Zur Verurteilung von Heinrich Boere

Die – noch nicht rechtskräftige – Verurteilung des ehemaligen SS-Mitglieds Heinrich Boere zu lebenslanger Haft wegen dreifachen Mordes ist ein wichtiges Signal und eine Warnung an die Nazis von heute: Kein Naziverbrecher kann wirklich sicher sein, nicht doch noch den meist kurzen Rest seines Lebens im Knast verbringen zu müssen. Allzu viele dieser Unmenschen sind straffrei ausgegangen und führten ein langes Leben in Freiheit, doch zumindest eines wurde vor allem dank der Arbeit von Privatinitiativen erreicht: Keiner dieser Herrschaften fühlte sich so richtig sicher, alle hatten sie Angst, doch noch einmal zur Rechenschaft gezogen zu werden, und die schlimmsten Subjekte aus der NS-Verbrechergarde trauten sich oft nicht, länger als ein paar Wochen im selben Bett zu schlafen. Das macht keines der Opfer wieder lebendig, aber es bringt vielleicht den einen oder anderen möglichen Täter von morgen rechtzeitig zur Besinnung.

Boere war einer der besonders miesen Typen, einer, der den holländischen Widerstand unterwanderte und Freiheitskämpfer an die Nazis verriet. Er ist somit für viel mehr Todesopfer verantwortlich als für jene drei, die er mit eigener Hand ermordet hat. Er hat sein Land verraten und er war aus Überzeugung bei der SS. Der Mann steht stellvertretend für die Schande vieler europäischer Staaten, die während der Besetzung durch die Nazis zahlreiche begeisterte Mittäter hervorgebracht hatten, welche beim Judenmord und bei der beseitigung politischer Gegner der Nazis fleißig mitarbeiteten. Diese Wunden reißen zur Zeit vor allem in Osteuropa wieder auf, wo seit dem Ende des Kommunismus die ehemaligen Nazi-Kollaborateure sich wieder zu „Kameradschaften“ zusammenfinden und gemeinsam mit jungen Rechtsextremisten die Geschichte umzuschreiben versuchen.

Doch wozu in die Ferne schweifen? In Kärnten gab es die einzigen ernsthaft bewaffnet kämpfenden Widerstandsgruppen im Kerngebiet Nazideutschlands, doch statt stolz darauf zu sein, dämonisiert man die kärntner Partisanen seit dem Ende des zwölfjährigen Reiches und versucht, sie ins Kriminal zu rücken, ja man stellte auf einem zentralen Platz in Klagenfurt im jahr 1992 (!) eine Gedanktafel für die „von den Partisanen verschleppten und ermordeten Frauen, Männer und Kinder“ auf. Wie konnte es dazu kommen? Ganz einfach: Die nach Kriegsende in Kärnten intakt geblieben Nazisseilschaften sahen in den Widerstandskämpfern tatsächlich Verbrecher, da sie denselben Blick auf die Dinge hatten wie während des Krieges, und sie hatten Angst. Angst davor, dass vielleicht doch noch mal jemand kommen könnte, um die Rechnung zu präsentieren. Es ist ein schwacher Trost, aber immerhin hatten sie Angst…

Abschied von den letzten Zeugen

Mit Erna Musik ist nun wieder eine österreichische Widerstandskämpferin und Zeitzeugin verstorben. Die Generation, die die Untaten des Nationalsozialismus mit eigenen Augen gesehen hat, stirbt weg, und sie wird uns fehlen, denn es macht einen Unterschied, ob Zahlen und Fakten sprechen oder Menschen, die mit eigenen Worten und eigenen Emotionen dagegenhalten können, wenn die widerlichen Nachgeburten der Nazis die Verbrechen ihrer Vorbilder leugnen oder gar bejubeln. Es wäre schön, könnten die tapferen Männer und Frauen, die gegen die Nazis aufgestanden sind, diese Welt mit der Gewissheit verlassen, dass ihre Leiden und ihre Kämpfe und ihre Berichte von den Leiden und Kämpfen nicht umsonst gewesen wären, doch die Realität sieht  anders aus. Wieder werden „Sonderanstalten“ für Unerwünschte eingerichtet, wieder mit dem Vorwand, die „Ordentlichen und Fleißigen“, also den „gesunden Volkskörper“, vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Wieder regt sich dagegen kaum Widerstand, denn die Lektionen wurden nicht gelernt, vor allem nicht die wichtigste, dass die Faschisten sich nämlich nur nach und nach aus der Deckung wagen, immer wieder ausloten, wie weit sie gehen können, und dann, wenn sie keinen Widerstand spüren, wenn sie merken, dass ihre immer rabiater werdenden Vorstöße als Normalität akzeptiert werden, die Schrauben immer fester andrehen und den Sack zumachen. Werden wir zu jenen gehören, die den Überlebenden von damals zugehört und die die Warnungen verstanden haben? Oder werden wir diejenigen sein, die noch verachtenswerter als die Mitläufer der Nazis sein werden, weil wir es immerhin besser wissen hätten könnten als die Menschen der 30er Jahre? Gut sieht es für meine Generation – und unter der verstehe ich die heute 25- bis 55-Jährigen – nicht aus, denn wir sitzen wortreich, aber tatenarm herum, während die Nachfolgeparteien der NSDAP in Österreich einen Wahlerfolg nach dem anderen einfahren, während in Italien zur Zigeunerjagd geblasen wird, während Jahr für Jahr hunderte Menschen beim Versuch, das rettende Europa zu erreichen, verrecken, während der Judenhass wieder mehrheitsfähig wird und sich offen zeigen darf, während sich ein neuer religiöser Totalitarismus ausbreitet und die Freiheit vernichtet, während wegen der Feigheit und Geldgier unserer Regierungen dutzende Millionen Menschen in Unterdrückung leben, während jenes Land, das den Nachkommen der Opfer unserer Väter und Urgroßväter als Schutzmacht dient, mit der Vernichtung bedroht wird. Es gibt für uns keine Entschuldigung, denn die Lehre, die uns die Widerstandskämpfer gegen die Nazis mitgeben wollten, lautet nicht „ehrt die Helden von einst in hohlen Ritualen“, sondern „nehmt euch ein Beispiel und verteidigt die Zivilisation!