Als der WDR die Hosen runterließ und darunter ein kleiner Antisemit zum Vorschein kam

Als der WDR den Film „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schroeder und Sophie Hafner nach Wochen der Weigerung doch noch zeigte, tat er das auf eine beispiellose Weise. Auf seiner Website veröffentlichte der Sender eine Art Beipackzettel, den man frech „Faktencheck“ nannte, dessen Fakten aber großteils keine waren, sondern nur Statements, ganz so, als wäre die Doku ein gefährliches Medikament, ein Fläschchen Gift, und im Anschluss an den Film ließ man notorische „Israelkritiker“ wie Norbert Blüm über den Film zu Tribunal sitzen. Die ganze Vorgehensweise, die ganze Attitüde des WDR war von ungeheurer und durch nichts gerechtfertigter Überheblichkeit, der Überheblichkeit deutscher Besserwisser, die nichts besser wissen und die ihr Unwissen mit Zähnen und Klauen vor der Aufklärung zu verteidigen suchen. Die Botschaft war: „Okay, wir senden das, denn sonst steigt uns die allmächtige Juden-Lobby aufs Dach, aber wir machen deutlich, dass wir die Doku für Mist halten“. Was der WDR da veranstaltete, war zutiefst paranoid und von genau dem Antisemitismus geprägt, die Schroeders Film aufzeigt.

Was ist Antisemitismus?

Um die Ungeheuerlichkeit dieser Vorgänge zu verstehen muss man zuerst begreifen, was Antisemitismus ist. Antisemitismus ist unter anderem das Beharren des Dummen nicht nur auf seinem vermeintlichen Recht, unhinterfragt dummes Zeug denken und sagen zu dürfen, sondern auch sein Begehren, die Dummheit der Intelligenz als gleichwertige Geistesleistung beigestellt zu sehen. Antisemitismus ist Projektion und Fantasie und demnach, wie Adorno es ausdrückte, das Gerücht über die Juden. Antisemitismus kann Symptom eines Wahns sein, einer pathologischen Fehlinterpretation der Realität, aber es wäre falsch und psychisch Kranken gegenüber unfair, ihn als krankhaft im psychiatrischen Sinne abzutun. Der Wahn des Antisemiten ist ein gesellschaftlicher Wahn, dessen pathischer Charakter nur während jener Phasen erforschbar und somit bewusst wird, in denen Gesellschaften es ihren Intellektuellen erlauben, sich mit eben diesen Gesellschaften tiefgreifend kritisch zu befassen und an die Wurzeln ihrer Destruktivität zu gehen. Üblicherweise korreliert das mit dem Ausmaß an Offenheit einer Gesellschaft oder ihrer historischen Entwicklungsstufe. Je enger, autoritärer und letztendlich totalitärer die Gesellschaft, desto beschränkter die Hervorbringungen ihrer Denkerinnen und Denker, umso unhinterfragter und unbehandelter die Eiterungen von Wahn und Fantastik. Der Hass auf Juden, primärer und sekundärer Antisemitismus – das wuchert dort, wo nur ein Gott der Größte sein soll und/oder wo nur eine Ideologie unhinterfragt herrscht am mächtigsten. Wenig überraschend fanden und finden Antijudaismus und Antisemitismus fruchtbarsten Boden stets, wo Totalität und Absolutheit die Räume für das Denken schließen. Ein womöglich unterschätzter Grund für das neuerliche Erstarken des im kulturellen Hintergrundrauschen stets mitsummenden Antisemitismus ist die Transformation des gesamten Planeten in eine Kultur des totalen Marktes. Der Glaube an die Alternativlosigkeit des kapitalistischen Absolutismus führt zu einer Verengung und Verarmung des Denkens und wo eng und ärmlich gedacht wird, ist auch Antisemitismus, der sich dann bei Apologeten wie vermeintlichen Kritikern der Zustände gleichermaßen in die Argumentation einschleicht, also aus dem Hintergrundrauschen hervortritt und mit zunehmender Verblödung der Gesellschaft immer unverschämter formuliert wird.

Der Neid auf Israel

Der Hass auf Juden und, seit über 70 Jahren, auf ihren Staat Israel hat viel mit dem Zurückdrängen visionären und utopischen Denkens zugunsten einer pseudorationalen ideologischen Behübschung trostloser Zustände zu tun. Zionismus ist Utopie als Realität, der Beweis für die Machbarkeit des angeblich Unmachbaren. Die schiere Existenz der Juden nach Jahrtausenden der Verfolgung und mehreren, in der Shoah gipfelnden Versuchen der Ausrottung ist auf mehrere Arten eine Kränkung des falschen Bewusstseins. Die Juden überstanden nicht nur tatsächlich tausendjährige Reiche wie das römische, sie überlebten als Gemeinschaft auch das zwölfjährige der Nazis. Und nach dem größten Verbrechen, der größten von Verbrechern verursachten Katastrophe des jüdischen Volkes, dem gut die Hälfte des europäischen Judentums zum Opfer fiel, gründeten die Juden einen Staat und kehrten dorthin zurück, physisch wie emotional, von wo man sie einst vertrieben hatte. Das Judentum hat den Holocaust nicht nur überlebt, es war danach stärker als je zuvor, denn man hatte sich an Theodor Herzls Motto gehalten: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen“. Es ist kein Zufall, dass die ersten Sympathien für Israel und die erste konkret lebenswichtige Unterstützung mit Waffen aus dem realsozialistischen Block kamen. Ende der 1940er Jahre lebten dort trotz Stalin noch Kommunisten, die das Bestreben, eine Utopie zur Realität zu machen, nachvollziehen konnten und die die nahe Verwandtschaft der sozialistischen und zionistischen Träume noch verstanden. Es ist kein Zufall, dass Israel jahrzehntelang sozialistisch geprägt war und dass linke Projekte wie der Kibbuz das Land durchzogen und geistig mitbestimmten. Noch heute, nach der kapitalistischen Wende im Land und dem politischen Rechtsrutsch, ist Israel ein Staat, in dem scheinbar Unmögliches möglich wird und Märchen in die Realität übertreten. Sicher, die Märchen der heutigen Zeit drehen sich um Geschäftsideen, Geldverdienen und teilweise um religiös unterfütterte Siedlungsvorhaben, aber sie sind immer noch beseelt von der Möglichkeit der Realisierung, vom unglaublichen Optimismus im Angesicht schwerster Hindernisse. Das beunruhigt und kränkt die angeblich Vernünftigen, deren Vernünftigkeit keine Vernunft ist, sondern die Kapitulation vor den herrschenden Verhältnissen. Das befeuert den Antisemitismus unter vermeintlich Linken, die den Juden nie verziehen haben, nicht auf die Weltrevolution gewartet zu haben, die den Israelis ihre Tatkraft immer neideten und die ihre eigenen Träume dadurch enttäuscht sehen, dass der jüdische Staat sich ständig verändert und anpasst, um zu überleben. Dass dies und nichts anderes der Sinn und die Daseinsberechtigung Israels ist, nämlich durch eine jüdische Staatlichkeit zu garantieren, dass Juden nie wieder abgeschlachtet werden, weil angeblich zivilisierte Staaten im Ernstfall dem Morden einfach zusehen, ist großen Teilen der aktuellen Linken nicht vermittelbar, nicht intellektuell und nicht emotional.

Schroeders Film zeigt nur auf, was jeder wissen kann, der sich mit der Materie ein bisschen eingehender befasst, dass nämlich Antisemitismus nicht nur bei Neonazis zu finden ist, sondern den gesellschaftlichen Mainstream und seine Ränder durchfließt wie eine Sepsis die Blutgefäße. Antisemiten, die sich selbst für keine halten, reagieren auf solcherlei Aufklärung gereizt, mit aggressiver Abwehr und mit Angriffen auf die Aufklärer. Genau das ist rund um „Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ geschehen. WDR, Arte und viele Politiker verhielten sich exakt so, wie es leider zu erwarten war. Sie alle haben bewiesen, dass eine Haltung, die Antisemitismus wirklich durchwegs kritisiert und ihn auch dort aufspürt und bloßstellt, wo er nach Eigen(fehl)einschätzung der Kritisierten nicht sein könne, die Aggression der Ertappten auslöst, und diese Aggression resultiert aus der traurigen Tatsache, dass der Antisemitismus viel stärker und tiefer im Unbewussten vergraben weiterwirkt, als es gerade die deutschen vorgeblichen Weltmeister in Sachen Geschichtsaufarbeitung wissen oder wahr haben wollen.

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Schönenborn erklärt uns die Welt

Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR, versteht die Welt nicht mehr, genauer: Er versteht die Freude vieler US-Amerikaner über den Tod Osama bin Ladens nicht. Mit tiefen Bedenkenträgerfalten auf der Stirn kommentiert dieser Nichtversteher, dass „Amerika heute ein ziemlich fremdes Land“ für ihn sei, denn: „Was ist das für ein Land, dass eine Hinrichtung derart bejubelt?“. Und dann wird es so richtig öffentlich-rechtlich bizarr: „Klar, Osama bin Laden war verantwortlich für tausende Tote, aber reicht das als Erklärung?“ Als Erklärung für die Freude der Amerikaner, meint Schönenborn, dem es, deutscher Überkorrektmensch, der er ist, natürlich „fremd“ sein muss, dass die Nachricht vom Tod eines Mannes, der tausende Amerikaner ermorden hat lassen und der die Lunte angezündet hat, die die Pulverfässer Afghanistan und Irak explodieren ließ, in Amerika nicht zu kollektiver Trauer und zu grüblerischen Fragen über das Völkerrecht und die Menschenrechte bin Ladens führt. Aber Schönenborn ist noch nicht fertig mit seiner Zurechtweisung der pösen Amis: „Die USA sind heute ein Land, das sich nicht mehr aus eigener Stärke definiert, sondern aus Tod und Niederlage anderer“. Ja, da ist was dran, wie könnte ein Land, das sich in mehreren Kriegen befindet, sich auch ausgerechnet den Tod und die Niederlage seiner Feinde wünschen? Das geht doch nicht, denn nach Schönenborn´scher Irrsinnslogik hätten die USA wohl nur dann „Stärke“ bewiesen, wenn sie bin Laden zum Dank für den schwersten Angriff auf US-Territorium seit Pearl Harbour, für die zerbomten Botschaften in Afrika, für die fast versenkte USS Cole und für die zigtausenden Toten in Afghanistan ein Schokoladeneis spendiert hätten. Überhaupt, „Tod und Niederlage anderer“, das ist doch wirklich pfui, vor allem in einem Krieg. Krieg, das weiß Schönenborn ganz genau, ist etwas, wo man dagegen ist und sich so als besserer Mensch fühlen kann. Sich in einem Krieg, noch dazu in einem Krieg gegen die steinzeitislamistischen Bestien von Al Kaida und den Taliban oder jenem gegen den Giftgasmassenmörder Saddam Hussein, den „Tod und die Niederlage“ der Feinde zu wünschen, das geht über Schönenborns Verständnishorizont. Wäre Schönenborn US-Präsident, dann hätten die USA bei bin Laden höflich nachgefragt, was ihn denn so verärgert habe, dass er tausende Amerikaner umbringen musste, mit den Taliban hätte er eine Verhandlungslösung über herabgesetzte Quoten zur Terroristenausbildung- und beherbergung sowie zur Frauensteinigung ausgehandelt und Saddam hätte er für das Abschlachten ganzer Volksgruppen, für den Überfall auf ein Nachbarland, für die Finanzierung des Terrorismus gegen Israel und für die ständigen Verletzungen der Flugverbotszonen mit besorgter Miene in TV-Kommentaren so oft getadelt, bis sich dieser gedacht hätte: „Lieber gebe ich mir die Kugel als noch ein einziges Mal dieses hirnweiche Geschwätz ertragen zu müssen“.  Aber der schlimmste aller möglichen Vorwürfe, den sich ein Schönenborn ausdenken kann, kommt noch: „Und so steht Obama heute da als jemand, der in die Fußstapfen von George W. Bush tritt, der dessen Krieg gegen den Terror weiterführt“. Der WDR-Chefredakteur weiß halt, dass seine Kundschaft in Bush immer noch den Satan auf Erden sieht und dass es eben dieser Kundschaft gefiele, würden die USA die Waffen strecken und die Terroristen dieser Welt einfach machen lassen. Das ist ja auch das, was Figuren vom Schlage Schönenborn immer wieder von den Israelis einfordern, dass diese sich nämlich, im Namen des lieben Friedens natürlich, ohne Gegenwehr totschießen und totbomben lassen. Aber wenn man massenmordende Terroristen und Feinde im Krieg schon nicht töten darf, was soll man dann mit denen machen? Schönenborn: „Heißt das, man hätte Osama bin Laden einfach laufen lassen sollen? Keine leichte Frage“. Eh nicht, denn, wie schon erwähnt, müsste ein Schönenborn schon lange abwägen, ob es nun das Schokoeis oder doch eine Schachtel Pralinen sein soll. Das umwerfende Fazit dieses Paradebeispiels deutschen Billigmoralaposteltums: „Ist die Welt heute sicherer geworden? Nein. Aber Obama steht im Wahlkampf, er hat sich als law and order-Politiker profiliert. Und ist er seiner Wiederwahl heute nähergekommen? Ja. Ich fürchte, so einfach ist die Rechnung“. Und ich fürchte, so schlicht ist das Gemüt eines Chefredakteurs einer großen öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalt.