Murdered by the state

Heute Nacht wird in den USA ein möglicherweise unschuldiger Mann hingerichtet werden. Troy Davis soll einen Polizisten ermordet haben, doch außer widersprüchlichen Zeugenaussagen, von denen etliche später widerrufen wurden, gibt es keine stichhaltigen Beweise. Keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe. Wie es aussieht, werden alle nationalen und internationalen Proteste nichts nützen und Herr Davis wird morgen tot sein.

Und da wir gerade beim staatlich sanktionierten Umbringen sind: Im Iran wurde heute der 17-jährige Molla Soltani vor einer gröhlenden Menschenmasse öffentlich hingerichtet. Er ist bereits der (mindestens) dritte Minderjährige, der heuer im Mullahstaat an den Galgen kam. Insgesamt sollen 2011 im Iran bislang schon 202 Menschen gehenkt worden sein.

Anbei ein paar Songs, gewidmet allen, die Opfer des staatlich erlaubten Mordens wurden und noch werden sollen:

Schändliches von der ÖVP

Die „Todesstrafe für Kinderschänder“ fordert der ÖVP-Bürgermeister von Albersdorf-Prebuch, Robert Schmierdorfer. Der ist freilich selbst ein Schänder. Er vergewaltigt zwar keine Kinder, keine Frauen, keine Männer und treibt es, soweit man weiß, auch nicht gewaltsam mit dem Vieh, doch er schändet den zivilisatorischen europäischen Konsens, wonach die Todesstrafe in modernen Demokratien nichts verloren habe. Und was in diesem Fall besonders ungustiös ist: Schmierdorfer hat als Inspirationsquelle einen Text der Neonazi-Band „Nordfront“ genutzt und diesen auch auf seiner Facebookseite zitiert. „Todesstrafe für Kinderschänder“ ist bekanntlich ein Lieblingsslogan der Nazis, die genau wissen, dass dieses Thema sich hervorragend zur Emotionalisierung eignet.

Vergewaltigung, vor allem jene von Kindern, wird ja ganz zu Recht als schweres Verbrechen eingestuft. Aber schon der Begriff „Kinderschänder“ ist sehr schwammig. Was ist darunter zu verstehen? Eine Person, die habituell Kinder vergewaltigt? Ein Produzent oder Konsument von Kinderpornographie? Ein 19-Jähriger, der mit einer 15-Jährigen schläft? Aber selbst wenn wir uns auf die Definition einigen, wonach ein Kinderschänder ist, wer Kinder sexuell missbraucht, stoßen wir mit der Losung „Todesstrafe für Kinderschänder“ sofort wieder auf die Komplexität des Lebens, denn selbstverständlich gibt es Kindesmissbrauch in allen möglichen Schweregraden. Ist ein Besoffener, der sich einmalig an seiner Stieftochter vergeht, gleich zu behandeln wie ein Gewohnheitskinderficker? Wohl kaum. Und noch ein ganz praktisches Problem taucht, vom Grundsätzlichen mal ganz abgesehen, auf: Ist die Forderung „Todesstrafe für Kinderschänder“ angesichts der traurigen Realität, dass bis zu 30 Prozent aller Kinder sexuellen Missbrauch erleben, und das vor allem durch nächste Verwandte, nicht eine Aufforderung zum Massenjustizmord?

Kinderschänder an den Galgen zu wünschen mag beim ungesunden Volksempfinden gut ankommen, hilfreich und sinnvoll ist so eine Forderung nicht. Gefährliche Pädophile (also jene, die ihre Perversion auch ausleben, und das wiederholt) gehören hinter Schloss und Riegel und medizinisch behandelt, da sie tatsächlich Gesundheit und Leben ihrer Opfer zerstören. Aber selbst die schwersten Strafen schaffen keine Abhilfe gegen diese Sexualverbrechen. Sehr wohl hilfreich ist hingegen eine gesamtgesellschaftliche Sensibilisierung dafür, wie schlecht und inakzeptabel Gewalt gegen Kinder ist, und dass Kinder keine Objekte sind, die man quälen und missbrauchen darf, bloß weil sie schwächer sind. Ebenso nützlich und damit einhergehend ist eine Stärkung der Position des Kindes in der Gesellschaft. Wie man weiß, konnte und kann ein Großteil der (sexuellen) Gewalt gegen Kinder nur deswegen stattfinden, weil diese Kinder in manchen Familien oder Heimen de facto rechtlos waren/sind und ihnen entweder niemand zuhört, oder falls doch, keinen Glauben schenkt. Das zu ändern ist schwieriger und braucht länger als einfach ein paar „Kinderschänder“ an die Wand zu stellen, und es bringt kaum Bonuspunkte am Stammtisch ein, aber es wäre doch wünschenswert, wenn verantwortungsbewusste Politiker das fordern, was Sinn macht, statt das, was die Rübe-ab-Fraktion hören will.

Barbarei und Barbarei

Die Taliban steinigen eine Frau, die mit einem Mann, der nicht ihr Gatte war, in der Öffentlichkeit gesehen wurde. Das ist barbarisch. In den USA wird eine Frau mit einem Intelligenzquotienten an der Grenze zur geistigen Behinderung mit der Giftspritze hingerichtet, weil sie zwei Männer damit beauftragt haben soll, ihren Ehemann und ihren Stiefsohn zu ermorden. Das ist ebenfalls barbarisch. Preisfrage: Warum löst letzterer Fall einen internationalen Proteststurm aus, während die Steinigung allenfalls ein müdes „Ach ja, was soll man machen“ hervorruft?