Die vergessene Judenvertreibung

Die jüdische Bevölkerungsentwicklung in arabischen Ländern von 1948 bis 2008:

Algerien: 140.000 (1948), 0 (2008)

Ägypten:  75.000 (1948), 100 (2008)

Bahrain: 600 (1948), 30 (2008)

Irak: 135.000 (1948), 100 (2008)

Libanon: 5.000 (1948), 40 (2008)

Libyen: 38.000 (1948), 0 (2008)

Marokko: 265.000 (1948), 5.700 (2008)

Syrien: 30.000 (1948), 100 (2008)

Tunesien: 105.000 (1948), 1.500 (2008)

Yemen : 55.000 (1948), 200 (2008)

In nicht-arabischen islamischen Staaten:

Afghanistan: 5.000 (1948), 1 (2008)

Iran: 150.000 (1948), 25.000 (2008)

Pakistan: 2.500 (1948), 200 (2008)

Türkei: 80.000 (1948), 20.000 (2008)

Von diesen Massenvertreibungen hören wir in den Medien so gut wie nie, was den einfachen Grund hat, dass Israel und andere Zufluchtsstaaten die Opfer integriert haben statt sie für Jahrzehnte in Flüchtlingslager zu stecken und als Manövriermasse im Propagandakrieg zu missbrauchen – und weil die Weltöffentlichkeit schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoa nichts mehr von jüdischen Opfern hören wollte. Der Konsens lässt sich wohl so beschreiben: „Ja, der Holocaust war eine schlimme Sache, aber jetzt habt ihr euren eigenen Staat, was kümmern uns hunderttausende aus arabischen Ländern vertriebene Juden, die allein deswegen verfolgt, enteignet und verjagt wurden, weil sie Juden waren? Wir betrachten lieber die nach einem verlorenen Angriffskrieg geflüchteten und vertrieben palästinensischen Araber als die wahren Opfer„.

In diesem Zusammenhang muss auch mit dem sich hartnäckig haltenden Mythos aufgeräumt werden, wonach die Jüdinnen und Juden sozusagen als „gerechtfertigte“ Reaktion auf die Staatsgründung Israels und die Flucht vieler Araber aus dem Gebiet nach dem missglückten Versuch, den neuen Staat militärisch zu vernichten, vertrieben worden seien. Einmal ganz abgesehen davon, dass es ein wahnhafter Akt rassistischer Sippenhaftung war, den jüdischen Bäcker aus Bagdhad und die jüdische Lehrerin aus Tripolis für die Vorgänge im ehemaligen Palästina verantwortlich zu machen: In vielen arabischen Staaten verschlechterte sich die Lage der jüdischen Bevölkerung bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts, Pogrome und juristische Diskriminierungen nahmen mehr und mehr zu, und die Idee von „judenreinen“ Staaten setzte sich, inspiriert und gefördert durch Nazideutschland, in den Köpfen arabischer Ideologen und Herrscher fest. In den von den faschistischen Achsenmächten dominierten Gebieten Nordafrikas erlitten tausende Juden während der Kriegsjahre rassistische Verfolgung, Raubmord und systematische Vernichtung. Auch nach dem Weltkrieg hörte dies nicht auf. So kam es etwa in Libyen Mitte der 40er Jahre, also noch vor der Staatsgründung Israels, zu Pogromen mit hunderten Opfern. Nach 1948 wurde die Judenverfolgung in den arabischen Staaten freilich erheblich intensiviert, und jedem Krieg, den die Araber gegen Israel verloren, folgte eine Verfolgungs- und Vertreibungswelle. Es gab aber auch andere Gründe für Juden, ihre Heimat zu verlassen. In Algerien spielte etwa der Nahostkonflikt eher eine untergeordnete Rolle, dort ging es mehr darum, dass sich die jüdische Bevölkerung nach der Unabhängigkeitserklärung des Landes mit einem arabisch-nationalistischen Regime konfrontiert sah, das die politischen und wirtschaftlichen Rechte der Juden sofort stark einschränkte, was in Folge zu einer Massenauswanderung von Juden nach Frankreich und Israel führte – gut für Frankreich, schlecht für Algerien.

Soviel zum Historischen. Wer heute das Leid der hunderttausenden aus arabischen Staaten vertriebenen Juden totschweigt und nur von vertriebenen Arabern sprechen mag, der muss sich die Frage nach seinen Motiven gefallen lassen. Wobei sich die Frage in den meisten Fällen wohl erübrigt, da diese Motive dieselben sein werden, die pro-palästinensische Aktivisten dazu bewegen, jeden anderen Konflikt auf dieser Erde, und sei er tausend Mal schlimmer, auszublenden und wie hypnotisiert auf den Nahen Osten zu starren.