Islamisten und Islamophobe: Getrennt marschieren, vereint gegen Brüste

Die islamischen, christlichen und rechtsradikalen Fanatiker mögen einander in vielen Dingen spinnefeind sein, sich verbal und manchmal auch mit Bomben gegenseitig an die Gurgel gehen, in einem sind sie sich einig: Der Körper der Frau gehöre nicht ihr, sondern dem Mann und dessen Männergott.  Oder der Männernation. In Tunesien möchten Islamisten eine junge Femen-Aktivistin ausgepeitscht und gesteinigt sehen, in Deutschland wettern die Islam-Hasser von „politically incorrect“ gegen die Femen im Allgemeinen und gegen das CDU-Mitglied Zana Ramadana im Besonderen und sehen durch sie die „konservativen Werte“ der CDU gefährdet. Ob die rechten Idioten die Ironie bemerken?

Seht auf das, was nicht zu sehen ist!

Wer sich die Bilder und Videos von den Protesten in Tunesien, Ägypten, Jemen und Jordanien anguckt, der wird allerlei Beeindruckendes sehen: Soldaten, die vom Panzer herunter den Demonstranten das Peace-Zeichen zeigen; Frauen, die Polizisten, die nicht prügeln, küssen; Menschen, die Tränengas und Wasserwerfern trotzen; Mädchen in westlicher Kleidung, die gemeinsam mit verschleierten Geschlechtsgenossinnen Menschenketten bilden; Gesichter voller Hoffnung, andere voller Zorn, wieder andere voller Angst. Das alles ist extrem bemerkenswert, nötigt Respekt ab, macht deutlich, dass wir Zeugen von Umwälzungen historischen Ausmaßes sind. Aber am wichtigsten ist für mich das, was man nicht sieht auf all den Pressefotos, in all den Fernsehbeiträgen: Man sieht keine einzige Israel-Flagge brennen, keine Fahne der USA, keine eines europäischen Staates. Keine „Death to Israel“-Schilder werden in die Kameras gehalten, keine Puppen des US-Präsidenten verbrannt, keine „Tod-den Ungläubigen“-Chöre sind zu hören. Und da es sich bei diesen Protesten um echte Empörungsäußerungen der Bevölkerung handelt, macht das deutlich, was die Menschen dort wirklich bewegt: Nicht irgendwelche Karikaturenzeichner in Skandinavien, kein Streit um irgendwelche Siedlungen im Westjordanland, keine theologischen Fragen, sondern der Preis von Getreide, die Sehnsucht nach Freiheit, die Wut über den vorenthaltenen ökonomischen und politischen Fortschritt. Es wird klar, dass die medienwirksamen „spontanen“ Entladungen des angeblichen „Volkszorns“ gegen den Westen Inszenierungen der Regierungen waren, die verzweifelt darauf gesetzt hatten, die kochende Wut des Volkes auf Außenfeinde umzuleiten. Damit ist es nun vorbei. Jetzt fordern die arabischen Völker Rechenschaft von den eigenen Herrschern.

Nun will ich hier nicht, ohnehin ganz entgegen meiner Natur, den Berufsoptimisten geben, und mir ist schon klar, dass zB auf einen Mubarak noch etwas viel Schlechteres folgen könnte, dass das alles keine „g´mahde Wiesn“ für die echten Demokraten in diesen Ländern ist, dass es Muslimbrüder gibt und das mahnende Beispiel der verratenen iranischen Revolution. Dennoch traue ich den Arabern (und anderen islamisch dominierten Kulturkreisen) zu, dass sie, entgegen des im Grunde rassistischen Kulturrelatvismus von Teilen der westlichen Linken und des offenen Rassismus von Teilen der Rechten, sehr wohl in der Lage und willens sein werden, das Joch sowohl der autoritären Kleptokraten, als auch jenes der religösen Bevormunder abzuschütteln.

For what it´s worth

There´s something happening here

Auf den Straßen Ägyptens: Über 50.000 Menschen waren im ganzen Land auf den Straßen gewesen, hatten die Organisatoren zusammengerechnet. Niemand hatte diesen riesigen Aufmarsch erwartet. (…) Auffällig ist die große Sympathie für die Demonstranten in der übrigen Bevölkerung. Autofahrer hupten, Passanten nickten beifällig, und viele Schaulustige standen auf den Balkonen.

What it is ain´t exactly clear

Die USA haben das Regime offen zu Reformen aufgerufen. „Wir sind fest davon überzeugt, dass die ägyptische Regierung jetzt die große Chance hat, politische, wirtschaftliche und soziale Reformen einzuleiten, um auf die legitimen Bedürfnisse des ägyptischen Volkes zu reagieren“ , sagte Außenministerin Hillary Clinton. (…) Der frühere Chef der Atomenergiebehörde in Wien und nunmehrige ägyptische Oppositionspolitiker Mohamed ElBaradei, der von vielen Ägyptern als demokratische Alternative gesehen wird, informierte den Standard darüber, dass er heute, Donnerstag, nach Ägypten zurückkehrt.

There’s a man with a gun over there telling me I got to beware

In Erwartung neuer Proteste hat die ägyptische Regierung in der Hauptstadt Kairo tausende Polizisten in Stellung gebracht.

There’s battle lines being drawn

Die US-Geheimdienste sind in Jubelstimmung über den Sturz der tunesischen Regierung von Präsident Ben Ali. Das US-Außenministerium und die CIA bewarben in den vergangenen Tagen durch loyale Medienorgane exzessiv den Putsch in Tunesien als Prototypen einer neuen Generation von US-gelenkten Farbenrevolutionen. Die Imperialisten hoffen dass sie die Regierungen in Lybien, Ägypten, Syrien, Jordanien, Algerien, Jemen und weitere stürzen oder schwächen können. (hier)

Es weht ein Hauch von 1989 durch den Nahen Osten. Die Tunesier haben ihren Unterdrücker vertrieben und suchen nun nach einem Weg zwischen Umsturz und Erneuerung, der das Land nachhaltig in die Demokratie führt. Und am Dienstag haben die Ägypter so zahlreich wie seit Jahrzehnten nicht mehr ihrem Unmut über die gerontokratische Diktatur von Husni Mubarak Ausdruck verliehen. „Ich wusste gar nicht, dass es noch mutige Ägypter gibt“, sagte einer der Demonstranten erstaunt. Auch wenn bisher wenig Ägypter daran glauben, Mubarak wirklich loswerden zu können, so wird das vordem Undenbare inzwischen doch zumindest vorstellbar. Auch das ist schon ein kleiner Anfang. (hier)

Young people speaking their minds

Fuck Hamas. Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA. Fuck USA! We, the youth in Gaza, are so fed up with Israel, Hamas, the occupation, the violations of human rights and the indifference of the international community! We are sick of being caught in this political struggle; sick of coal dark nights with airplanes circling above our homes; sick of innocent farmers getting shot in the buffer zone because they are taking care of their lands; sick of bearded guys walking around with their guns abusing their power, beating up or incarcerating young people demonstrating for what they believe in; sick of the wall of shame that separates us from the rest of our country and keeps us imprisoned in a stamp-sized piece of land; sick of being portrayed as terrorists, homemade fanatics with explosives in our pockets and evil in our eyes; sick of the indifference we meet from the international community, the so-called experts in expressing concerns and drafting resolutions but cowards in enforcing anything they agree on; we are sick and tired of living a shitty life, being kept in jail by Israel, beaten up by Hamas and completely ignored by the rest of the world. (hier)

Getting so much resistance from behind

Im Iran sind zwei Mitglieder der oppositionellen Volksmujaheddin (Volksmudschaheddin) hingerichtet worden, die im Zusammenhang mit den Anti-Regierungs-Protesten im Sommer 2009 festgenommen worden waren. (…) Die Männer hätten während der Proteste Flugblätter verteilt sowie Foto- und Filmaufnahmen gemacht, hieß es im iranischen Staatsfernsehen.

I think it’s time we stop, hey, what’s that sound, everybody look what’s going down

Von Marrakesch bis Teheran – Da wächst etwas völlig Neues heran

Noch kann kein Mensch seriös abschätzen, was aus der tunesischen Jasmin-Revolution werden wird. Von einer Wachablöse innerhalb der bislang herrschenden Kleptokratenclique über eine islamistische Machtergreifung bis hin zur Einführung einer Demokratie westlichen Zuschitts scheint alles möglich. Dennoch möchte ich ein paar Gedanken, die mir angesichts der aktuellen Eriegnisse durch den Kopf gehen, niederschreiben:

-Wenn ein Volk nicht mehr mitspielen will und zu Hundertausenden auf die Straße geht, haben die Herrscher ausgespielt. Da helfen weder Schießbefehl, noch Kreidefressen und auch keine süßen Versprechungen mehr.

-Die Jasmin-Revolution ist die erste ihrer Art im arabischen Raum, und sie lässt viele selbst ernannte „Experten“, die uns immer versichert haben, eine vom Volk ausgehende Demokratiebwegung hätte dort keine Chance, alt aussehen und entlarvt den rassistischen Kern solcher Einschätzungen.

-Islamisten sind bei dieser Revolution nicht die großen Wortführer und sie können sich nicht als einzige Alternative zur Diktatur inszenieren. Das werden die Bevölkerungen anderer arabischer Staaten mit mindestens ebenso großem Interesse wahrnehmen wie die erfreuliche Erkenntnis, dass die Tyrannei kein Naturgesetz, kein Schicksal in der arabischen Welt ist.

-Der Westen, allen voran die Obama-Administration, wurde vom Umsturz ebenso kalt erwischt wie Ben Ali. Gerade erst hatte man die so gerne verlachte (und von Europa ohnehin nie mitgetragene) Strategie von George W. Bush, die Demokratie in der islamischen Welt zu verbreiten, zu Grabe getragen und war wieder zur ranzigen alten Politik übergegangen, „gute“, also halbwegs strategisch brauchbare Diktaturen nicht nur gewähren zu lassen, sondern auch kräftig zu finanzieren, da kommt das freche tunesische Volk daher und jagt einen dieser „guten“ Diktatoren zum Shaitan. Daher auch das ohrenbetäubende Schweigen der europäischen Regierungen und der USA zu den historischen Ereignissen in Nordafrika.

-Vom Medienmainstream ignoriert und von allen Geheimdiensten und Analytikern unterschätzt ist eine neue Generation im arabischen Raum und auch im Iran herangewachsen, eine Generation, die gebildet ist und das haben will, was jedes Menschen Recht ist, nämlich ein Leben in Freiheit, eine Zukunft, Mitbestimmung. Diese Generation wird immer lauter und mutiger, und zwischen Marrakesch und Teheran wird es für die Unterdrücker immer schwieriger, den Ruf nach Veränderung niederzuknüppeln. Sogar im Gazastreifen wagt sich langsam eine Jugend ans Licht, die von nationalistischem Pathos ebenso die Schnauze voll hat wie von religiösen Opiaten. Noch wird diese Jugend aufgerieben zwischen islamistischen Fortschrittsverweigerern, absolutistischen Erbmonarchien und brutalen Militärdiktaturen, aber schon bald, schneller vielleicht als die meisten annehmen, könnte sie all die bösen alten Männer, die der Jugend die Zukunft stehlen, auf der Müllkippe der Geschichte entsorgen. Diese Jugend ist vielleicht die größte Hoffnung für einen grundlegenden Wandel zum Besseren, den es derzeit gibt, denn sie will Demokratie statt Dschihad, Sex statt Scharia, Facebook statt Faschismus, Disco statt Diktatur, Bikinis statt Burka. So eine Jugend wird es auch sein, die einmal den Nahostkonflikt beenden wird. Das haben die meisten Europäer und Amerikaner freilich noch nicht begriffen, ganz egal, ob von der Linken oder der Rechten. Gerade der Großteil der Linken steht vor einem neuerlichen historischen Großversagen, denn statt sich mit der propressiven Jugend zu solidarisieren, macht die sich lieber mit den Unterdrückern dieser Jugend gemein. Echte Linke müssten sich ohne Wenn und Aber auf die Seite jener jungen Menschen stellen, die von der Hamas zusammengeschlagen werden, bloß weil sie keinen Bock auf ewigen Krieg mehr haben, statt die Hamas zu unterstützen und damit die Frustration der unter ihr und dem Kriegszustand leidenden Menschen zu perpetuieren und die Chance auf Frieden und Freiheit zu minimieren.

-Grundsätzlich wäre es mal Zeit für ein wenig Optimismus. Das rassistische Klischee von der arabischen Welt als hoffnungslos reformunfähige Brutstätte für Dschihadisten und brutale Diktatoren gehört entsorgt. Vielleicht kommen die großen Veränderung hin zum Positiven nicht gleich morgen, vielleicht wird es in einigen Ländern auch schreckliche Rückschritte geben, aber auf Dauer wird die Sehnsucht nach Glück und Freiheit obsiegen. Tunesien hat gezeigt, dass jene Leute, die den Arabern grundsätzlich die Fähigkeit zur Reform absprechen, genauso flasch liegen könnten wie die Langsamdenker, die noch 1989 davon überzeugt waren, der Eiserne Vorhang würde ewigen Bestand haben und eine friedliche Änderung der politischen Verhältnisse in Osteuropa sei eine naive Utopie.