DSK: In dubio pro reo

Das Verfahren gegen Dominique Strauss-Kahn wegen versuchter Vergewaltigung wurde also fallen gelassen. Ich weiß nicht, was damals in der Hotelsuite passiert ist, und ja, es mag sein, dass „DSK“ ein Schürzenjäger ist, der die Grenzen des Akzeptablen, vielleicht auch des Legalen überschritten hat. Aber: Wissen tut das niemand. Und ich halte es in diesem Fall mit einem guten Freund, der Strafrichter ist, und der mir in einem Gespräch über den lange der Vergewaltigung verdächtig gewesenen Wetterfrosch Jörg Kachelmann sagte: „Es ist mir lieber, wenn ein mutmaßlich Schuldiger davonkommt, als dass ein Unschuldiger verurteilt wird“. Und Recht hat er, denn der juristische Grundsatz, der in zivilisierten Ländern Gültigkeit hat, dass man nämlich im Zweifel für den Angeklagten entscheiden sollte, muss auch und gerade bei Vorwürfen, bei denen Aussage gegen Aussage steht,  eingehalten werden. Natürlich ist das schwierig und hat einen unguten Beigeschmack, wenn es sich um Sexualstraftaten handelt, wo das mutmaßliche Opfer in aller Regel keine Zeugen vorweisen kann, und es wird nicht leichter, wenn der mutmaßliche Täter ein Spitzenpolitiker ist, dem man beste Connections und einen gewaltigen finanziellen Background durchaus unterstellen darf. Aber dennoch: Auch ein Mensch, der einem aus diversen Gründen nicht unbedingt sympathisch sein muss, hat das Anrecht, nicht wegen wackeliger Anschuldigungen viele Jahre in den Knast gesteckt zu werden. Und wackelig waren die Aussagen des Zimmermädchens allemal, da es gleich mehrfach widersprüchliche, ja falsche Aussagen gemacht hat. Und eine Strafe hat DSK eh bekommen: Er ist nicht mehr Chef des IWF, und auch andere politische Karrieren scheinen sich für ihn erledigt zu haben.

Vergewaltigung im Paralleuniversum

Kaum klickten für Dominique Strauss-Kahn die Handschellen, gingen auch schon wüste Spekulationen der Art los, der IWF-Chef und mögliche Präsidentschaftskandaidat der französischen Sozialisten sei einem Komplott zum Opfer gefallen. Die bislang bekannt gewordenen Indizien stützen die kursierenden Verschwörungstheorien freilich nicht. Es gibt zumindest zu denken, wenn ein angeblich Unschuldiger so rasch den Ort der mutmaßlichen Tat verlässt,  dass er sein Handy und andere persönliche Gegenstände mitzunehmen vergisst. „DSK“, wie ihn die Franzosen rufen, hat außerdem eine Vorgeschichte in Sachen „Schwanz-nicht-in-der-Hose-lassen-Können“, weshalb es für mich nicht ausgeschlossen ist, dass der geile alte Depp tatsächlich über ein Zimmermädchen hergefallen ist. Sollte dem so sein, sieht dieser feine Herr nicht nur 15 bis 20 Jahren Knast entgegen, er könnte mit seiner Tat auch den Weg zur Präsidentschaft für die Rechtsextreme Marine Le Pen bereitet haben.

Viele Leserkommentare in den Zeitungen stellen jetzt die Frage, wie ein Mensch so blöd sein könne. Nun, mit Blödheit hat das nichts zu tun. Sexualverbrecher können durchaus sehr intelligente Menschen sein, aber bei Triebtätern setzt, wie die Bezeichnung ja sagt, der Verstand aus und die Geilheit übernimmt das Kommando. Im Falle von DSK kommt noch dazu, dass der Mann in einem Paralleluniversum lebte, in dem sich auch Kreaturen wie Berlusconi und Peter Hartz tummeln, ein Universum, wo er von Luxushotel zu Luxushotel jettete (natürlich immer in der Ersten Klasse), von unterwürfigen Gehilfen stets als Alphatier behandelt wurde, immer und überall auf eine Sonderbehandlung hoffen durfte und wo allen seinen Anordnungen Folge geleistet wurde. So einer kann dann schon mal den Kontakt zur Realität verlieren und glauben, er komme mit jeder Sauerei davon, da für ihn in seinem Paralleluniversum ja auch andere Gesetze als für Normalsterbliche gelten würden. Vielleicht saß er da in seiner Hotelsuite, zugekokst und besoffen von seiner gefühlten Großartigkeit, und ging davon aus, dass es wohl eine große Ehre für das Zimmermädchen sein müsse, IHM, dem Zuchtmeister über die Weltfinanzen und zukünftigen Präsidenten Frankreichs, einen zu blasen? Es gilt die Unschuldsvermutung, aber zutrauen würde ich das einem DSK, der ganz und gar diesem völlig moralbefreiten Typus der kapitalistischen Führungskraft entspricht, durchaus.