Typisch Amis?

Wenn Edward Snowden etwas erreicht hat, dann nicht die Aufklärung einer angeblich unwissenden und unschuldigen Welt über die ach so überraschende Gewohnheit von Spionen, zu spionieren, sondern eine massive Verstärkung der Vorurteile jener Leute, die entgegen aller Evidenz die USA immer schon als Hort der Unfreiheit und der außer Rand und Band geratenen Sicherheitsbehörden empfunden haben. „Da sieht man´s mal wieder, so sind die Amis“, geht das kollektive Raunen durch Blätterwald und Eckkneipe, ein Raunen, das jene gerne zur Massenempörung anschwellen sehen würden, die ein echtes Interesse an einem schlechten Image der Staaten haben. In China lacht sich ein Parteibonze, der eben mal ein paar tausend Menschen per Federstrich in ein Arbeitslager geschickt und ein paar hundert andere zum Tod durch Genickschuss verurteilt hat, vermutlich gerade tot angesichts der Stimmung weiter Bevölkerungskreise in Westeuropa, wo das vermeintliche Wissen über Amerika vornehmlich aus amerikanischen Paranoiathrillern stammt, die, nebenbei bemerkt, extra für die eher wenig gut gebildeten US-Bürger gemacht werden, die Yokels abseits der großen Städte, die hinter allem Unbill des Lebens nie die eigene Beschränktheit, aber umso öfter Verschwörungen finsterer Anzugträger in Washington, New York oder L.A. vermuten und daher willig ins Kino laufen, wenn ihre Sicht der Dinge dort bestätigt wird. Diese Rednecks sind mit ihrem oft genug antisemitisch grundierten Verfolgungswahn jenen Figuren überraschend ähnlich, die sich in Europa als Intellektuelle fühlen, sobald sie Schlechtes über Amerika reden oder schreiben. Als Intellektueller fühlt sich bei uns auch der, der sagt oder schreibt, was das Publikum hören mag. Und so ist ja der Mainstream hierzulande, ganz egal, ob rechts oder links, im Zweifel gegen Amerika, und in dieser Gegnerschaft kann man sich treffen, politische (Schein)Gegensätze überwinden und mit dem inneren Barbaren Frieden schließen. Das macht verständlich, wenn Menschen, die sich für links halten, Geschirrtücher für die Hisbollah stricken, wenn angebliche Progressive Spenden für den Djihad sammeln und wenn vorgebliche Fortschrittliche jeden mit ihren fair produzierten Palästinenserschals am liebsten erwürgen würden, der nicht einstimmt in das antiameriikanische Geheul.

Ähnlich ressentimentverstärkend wirkt derzeit auch der Fall um George Zimmerman, der in Florida im Zweifel vom Vorwurf, er habe Trayvon Martin absichtlich erschossen, freigesprochen wurde. „Rassismus“ schallte es fast einhellig aus europäischen Zeitungskommentaren, obwohl keiner der Kommentatoren beim Prozess dabei gewesen ist. Ich war auch nicht dort, ich habe keine Ahnung, ob die Geschworenen rassistische Motive hatten, ich weiß nur, dass in diesem Prozess einer der wichtigsten strafprozesslichen Grundätze überhaupt zur Anwendung kam: „Im Zweifel für den Angeklagten“. Dieser Grundsatz ist mir so wichtig, dass es mir lieber ist, es laufen ein paar böse Jungs frei herum, als dass Unschuldige im Knast verrotten. Ja freilich wird der Mann auch einen guten Anwalt gehabt haben, womit wir zum nächsten antiamerikanischen Klischee kämen: Ohne guten Anwalt sei man vor US-Gerichten verloren. An dem Klischee ist sogar was dran, nur: Das ist wirklich keine exklusiv amerikanische Party. Wer sich in Österrreich keinen Anwalt, geschweige denn einen guten leisten kann, muss  hoffen, nie vor ein Strafgericht zitiert zu werden, und den ganzen zivilrechtlichen Kram von Nachbarschaftsstreitigkeiten über Bekämpfung von Verleumdung bis zum Einklagen einfachster Rechte kann man sich auf eine Postkarte ans Christkind malen (es sei denn, eine Gewerkschaft, eine Kammer oder eine NGO springt für einen ein). In den USA ist der Zugang zum Recht in vielen Fällen leichter und barriereärmer als in Europa.

Auch das Bild vom bösen brutalen Cop, das wir aus so vielen Filmen zu kennen meinen, hat mit der amerikanischen Realität nicht sehr oft etwas zu tun. Wer in den USA war wird häufig davon berichten können, dass die dortigen Polizisten meist sehr höflich, sehr korrekt und sogar freundlich sind. Klar gibt es auch dort Polizeibrutalität in allen Facetten, aber tendenziell sind die US-Bullen doch weniger willkürlich und bürgerfeindlich als bei uns. Es ist in Amerika zum Beispiel die Regel und nicht die Ausnahme, dass Polizisten friedliche Kiffer einfach in Ruhe kiffen lassen, statt sie zu belästigen. Viele US-Bundesstaaten sind in Sachen Cannabis-Liberalisierung viel weiter als das angeblich fortschrittliche Europa, wo, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Konsum einer völlig harmlosen Spaßdroge nach wie vor mit allem, was die Schikanegesetze  zwischen Inhaftierung und Führerscheinentzug hergeben, bestraft wird. Nicht überall in Amerika geht es diesbezüglich locker zu, aber doch an erstaunlich vielen Orten, und es sind dort keineswegs nur die „Liberals“, die die Prohibition durch einen vernünftigen Umgang mit Rauschmitteln ersetzen wollen. Auch viele Republikaner finden das rational und setzen sich für die Entkriminalisierung ein, denn, und jetzt müssen Amerikahasser tapfer sein, es gibt unter Republikanern Politiker, die weiter links stehen als jeder ihrer europäischen Kollegen und es gibt unter Demokraten heftige Rechtsblinker. Und Unabhängige gibt es auch noch, teils ganz ganz linke und ganz ganz rechte. Und was ein weiteres Vourteil betrifft, nämlich jenes, dass die Amerikaner prüde seien: Wer das ernsthaft meint, der sollte mal die Folsom Street Fair besuchen gehen! Und danach soll er noch einmal was von den prüden Amis daherreden! Die Vereinigten Staaten von Amerika sind verdammt groß und verdammt vielfältig, aber an vielen Orten dort kann man eine Ahnung davon bekommen, warum John Mayall seinen ersten US-Aufenthalt so besang: „The cops were in their cars but the never bothered me / A new magic world, I never felt so free“.

Also eh alles super in Amerika? Na sicher nicht! Es gibt sehr viele Dinge, die mir an den Vereinigten Staaten gar nicht gefallen, vom Hang zu drakonischen Strafen über den großen Einfluss der Religion bis hin zum mangelhaft ausgebauten Sozialstaat fielen mir tausende Sachen ein, die ich persönlich dort nicht so toll finde, aber ich respektiere es, wenn Menschen andere Meinungen haben als ich und eine andere Politik bevorzugen als ich es an ihrer Stelle vielleicht täte. Ich bin gegen Todesstrafe und jahrzehntelange Haftstrafen, und das sage ich auch immer wieder öffentlich, aber ich werde den Amerikanern sicher nicht vorschreiben, wie sie ihr Justizsystem gestalten sollten (das wäre übrigens für mich der einzige Grund, Snowden Asyl zu gewähren, nämlich das womöglich brutale Strafmaß, das ihn erwarten könnte). Ich freue mich darüber, dass Obama den Zugang zur Krankenversicherung massiv ausgebaut hat, aber ich kann verstehen, dass es Menschen gibt, denen die Freiheit von staatlicher Bevormundung über alles geht, manchmal sogar über das, wovon man denkt, es sei doch in ihrem eigenen Interesse. Und mit dem Stichwort Freiheit nähern wir uns womöglich dem Kern dessen, was viele Amerikahasser so fuchsig macht, nämlich das Misstrauen vieler US-Bürgerinnen gegenüber dem Staat und vor allem gegen das Auftreten des Staates als autoritäres Kindermädchen, das schon mal gegen den Willen der Betroffen eingreift, natürlich nur „zu derem Wohl“. Dieser Unterschied in der Staatswahrnehmung geht bis ins Persönlichste, und so kommt es auch, dass in Amerika toleriert wird, was hierzulande gleich Ämter und Polizei und Psychiatrie auf den Plan ruft. Exzentrisch zu sein bis zum Rumspinnen ist jenseits des Teichs meist okay, solange der exzentrische Rumspinner keinen Dritten gefährdet.

Terror in Boston und Arschlochösterreicher

Der achtjährige Martin ist stolz, denn sein Vater hat gerade den Bostoner Marathon bewältigt.  Er läuft zur Ziellinie und umarmt Papa. Dann geht er zurück zu seiner Mutter und seinen Schwestern. Die Bombe explodiert. Martin stirbt. Die Explosion reißt seiner Schester ein Bein ab und verletzt seine Mutter schwer. Zwei weitere Menschen sind sofort tot, Hunderte müssen in Krankenhäuser gebracht werden. Der City-Marathon, eine sportliche Großveranstaltung ohne fanatische Fans, die einander tot prügeln oder rassistische Gesänge anstimmen, ohne Hurrapatriotismus und ohne Männlichkeitswahn, dafür mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus allen sozialen Schichten und aus verschiedenen Ländern, die, angefeuert von vielen Tausenden, zusammenkommen, um gemeinsam an ihre körperlichen Grenzen zu gehen, endet in einem Blutbad. Jeder Terroranschlag ist widerwärtig und macht einen traurig und wütend. Besonders fassungslos ist man, wenn die Mörder Ziele wählen, die für Lebensfreude und ein friedliches Zusammenkommen stehen. Wie die Olympischen Spiele 1972, oder eben wie eine große Laufveranstaltung. Terroristen haben keine Achtung vor dem menschlichen  Leben, daher wählen sie mit Vorliebe Ziele, die für Lebendigkeit stehen: Israelische Schulbusse, irakische Basare, amerikanische Welthandelszentren, deutsche Diskotheken, italienische Bahnhöfe, afghanische Schulen… . Jeder Mensch, der noch nicht völlig verroht ist, muss sich zutiefst verletzt fühlen, wenn auf diese Weise Leben ausgelöscht werden, und er wird keine Entschuldigungen oder Relativierungen gelten lassen. Ein Blick auf die Leserkommentare der Tageszeitungen zeigt jedoch, wie verbreitet der Typus des kalten Unmenschen, der kein Mitleid mehr kennt, inzwischen ist. Dieser Typ Mensch kann nicht einfach mal sein Maul halten, nein, er muss seinen geistigen Dünnpfiff gerade dann verbreiten, wenn das Blut der Opfer noch nicht mal getrocknet ist.

„Der Standard“:

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„Die Presse“:

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„Kleine Zeitung“:

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kleine3

 

„Kurier“:

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kurier3

 

usw….

Obama und Amerikas „Change“

Als im Jahr 1998 der Afroamerikaner Morgan Freeman im Blockbuster „Deep Impact“ den US-Präsidenten spielte, war in vielen Filmkritiken zu lesen, dass dies wohl der utopischste Aspekt dieses Science-Fiction-Filmchens sei. Erst in „frühestens 60 Jahren“ würden die USA einen Schwarzen als Präsidenten akzeptieren, hieß es in einer der Besprechungen. Und jetzt, im Jahr 2012, wurde soeben der Afroamerikaner Barack Obama zum zweiten Mal zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt. Die Zeiten ändern sich eben schneller als es viele voraussehen, hoffen oder – im Falle vieler Konservativer –  befürchten. Gestern hat das neue Amerika, das Amerika der Frauen, der Hispanics, der Schwarzen, der Jugend, der Patchworkfamilien, der Schwulen und Lesben, kurz: das Amerika des Multikulturalismus gewonnen und das alte Amerika, das Amerika der weißen Männer, hat verloren. Das alte Amerika hat sich zwar nach Obamas erster gewonnener Wahl lautstark aufgebäumt, in Gestalt der Tea Party viel Lärm gemacht und sich als schweigende Mehrheit aufgespielt, doch das hat sich als Illusion erwiesen. Und die Republikaner sind dieser Illusion auf den Leim gegangen, was Mitt Romney die Wahl gekostet hat. In Verkennung der Realität haben die Reps einen Abwehrkampf gegen die ihnen unangenehmen  Veränderungen der US-Gesellschaft geführt und die Advokaten der wohlhabenden weißen Mittel- und Oberschicht gespielt, obwohl diese Schicht immer kleiner wird, und das führte dazu, dass die Grand Old Party am Ende des Wahlabends nicht mehr sehr groß, dafür aber richtig alt aussah. Obama und seine Leute haben hingegen schon 2008 geschnallt, wie tiefgreifend sich die Struktur der amerikanischen Gesellschaft seit den 80er Jahren verändert hatte und setzten daher auf „Change“, also auf Wechsel, Veränderung, und in der jüngsten Kampagne auf „Foreward“, also vorwärts.

Wer die USA nur oberflächlich und aus europäischen Medien kennt, den hat den „Change“ in Amerika sicher überrascht. Wer aber genauer hingesehen hat in den vergangenen Jahren, der hat bemerkt, dass abseits der lautstarken Tea Party und unbeeindruckt vom Gekeife rechter Demagogen eine Art Kulturrevolution stattgefunden hat. Und das liegt nicht nur an der Demoskopie, am unaufhaltsamen Abstieg der weißen Männer als bestimmende Kraft im Lande, sondern da geschieht viel mehr als das, nämlich eine immer mehr Fahrt aufnehmende Liberalisierung. Es gibt keine populären Fernsehserien und keine Hollywoodblockbuster mehr, die den Wertewandel nicht widerspiegeln würden, einen Wandel weg von traditionellen konservativen Lebensentwürfen und Haltungen hin zu Toleranz und Realismus. Statt die alte Welt, also die Welt vor den 60er Jahren mit ihren weißen Männern in der Hauptrolle, stets auf neue zu reproduzieren, zeigt die Unterhaltungsindustrie immer öfter farbige oder weibliche Helden, gemischtrassige Paare, Schwule und Lesben, Juden und Muslime, alleinerziehende Mütter und nicht traditionelle Familien als Normalfälle. Rechte Kommentatoren werfen den Machern dieser Serien und Filme gerne vor, sie würden Ideologie verbreiten, aber genau das Gegenteil ist wahr. Es sind die Rechten, die ihre eigene Ideologie als Realität imaginieren, während die Drehbuchschreiber bloß die Realität aufgreifen und verarbeiten. Realität ist zum Beispiel, dass immer mehr US-Bundesstaaten über Volksabstimmungen ihre Marihuana-Gesetze liberalisieren. Realität ist, dass die Befürworter der Todesstrafe in immer mehr Umfragen nur mehr knapp in Führung liegen. Realität ist, dass eine für Konservative wohl erschreckende Toleranz gegenüber alternativen Lebensstilen und Sexualitäten um sich greift. Realität ist, dass die Mehrheit der Amerikaner nicht mehr rassistisch ist. Und all das haben die Republikaner verschlafen. Genauer gesagt: Gegen all das stemmt sich eine Minderheit innerhalb der republikanischen Partei, und dieses Pissen gegen den Wind führte nun dazu, dass die Wahl verloren ging.

Wie aber ist Obamas Wiederwahl aus linker Sicht zu bewerten? Haben jene recht, die immer sagen, es sei letztlich unerheblich, wer im Weißen Haus sitze, da dort doch am Ende des Tages immer nur ein Vertreter des Kapitals regiere? Ich sehe das nicht so. Natürlich ist Obama kein Marxist oder auch nur Sozialdemokrat, aber es ist MIR nicht gleichgültig, ob 60 Millionen Amerikaner eine Krankenversicherung haben oder nicht. Und es kann der Welt nicht gleichgültig sein, ob der mächtigste Mann der Erde eher zu friedlichen Lösungsansätzen tendiert oder zum Krieg. Wobei ich an dieser Stelle meine konservativen bis rechten Freunde beruhigen will: Auch Obama ist kein naiver Träumer. Auch Obama wird einen nuklear bewaffneten Iran nicht akzeptieren. Auch Obama wird das Problem des islamistischen Terrorismus nicht ignorieren. All das hat er bereits in seiner ersten Amtszeit bewiesen und daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Sieht man sich die Entwicklung  der vergangenen vier Jahre an, so ist das weltpolitische Gewicht der USA eher wieder erstarkt als weiter zurückgegangen. Obama ist konzilianter und rhetorisch gemäßigter als es ein George Bush war, aber er ist keineswegs ein geopolitischer Hippie. Dennoch ist seine Wiederwahl auch ein positives Signal für progressive Kräfte rund um den Globus und ein Hoffnungsschimmer für all jene, die auch in Europa gerne einen „Change“ weg vom Austeritätswahnsinn a la Merkel und Cameron hin zu einer realistischen Wirtschafts- und Sozialpolitik hätten.

 

 

Don´t step on the grass, Sam!

Hey, US-Repräsentantenhausdeppen mit eurer durchgeknallten Prohibitionspolitik: Dieser Song ist für euch!

Starin‘ at the boob tube, turnin‘ on the big knob
Tryin‘ to find some life in the waste land
Fin’ly found a program, gonna deal with Mary Jane
Ready for a trip into hate land
Obnoxious Joe comes on the screen
Along with his guest self-righteous Sam
And one more guy who doesn’t count
His hair and clothes are too far out

While pushin‘ back his glasses Sam is sayin‘ casually
„I was elected by the masses“
And with that in mind he starts to unwind
A vicious attack on the finest of grasses

Well it’s evil, wicked, mean and nasty
(Don’t step on the grass, Sam)
And it will ruin our fair country
(Don’t be such an ass, Sam)
Well, it will hook your Sue and Johnny
(You’re so full of bull, Sam)
All will pay that disagree with me
(Please give up you already lost the fight, alright)

Misinformation Sam and Joe
Are feeding to the nation
But the one who didn’t count counted them out
By exposing all their false quotations
Faced by a very awkward situation
This is all he’d say to save the day

Well it’s evil, wicked, mean and nasty
(Don’t step on the grass, Sam)
And it will ruin our fair country
(Don’t be such an ass, Sam)
Well, it will hook your Sue and Johnny
(You’re so full of bull, Sam)
All will pay that disagree with me
(Please give up you already lost the fight alright)

You waste my coin Sam, all you can
To jail my fellow man
For smoking all the noble weed
You need much more than him
You’ve been telling lies so long
Some believe they’re true
So they close their eyes to things
You have no right to do
Just as soon as you are gone
Hope will start to climb
Please don’t stay around too long
You’re wasting precious time

Murdered by the state

Heute Nacht wird in den USA ein möglicherweise unschuldiger Mann hingerichtet werden. Troy Davis soll einen Polizisten ermordet haben, doch außer widersprüchlichen Zeugenaussagen, von denen etliche später widerrufen wurden, gibt es keine stichhaltigen Beweise. Keine DNA-Spuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe. Wie es aussieht, werden alle nationalen und internationalen Proteste nichts nützen und Herr Davis wird morgen tot sein.

Und da wir gerade beim staatlich sanktionierten Umbringen sind: Im Iran wurde heute der 17-jährige Molla Soltani vor einer gröhlenden Menschenmasse öffentlich hingerichtet. Er ist bereits der (mindestens) dritte Minderjährige, der heuer im Mullahstaat an den Galgen kam. Insgesamt sollen 2011 im Iran bislang schon 202 Menschen gehenkt worden sein.

Anbei ein paar Songs, gewidmet allen, die Opfer des staatlich erlaubten Mordens wurden und noch werden sollen:

DSK und die US-Justiz

Niemand sollte annehmen, ich hätte allzu große oder überhaupt irgendwelche Sympathien für den mutmaßlichen Hotelreinigungsfachfrauenvergwaltigungsversucher Dominique Strauss-Kahn. Nein, da will aus mehreren Gründen kein Mitleid in mir aufkeimen, aber das Gegenteil halt auch nicht. Wenn jemand erst einmal von der Justiz beamtshandelt wird, und diese Justiz noch dazu die US-amerikanische ist, und ich sehe, wie sich im konkreten Fall vor allem die amerikanischen Medien, von der Yellow Press bis zu CNN, kaum mehr einkriegen vor Schadenfreude, ach so lustige Witze reißen über elektronische Fußfesseln und sich am Vorrechnen des möglicherweise in Jahrzehnten zu bemessenden Strafmaßes ergötzen, dann mag sich in mir nicht das Gefühl breitmachen, ich würde gerade dabei zusehen, wie Gerechtigkeit waltet. Ich will die Amerikaner nicht darin schulmeistern, wie sie ihr Strafrecht gestalten und wie sie damit umgehen sollen, nein, aber gefallen muss es mir auch nicht, wie man hier, so mein subjektiver Eindruck, sich indirekt an Frankreich dafür rächen will, dass es Roman Polanski nicht ausliefert (den Zusammenhang hat ja der Staatsanwalt im Fall DSK, Daniel Alonso, selbst hergestellt). Einerseits ist es ja bewundernswert, dass die US-Justiz auch gegen einflussreiche und reiche Personen entschieden vorgeht, was im alten Europa, das nach wie vor viel stärker als die USA eine Klassengesellschaft ist, in der es sich die „Oberen Zehntausend“ sehr leicht richten können, nur allzu oft nicht der Fall ist. Andererseits wirkt das US-Justizsystem auf mich aber abstoßend und fast barbarisch mit seinen grotesk hohen Strafen, die ja in vielen Bundesstaaten bis zur Tötung reichen. Gewiss, die Mehrheit der Amerikaner will das so haben, und wer als Politiker oder Justizbeamter nicht „tough on crime“ ist, hat dort kein Leiberl. Und es gibt auch sicher viele Fälle, wo die Härte dieses Systems die einzige Antwort auf wirklich grausame Verbrechen ist, also eine Antwort im Sinne des Schutzes der Bevölkerung vor Schwerstkriminellen und des Seelenfriedens der Verbrechensopfer. Doch die andere Seite der Medaille ist, dass dieses System immer öfter jedes Maß zu verlieren scheint und dass daher in amerikanischen Gefängnissen sehr viele Menschen für Jahrzehnte wegen Vergehen weggesperrt werden, für die sie in anderen Staaten allenfalls ein paar Jahre aufgebrummt bekämen. Von den Haftbedingungen vor allem in den „Supermax“-Knästen, in denen die Insassen 23 Stunden am Tag in ihrer Einzelzelle sitzen und dann, falls sie „brav“ sind, eine Stunde lang in einem kleinen Betoninnenhof zwischen hohen Mauern ein paar Runden drehen dürfen, was de facto Folter ist, will ich gar nicht erst anfangen. Das gesamte Strafrechtssystem der USA tendiert viel stärker in Richtung Vergeltung und Rache statt zu Rehabilitation. Es ist das gute Recht der Amerikaner, das so zu handhaben. Und es ist mein gutes Recht, daran zu zweifeln, ob das gesellschaftspolitisch sinnvoll ist. Aber ich schweife mal wieder ab. Zurückkommend auf  den Fall Dominique Strauss-Kahn möchte ich festhalten: Sollte er getan haben, was man ihm vorwirft, hat er es durchaus verdient, in Form einer Gefängnisstrafe die Rechnung für seine Tat(en) zu begleichen. Dass er für Jahrzehnte in den Knast muss und dort dann auch stirbt, wünsche ich ihm aber dennoch nicht, obwohl ich, wie anfangs erwähnt, keine Sympathien für den Mann hege. Fünf Jahre Bau und eine sehr fette Entschädigungszahlung für sein mutmaßliches Opfer, das sich dann eine ordentliche HIV-Behandlung leisten kann und sich nie wieder Geldsorgen machen müsste – das entspräche in etwa meinem Gerechtigkeitsempfinden, aber ich weiß natürlich, dass es nicht um Gerechtigkeitsempfinden (schon gar nicht um meines) geht, sondern um Recht, und zwar um amerikanisches Recht. Und wer in den USA eine Straftat begeht, der muss auch damit rechnen, nach amerikanischem Strafrecht verurteilt zu werden, auch wenn dieses vielen Menschen, so auch mir, oft sehr hart, ja brutal erscheint.

Vergewaltigung im Paralleuniversum

Kaum klickten für Dominique Strauss-Kahn die Handschellen, gingen auch schon wüste Spekulationen der Art los, der IWF-Chef und mögliche Präsidentschaftskandaidat der französischen Sozialisten sei einem Komplott zum Opfer gefallen. Die bislang bekannt gewordenen Indizien stützen die kursierenden Verschwörungstheorien freilich nicht. Es gibt zumindest zu denken, wenn ein angeblich Unschuldiger so rasch den Ort der mutmaßlichen Tat verlässt,  dass er sein Handy und andere persönliche Gegenstände mitzunehmen vergisst. „DSK“, wie ihn die Franzosen rufen, hat außerdem eine Vorgeschichte in Sachen „Schwanz-nicht-in-der-Hose-lassen-Können“, weshalb es für mich nicht ausgeschlossen ist, dass der geile alte Depp tatsächlich über ein Zimmermädchen hergefallen ist. Sollte dem so sein, sieht dieser feine Herr nicht nur 15 bis 20 Jahren Knast entgegen, er könnte mit seiner Tat auch den Weg zur Präsidentschaft für die Rechtsextreme Marine Le Pen bereitet haben.

Viele Leserkommentare in den Zeitungen stellen jetzt die Frage, wie ein Mensch so blöd sein könne. Nun, mit Blödheit hat das nichts zu tun. Sexualverbrecher können durchaus sehr intelligente Menschen sein, aber bei Triebtätern setzt, wie die Bezeichnung ja sagt, der Verstand aus und die Geilheit übernimmt das Kommando. Im Falle von DSK kommt noch dazu, dass der Mann in einem Paralleluniversum lebte, in dem sich auch Kreaturen wie Berlusconi und Peter Hartz tummeln, ein Universum, wo er von Luxushotel zu Luxushotel jettete (natürlich immer in der Ersten Klasse), von unterwürfigen Gehilfen stets als Alphatier behandelt wurde, immer und überall auf eine Sonderbehandlung hoffen durfte und wo allen seinen Anordnungen Folge geleistet wurde. So einer kann dann schon mal den Kontakt zur Realität verlieren und glauben, er komme mit jeder Sauerei davon, da für ihn in seinem Paralleluniversum ja auch andere Gesetze als für Normalsterbliche gelten würden. Vielleicht saß er da in seiner Hotelsuite, zugekokst und besoffen von seiner gefühlten Großartigkeit, und ging davon aus, dass es wohl eine große Ehre für das Zimmermädchen sein müsse, IHM, dem Zuchtmeister über die Weltfinanzen und zukünftigen Präsidenten Frankreichs, einen zu blasen? Es gilt die Unschuldsvermutung, aber zutrauen würde ich das einem DSK, der ganz und gar diesem völlig moralbefreiten Typus der kapitalistischen Führungskraft entspricht, durchaus.

Europa ohne Hosen

Europa lässt vor aller Welt die Hosen runter: Der Luftkrieg über Libyen dauert etwas mehr als einen Monat, aber der Nato geht bereits die Munition aus. Die Vorräte der europäischen Streitkräfte an lasergelenkten Präzisionsbomben schwinden. Der Direktor des Forschungsinstituts Globalsecurity.org, John Pike, findet deutliche Worte: „Libyen ist kein großer Krieg. Wenn den Europäern schon zu so einem frühen Zeitpunkt in so einer kleinen Mission die Munition ausgeht, fragt man sich, auf welche Art von Krieg sie sich vorbereitet haben“, sagte er der „Washington Post“. „Vielleicht wollten sie ihre Luftwaffen nur bei Flugshows einsetzen.“ 

Ja, Mr. Pike, ein Großteil der Europäer möchte die Flugwaffen wirklich nur bei Flugshows einsetzen, denn man hat sich daran gewöhnt, dass andere die Drecksarbeit erledigen, während man selbst moralisch empört tat, um dann dem Drecksarbeiter im Hinterzimmer einen fetten Scheck auszustellen. Das sollte diesmal anders sein, nun wollte man mal selber militärisch was tun, zeigen, dass man es noch konnte, ging es doch um europäische Interessen in einem europäischen Hinterhof, doch man hätte wohl wirklich auf die Deutschen hören sollen, ausnahmsweise mal. Die haben sich die Sache vor der UN-Entscheidung genau angesehen, vor allem die militärischen Kapazitäten der EU, erkannten sofort, dass sich Russland und China totlachen werden, sobald die sehen, dass Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Co nicht mal mit der Hälfte von Libyen fertig werden, und dann haben sie gesagt: „Ne ihr, lasst mal, wir machen da nicht mit“.

Diktator Sparefroh

Was die Welt in den vergangenen Jahren erlebt hat, wurde gerne und oft als Wirtschaftskrise bezeichnet, dabei war es doch fast ausschließlich eine Krise des Finanzsektors, eine Bankenkrise. Jetzt aber, nachdem die Steuerzahler dieses Planeten die Banken brav mit aberwitzigen Beträgen vor dem Absturz gerettet und die großen Staatsanleihenkäufer durch gigantische Bürgschaften vor dem Verlust von Rendite bewahrt haben, wird die echte Krise kommen, denn alle westlichen Industriestaaten steuern auf eine massive Kaufkraftvernichtung und damit auf eine echte Rezession hin. Sparen müsse man, so hört man es jetzt zwischen Sofia und Washington, und wer das nicht freiwillig in Politik umsetzt, dem machen Ratingagenturen und die EU-Finanzminister (bzw. in den USA die Republikaner) die Hölle heiß. Gespart wird freilich nicht bei der teils aberwitzigen Bürokratie, den aufgeblähten Fördertöpfen für Großbauern und bei der Unterstützung der Konzerne mittels faktischer Steuerbefreiung, sondern bei der Masse, bei denen, die so gerne herablassend als die „Kleinen Leute“ bezeichnet werden. Oder um es anders zu sagen: Das durch größenwahnsinnige, unüberlegte Expansionen, faule Kredite und fahrlässige Spekulationen vernichtete Kapital wird jetzt dadurch ersetzt, dass man Oma Meier die Pflegeunterstützung kürzt, dass man Onkel Hans die Rente kürzt, dass Otto Müller für noch weniger Gehalt schuften darf und dass man den Krankenhäusern Geld für Ärztinnen, Pfleger, Betten und Diagnosegeräte streicht.

Sparen – das klingt so harmlos nach Porzelanschweinchen, nach vernünftiger Vorsorge für schlechte Zeiten, nach dem braven Gegenteil zur dümmlichen Verschwendungssucht. Das Problem ist bloß, dass es sich bei all dem, was uns jetzt als „Sparen“ oder „Sparprogramm“ verkauft wird, um etwas ganz anders handelt, nämlich um Verteilungskämpfe, die zu Ungunsten der Klein- und Mittelverdiener ausgehen. Nirgendwo wird wirklich „gespart“, man sorgt bloß dafür, dass die großen Banken und Kapitalgesellschaften und exportorientierten Industriebetriebe nicht damit behelligt werden, einen allzu großen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten und dass die in diesen Bereichen tätigen „Leistungsträger“ weiterhin groteske Vergütungen einstreichen können, so wie auch die großen Aktionäre sich weiterhin ihrer Rendite sicher sein sollen. Wie lange es gutgeht, die Binnennachfrage zugunsten der Exportwirtschaft und des Geldwertes zu kappen, könnte man eingentlich aus historischen Erfahrungen wissen: nicht lange nämlich. Die Kosten, die man meint „gespart“ zu haben, werden durch Kaufkraftwegfall, poltische und soziale Unruhen und steigende Kriminalität locker wieder aufgefressen. Das hat man alles schon erlebt, und trotzdem werden uns die Rezepte aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wieder als heilsbringende und allein gültige Wahrheit verkauft.

Die vage, fast abergläubische Hoffnung der politischen Klasse, die derzeit allerorten brav „Sparpolitik“ im Sinne des Kapitals betreibt, ist, dass es zu Technologiessprüngen kommen werde, die das Wirtschaftsleben wieder beleben könnten, so wie es in den 70er, 80er und 90er Jahren die Computer- und Informationsrevolution tat. Nur: Woher kam die? Aus dem genauen Gegenteil einer Sparpolitik natürlich. Ohne den aus heutiger Sicht unglaublichen Ehrgeiz der USA, binnen weniger Jahre Menschen auf den Mond zu befördern, würden wir wohl erst heute die ersten Heimcomputer entwickeln, falls überhaupt. Und nun, im Jahr 2011, sind die USA nach dem „Wegsparen““ des Spaceshuttleprogramms nicht mal mehr in der Lage, ohne russische Hilfe einen Menschen ins All zu befördern. Das ist nur ein Beispiel unter vielen, aber eines, das sehr deutlich demonstriert, dass „Sparen“ nicht automatisch Fortschritt nach sich zieht, sondern eher Stillstand bis Rückschritt. Diktator Sparefroh ist ein Idiot, wir sollten ihn absetzen!