Faschismus bekämpfen heißt Putin bekämpfen

Der Bürgerkrieg in der Ukraine ist vorzüglich dazu angetan, einem den Verstand zu rauben, und bei vielen, die die Ereignisse aus der Ferne und gefiltert durch die Medien betrachten, hat er das bereits geschafft. Damit meine ich nicht nur die „Montagsdemonstranten“ in Deutschland und neuerdings auch in Wien, jene paranoiden Freaks, die sich vor „Chemtrails“, Juden, Bilderbergern, Illuminaten und Außerirdischen fürchten, also vor allem aus Leuten bestehen, die schon vor der Ukraine-Krise nur deswegen nicht in geschlossenen Anstalten saßen, weil es eine Psychiatriereform gegeben hat, sondern auch weite Teile der politisch halbwegs interessierten westeuropäischen Öffentlichkeit, von Liberalen bis hin zu Marxistinnen. Unter dem „geraubten Verstand“ verstehe ich nicht so sehr ein psychiatrisches Phänomen (obwohl, auch das), sondern eine auffällige Unfähigkeit zu Analysen, die die Schwaden der Propaganda-Nebelkerzen zu durchdringen vermögen. Auch ich tue mir schwer damit, die Geschehnisse so genau einordnen zu können, dass daraus eine sinnvolle und schlüssige Kritik würde, aber vielleicht ist das auch gar nicht erforderlich, denn ich bin ja niemandem Rechnung schuldig und kriege auch nichts dafür bezahlt, wenn ich mir meinen sicherlich unzureichenden Kopf zerbreche. Ich mache es trotzdem.

These: In der Ukraine findet tatsächlich ein Kampf gegen den Faschismus statt, doch den führen nicht die Separatisten, obwohl die das andauernd behaupten, sondern die Kiewer Zentralregierung.

Ich weiß, das klingt provokant, aber ich denke, ich kann das argumentieren. Zwar waren an den Maidan-Protesten, dem folgenden Sturz der Regierung und der Formation (para)militärischer Einheiten tatsächlich faschistische Kräfte beteiligt, doch bei den ersten Wahlen nach dem Sturz von Janukowitsch schafften es weder die Svoboda noch der Rechte Sektor, den einstelligen Prozentbereich zu überschreiten. Die Separatisten dagegen möchten sich einem Russland anschließen, das sich zusehends tatsächlich faschisiert und von einer völkisch-klerikalautoritären Ideologie durchdrungen wird, die nicht weniger anstrebt als die Auflösung der Europäischen Union, um diese durch einen eurasischen Staatenbund von Lissabon bis Wladiwostok zu ersetzen, der von als „dekadent“ verleumdeten liberalen Werten gesäubert werden soll und in dem ideologische Verwandte des Putinismus wie der Front National, die FPÖ, Lega Nord etc. regieren. Dieses Szenario wäre der absolute Jackpot russischer Geopolitik, verschwände mit der EU doch ein lästiger Konkurrent von der Bildfläche, der das Selbstbild Russlands als dominante Großmacht des eurasischen Kontinents zunehmend in Frage stellt und trotz aller politischen und moralischen Defizite ein wirtschaftlich überlegenes und im Vergleich humanes Gegenkonzept zum russischen Autoritarismus ist. Die politische Realität der EU will ich nicht idealisieren und ich will nicht verharmlosen, welche sozialen Verbrechen die von neoliberalen Parteien getaktete Austeritätspolitik ebenso verübt wie das mörderische Grenzregime der Union, das schon zehntausende Menschenleben gekostet hat. Dennoch ist die EU von ihrer prinzipiellen Aufstellung her viel eher in der Lage, zumindest ein Minimum an demokratischen, rechtsstaatlichen und menschenrechtlichen Standards zu gewähren, als es Putins Russland ist. Anders gesagt: Die EU ist kein idealer Platz zum Leben, aber immer noch ein wesentlich besserer als es Russland ist und als es die von Nationalisten regierten Einzelstaaten wären, vor allem für Minderheiten.

These: Es stimmt, dass in der Ukraine zwei Varianten des Kapitalismus gegeneinander antreten, aber es ist dennoch nicht egal, welche der beiden gewinnt, da die russische die völlige und nachhaltige Zerstörung emanzipatorischer Bewegungen bedeuten würde.

Im Dezember des Vorjahres schrieb ich, in der Ukraine würden proeuropäische antisemitische Kapitalismusgutfinder gegen prorussische antisemitische Kapitalismusgutfinder kämpfen. Zu dem Bonmot stehe ich nach wie vor, aber es ist auch klar, dass Juden und andere Minderheiten von einem autoritären Regime wesentlich mehr zu befürchten haben als vor der bürgerlich liberalen Demokratie westlicher Prägung. Die Arbeiterklasse wird hüben wir drüben weitgehend ausgeschlossen und entrechtet, doch innerhalb des westlichen Modells besteht zumindest die Chance, dass irgendwann vielleicht doch wieder aufwachende Gewerkschaften oder nach links rückende Sozialdemokratien die Tendenz der rasanten Umverteilung von unten nach oben stoppen oder gar rückgängig machen, so unwahrscheinlich das zunächst auch erscheinen mag. In einer „Eurasischen Union“, wie sie Putin vorschwebt, also einem losen Zusammenschluss von Nationalstaaten unter der ideellen Führung Moskaus, würden wir hingegen einen Haufen chauvinistischer Regierungen haben, die durch protektionistische Maßnahmen sowas wie die Illusion sozial gerechter Politik versuchen, aber durch verschärfte innereuropäische Konkurrenz gepaart mit ständestaatlich-volksgemeinschaftlicher Eliminierung aller klassenkämpferischen Kräfte den Trend zur „Singapurisierung“ der sozialen Verhältnisse Europas rasant beschleunigen würden. Dieser Weg würde den neoliberalen Umbau Europas nicht stoppen, sondern ihn nur von gesellschaftsliberalen und sozialdemokratischen Spurenelementen säubern und alle emanzipatorischen Bestrebungen um Jahrzehnte zurückwerfen. Denkbar ist sicher auch, dass gerade dies zu einer vorrevolutionären Situation führt, aber für besonders wahrscheinlich halte ich das nicht, da ein in Nationalstaaten zurückgefallenes Europa wohl eher zu klassischen innerkapitalistischen Kriegen tendieren wird als zur Machtergreifung des Proletariats. Die EU in ihrer derzeitigen Form und Struktur mag ein Werkzeug des Kapitals sein, eine Klassenkampf-Waffe in den Händen der Herrschenden, aber das ist sie nur, weil die Arbeiterklasse die Lust am Kämpfen verloren hat und die sozialdemokratischen Parteien viel weiter, als es ihre ohnehin kapitalfreundliche Grundaufstellung erfordert, den Begehrlichkeiten des Kapitals entgegen kommen. Sollte die Arbeiterbewegung jemals wieder zu Sinnen kommen, kann sich vieles sehr schnell ändern. Bleibt sie im Wachkoma, werden wir halt überall bald Zustände haben, wie wir sie auch in Ukraine sehen können. In Ost- und Südosteuropa spielt die soziale Frage trotz schreiender sozialer Ungleichheit keine allzu große Rolle. Man hat sich daran gewöhnt, dass sich eine winzige Minderheit in luxuriösen Privatkliniken exzessiven Schönheitsoperationen hingibt, während die große Masse an behandelbaren Krankheiten stirbt, weil zum Beispiel Chemotherapien für sie unerschwinglich sind. Man hat verinnerlicht, dass es sozusagen gottgewollt ist, wenn sich der einen eine Halle für seine Luxusautosammlung anschafft und neben dieser Halle der andere hungernd um Brot bettelt.  Es herrschen Korruption und Prostitution, aber im Unterschied zu Russland, Weißrussland und anderen putinistisch geführten Staaten kann man dagegen zumindest protestieren, ohne gleich eingesperrt oder von Bütteln des Staats ermordet zu werden. Es besteht also wenigstens eine Chance auf gesellschaftliche Veränderungen zum Positiven, und das ist schon mal mehr und besser als das, was Putin anzubieten hat.

Putins letztes Gefecht

Wladimir Wladimirowitsch Putin wird sich in diesen Tagen, da er beobachten kann, wie sich die Nato in Gestalt einer demokratisch nicht sonderlich legitimierten ukrainischen Übergangsregierung daran macht, die Umzingelung Russlands zu vollenden, wohl fragen, ob er die Sache mit der Inhaftierung Michail Chodordkowskis bleiben lassen hätte sollen, denn die harte Position Washingtons und Brüssels, das kompromisslose Anfachen eines   ukrainischen Bürgerkrieges mit CIA- und FBI-Unterstützung und die Kriegsrhetorik westlicher Politikerinnen und Medien lassen den Schluss zu, der Westen werde diesmal aufs Ganze gehen und nicht eher aufhören, bis Putin in einer Zelle in Den Haag sitzt oder tot ist. Nicht dass so eine Eventualität ein Schaden für Russland oder die Menschheit wäre, aber für Putin durchaus. Er weiß, dass man ihn erledigen will, am besten so, wie sein ukrainischer Kollege Janukowitsch erledigt wurde, durch spektakuläre Straßenkrawalle von Menschen, die ganz laut nach dem schreien, was edel und gut ist, sowas wie Demokratie und Menschenrechte halt. Ich würde es nicht bedauern, würde Putin entmachtet, doch die Gründe, die man dafür vorschiebt, sind Märchen für Kinder, so wie das stets der Fall ist wenn Krieg geführt wird oder wenn man unkooperative Präsidenten stürzten lässt. Washington, Brüssel und Berlin interessieren Menschenrechte immer nur dann, wenn sie deren tatsächliche oder angebliche Abwesenheit einer Regierung vorwerfen können, die man entfernen möchte. Wer auf Linie ist, der darf foltern und morden und Frauen unterdrücken und Schwule abmurksen und überhaupt jede Schweinerei tun, die er geil findet, solange er nur das macht, was alleine zählt, nämlich sich ökonomischen Projekten der Wirtschaftsweltmächte USA und EU nicht in den Weg zu stellen. 

Aber was tat Putin, das ihm ein Lebensende in einer westlichen Gefängniszelle oder einen gewaltsamen Tod sichern wird? Er hat das schlimmste Verbrechen überhaupt begangen, er wollte das Primat der Politik über die Wirtschaft wiederherstellen. Als er den Yukos-Konzern in Staatskontrolle überführte und dessen Boss jahrelang einsperren ließ, unterschrieb Putin sein politisches und vielleicht auch tatsächliches Todesurteil, denn das ging gegen alles, was die westliche Politik seit Jahrzehnten forciert, vor allem gegen die Freiheit der Kapitalinteressen von politischer Kontrolle. Was wie eine Verschwörungstheorie klingen mag, ist keine, denn was bislang nur inoffizielle Doktrin westlicher, vor allem us-amerikanischer Politik war, soll nun durch eine Reihe internationaler Verträge global bindend werden. Die Demokratie, wie indirekt auch immer die sein mag und was für eine Parodie von Volksherrschaft sie auch ist, soll endgültig ausgehebelt und durch Verträge, die die Konzerninteressen vor alle anderen stellen, ersetzt werden. Das Trade in Services Agreement, an dem seit 2012 intensiv, aber ohne Öffentlichkeit verhandelt wird, wird die völlige „Liberalisierung“ und „Deregulierung“ nach sich ziehen und, das ist neu, festschreiben, dass alles, was je liberalisiert oder dereguliert wurde, das auch bleiben muss. Das bedeutet also, dass eine einmal privatisierte Wasserversorgung auf alle Zeiten hin privat bleiben muss, auch wenn sich 100 Prozent der Wahlberechtigten später mal für eine Renationalisierung der Wasserversorgung aussprechen sollten. Demokratisch abstimmen darf man dann allenfalls noch über gesellschaftspolitische Themen, nicht aber über ökonomische. Die Bevölkerungen sollen wie kleine Kinder vom demokratischen Prozess ausgesperrt werden.

Und Putin, so kapitalistisch der auch ist und so sehr er „seine“ Oligarchen behütet, hat bewiesen, dass er das neue Dogma der totalen Herrschaft der Privatwirtschaft nicht anerkennt. Dafür und deswegen wird er entweder durch eine „demokratische Revolution“ weggeputscht, in einem Krieg getötet oder vor ein internationales Gericht gezerrt werden. All das hätte er sich aus anderen Gründen redlich verdient,  aber passieren wird es aus denen, die ich hier in aller Kürze schilderte. Was derzeit in der Ukraine geschieht, ist also nicht zuletzt der Anfang von Putins letztem Gefecht. Dass es mit Putins Untergang enden wird, ist bereits fix, abzuwarten bleibt nur, ob er als Herr über ein furchtbares Nukleararsenal große Teile der Welt mit sich in den Abgrund reißen wird oder ob er vorher aufgibt oder beseitigt wird.

Nazis gegen rechts

Was ich sehe, wenn ich die laufenden Ereignisse in der Ukraine und auf der Krim betrachte, ist nicht bloß ein geopolitisches Tauziehen. Es ist auch nicht nur eine Auseinandersetzung zwischen  liberaler westlicher Demokratie und autoritärer gelenkter Demokratie. Ich sehe vor allem, wie sehr das gesamte politische Spektrum in ganz Europa nach rechts gerückt ist. Was ist denn Putins Russland? Es ist, wie Alan Posener richtig schreibt, der „Hort der Reaktion in Europa“. Fast alles, was an Antiliberalismus, Antifeminismus, Rassismus, Islamophobie und Antisemitismus in Europa kreucht und fleucht, sieht bewundernd auf das derzeitige Russland und erblickt darin ein nachahmenswertes Modell. Nicht ohne Grund ist die österreichische FPÖ ganz verliebt in Putin. Ein starker Führer, der Schwule unterdrückt, aufsässige Frauen in den Knast steckt und in Tschetschenien mal eben 200.000 Muslime totmachen lässt, der imponiert denen. Wenn man sonst nichts über Putin und sein Modell wüsste würde die Zuneigung, die ihm von Europas Rechtsextremen entgegen schlägt, ausreichen, um zu wissen, dass er ein Feind von Freiheit und Menschenrecht ist, ein Gegner der pluralistischen Gesellschaft. Dass so einer sich gegen das Völkerrecht einen Teil der Ukraine schnappt, ist furchtbar. Ebenso furchtbar ist, dass westliche Regierungen von der Obama-Administration über die EU-Kommission bis zu Angela Merkels schwarz-roter Koalition in Deutschland nicht das geringste Problem damit haben, offen rechtsextreme und antisemitische Kräfte in der Ukraine zu unterstützen und das frech „Stärkung demokratischer Kräfte“ zu nennen. Die Svoboda-Partei und der „Rechte Sektor“ sind Kräfte, die nicht irgendwie rechtsliberal oder wertkonservativ sind. Die paktieren mit der NPD und der Jobbik, feiern NS-Kollaborateure und Judenschlächter und haben ein Weltbild, das den Putin´schen Rechtsautoritarismus an Engstirnigkeit und fanatischer Bösartigkeit noch übertrumpft. Das Fehlen jeder klaren Abgrenzung gegen diese Figuren seitens der westlichen Mächte entblößt nicht nur das Demokratiegeschwafel als reine Propaganda, es sollte auch jedem in Europa, der  nicht völkisch und neonationalsozialistisch denkt, Angst machen. Wenn die Beteiligung richtiger Nazis an einer Regierung problemlos durchgewunken wird, kann das morgen in jedem anderen europäischen Staat passieren. Der moralische Anspruch der EU ist dahin. Es ist derzeit nicht mal mehr eine sonderlich satirische Zuspitzung, wenn man den Ukrainekonflikt mit „Nazis gegen rechts, sponsored by the EU“ beschreibt. Wenn demnächst in Frankreich der Front National regiert und in Österreich die FPÖ, wird die EU dagegen nicht mal mehr verbal was einzuwenden haben.

Krim-Krieg reloaded?

In diesem Moment laufen im Kreml, in Berlin und in Washington die Rechner heiß, denn man versucht herauszufinden, ob man sich einen Krieg leisten kann, ob eine militärische Auseinandersetzung teurer oder günstiger  kommt als eine Verhandlungslösung und ein Kompromiss. Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, was in den kommenden Stunden und Tagen passieren wird. Es gibt wahrscheinliche Szenarien, aber sobald Militär im Spiel ist, steigt das Risiko für irrationale Entscheidungen. Auf der ukrainischen Krim ist nun Militär im Spiel, und zwar russisches. Moskaus Reaktion ist nicht unlogisch und folgt aus dem, was zuvor in Kiev geschehen ist. Die EU unter der Führung Deutschlands hat zusammen mit den USA den kriminellen und unsympathischen, aber demokratisch gewählten Präsidenten weggeputscht. Dass dies in Form einer Revolte der Straße geschah und dass viele der Revoltierenden nachvollziehbare Motive hatten, macht es nicht weniger problematisch, weil Janukowitsch eben kein Diktator war, sondern das legal gewählte Staatsoberhaupt. Als Catherine Ashton, die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, nur einen Tag nach dem Umsturz nach Kiev flog um dort strahlend auch die Hände rechtsextremer Nationalisten zu schütteln und ihnen Anerkennung und Versprechen zu übermitteln, war das aus Sicht Moskaus der Beweis für das Versagen der Diplomatie, daher macht sich Russland daran, auf der Krim Fakten zu schaffen. Vermutlich wird es zu einer per Volksabstimmung legitimierten Abspaltung der Halbinsel kommen, und der Westen wird sich schwer tun, den Bewohnerinnen der Krim vorzuschreiben, sich im Rahmen jener ukrainischen Gesetze zu bewegen, die der Westen zuvor ignoriert hatte, als es um die Absetzung einer pro-russischen Regierung ging.

Obwohl es viele gerne so hätten geht es nicht darum, ob man Putin sympathisch findet oder nicht, es geht nicht um Demokratie gegen „Diktatur“, nicht einmal um West gegen Ost. Es geht um Interessen, und solche haben nun mal auch Staaten und Staatenbündnisse, und zwar unabhängig davon, wer gerade regiert. Auch ein Russland, das von einem netten Demokraten ohne autoritäre Anwandlungen regiert wäre, würde nicht viel anders handeln können, wenn eine massive geopolitische Abwertung droht. Es geht um Militärbasen, Märkte und Einfluss auf die Weltpolitik. Und was gerne vergessen wird: Die Ukraine ist eben nicht bloß ein verschuldetes Brachland mit Industrieruinen, bei dem es sozusagen egal ist, wer dort Einfluss ausübt, sondern ein Gebiet, das mit seinen enorm fruchtbaren Ackerflächen eine zentrale Rolle in der Nahrungsmittelversorgung der Weltbevölkerung spielen wird. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich auch China in der Ukraine bereits eingekauft und besitzt dort riesige landwirtschaftliche Flächen. Wenn solche Interessen aufeinanderprallen, kann man sich die moralischen Aspekte der Krise schenken und sollte sich nicht dazu hinreisen lassen, der Propaganda einer der beteiligten Streithähne auf den Leim zu gehen. Als Linker kann man ohnehin nur traurig am Rande stehen, wenn Blöcke, von denen keiner auf der Seite der Arbeiterklasse steht, aufeinander los gehen. Natürlich ist deswegen noch lange nicht alles einerlei und von derselben Qualität. Selbstverständlich ist die Menschenrechtslage in weiten Teilen Westeuropas und der USA besser als in Russland und seinen verbliebenen Satelliten und natürlich sind liberale Postdemokratien autoritären vorzuziehen. Das sollte aber nicht zu der intellektuellen Minderleistung führen anzunehmen, dem politischen Personal von Deutsche Bank und General Motors ginge es um hehrere Ziele als dem Oligarchen-Kumpan Putin. Es bleibt nur die Daumen zu drücken, dass kein Bürgerkrieg und großer Krieg ausbricht.

Maidan: It all sucks

Jubel, Trubel, Heiterkeit auf fast allen Kanälen und in allen westeuropäischen Medien. Die Maidan-Proteste in der Ukraine scheinen gesiegt zu haben. Präsident Yanukowitsch wurde vom Parlament abgesetzt Demonstrantinnen schleifen kamerawirksam die letzten Lenin-Denkmäler und Julia Timoschenko, die Prinzessin Leia der angeblich pro-westlichen, pro-europäischen Bewegung, kommt aus dem Gefängnis. Jetzt wird bestimmt alles gut, denn Timoschenko ist zwar eine Oligarchin, aber sie hat diese neckische Bund-Deutscher-Mädel-Frisur und hat Europa ganz doll lieb, also ist sie eine gute Oligarchin.

Unterdessen, zwischen all dem Revolutionsjubel, rät ein Kiever Rabbiner Juden, die Stadt und falls möglich auch das Land zu verlassen.

Schauen wir uns mal an, wer da gerade nach der Diktion westeurpäischer Medien und Politikerinnen „westliche Werte verteidigt“. Im Jahr 2003 publiziert die ukrainische Zeitung „Silski visti “ einen Artikel mit der Überschrift „Juden in der Ukraine heute: Die Wirklichkeit ohne Mythen“. Darin wird die irrsinnige Behauptung aufgestellt, 400.000 Juden hätten 1941 an der Seite Hitlers die Ukraine überfallen. Der Herausgeber der Zeitung, Vasily Gruzin, legte in einem Interview mit der Jewish Telegraphic Agency nach und sagte, er hätte nichts gegen Juden an sich, aber gegen die „jüdischen Oligarchen“, die das Land regierten, und gegen die „Zionisten, die die Welt kontrollieren wollen“. Alexander Shlayen vom Antifaschistischen Komitee der Ukraine zeigte die Zeitung wegen Verhetzung an. Julia Timoschenko veröffentlichte daraufhin gemeinsam mit dem „pro-westlichen“ Präsidentschaftskandidaten Viktor Yushchenko einen Aufruf mit dem Titel „Hände weg von Silski visti“2012 schloss Timoschenkos Vaterlandspaertei einen Wahlpakt mit der nationalfaschistischen, antisemitischen Swoboda-Partei. In dieser bezaubernden Gruppierung gibt es Leute wie Yuri Mikhalchishin, der seiner Partei riet, die „Taktik der Hamas zu kopieren“ und der den Holocaust als „helle Periode der europäischen Geschichte“ bezeichnete. Swoboda-Parteichef Oleg Tjagnibok fiel dadurch auf, dass er die Ukraine als von „Juden und Russen besetztes Land“ beschrieb. 2013 stimmte Timoschenkos Partei gegen eine Gesetzesinitiative, die antisemitische Hassreden verbieten sollte. Und nun, im Zuge der „Maidan-Revolution“, paktiert der vor allem von Deutschland gepushte „Hoffnungsträger“ Vitali Klitschko ungeniert mit dem Swoboda-Nazi Oleg Tjagnibok und lacht mit ihm von etlichen Fotos.

Ich bin kein Fan des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, aber man gestatte mir, bei dieser Opposition nicht ins Schwärmen zu geraten. Natürlich ist bzw. war die amtierende Regierung eine von pro-russischen Oligarchen-Marionetten. Die Opposition besteht aus pro-westlichen Oligarchen-Marionetten und aus Nazis. Und ob einer nun pro-russisch ist oder für die EU geht mir, ehrlich gesagt, mittlerweile am Arsch vorbei. „Pro-europäisch“ ist in Zeiten, in denen die EU auf Flüchtlinge schießt, diese im Mittelmeer ersaufen lässt und ansonsten dafür Sorge trägt, den Lebensstandard der EU-Bürgerinnen der „Wettbewerbsfähigkeit“ wegen auf Drittwelt-Niveau zu reduzieren, ein ebenso unattraktives Movens wie es Sympathie für Putins autoritäre gelenkte Pseudodemokratie ist. Da springt bei mir kein revolutionärer Funke über, da fällt mir nur ein: Alles scheiße, it all sucks.

Ukraine: Back to the USSR

Woran erkennt man, dass ein Land von bösen Menschen regiert wird? Unter anderem daran, dass diese ihren Untertanen vorschreiben wollen, wie sie sich zu kleiden hätten. Und auch daran, dass gegen Spaß und Satire mit allem Ernst vorgegangen wird. Die Taliban und die Mullahs sind so, die derzeitigen Machthaber in der Ukraine wollen aber beweisen, dass sie ebenso lächerliche Trotteln sind wie die bärtigen Barbaren. Man willl in der ehemaligen Sowjetrepublik strenge Kleidervorschriften für Politiker(innen) einführen, und Satiresendungen und politische Cartoons will man verbieten. „The Ukraine girls really knock me out“? Nicht mehr lange, geht es nach den KGB-Fossilien. Zucht und Ordnung sollen einziehen in Kiew und Odessa, so wie in den seligen Stalinzeiten. Keine Miniröcke für die Mädchen, keine langen Haare für die Jungs, kein Aufmucken gegen die Obrigkeit in den Medien – die Ukraine rückt wieder ein Stückchen näher an den Rand der Unbewohnbarkeit. Heißt es bald „Back to the USSR“?