#NotJustSad

Unter dem Hashtag #NotJustSad („nicht einfach nur traurig“) berichten derzeit auf Twitter Tausende über ihr Leben mit Depressionen. Vielen Betroffenen gibt das erstmals die Möglichkeit, über ihren Schmerz, ihre Ängste und ihre Nöte offen zu reden. Das Soziale Netzwerk schafft eine gewisse Distanz, die es ermöglicht, frei von jener Scham zu sein, die Menschen sonst oft davon abhält, ihre Gefühle auszudrücken. Viele Tweets sind erschütternd und ungeheuer traurig, und traurig ist auch die Unfähigkeit selbst wohlwollender Journalisten, das Thema aufzugreifen, ohne genau die Fehler zu machen, über die derzeit so viele Depressive klagen. Exemplarisch dafür ist der Bericht in der „Zeit“, in dem die Journalistin schreibt: „Die Krankheit ist in der Regel gut zu behandeln, in erster Linie durch Psychotherapie, gegebenenfalls auch durch Medikamente, manchmal durch eine Kombination aus beidem. Doch nicht alle Betroffenen werden optimal therapiert. Das kann mit der fehlenden Energie der Erkrankten zu tun haben, mit der Angst vor Stigmatisierung oder schlichtweg, weil die Schwere der Erkrankung nicht erkannt wird.“ Das ist gut gemeint und dennoch genau das Falsche. Fast in jedem Artikel zum Thema Depression kommt der Hinweis vor, die Krankheit sei „gut zu behandeln“. Für Depressive, die das lesen, ist das wie ein Schlag in die Magengrube, denn die Krankheit ist eben nicht immer und in jedem Fall so gut zu behandeln, dass die Betroffenen wieder völlig „gesund“ und glücklich durchs Leben spazieren. Oft kann die Behandlung „nur“ dafür sorgen, dass sich Depressive nicht umbringen, was ja eigentlich ein großer Erfolg ist, in einer Gesellschaft, die immer schneller und härter wird, aber als unzureichend gilt. Und unzureichend fühlt sich auch der Depressive wenn man ihm immer wieder sagt, Depressionen seien eh ganz easy zu therapieren. Wenn es dann nicht klappt mit dem Wegtherapieren der Depression, wenn die auch nach Jahren oder Jahrzehnten immer noch da ist, dann führt das immer wieder vorgebrachte Mantra von der tollen Behandelbarkeit unweigerlich zu einem weiteren Einbruch des Selbstwertgefühls, da hier zumindest im Hintergrund mitschwingt, wer immer noch krank sei, sei selbst daran schuld. Außerdem nährt die Legende von der guten Heilbarkeit die Gelüste von Staat und Gesellschaft. gegen Kranke Zwangsmaßnahmen zu ergreifen nach dem Motto: „Man muss ihn zu seinem Glück zwingen“.

Dazu nur dies: Robin Williams hatte die best möglichen Behandlungen, Therapien und Medikamente, und er hat sich erhängt.

Was Depression anrichtet, ist grauenhaft, aber die Krankheit wäre nicht ganz so schlimm, wäre die Gesellschaft ein wenig netter zu den Kranken. Leider hat unsere Gesellschaft keine Angebote für eine wirkliche Beteiligung depressiver Menschen, für eine echte Inklusion. Depressive haben grob gesagt die Wahl, bis zum Suizid irgendwie doch noch mitzumachen beim Rattenrennen oder entmündigt in der Psychiatrie zu enden beziehungsweise in betreuten Wohneinheiten, wo sie dann Körbe flechten oder, von diversen Vereinen betreut, niedrigen Arbeiten nachgehen. Richtige Erwachsenenjobs gibt es für sie nicht mehr, da sie als zu unzuverlässig gelten und man, da ja jeder Mensch für ersetzbar gehalten wird, sich gar nicht erst die Mühe macht, Arbeitsformen zu schaffen, die auf nicht voll belastbare Leute Rücksicht nehmen. Sogar Arbeitgeber wie Gewerkschaften, Kirchen und politische Parteien setzen depressive Mitarbeiterinnen einfach auf die Straße. Was soll man dann von Betrieben erwarten, die streng profitorientiert sind? In Österreich hat man mit Beginn des Jahres 2014 psychisch Kranken sogar die Möglichkeit genommen, in die Invalidenrente zu fliehen. Sie sollen stattdessen „rehabilitiert“ werden. Dass man mit Begriffen hantiert, die aus dem Strafrecht stammen, lässt tiefe Einblicke zu, was jene Politiker, die sich das ausgedacht haben, von psychisch Kranken halten. Österreichs Sozialminister Rudolf Hundstorfer sprach sogar von „psychisch Kranken und wirklich Kranken“.

Manchmal leisten Psychiater und Psychologen großartige Arbeit und retten Leben, manchmal sind sie Teil des Problems. Die Psychiater, die derzeit die Kliniken und die Forschung dominieren, glauben fest an Gene und Gehirnscans und die Biologie, so wie ihre Kollegen in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts fest an Rasse, Schädelvermessung und Eugenik glaubten. Schon der Gedanke, eine psychische Abweichung von der Norm könne nicht nur endogene Ursachen haben, sondern eine Reaktion auf eine krank machende Welt sein, gilt ihnen als ketzerischer Mumpitz. Natürlich gibt es endogene Depressionen, natürlich existieren chemische Prozesse im Gehirn, natürlich ist der Mensch auch ein biologisches Wesen, aber das alles existiert nicht im totalen Vakuum steriler Forschungslabore, sondern ist andauernd äußeren Einflüssen ausgesetzt. Medikamente sind durchaus nützlich und wichtig, aber die Gehirnchemie, die sie reparieren sollen, wäre womöglich gar nicht so reparaturbedürftig, wäre die Welt ein etwas humanerer Ort. Wir drehen den Fernseher auf und sehen, wie religiöse Fanatiker Menschen die Köpfe abschneiden und Mädchen als Sklavinnen verkaufen. Danach sehen wir einen Bericht über Kinder, die 15 Stunden am Tag schuften müssen, um zu überleben. Es folgt eine Reportage über die Zerstörung unserer Umwelt. Dann wieder Bilder vom Krieg in der Ukraine. Tag für Tag werden wir mit Schreckensbildern bombardiert und in unserem Alltagsleben erleben wir, wie der Druck am Arbeitsplatz immer weiter steigt, wie der Ton immer rauer wird. Und dann soll es nur an uns selber liegen, wenn wir depressiv werden? Weil unsere Gehirnchemie halt leider zu schwächlich ist?

Depression hat teils endogene bologische Ursachen, teils ist sie eine Reaktion auf die äußere Realität. Viele Depressive sind besonders sensible Menschen, die das wahnsinnige Unrecht, das andere als Normalität erleben, nicht hinnehmen können und den Zorn und die Empörung dann nach innen richten. Depression ist auch das Produkt einer Gesellschaft, die die Wut auf unzumutbare Verhältnisse nicht akzeptieren kann, da sie dadurch in Frage gestellt würde, und daher ganz massiv die Charakterisierung von Depression als ausschließlich individuelle Krankheit oder, schlimmer noch, als individuelles Versagen fördert. Wenn alles nur Gehirnchemie und Eigenverantwortung der Kranken ist, dann läuft eh alles bestens und die armen Spinner, die an den Grausamkeiten um sie herum zerbrechen, sind einfach nicht hart genug gepanzert für diese Welt.

Die elende Türkei-Heuchelei

„Türkei will Nutzung von Twitter strafbar machen“, brüllt eine Überschrift der „Welt“ in eben diese hinaus. Echt? Will die Türkei das? Weiter unten im Text lese ich: Nach Angaben der Regierung sollen nur jene belangt werden, die „zu Aufruhr aufriefen“ oder „falsche und irreführende Informationen verbreiten“. Klingt unsympathisch, aber nicht mehr nach dem generellen Twitter-Verbot, das uns die Headline glauben lassen will. Und wie ist die Sache mit den „sozialen Medien“ dort geregelt, wo kein Erdogan und keine islamistische AKP regieren? Als in Großbritannien die Vororte brannten, hat Premier David Cameron angekündigt, Facebook, Twitter & Co für den Fall neuer Unruhen sperren zu lassen. Den harten Worten folgten harte Taten: Jordan Blackshaw (20) und Perry Sutcliffe-Keenan (22) wurden vom Chester Crown Court jeweils zu Haftstrafen von vier Jahren verurteilt, weil sie im Internet zu Unruhen aufgerufen haben sollen. Und wie ist es in New York, dieser Metropole westlichen Lebensstils und freier Meinungsäußerung? wenn Sie dort etwas twittern, und damit „einen falschen Bericht oder eine falsche Warnung über eine Katastrophe oder Notsituation verbreiten, wenn das voraussichtlich zu Unannehmlichkeiten oder zu Panik in der Öffentlichkeit führen kann“, steht darauf bis zu einem Jahr Haft. Nehmen wir an, es gibt eine große Demonstration, jemand twittert, dass die Polizei in die Menge schießen würde, und es bricht Panik aus: Der Tweet wäre strafrechtlich relevant. Außerdem darf, wer in den USA per social media zur Gewalt aufruft, durchaus mit Besuch vom FBI rechnen. In Deutschland sind über Twitter verbreitete Beleidigungen, Verleumdungen und falsche Tatsachenbehauptungen illegal. Im theoretischen Extremfall drohen biss zu fünf Jahren Gefängnis. In Österreich wälzt die Regierung ein „Maßnahmenpaket gegen den Terrorismus“ vor sich her, das unter anderem den Aufruf zu terroristischen Aktivitäten oder das Gutheißen von Terrorismus unter Strafe stellen soll. Diese Beispiele zeigen, wohin die Reise geht und dass viele Staaten schon jetzt, wenn sie es wollen, die sozialen Netzwerke lahmlegen und deren Nutzer kriminalisieren können. Die Türkei hat da gar nix Neues vor, sie schließt nur zu den anderen Staaten und vor allem zu den Nato-Bündnispartnern auf.

Wie dieses Beispiel zeigt, ist das westliche Wedeln mit dem Ausschimpffinger in Richtung Türkei ein wenig bigott. Was ist denn im Land am Bosporus überhaupt passiert? Demonstrantinnen und Demonstranten haben gegen ein geplantes Einkaufszentrum protestiert und diesen Protest nach dem harten Vorgehen der Polizei auch gegen die regierende konservativ-islamische AKP und den türkischen Premier Erdogan ausgeweitet. Spätestens ab dem zweiten Tag waren die Kundgebungen nicht mehr genehmigt und daher illegal. Die türkische Regierung tat dann das, was jede Regierung auf diesem Planeten macht: Sie hat mehr und besser ausgerüstete Cops geschickt, die den Protest mit  brutaler Gewalt brechen sollten. Das haben die dann mit Wasserwerfern und Tränengas auch erledigt. Wer verfolgt hat, wie in Frankfurt ein ganzes Stadtzentrum gegen Demonstranten fast militärisch abgeriegelt wurde und wie Politik und Polizei dort die Versammlungsfreiheit faktisch aufgehoben haben, wird sich schwer tun, im Vorgehen der türkischen Behörden eine ganz besondere Bösartigkeit zu erkennen. In ganz Europa ist es durchaus üblich, dass die Polizei mit extremer Härte, die bis zum Schusswaffengebrauch gehen kann, auf Demonstrantinnen losgeht, sobald die Regierungen den Eindruck haben, es ginge ums Eingemachte (und sobald eine kleinere oder größere Gesetzesüberschreitung der Demonstranten als Rechtfertigung herhalten kann).

Interessant ist, dass Leute, die ansonsten jeden Schritt in Richtung Polizeistaat befürworten, die das Folterlager Guantanao verteidigen und denen die Polizei gar nicht hart genug vorgehen kann, wenn zum Beispiel Antikapitalistinnen oder Muslime demonstrieren, plötzlich ihr Herz für den Straßenkampf entdecken, sobald sie meinen, es ginge mal gegen den Richtigen. Die FPÖ, ansonsten verlässlich auf der Seite von Polizei und Schlagstock, verurteilte die Eskalationen in Istanbul ebenso wie es die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP taten. Die politische Elite eines Landes, in dem nervige Tierrechtler wie Schwerverbrecher eingesperrt und mit aller Härte, die Polizeiapparat und Justiz hergeben, drangsaliert werden, fordert von der Türkei „Mäßigung“. Angela Merkel, Letztverantwortliche einer Regierung, die schon mal über den Militäreinsatz im Inneren nachdenkt und auch sonst schnell mit Polizei-Hundertschaften zur Hand ist, wenn irgendwo protestiert wird, ist tief besorgt. Stinkt das nicht alles zum Himmel? Ist diese Verlogenheit nicht unerträglich? Weil´s uns gerade in den Kram passt und weil Erdogan ein politischer Muslim ist, sind wir alle plötzlich ganz doll gegen Polizeigewalt und für Demonstrationsfreiheit? Aber wenn die spanische, griechische, deutsche, italienische Polizei die Leute zusammenschlägt, ist das was ganz anderes? Da möchte man ja kotzen bei diesem Aufmarsch von Heuchlern!

Ich bin nun auch kein Freund von Erdogan und finde die, die gegen ihn demonstrieren, sympathisch. Aber ich sehe auch, dass in der Türkei keine Militärjunta herrscht, sondern eine demokratisch gewählte Regierung, und auch wenn ich kein Formaldemokrat in dem Sinne bin, dass ich Demokratie als reine Diktatur der Mehrheit interpretiere würde, sehe ich im Moment in der Türkei zwar Tendenzen, die ich persönlich nicht gut finde, wie zum Beispiel den wachsenden Einfluss der Religion, aber keinen Zug hin zum Faschismus. Die Türken wollen doch mehrheitlich mehr Islam, also sollen sie auch mehr davon bekommen. Sollen sie sich doch dem Deppentrend des 21. Jahrhunderts anschließen, zusammen mit ihren Kumpels vom arabischen Frühling und mit den christlichen Schwulenhassern und Rechtsextremisten! Die ganze Welt wird seit ein paar Jahrzehnten rasant dümmer, wieso sollten die Türken da eine Ausnahme bilden?

Bring out your dead – to Facebook

Ich habe das Video, das derzeit auf Facebook kursiert und die Enthauptung einer Frau zeigt, nicht gesehen und ich habe auch nicht vor, das nachzuholen. Die Vorstellung vom Inhalt bereitet mir genug Unbehagen, ebenso wie der Gedanke, dass dieses Snuff-Video derzeit weltweit der Renner auf den Schulhöfen ist und die lieben Kinderlein es fleißig weiterverbreiten und tauschen. Nennt mich blasiert, aber ich habe mir auch die Videos vom Gaddafi-Lynchen, vom Saddam-Henken und vom Ceausescu-Abknallen nicht „uncut“ angesehen. Diesen Luxus der Zivilisiertheit gönne ich mir. Ich behaupte nicht, das jeder, bei dem die Neugier auf das Morbide über die Pietät siegt, ein Barbar ist, aber der Akt an sich, das öffentliche Umbringen nämlich, ist barbarisch, und das Drücken des „Gefällt mir“-Buttons auf Facebook ist wie das Gejohle der mittelalterlichen Meute, die einer Hinrichtung beiwohnt. Und derlei Meuten gehe ich gerne aus dem Weg.

So wie ich den Voyeurismus bezüglich gefilmter Tode unschön finde, habe ich auch ein Problem mit dem Verwenden der Videos oder Fotos davon zu Propagandazwecken, was leider seit dem Siegeszug der „Sozialen Medien“ epidemische Ausmaße angenommen hat. Selbst wenn man eine recht gepflegte Freundesliste hat, schlüpfen sie doch manchmal durch, diese Bilder getöteter Menschen, gerne aufgepeppt mit trauernden Verwandten, Bilder, die einen emotional auf eine Seite in einem der vielen Konflikte auf dieser Welt ziehen sollen. Ich mag das nicht. Ich bedarf keiner Fotos von erschossenen Kindern um zu wissen, dass Krieg meist scheiße ist. Ich lasse mich davon auch nicht beeinflussen, gerade in Zeiten von Photoshop nicht. Ich finde es widerwärtig und primitiv, wenn auf diese Weise Propaganda betrieben wird, ganz egal, wer jeweils dahinter steckt. Leider funktionieren Schock-Bilder bei vielen Menschen gut und sorgen für die gewünschte Empörung, die das Hirn ausschaltet und die Gefühle übernehmen lässt, und daher ist kein Ende der Flut von Todesvideos und Todesfotos auf Facebook und Twitter abzusehen. Wer auch immer Tote zu beklagen hat oder sich auch bloß aus taktischen Erwägungen wünscht, er hätte, zerrt die Fotos davon, ob echt oder gestellt, durchs Internet, reduziert das Leid der Abgebildeten zu Rufzeichen, die die eigene Position hörbar machen sollen, und am Ende ist nur mehr Geschrei übrig.