus Vorschub zu leisten. Forderungen nach Rücktritt von seinem Posten und nach Ausschluss aus der SPD mehren sich. Das ist auch gut so, denn wie dieser höhere Bankangestellte höchst komplexe humangenetische Vorgänge auf knackige provokante Slogans herabbricht, wie er die komplizierten Wechselwirkungen zwischen Biologie, Kultur und Ökonomie zu einem für schlichte Geister ansprechenden pseudodarwinistischen Brei verrührt, ist intellektuell erbärmlich und politisch nicht ungefährlich. Leider macht sich kaum jemand die Mühe, die Behauptungen Sarrazins einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Ich will es mal versuchen.

Zunächst muss man eines wertfrei feststellen:  Sarrazin hat keine eigene Geistesleistung erbracht, keine eigenen Theorien aufgestellt. Er käut lediglich wieder, was er von vor allem in den USA kontroversiell geführten humangenetischen Diskussionen mitbekommen hat und dummt das auf ein für den Stammtisch verständliches Niveau herunter. Vor allem die ein halbes Jahrzehnt alte „Natural Study of  Ashkenazi Intelligence“ von Gregory Cochran, Jason Hardy und Henry Harpending (University of Utah) hat es ihm dermaßen angetan, dass er daraus in Interviews ganze Passagen wörtlich zitiert. Die Studie enthält im Westenlichen drei Thesen: 1. Die Aschkenasim (west- und osteuropäische Juden sowie deren Nachfahren) besäßen eine spezielle genetische Mutation bzw. einen Defekt, der diese Gruppe einerseits für eine Reihe von Krankheiten anfälliger mache als andere Bevölkerungen, der aber andererseits ihren Trägern eine höhere Intelligenz beschere (was der Grund dafür sei, warum das „defekte Gen“ nicht durch evolutionäre Korrekturen ausgemerzt wurde). 2. Durch den „hohen Selektionsdruck“ hätten sich vor allem die klügsten Aschkenasim besonders gut vermehrt, wodurch die Intelligenz erblich weitergeben worden sei. 3. Das erste Phänomen hängt mit dem zweiten zusammen.

Die Studie schlug in den akademischen und populärwissenschaftlichen Diskurs ein wie eine kleine Bombe, und da sie sich so klasse für reißerische Headlines eignete, übersahen viele, dass man es hier mit einer jener seltenen „wissenschaftlichen“ Arbeiten zu tun hatte, die nicht einmal über Fußnoten verfügte und eher einer Polemik glich als einem serösen scientific paper. Alle großen Zeitungen und Magazine brachten Stories über die angebliche genetische Entschlüsselung der Frage, warum es denn so viele jüdische Nobelpreisträger und Schachgroßmeister gäbe. Alles schien plötzlich so wundervoll einfach zu sein. Nicht der historisch bedingte Dauerdruck, sich gegen Diskriminierung und Vorurteile durchsetzen zu müssen war verantwortlich für die großen Erfolge aschkenasischer Juden, nicht die hohe Wertschätzung von Wissen und Geistesarbeit in der jüdischen Kultur brachte viele Genies hervor, nicht die verschlossenen Türen, vor denen Juden standen, wenn sie die Berufe der Mehrheitsbevölkerung ausüben wollten, brachte sie dazu, im Finanzwesen, der Wissenschaft und in der Kultur zu reüssieren, nein, ein kleines Gen bzw. dessen Defekt war für all das verantwortlich. Wie beruhigend, denn nun konnte man das Grübeln und Denken und Forschen einstellen, denn es war ja alles nun so klar und logisch. Wirklich?

Was Leute wie Sarrazin, die diese Studie für der Weisheit letzen Schluss halten, „übersehen“, ist zB dieses: Wenn ein Gen weitergegeben wird, obwohl es die betroffene Gruppe für bestimmte Krankheiten anfälliger macht, ergibt das keineswegs den zwingenden Umkehrschluss, dass dieses Gen (oder der Gendeffekt) etwas Positives bewirke, das die negativen Eigenschaften überwiege. Das ist Spekulation, keine gesicherte Tatsache. Es sind nämlich durchaus etwas weniger glamouröse Gründe für die Weiterexistenz dieses Gens denkbar – dass nämlich die Evolution in so kurzer Zeit (und ein paar Jahrhunderte sind in Bezug auf Evolution verdammt kurz) gar keine Zeit hatte, den Defekt zu beheben. Oder dass die historischen soziokulturellen Umstände es der betreffenden Gruppe schwer machten, die betreffende genetische Eigenheit nicht weiterzuvererben. Außerdem ist es doch eine recht gewagte Theorie, dass jene genetische Mutation, die für gewisse Krankheiten anfällig macht, zwingend für eine höhere Grundintelligenz der Träger verantwortlich sein müsse. Es könnte genauso gut ein völlig anderes Gen sein, das für Intelligenz dieser Gruppe sorgt, oder ebenso gut gar keines. Erneut sehen wir: Wir haben es mit reiner Spekulation zu tun. Und noch ein Fakt muss hier erwähnt werden: Die Weitergabe genetischer Mutationen oder „Defekte“ oder Besonderheiten, die eine Gruppe für gewisse Erkrankungen anfälliger machen, ist keine exklusiv jüdische Veranstaltung. Das gibt es in JEDER genetisch halbwegs eingrenzbaren Population. Daraus abzuleiten, diese Genmutanten hätten zwangsläufig auch positive Eigenschaften, hieße, sich auf eine sehr instabile Pseudokausalkette einzulassen. Nehmen wir als Beispiel die Finnen. Finnen haben eine genetische Disposition, die sie für rund 20 besondere Krankheiten anfälliger macht, als es etwa Norweger sind. Ergibt sich daraus nun zwingend, dass die Finnen auch besonders gut mit depressiven Arthouse-Filmen zurechtkommen und gerne saufen? Ein weiterer Schwachpunkt von „„Natural Study of  Ashkenazi Intelligence“ ist, dass sich die Autoren genau vier Krankheitsbilder unter ungefähr zwölf herausgepickt haben, die bei Aschkenasim häufiger vorkommen als bei anderen, und recht willkürlich die Eigenschaft Intelligenz damit verknüpfen. Neil Risch, einer der führenden Genetiker der USA, sagte denn, zu seiner Meinung über die Studie befragt, auch provokant: „Juden wurden nicht nur einer höheren Intelligenz bezichtigt, sie wurden auch beschuldigt, aggressiv und geizig zu sein. Das wären, evolutionsbiologisch gesehen, ebenfalls erfolgversprechende Eigenschaften. Warum sich nicht die herauspicken?“ Risch weist damit auf den entlarvenden Umstand hin, dass die Studienautoren absichtlich eine schmeichelhafte Sache wie Intelligenz unter vielen anderen Stereotypen gewählt haben, um den rassenbiologischen Geruch ihrer Theorie etwas abzumildern.

Und hier wären wir bei der Rezeption der Studie. Harry Ostrer, Leiter des Human Genetics Program der Universität von New York und die Kapazität auf dem Gebiet der genetischen Erforschung des jüdischen Volkes, hält sie für „schlechte Wissenschaft – nicht weil die Thesen provokant sind, sondern weil hier schlechte Genetik auf schlechte Epidemiologie trifft“. Der Historiker, Judaist und Rassismusforscher Sander L. Gilman bezeichnet die Studie als „Blödsinn“. Melvin Konner, Biologe und Anthropolge an der Emory Uni in Atlanta, sagt dazu: „Es ist keine völlig verrückte Idee, aber eine völlig unbewiesene“. Man könnte seitenweise Wissenschaftler zitieren, welche die Studie ablehnen, und das meist mit guten Argumenten. Es sollte auch erwähnt werden, dass einer der Autoren der Studie, nämlich Gregory Cochran, ein Physiker und Anthropologe ist, der schon mal behauptet hatte, Homosexualität sei eine übertragbare Krankheit. Und in einem Interview entlarvet er sich gehörig, als er, bezogen auf die Aschkenasi-Studie sagte, man werde vielleicht eines Tages dieses „Intelligenz-Gen“ isolieren und daraus klug machende Medikamente herstellen können. Der Jude als Laborratte für die Gewinnung von Gehirndopingmitteln sozusagen – was für ein Abgrund!

Soviel zu Sarrazins Hauptinspirationsquelle. Wie verhält es sich nun mit seiner Behauptung, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen? Nun, die ist, nimmt man sie wörtlich, natürlich Unsinn. Allein schon die Möglichkeit, zum Judentum zu konvertieren, widerlegt diese Annahme. Es stimmt jedoch, dass es sich verdichtende Hinweise darauf gibt, dass der Großteil der Juden genetisch tatsächlich aus dem biblischen Israel abstammt. Dafür sprechen etwa kürzlich festgestellte genetische Übereinstimmungen zwischen Aschkenasim und Sephardim. Allerdings hat sich das Judentum selbst kaum je völkisch bzw biologistisch definiert. Und dass Untersuchungen an 20.000 Personen ergeben haben, dass rund zehn Prozent der Deutschen „jüdisches Genmaterial“ in sich tragen, ist auch so eine Sache, die nicht wirklich zu den Ideen von Sarrazin und seinen Geistesverwandten passt.

Kurzum: Thilo Sarrazin stützt sich auf höchst umstrittene Theorien, die bislang empirische Nachweise schuldig blieben. Er nimmt den Menschen verkürzt als Produkt der Gene wahr und „vergisst“ dabei, dass sich die Wissenschaft im Wesentlichen darüber einig ist, dass genetische Einflüsse nur für einen gewissen Teil der menschlichen Persönlichkeit, der menschlichen Fähigkeiten und Potentiale verantwortlich sind.

Zu Sarrazin und seinen Fans: „Rassismus bleibt Rassismus“

Dass im Falle Thilo Sarrazin glücklicherweise doch nicht alle ihren kritischen Verstand verloren haben, wie es ein Blick in die (rechts)liberale Blogosphäre ebenso vermuten ließe wie einer in die Leserbriefspalten der wichtigsten Zeitungen, hat Alan Posener schon im Vorjahr in diesem Vidcast bewiesen. Sein kurzer und richtiger Befund: „Rassismus bleibt Rassismus“, und Sarrazin, „dieser Rassist“, agitiere gegen Türken und Araber ganz ähnlich wie es die Antisemiten des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts gegen Juden taten. Und hier haut Posener Sarrazin dessen „Thesen“ dermaßen prägnant um die Herrenreiterohren, dass man sich fragt, weshalb sich immer noch Thilo-Apologeten in der deutschen Intellektuellenklasse finden lassen (Posener: „Das ist sowas von widerlich, und dass das verteigt wird, ist noch widerlicher“).

Ebenfalls in der „Welt“ attestiert Matthias Kamann nach Lektüre des Sarrazin-Buches „Deutschland schafft sich ab“, dass das „einzig Originelle, die einzige Eigenleistung“ des Bundesbankers die „unhaltbare Provokation“ sei, während er sich den sonstigen Inhalt seines Machwerks von längst bekannten, manchmal unstrittigen, oft aber längst widerlegten Vordenkern zusammengeklaubt habe. Auch die Unwissenschaftlichkeit von Sarrazins Ausfällen deckt Kamann auf. Ich zitiere: (…) Dies lässt ihn nicht nur fürchten, dass Deutschland in hundert Jahren mehrheitlich muslimisch wird, sondern auch, dass es dümmer wird. Denn in der Unterschicht sei man nun einmal weniger gebildet, damit werde auch die Intelligenz weniger gefördert – und das setze sich durch die Generationen hindurch fort, weil Intelligenz „zu 50 bis 80 Prozent vererbt“ werde. Freilich stützt sich Sarrazin zum Beleg seiner höchst unscharfen These von der Vererbung („50 bis 80 Prozent“ sind eine große Spannbreite), stets nur auf Untersuchungen zur Intelligenzvererbung von den Eltern auf die Kinder, also zwischen zwei Generationen. Wie sich längerfristig die Intelligenz einer Bevölkerungsgruppe entwickelt, ist völlig unklar. Zwar führt er ein Beispiel an, die europäischen Juden, bei denen vor dem Krieg ein durchschnittlich höherer IQ gemessen wurde. Doch dieses Beispiel ist untauglich. Zum einen wurden bei den IQ-Messungen Millionen von ärmlichen Land-Juden ausgeblendet, die Daten sind also nicht aussagekräftig. Zum andern würden die Juden gerade nach Sarrazins Argumentation seinen Thesen widersprechen. Denn die vermeintlich höhere Intelligenz der Juden leitet er daraus ab, dass sie unter einem hohen „Selektionsdruck“ (Sarrazin) gestanden hätten, der sie in geistig anspruchvolle Berufe gepresst habe, so dass sie ihre Intelligenz ausbilden mussten. Übertragen auf muslimische Migranten würde dies aber heißen: Fördert sie nur, dann werden sie schlauer. Damit wäre Sarrazins These von der vererbten Dummheit hinfällig. Zwar hält sich Sarrazin fern von eugenischen Plänen, die im 19. und 20. Jahrhundert zur zwangsweisen Geburtenbeschränkung in der Unterschicht entworfen wurden. Doch argumentativ steht er in einer Tradition, die von Malthus über die Sozialdarwinisten bis zu Geburtenbeschränkungen für die Unterschicht in Schweden reichen: Die Hochkulturen ziehen die Barbaren an, diese vermehren sich ungebremst, während die Klugen dekadent aussterben, weshalb man bevölkerungspolitisch umsteuern muss. Es bleibt dabei Thilo Sarrazins Geheimnis, warum er sich nicht fragt, was an diesen Thesen dran ist, wenn sie vor rund 150 Jahren Verfallsprognosen für etwa 1950 erstellten, die dann nicht eintratenVielleicht ist es aber doch kein Geheimnis: Sarrazin muss jene kühnen Thesen von der generativen Vererbungsspirale der Dummheit aufstellen, um nicht ins Fahrwasser dessen zu geraten, was langweiligerweise von „Gutmenschen“ gefordert wird: in einer Mischung aus Fördern und Fordern die muslimischen Migranten bei der Integration zu unterstützen. Würde Sarrazin das propagieren, wäre es wohl um seine Originalität geschehen, die im Provozieren besteht. In einem Provozieren, dass ihm derart heftige Reaktionen einträgt, dass er sich neuerlich bestärkt sieht in seiner Rolle als Provokateur.

Zu den bekennenden Fans von Sarrazin gehören ja, was wenig verwundert, die NPD , der Paranoia-Blog „Politically Incorrect“ und der wirre „BILD“-Briefeschreiber Franz Josef Wagner. Man fragt sich allerdings, welchen Narren Leute wie Henryk M. Broder, also gestandene kritische Intellektuelle, an einem aus den Gleisen gehüpften deutschen Spießbürger wie Sarrazin gefressen haben, dem es nicht einmal in den von Standesdünkeln vernebelten Sinn kommt, dass es problematisch sein könnte, ausgerechnet im Bezug auf Juden das Wort „Selektionsdruck“ zu verwenden, der also sprachlich mindestens so verroht ist wie intellektuell. Gewiss, Broder provoziert ähnlich gerne wie es Sarrazin tut, doch ist man vom Betreiber der „Achse des Guten“ ein etwas höheres Niveau gewöhnt als es das unterirdische Nobelstammtischgeraune des Bundesbankmanagers zu bieten hat. Provokationen sind ein gutes Mittel, um Menschen das selbständige Denken schmackhaft zu machen. Rassismus und das sozialdarwinistische Hinuntertreten auf die Benachteiligten ist aber keine stimulierende Provokation, sondern allenfalls Munition für Faschisten, die beim dritten Bier von einer Welt träumen, in der sie die Macht haben, jene Menschen, denen sie das Existenzrecht absprechen, „wegmachen“ zu können. Bei Sarrazin sind es noch Schreibtischtaten, andere mögen sich durch eben diese dazu ermutigt fühlen, politisch oder individuell entsprechende Handlungen zu setzen. Es ist wahrlich keine Sternstunde Broders und der „Achse“-Autoren, dass sie sich auf die schiefe Ebene eines Sarrazin begeben, bloß weil das so toll „politisch unkorrekt“ ist. Daher ein kleiner Ratschlag an Broder & Co: Vorsicht ist geboten, denn manchmal ist der Weg vom „politisch unkorrekten“ Querdenken zu „Politically Incorrect“ kürzer, als man meint, und am Ende dieses Weges wartet die NPD. Und wer sich plötzlich mit Nazis auf einer Seite wiederfindet, der sollte eigentlich erkennen können, dass er falsch abgebogen ist.