Mitleid mit den Marktradikalen

Der Advent ist da, die Zeit der Besinnung, des besinnungslosen Kaufrauschs sowie der vagen Erinnerung daran, dass man wenigstens einmal im Jahr ein bisschen Mitgefühl mit jenen haben sollte, die es nicht leicht haben in dieser harten Welt. Eine Gruppe von Menschen, die zur Zeit außergwöhnlich stark leidet, verdient unser Mitleid ganz besonders: Es sind die Wirtschaftsradikalen, die Prediger von der Reinheit des unregulierten Marktes, die Werbetrommelrüher der Steuersenkung für die Reichen und die Warner vor dem teuflischen Sozialstaat. Noch leiden sie wie waidwunde Rehlein darunter, dass immer mehr Menschen und Staaten gerade schmerzhaft die doch nicht ganz so tollen Auswirkungen eines von jeder Kontrollleine befreiten Finanzsektors realisieren und anfangen, die Schuldfrage zu stellen, da setzt die sozialistische Weltverschwörung auch schon zum nächsten Schlag an: 150 Wissenschaftler aus 14 Ländern haben in einer Langzeitstudie herausgefunden, dass der Sozialstaat europäischer Prägung gar nicht der Gottseibeiuns ist, als der er von den publizierenden Söldnern der Exportwirtschaft und der grantigen Proletarierhasser in den Chefetagen an die Wand gemalt wird. Nachlesen kann man das zB in der marxistischen Kampfpostille „Handelsblatt“.

Ein gut geknüpftes soziales Netz verleitet die Menschen keineswegs zur Faulheit, wie das viele Konservative, Rechte und Rechtsliberale gerne behaupten, sondern verbessert das (Aus)Bildungsniveau, entlastet das Gesundheitssystem und stärkt die Nachfrage, ist also schlicht und einfach gut für uns alle. Das konnte natürlich schon vor der aktuellen Studie jeder wissen, der sich frei von ideologischen Scheuklappen und Partikularinteressen ein paar Gedanken über größere ökonomische Zusammenhänge gemacht hatte, aber da die erwähnten Radikalen, Prediger und Werbetrommelrüher derzeit wieder gar so laut sind, kommen Gegenstimmen aus der Wissenschaft gerade recht. Wir alle kennen den Slogan der Lobbyisten des Kapitals: „Geht´s der Wirtschaft gut, geht´s uns allen gut“. Das ist nur leider keineswegs ein zwingender Schluss, wie ein Blick auf Länder zeigt, in denen die Eliten ungeduldig auf die Lieferung der neuesten Luxusautomobile warten, während ein großer Teil der Bevölkerung sich für Schandlöhne tot schuftet und sich im Falle von Arbeitslosigkeit oder Krankheit dazwischen entscheiden kann, sich entweder die Kugel zu geben, oder kriminell zu werden. Wenn man jedoch die Sache umdreht und also sagt: „Geht´s uns allen gut, geht´s auch der Wirtschaft gut“, dann ergibt das Sinn. Freilich könnte man auch, wie es so viele Maulhelden fordern, auf den Sozialfirlefanz verzichten und stattdessen immer mehr Gefängnisse und vielleicht auch Galgen bauen, aber wollen wir das? Ich will es nicht, und denen, die den ärmeren Schichten eine Mindestabsicherung vor Elend, Not und Krankheit nicht gönnen, rufe ich in der Tradition des Kalten Krieges herzhaft zu: „Na dann geht doch nach drüben“, also nach Amerika oder China oder sonstwo hin, wo man nach Bösmenschenlust und unter dem Schutz kostspieliger Leibwächter ein Menschenschinder im Stile des 19. Jahrhunderts sein kann.